Die Tuberkulose (kurz Tb oder Tbc; so benannt wegen des charakteristischen histopathologischen Bildes, von , von ‚ kleine Geschwulst) ist eine weltweit durch Bakterien verbreitete Infektionskrankheit. Die früher auch als Schwindsucht oder in Österreich als Lunglbrand bezeichnete Erkrankung wird durch verschiedene Mykobakterien verursacht. Mit über einer Million Toten jährlich ist sie die tödlichste Infektionskrankheit weltweit. Beim Menschen ist die Lungentuberkulose die häufigste Form. Bei Immundefekten zeigt sich vermehrt auch ein Befall außerhalb der Lunge.
Bedeutung mini|Knochentuberkulose (1889) Mit jährlich über einer Million Toten bei einer Inzidenz von rund 10 Millionen Fällen steht diese Krankheit an der Spitze der globalen Sterblichkeitsstatistik für Infektionskrankheiten. Nach dem Global tuberculosis report der Weltgesundheitsorganisation (WHO) starben 2015 etwa 1,4 Millionen und 2023 1,1 Millionen Menschen an Tuberkulose. Dazu kamen jeweils noch 400.000 bzw. 161.000 Todesfälle von zusätzlichDie Tuberkulose gilt als AIDS-definierende Erkrankung. Jörg Braun (2016), S. 462. HIV-Infizierten. Die rückläufige Tendenz wurde durch die COVID-19-Pandemie unterbrochen. Tuberkulose wird (zumindest heutzutage in Deutschland) am häufigsten durch Mycobacterium tuberculosis verursacht, seltener – in absteigender Folge – durch Mycobacterium bovis, Mycobacterium africanum oder Mycobacterium microti.
Die Beschreibung des Erregers Mycobacterium tuberculosis durch Robert Koch war 1882 ein Meilenstein der Medizingeschichte.Vgl. etwa Thomas Schlich: Ein Symbol medizinischer Fortschrittshoffnung: Robert Koch entdeckt den Erreger der Tuberkulose. In: Heinz Schott (Hrsg.): Meilensteine der Medizin. Harenberg, Dortmund 1996, ISBN 3-611-00536-3, S. 368–374, 620 f. und 660. Die Tuberkulose wird deshalb auch Morbus Koch genannt. Die Bezeichnungen Schwindsucht (auch Phthisis oder Phthise, im MittellateinischenBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 395: ptisis: Schwindsucht (Tuberkulose). auch ptisis) oder umgangssprachlich „die Motten“, Weiße Pest und Weißer Tod News.de vom 10. November 2015. sind veraltet, ebenso wie die Termini Lungendärre, Darre und Dörre.Max Höfler: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. München 1899, S. 93 und 99.Matthias Kreienkamp: Das St. Georgener Rezeptar. Ein alemannisches Arzneibuch des 14. Jahrhunderts aus dem Karlsruher Kodex St. Georgen 73. Teil II: Kommentar (A) und textkritischer Vergleich. Medizinische Dissertation Würzburg 1992, S. 68 f.
Nur etwa 5 bis 10 Prozent der mit Mycobacterium tuberculosis Infizierten erkranken tatsächlich im Laufe ihres Lebens. Betroffen sind besonders Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder genetisch bedingter Anfälligkeit bei Mendelscher Anfälligkeit für Erkrankungen durch Mykobakterien (MSMD).Pschyrembel online Die Übertragung erfolgt in der Regel durch Tröpfcheninfektion von erkrankten Menschen in der Umgebung. Sind Keime im Auswurf (Sputum) nachweisbar, spricht man von offener Tuberkulose, bei Keimnachweis in anderen äußeren Körpersekreten von potentiell offener Tuberkulose. Durch tiefes Ausatmen oder Husten entsteht ein infektiöses Aerosol, das seine Ansteckungsfähigkeit durch Sedimentation, Durchlüftung und natürliche UV-Lichtquellen verliert. Da Rinder ebenfalls an der Tuberkulose erkranken können, war in Westeuropa früher (nicht-pasteurisierte) Rohmilch eine verbreitete Infektionsquelle und ist es in Teilen der Welt bis heute.J. T. Lejeune, P. J. Rajala-Schultz: Food safety: unpasteurized milk: a continued public health threat. In: Clinical Infectious Diseases. Band 48, Nummer 1, Januar 2009, S. 93–100. doi:10.1086/595007. PMID 19053805. (Review). Aufgrund der Übertragbarkeit von Tieren auf Menschen zählt die Tuberkulose zu den Zoonosen. Umgekehrt ist die Übertragung von Menschen auf Tiere ein wichtiger Aspekt beim Artenschutz von Primaten.
