mini|Caroline Herschel 1829, Ölgemälde von Melchior Gommar Tieleman

Caroline Lucretia Herschel oder Karoline Lucretia Herschel (* 16. März 1750 in Hannover; † 9. Januar 1848 ebenda) war eine deutsche Astronomin und Konzert-Sängerin,o. V.: Herschel, Caroline Lucretia in der Datenbank Niedersächsische Personen (Neueingabe erforderlich) der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek in der Version vom 21. September 2018, zuletzt abgerufen am 14. Mai 2025. die sich zudem als Violinistin hervortat.

Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere unterstützte sie ihren Bruder Wilhelm Herschel bei dessen Forschungen, zeichnete sich aber bald durch eigenständige Leistungen aus. Ihre wichtigsten Beiträge zur Astronomie waren die Entdeckung mehrerer Kometen, die Berechnung genauer astronomischer Reduktionen und der Zonenkatalog hunderter Sternhaufen und Nebel.

Leben

Hannover Caroline Herschel wuchs als jüngstes Mädchen der überlebenden sechs Kinder des Militärmusikers Isaak Herschel (1707–1767) und seiner Frau Anna Ilse Herschel (1710–1789) in Hannover auf. Zwei Brüder und zwei Schwestern der ursprünglich zehn Kinder starben als Kleinkinder. Der Vater war bestrebt, seinen Kindern eine musikalische Grundausbildung zu geben. So erhielt Caroline Herschel von ihrem Vater Violinunterricht. Aber im Hause Herschel wurde nicht nur viel musiziert, sondern auch philosophiert und Astronomie betrieben. Neben Wilhelm Herschel (1738–1822) war auch ihr Bruder Alexander Herschel (1745–1821) als Musiker und Astronom tätig. Ihre älteste Schwester Sophia Elisabeth Herschel (1733–1803) heiratete den Geiger Joachim Heinrich Griesbach (1730–1773), als Caroline 5 Jahre alt war.Charlotte Kerner: „Mit bewaffneten Augen“. Die Kometenjägerin Caroline Lucretia Herschel (1750–1848). In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Drei Astronominnen und ihre Lebensgeschichten: Beltz & Gelberg, Weinheim / Basel 2004, S. 63–135, hier S. 66. Caroline Herschel: Memoiren und Briefwechsel. Herausgegeben von Frau John Herschel. Berlin 1877, S. 367 (Reprint: Hildesheim 2013). Neben William und Johann Alexander Herschel hatte Caroline zwei weitere Brüder: Heinrich Anton Jacob Herschel (1734–1792) und Johann Dietrich (1755–1827), die auch Musiker waren.

Caroline schrieb in ihren Erinnerungen:

Täglich besuchte sie zusammen mit ihren Brüdern einige Stunden die Garnisonsschule, so dass sie das Lesen und Schreiben erlernen konnte, was damals für ein Mädchen aus dem Bürgertum keine Selbstverständlichkeit war. Viele Stunden des Tages verbrachte sie jedoch gegen ihren Willen mit Stricken, Sticken und allerlei Haushaltstätigkeiten. Die Mutter meinte, dass sie ein „roher Klotz sein und bleiben sollte, allerdings aber ein nützlicher“. Der Gedanke, dass sie – nach dem Willen ihrer Mutter – zur Weißnäherin ausgebildet werden sollte und ihr, wie ihrer großen Schwester Sophie, eine Zukunft als bloße Haushaltskraft bevorstünde, war ihr unerträglich. Sie wollte ein Leben führen, das auch geistige Anforderungen an sie stellte. Dieser Wunsch wurde von ihrem Vater unterstützt, der für sie wie für ihre vier Brüder eine musikalische Ausbildung vorsah, in ihrem Fall zur Konzertsängerin.

England

mini|hochkant=0.8|Wilhelm und Caroline Herschel beim Spiegelschleifen und Polieren eines Teleskopspiegels

1772 folgte sie als 22-Jährige ihrem zwölf Jahre älteren Bruder Friedrich Wilhelm Herschel nach England, der dort seit 1766 als Organist, Musiklehrer und Konzertleiter im vornehmen Badeort Bath tätig war. Caroline Herschel setzte die Ausbildung zur Sängerin bei ihrem Bruder fort und trat bei den von ihm aufgeführten Oratorien auf, erreichte dadurch einen gewissen Ruf und übernahm Leitungsfunktionen im Chor.Freia Hoffmann: Herschel, Caroline. In: Freia Hoffmann (Hrsg.): Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. 2006. Online-Lexikon des Sophie Drinker Instituts. Ein Engagement beim Birmingham Triennial Music Festival lehnte sie aber ab, da sie nur unter der Leitung ihres Bruders auftreten wollte.

