mini|Æthelflæd, dargestellt in The Cartulary and Customs of Abingdon Abbey, British Library, London, Cotton MS Claudius B VI, fol. 14r, entstanden um 1220

Æthelflæd (auch Ethelfled, Ethelflaed, Æthelflæda oder Ethelfleda; * um 870; † 12. Juni 918 in Tamworth) war von 911 bis 918 Herrscherin von Mercia, einem angelsächsischen Königreich im frühen Mittelalter. Æthelflæd war die älteste Tochter von König Alfred dem Großen von Wessex und dessen Frau Ealhswith. Æthelflæd wurde um das Jahr 870 geboren und heiratete 886 den Adeligen Æthelred, an dessen Seite sie über Mercia herrschte. Nach seinem Tod 911 übernahm sie die alleinige Herrschaft über Mercia, eines der seltenen Beispiele einer Frau als Herrscherin über ein Königreich im europäischen Mittelalter.

Während ihrer Herrschaftszeit ging Æthelflæd vor allem gegen die dänischen Wikinger militärisch vor, die ihren Herrschaftsbereich bis in den westlichen Teil Englands einschließlich eines Teils von Mercia ausgeweitet hatten. Die Militäraktionen führte Æthelflæd teilweise in enger Kooperation mit ihrem Bruder Eduard dem Älteren von Wessex durch, der ebenfalls ein großes Interesse hatte, den Einflussbereich der Dänen zurückzudrängen. Æthelflæds größter militärischer Erfolg dürfte die Rückeroberung der ehemals zu Mercia gehörigen Stadt Derby sein. Ferner befestigte Æthelflæd einige Städte neu, darunter Chester und Tamworth, und errichtete Fluchtburgen (burhs), vor allem an den Grenzen zum Danelag und zu Wales, um Mercia vor Überfällen ihrer Nachbarn zu verteidigen.

Nach Æthelflæds Tod übernahm für kurze Zeit ihre Tochter Ælfwynn die Regierung in Mercia, sie wurde aber schon wenige Monate später von ihrem Onkel, Eduard dem Älteren, König von Wessex, entmachtet, woraufhin Mercia direkt von den Königen von Wessex regiert wurde.

Historischer Hintergrund mini|Gebiet des Danelag um 878

In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts und zu Beginn des 10. Jahrhunderts überrannten dänische Wikinger einen Großteil der englischen Königreiche Northumbria, Teile von Mercia sowie East Anglia und bedrohten selbst die Existenz des Königreichs Wessex. Alfred der Große, König von Wessex 871–899, gelang es, Wessex gegen die Dänen zu verteidigen, indem er gegen sie einige militärische Erfolge verzeichnete. Bedeutend war die Schlacht bei Edington 878, in deren Folge er einen Friedensvertrag mit dem König der dänischen Wikinger, Guthrum, aushandeln konnte. Damit war England de facto zweigeteilt: ein Herrschaftsbereich der Dänen, das Danelag, und der englische Herrschaftsbereich, hauptsächlich König Alfreds Wessex und seine Verbündeten. Alfred begann dann eine zweifache Strategie gegen die Dänen: Er begann Befestigungsanlagen (burhs) gegen äußere Angriffe zu errichten. Gleichzeitig hegten er und seine Nachfolger den Ehrgeiz, die durch die Dänen besetzten Gebiete zurückzuerobern.Frank Stenton: Anglo-Saxon England. 3. Auflage. Oxford University Press, Oxford 1971, ISBN 978-0-19-280139-5, S. 260–265, 323.Tim Clarkson: Æthelflæd. The Lady of the Mercians. John Donald, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-910900-16-1, S. 105.

Unter den Wikingereinfällen litt auch das Königreich Mercia. Unter der Herrschaft des merzischen Königs Burgred (852–874) gelang es den dänischen Wikingern, sich erstmals im Norden Englands festzusetzen und schließlich Burgred zu vertreiben. 877 fiel der östliche Teil Mercias dem Herrschaftsbereich der Dänen zu. Der westliche Teil wiederum blieb unter angelsächsischer Herrschaft unter König Ceolwulf II., auf den einige Jahre später Æthelred folgte.Barbara Yorke: Kings and Kingdoms of Early Anglo-Saxon England. Routledge, London/New York 1990, ISBN 0-415-16639-X, S. 122–123.Nicholas J. Higham, Martin J. Ryan: The Anglo-Saxon World. Yale University Press, New Haven/London 2013, ISBN 978-0-300-21613-4, S. 261.Simon Keynes: Mercia and Wessex in the Ninth Century. In: Michelle P. Brown, Carol A. Farr (Hrsg.): Mercia. An Anglo-Saxon Kingdom in Europe. Leicester University Press, London/New York 2001, ISBN 0-7185-0231-0, S. 327.