Erst mit dem direkten Nachweis der Erreger oder deren Erbgut ist die Erkrankung labordiagnostisch bestätigt. Indirekte, d. h. immunologische, Befunde oder Hauttests tragen nur zur Diagnose bei, da man durch sie nicht zwischen einer Erkrankung und einer bereits durchgemachten Infektion unterscheiden kann. Auch können sie bei einer zusammengebrochenen Immunabwehr falsch-negativ ausfallen.
Zur Behandlung stehen verschiedene Antibiotika zur Verfügung, die speziell gegen Mykobakterien wirksam sind und deshalb auch Antituberkulotika genannt werden. Diese müssen zur Vermeidung von Resistenzentwicklungen und Rückfällen unbedingt in Kombination und nach Vorgabe der WHO über mindestens ein halbes Jahr, also weit über das Bestehen der Beschwerden hinaus, eingenommen werden. Es existiert eine Impfung, die aber wegen unzureichender Wirksamkeit in Deutschland seit 1998 nicht mehr empfohlen und auch nicht mehr verfügbar ist. Eine Primärprophylaxe mit einem antituberkulös wirksamen Medikament wird in Deutschland in erster Linie bei Kindern oder schwerst immunologisch beeinträchtigten Kontaktpersonen empfohlen. Bei Erwachsenen, die über ein intaktes Immunsystem verfügen (immunkompetent sind), erfolgt hingegen eine Sekundärprophylaxe oder Prävention erst nach Feststellung einer Infektion mittels vorbeugender Gabe von antituberkulös wirksamen Medikamenten unter Beachtung der Resistenzlage. Die Tuberkulose ist in der Europäischen Union und im größten Teil der Welt eine meldepflichtige Krankheit.
Epidemiologie und gesundheitspolitische Bedeutung Weltweit Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung ist mit Tuberkuloseerregern infiziert. Nur ein geringer Teil der Infektionen führt jedoch zu einer Erkrankung. Nach dem Tuberkulosebericht der WHO (Global tuberculosis report 2016) gab es im Jahr 2015 weltweit 10,4 Millionen Neuinfektionen und 1,8 Millionen Todesfälle. Beide Zahlen sanken seit 1990 stetig.Fact sheet Tuberculosis. WHO, Stand: Oktober 2019; abgerufen am 31. Dezember 2019.
Die Möglichkeiten zur Behandlung sind oft unzureichend, da sie teure Antibiotika erfordert, lang dauert und angesichts der sozialen Lebensumstände der Betroffenen oft undurchführbar ist. Auch fehlen in betroffenen Regionen oft Laboratorien zur Diagnose und Behandlung. Besonders in Osteuropa ist durch Armut und Mängel im Gesundheitswesen eine besorgniserregende Zunahme der Tuberkulose zu verzeichnen, vor allem auch mit multiresistenten Erregerstämmen. Auch weltweit wird die Krankheit immer häufiger durch solche medikamentenresistenten Tuberkulosestämme verursacht.
Besonders problematisch ist eine Tuberkuloseinfektion bei HIV-Infizierten mit manifestem AIDS. Durch die Immunschwäche erhöht HIV die Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs einer Tuberkuloseerkrankung um ein Vielfaches. Tuberkulose ist in Afrika neben AIDS die häufigste Todesursache.Tuberkulose – Symptome, Prävention und Behandlung auf www.gesundesafrika.de, abgerufen am 4. April 2025 Beide Krankheiten treten besonders bei Bewohnern von Metropolenslums in enger Wechselbeziehung zueinander auf. Dabei führt die Immunschwäche durch HIV oft zu negativen Ergebnissen bei Tuberkulose-Routineuntersuchungen, obwohl die Krankheit vorliegt (siehe auch Fehler 1. und 2. Art). Das liegt daran, dass die Hauttests (Tuberkulin-Test, Tine-Test) die immunologische Reaktion auf Erregerbestandteile prüfen, die aber durch AIDS gehemmt ist. Der Verlauf der Tuberkulose ist dann erheblich beschleunigt. In armen Ländern gilt TBC als Zeichen des Ausbruchs von AIDS und führt bei der Mehrheit aller HIV-Erkrankten zum Tod. Die WHO fordert und fördert daher eine weltweite Koordination der Tuberkulose- und AIDS-Forschung.
Überraschend fand eine italienische Studie eine Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) latenter Tuberkuloseinfektionen von neun Prozent unter gesunden Angestellten im Gesundheitsbereich und von 18 Prozent unter gut 400 an Psoriasis Erkrankten. Auch 30 Prozent der Kranken mit Lungenentzündung und Lungenkrebs waren latent infiziert.V. Bordignon, S. Bultrini u. a.: High prevalence of latent tuberculosis infection in autoimmune disorders such as psoriasis and in chronic respiratory diseases, including lung cancer. In: Journal of biological regulators and homeostatic agents. Band 25, Nr. 2, Apr-Jun 2011, S. 213–220. PMID 21880210.