Als Wilhelm Herschel sich dazu entschied, seine musikalische Laufbahn aufzugeben und sich seiner eigentlichen Berufung der Astronomie zu widmen, kam dies auch Caroline entgegen. Er lehrte sie Grundkenntnisse in der Arithmetik und Geometrie, wodurch sie sich naturwissenschaftlich fortbilden konnte. Das Geschwisterpaar, das mit dem Bruder Alexander zusammenlebte, entwickelte sich zu einem erfolgreichen Arbeitsteam. Wilhelm begann mit dem Bau von Spiegelteleskopen, die er stetig verbesserte. Hierbei half ihm Caroline, ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Spiegel zu polieren und zu schleifen – bei dieser Tätigkeit kam es auf absolute Genauigkeit an. Neben den praktischen Tätigkeiten befasste sie sich mit astronomischer Theorie. Sie erlernte die algebraischen Formeln für Berechnungen und Reduktionen als Grundlage für das Beobachten und Durchmustern des Himmels.Charlotte Kerner: „Mit bewaffneten Augen“. Die Kometenjägerin Caroline Lucretia Herschel (1750–1848). In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Drei Astronominnen und ihre Lebensgeschichten: Beltz & Gelberg, Weinheim / Basel 2004, S. 80–91.

Wende durch Uranus-Entdeckung

mini|hochkant=0.8|Caroline und Wilhelm Herschel am Tag der Entdeckung des Planeten Uranus

mini|hochkant=0.8|Herschel Museum of Astronomy, Bath: Replik des Teleskops, mit dem Wilhelm Herschel den Planeten Uranus entdeckte

Im Jahr 1781 entdeckte ihr Bruder Wilhelm bei einer Himmelsdurchmusterung eher zufällig den Planeten Uranus, was ihn über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte. Zu Ehren des englischen Königs Georg III. benannte er den Planeten „Georgsgestirn“, erst 1850 wurde er, nach der Entdeckung des Neptuns, in Uranus umbenannt.Charlotte Kerner: „Mit bewaffneten Augen“. Die Kometenjägerin Caroline Lucretia Herschel (1750–1848). In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Drei Astronominnen und ihre Lebensgeschichten: Beltz & Gelberg, Weinheim / Basel 2004, S. 90. Seine Entdeckung war aus zwei Gründen sensationell: Zum einen war mit diesem achten beweglichen Himmelskörper (neben Sonne, Mond und den fünf von der Erde aus mit freiem Auge sichtbaren Planeten) die heilige Zahl Sieben obsolet, sie galt seit der Antike als ein Beleg für die göttliche Ordnung des Universums. Zum anderen bewies Wilhelm Herschel mit seiner Berechnung, dass die Entfernung seines neu entdeckten Planeten zur Sonne um ein Vielfaches größer war als die Entfernung des Saturns zur Sonne, womit die Ausmaße des Himmelssystems als noch größer angenommen werden mussten, als bislang bekannt.Charlotte Kerner: „Mit bewaffneten Augen“. Die Kometenjägerin Caroline Lucretia Herschel (1750–1848). In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Drei Astronominnen und ihre Lebensgeschichten: Beltz & Gelberg, Weinheim / Basel 2004, S. 90 f. Wilhelm Herschel wurde eine große Anerkennung zuteil, neben zahlreichen Ehrungen erhielt er das Angebot, das er auch annahm, Hofastronom von König Georg III. zu werden, für ein jährliches Gehalt von 200 Pfund. Mit dieser finanziellen Absicherung konnte er sich ausschließlich der Astronomie widmen.Charlotte Kerner: „Mit bewaffneten Augen“. Die Kometenjägerin Caroline Lucretia Herschel (1750–1848). In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Drei Astronominnen und ihre Lebensgeschichten: Beltz & Gelberg, Weinheim / Basel 2004, S. 92.