Æthelred trug im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht mehr den Titel „König“: Die Angelsächsische Chronik bezeichnete ihn als Ealdorman oder als myrcna hlaford (dt. ‚Herr der Mercier‘). Urkunden aus Wessex verwendeten den Titel subregulus (dt. etwa ‚kleiner Unterkönig‘). Aus verschiedenen Quellen geht auch hervor, dass Æthelred die Oberhoheit des Königs von Wessex anerkannte. Andere, spätere Quellen wie der Chronist Æthelweard oder irische Quellen aus dem 10. Jahrhundert bezeichneten ihn jedoch als , was möglicherweise darauf schließen lässt, dass Æthelred einem König vergleichbare Befugnisse hatte.Tim Clarkson: Æthelflæd. The Lady of the Mercians. John Donald, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-910900-16-1, S. 50–52.Æthelred. In: Ann Williams, Alfred P. Smyth, David Kirby (Hrsg.): A Biographical Dictionary of Dark Age Britain. Seaby, London 1991, ISBN 1-85264-047-2, S. 47.

Leben Jugend und Heirat Æthelflæd war die älteste Tochter von König Alfred dem Großen von Wessex und Ealhswith von Mercia. Ealswith stammte aus einer Adelsfamilie in Mercia; Ealswiths Mutter war eine der Töchter des merzischen Königs Offa. Alfred selbst hatte auch Verbindungen nach Mercia, denn seine Schwester Æthelswith war mit dem merzischen König Burgred verheiratet.Tim Clarkson: Æthelflæd. The Lady of the Mercians. John Donald, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-910900-16-1, S. 39. Æthelflæds Geburtsjahr ist nicht bekannt, aber viele Historiker schätzen es um das Jahr 870.Joanna Arman: The Warrior Queen. The Life and Legend of Æthelflæd, Daughter of Alfred the Great. Amberley, Stroud 2017, ISBN 978-1-4456-8279-2, S. 31.

Etwa um 886 wurde Æthelflæd mit Æthelred, den Herrscher von Mercia, verheiratet, wobei vermutet werden kann, dass die Heirat politisch motiviert war, um die Bande zwischen Wessex und Mercia zu stärken. Æthelred war deutlich älter als Æthelflæd, wobei ein größerer Altersunterschied jedoch um diese Zeit durchaus üblich war. Um 886 übergab Alfred die Herrschaft über das gerade von den Dänen eroberte London an Æthelred, weshalb einige Historiker vermuten, dass London eine Mitgift für Æthelflæd anlässlich ihrer Hochzeit mit Æthelred war.Tim Clarkson: Æthelflæd. The Lady of the Mercians. John Donald, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-910900-16-1, S. 54.

Um Æthelflæds Weg zur Hochzeit ranken sich einige Legenden, die jedoch historisch nicht belegt sind: So soll ihr Tross, während sie auf dem Weg zu ihrer Hochzeit nach Mercia war, von den Dänen überfallen worden sein. Nach der Legende wollten die Dänen Æthelflæd töten, um so die Allianz zwischen Wessex und Mercia zu verhindern. Obwohl die Hälfte ihrer Begleitung im ersten Angriff fiel, schaffte es Æthelflæd in dieser Geschichte, sich mit dem Rest in einem Graben zu verschanzen und die Dänen zu schlagen. Es gibt keine Berichte über den Vorfall aus zeitgenössischen Quellen, so dass diese Geschichte wahrscheinlich eine spätere mittelalterliche oder sogar erst moderne Erfindung ist.Joanna Arman: The Warrior Queen. The Life and Legend of Æthelflæd, Daughter of Alfred the Great. Amberley, Stroud 2017, ISBN 978-1-4456-8279-2, S. 91.

Æthelred und Æthelflæd hatten nur ein der Nachwelt bekanntes Kind, ihre Tochter Ælfwynn, die vermutlich in den ersten Jahren der Ehe geboren wurde. William of Malmesbury, der im 12. Jahrhundert Æthelflæds Leben beschreibt, sagt dazu, dass Ælfwynns Geburt so schwer war, dass Æthelflæd es daraufhin vorzog, enthaltsam zu leben, um ein weiteres solch schmerzhaftes Erlebnis zu vermeiden. Da es keine Quellen aus Æthelflæds Lebenszeit gibt, die diese Geschichte bestätigen, vermuten moderne Historiker, dass William diese Anekdote möglicherweise erfunden hat. So könnte es ein Ziel von William gewesen sein, Æthelflæd als moralisch rein darzustellen, und ein zölibatäres, enthaltsames Leben würde dann ins Bild passen.Tim Clarkson: Æthelflæd. The Lady of the Mercians. John Donald, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-910900-16-1, S. 63.