Deutschland, Österreich und Schweiz Dem Robert Koch-Institut (RKI) wurden 2016 in Deutschland 5915 Tuberkulosekranke gemeldet, darunter 233 Kinder unter 15 Jahren (2005: 230). 2016 kamen in Deutschland 7,2 Erkrankungen auf 100.000 Einwohner. Die offizielle Statistik gab für 2015 100 Todesopfer an. Die Daten dürften nicht ganz den realen Zahlen entsprechen, da die Dunkelziffer bei dieser Krankheit wegen ihrer unspezifischen Symptome relativ hoch ist. Nach einer Pathologiestudie aus Deutschland war die Diagnose bei lediglich einem Drittel der postmortal diagnostizierten Tuberkulosen zu Lebenszeiten gestellt worden. Im Jahr 2023 wurden laut AFP 4481 Tuberkulosefälle an das RKI gemeldet, 2021 waren es 3931 und im Jahr 2022 4082 Fälle.Deutsches Ärzteblatt. Jahrgang 121, Heft 7, 5. April 2024, S. B 390.
In Deutschland ist die Krankheit besonders in Hamburg, Bremen und Berlin verbreitet. Bei im Lande geborenen Erkrankten überwiegen die älteren Jahrgänge aufgrund Aktivierungs- und Reaktivierungsneigung infolge der abnehmenden Immunabwehr. Unter den Migranten überwiegen die mittleren Jahrgänge, da hier eher frische Infektionen erkrankungsauslösend sind. Die vorläufige Tuberkulosestatistik für 2017 zeigt in Deutschland ein Plateau auf der Höhe von 2016 an, nachdem ein Anstieg der Erkrankungen an Tuberkulose, bedingt durch erhöhte Zuwanderung im Herbst 2015 zu verzeichnen war. In der Schweiz und in Österreich haben die Fallzahlen bis 2017 ebenfalls leicht abgenommen. Ein befürchteter stärkerer Anstieg der Fallzahlen durch die Migrationswelle von 2017 ist bislang demnach ausgeblieben.
In Österreich wurden im Jahr 2015 583 Erkrankungen an Tuberkulose erfasst, die Schweiz verzeichnete im gleichen Jahr 546 Erkrankungen.
In der folgenden Tabelle sind die Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner (Inzidenz) und die Neuerkrankungszahlen pro Jahr in Deutschland (D), der Schweiz (CH) und Österreich (A) aufgeführt.Bundesblatt N° 27, 10. Juli 1947 (Angabe für 1940)H. P. Pöhn, G. Rasch: Statistik meldepflichtiger Erkrankungen. BGA Schriften 5/1993, MMV Verlag, München, 1004.Keine Entwarnung bei der Tuberkulose. In: Deutsches Ärzteblatt, 18. März 2013.Epidemiologisches Bulletin des RKI Nr. 3/2020 (PDF; 2,5 MB) 16. Januar 2020 Jahr InzidenzD Gemeldete Fälle (Neuerkrankungen) D InzidenzCH Gemeldete Fälle (Neuerkrankungen) CH InzidenzA Gemeldete Fälle (Neuerkrankungen) A InzidenzDDR 1940 156,8 109.508 (Reichsgebiet) ca. 100 3.127 nur Zahlen für das Reichsgebiet 1950 277 137.721 (nur BRD) 68,1 ca. 8200 ca. 500 1960 126,6 70.325 (nur BRD) ca. 40 ca. 4600 ca. 210 1970 79,3 48.262 (nur BRD) ca. 25 2.850 * ca. 80 1980 42,1 27.845 (nur BRD) ca. 20 1.396 2.191 * 1990 19,6 12.184 (nur BRD) 18,4 1.278 20,4 1.521 * 2000 11,0 9.064 8,7 629 15,3 1.226 2006 6,5 5.402 6,9 520 10,8 894 2007 6,1 5.020 6,3 478 10,7 891 2008 5,5 4.543 6,7 520 9,9 817 2009 5,4 4.444 7,1 556 8,4 697 2010 5,4 4.388 6,9 548 8,2 688 2011 5,3 4.317 7,1 577 8,2 687 2012 5,2 4.220 5,7 463 7,7 648 2013 5,3 4.318 6,5 526 7,7 649 2014 5,6 4.488 5,7 473 6,8 582 2015 7,3 5.865 6,4 546 6,7 583 2016 7,2 5.915 7,2 611 7,2 634 2017 6,5 5.486 6,3 534 6,4 569 2018 6,5 5.513 5,9 509 5,5 481 2019 5,8 4.791 5 431 5,3 47420205,04.1274,23744,338820214,2**292** * nur ansteckungsfähige ** Vorläufige Zahlen
Erreger der Tuberkulose mini|Mycobacterium tuberculosis in der Ziehl-Neelsen-Färbung (säurefeste Stäbchen) mini|Elektronenmikroskopische Aufnahme der Tuberkelbakterien