Für Caroline bedeutete die Entdeckung des Uranus eine erneute Wende in ihrem Leben. Sie stand vor der Wahl, als Sängerin in Bath ihre erfolgreiche Karriere fortzusetzen oder ihrem Bruder als wissenschaftliche Assistentin zu folgen. Sie entschied sich für Letzteres und bekam ab 1787 vom Hof eine Anstellung auf Lebenszeit als Gehilfin ihres Bruders mit einem Gehalt von 50 Pfund im Jahr. Somit war sie in England die erste Frau, die für ihre astronomischen Arbeiten ein Gehalt bezog.Charlotte Kerner: „Mit bewaffneten Augen“. Die Kometenjägerin Caroline Lucretia Herschel (1750–1848). In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Sternenflug und Sonnenfeuer. Drei Astronominnen und ihre Lebensgeschichten: Beltz & Gelberg, Weinheim / Basel 2004, 2004, S. 104. Nun begann Caroline mit der eigenen Erforschung des Sternenhimmels. Sie widmete sich mit einem kleinen Newton-Teleskop der Kometensuche. Dabei entdeckte sie 1783 drei bemerkenswerte Nebel und zwischen 1786 und 1797 acht Kometen, fünf davon mit unzweifelhafter Priorität, darunter den Enckeschen Kometen. 1797 legte sie der Royal Society einen Index zu John Flamsteeds Beobachtungen vor, zusammen mit einem Katalog von 561 Sternen, welche in dessen British Catalogue fehlen, sowie zusätzlich eine Liste von Fehlern in dieser Publikation.

Ihre Biografin Julie Schröder erzählt weiterJulie Schröder: Caroline Lucrezia Herschel. In: FemBio. Frauen.Biographieforschung, 1997 (aktualisiert von Luise F. Pusch); abgerufen am 6. November 2024.:

Für diese Arbeit wurde Caroline allerhöchste Anerkennung zuteil, unter anderem von Carl Friedrich Gauß und Johann Franz Encke. Trotzdem blieb sie bescheiden, ihre Biographin Renate Feyl bemerkt dazu:

1822 starb ihr Bruder Wilhelm. Wenige Wochen nach seinem Tod zog Caroline Herschel 72-jährig wieder in ihre Heimatstadt Hannover, die sie fast fünfzig Jahre zuvor als junge Frau verlassen hatte.

Zurück in Hannover

mini|Herschel im Alter von 92 Jahren; Kupferstich von Joseph Brown, um 1843

Nach ihrer Rückkehr nach Hannover wohnte sie zeitweilig bei dem Prediger David Johann Jakob Luthmer.Pierer’s Universal-Lexikon, Band 8. Altenburg 1859, S. 291; Digitalisat über zeno.org In ihrer Heimatstadt setzte sie ihre astronomischen Studien fort. Sie ordnete das umfangreiche Material, das ihr Bruder hinterlassen hatte, indem sie die Aufzeichnungen der gemeinsam gemachten Beobachtungen nach Zenitdistanz und Rektaszension sortierte. Auf diese Weise ermöglichte sie auch ihrem Neffen John Herschel, die Arbeit seines Vaters systematisch fortzusetzen und auf den südlichen Sternhimmel auszudehnen. Außerdem arbeitete sie in ihren späten Jahren an ihren Memoiren.

Späte Jahre und Auszeichnungen

mini|links|Herschel 1847 über eine Karte des Sonnensystems gebeugt „nach dem Leben“ gezeichnet und gestochen von G. Busse in Hannover;Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich

mini|Grabplatte auf dem Gartenfriedhof in Hannover

Bedeutende Gelehrte suchten sie in ihrem einfachen Haus in der Marktstraße in Hannover auf, um sie ihrer Gunst und Wertschätzung zu versichern. Sie hatte auch Kontakt zum königlichen Hof. Ihr wurden zahlreiche Auszeichnungen verliehen, darunter 1828 die Goldmedaille der Royal Astronomical Society, zu deren Ehrenmitglied sie 1835 ernannt wurde. Sie war die erste Frau, der Anerkennungen dieser Art zuteilwurden. Anlass dazu war ihr sogenannter Zonenkatalog, den sie zum Andenken an ihren Bruder erstellt hatte. Er enthielt die reduzierten Beobachtungen sämtlicher von Wilhelm Herschel entdeckten Nebel und Sternhaufen. 1838 ernannte die Königliche Irische Akademie der Wissenschaften in Dublin die 88-jährige Caroline Herschel zu ihrem Mitglied. 1846 erhielt sie im Alter von 96 Jahren im Auftrag des Königs von Preußen die goldene Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften.

An ihrem 97. Geburtstag wurde sie vom Kronprinzenpaar empfangen, unterhielt sich einige Stunden lebhaft mit ihnen und sang ihnen abschließend ein Lied vor, das ihr Bruder siebzig Jahre zuvor komponiert hatte.