Neben Ælfwynn wuchs noch ein weiteres königliches Kind am Hofe Æthelflæds heran: Æthelstan, der Sohn Eduard des Älteren von Wessex, Neffe von Æthelflæd und späterer König von England. Er wurde in Mercia von Æthelred und Æthelflæd erzogen. Diese Verbindung zu Mercia machte es vermutlich für Æthelstan einfacher, nach dem Tod von Eduard auch als Herrscher über Mercia akzeptiert zu werden.

Æthelflæd und Æthelred (886–911) Ein großer Teil der Herrschaft Æthelreds war durch Kriegszüge gegen die Dänen im Norden und Westen Englands gekennzeichnet, häufig in Kooperation mit Alfred und seinem Nachfolger, Eduard dem Älteren. Historiker gehen davon aus, dass Æthelflæd schon zu Lebzeiten ihres Ehemannes Æthelred eine größere politische Rolle in Mercia spielte. Dafür sprechen unter anderem Urkunden aus den Jahren 888, 889 und 896, in denen Æthelflæd als Zeugin auftaucht. Laut einer Urkunde aus dem Jahr 901 stifteten Æthelflæd und Æthelred Land und einen goldenen Kelch für den Schrein der Heiligen Mildburg im Kloster von Much Wenlock.Alan Thacker: Kings, Saints and Monasteries in Pre-Viking Mercia. In: Midland History. Band X, 1985, , S. 1–25. Auch berichten zeitgenössische Quellen von gemeinsamen Ortsgründungen und Errichtungen von Fluchtburgen (altengl. burhs) durch Æthelflæd und Æthelred.

Æthelred und Æthelflæd folgten damit der Politik König Alfreds, als sie Mercia mit Fluchtburgen befestigten und damit besser gegen einfallende Wikinger verteidigen konnten. Auf Æthelred und Æthelflæd gehen eine Reihe von Gründungen neuer burhs zurück, darunter die späteren Städte Gloucester und Shrewsbury. 907 ließ Æthelflæd die zerstörte Stadt Chester wieder aufbauen.Tim Clarkson: Æthelflæd. The Lady of the Mercians. John Donald, Edinburgh 2018, ISBN 978-1-910900-16-1, S. 72, 82, 92. Der Bau der Kirche St. Oswald in Gloucester geht ebenfalls auf Æthelred und Æthelflæd zurück. 909 führte eine gemeinsame Armee mit Truppen aus Wessex und Mercia einen erfolgreichen Feldzug gegen das dänische Lindsey, wo sie in Bardney Abbey die Überreste des Heiligen Oswald von Northumbria an sich brachten und nach Gloucester überführten, wo sie als Reliquien in der von Æthelred und Æthelflæd gegründeten Kirche aufbewahrt wurden.Carolyn Heighway: Gloucester and the New Minster of St Oswald. In: N. J. Higham, D. H. Hill (Hrsg.): Edward the Elder 899-924. Routledge, London/New York 2001, ISBN 0-415-21497-1, S. 103, 108.

Obwohl Mercia ein von Wessex abhängiges Königreich war, sprechen viele Quellen dafür, dass Æthelred und Æthelflæd relativ unabhängig von Wessex als Herrscher agierten.Nicholas J. Higham, Martin J. Ryan: The Anglo-Saxon World. Yale University Press, New Haven/London 2013, ISBN 978-0-300-21613-4, S. 298.

Zeitgenössische irische Quellen deuten an, dass Æthelred in den letzten Jahren seines Lebens krank war, worauf es in Quellen aus Wessex und Mercia jedoch keinen Hinweis gibt. Nach der angelsächsischen Chronik starb Æthelred kurz nach der Schlacht von Tettenhall im Jahr 910 zwischen Dänen und einer vereinten Armee aus Wessex und Mercia.Joanna Arman: The Warrior Queen. The Life and Legend of Æthelflæd, Daughter of Alfred the Great. Amberley, Stroud 2017, ISBN 978-1-4456-8279-2, S. 154.

Alleinige Herrscherin über Mercia (911–918) mini|Eroberung des Danelags