Die Nationalromantik in Norwegen war eine vielschichtige kulturelle und politische Bewegung in den Intellektuellenkreisen Norwegens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt an der Universität Christiania.
Nationalromantik als Teil der Romantik Der norwegische Literaturhistoriker Asbjørn Aarseth hat in seinem Werk Romantikken som konstruksjon 1985 mit dem Untertitel „Traditionskritische Studien zur nordischen Literaturgeschichte“ den Begriff Romantik thematisch untergliedert: Sentimentalromantik setzt die empfindsame Dichtung des 18. Jahrhunderts fort, allerdings im Bewusstsein einer Zeitenwende (wie Schillers Über naive und sentimentalische Dichtung). Universalromantik enthält Schlegels Sehnsucht nach der kosmischen Einheit und grenzt an pantheistische Mystik. Vitalromantik betont – u. a. auf dem Organismus-Denken fußend – die Gleichheit oder Verwandtschaft zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie umfasst Sendlings Naturphilosophie, die unbewussten Triebe, die dämonische Selbstentfaltung. (2.–3. entsprechen leidlich René Welleks Kriterien des Naturbegriffs als einer basalen Größe für die Weltanschauung der Romantik und der Imagination als zentralem Moment in der romantischen Poetik.) Nationalromantik bedeutet nationale Gemeinschaft als Variante des Organismus-Denkens mit Einbeziehung einer historischen, altnordisch inspirierten Dimension. Liberalromantik: das Streben nach Freiheit findet sich sowohl in den Forderungen des progressiven Bürgertums als auch in denen der unterdrückten Volksgruppen nach Unabhängigkeit und Selbstverwaltung (dies entspricht der Nationalromantik in der Napoleonischen Zeit und wird nach der Julirevolution erneuert). Sie lässt sich mit dem sogenannten Romantismus zusammenstellen. Sozialromantik umfasst die utopischen Sozialisten (Saint-Simon und Fourier, später auch Marx) und eine gewisse Schwärmerei für Gesellschaftsreformen, z. B. in Kindererziehung oder Formen des Zusammenlebens (wie Almqvists Det går an). Regionalromantik, d. h. Interesse für Volksleben und provinziale Kultur, Landschaften und Topographie, leitet zur Heimatdichtung im späteren Jahrhundert über. Allen diesen Themen ist gemeinsam, dass sie die Welt als einen Organismus auffassen. Dies wirkt sich dann auch auf die einzelnen Gegenstände aus, so dass sich daraus ergibt, das Volk, den Stamm, die Familie als Organismen zu begreifen. In diesem Denkmuster entsteht dann auch der Begriff der „Volksseele“. Je nach Ausdehnung des Organismusbildes kommt es zur Hervorhebung des einzelnen Volkes als eigenständigen Organismus in Abgrenzung zu den anderen skandinavischen Völkern, oder zum Skandinavismus, der Norwegen, Schweden und Dänemark zu einem im Grunde gemeinsamen Organismus erklärt. Beide Modelle sind in Norwegen virulent gewesen und führten auch zu politischen Kontroversen.
Die nationalromantische Bewegung in Norwegen unterscheidet sich prinzipiell von den nationalromantischen Bewegungen im übrigen Skandinavien und besonders von der in Island. Während dort die Romantik von vornherein mit der Stärkung oder Etablierung der Nation verbunden und auch im Volk verbreitet war, hatte die romantische Idee eines eigenständigen Volksorganismus in Norwegen zunächst keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Das Element nationaler Selbständigkeit wurde erst spät und von außen als Folge des Kieler Friedens vom 14. Januar 1814 eingetragen.
Kulturelle Lage Um 1814 hatte Norwegen um 900 000 Einwohner, von denen rund in einer Stadt wohnte. Das Land war arm, wenn auch in normalen Erntejahren keine Not herrschte. Mit der Einführung der Konfirmation 1736 und der Elementarschule 1739 wurde die Lesefertigkeit allgemein verbreitet. Jedoch beschränkte sich die Literatur mit ganz wenigen Ausnahmen auf Katechismen und Psalmenbücher. Die Bevölkerung sah sich als Bewohner eines besonderen geografischen Gebietes des dänischen Reiches. Dies wurde nie in Frage gestellt und war auch kein Thema irgendwelcher Debatten. Norwegische Studenten gründeten 1774 in Kopenhagen die Det Norske Selskab, und obgleich diese Gesellschaft ein Forum für die nationale Selbstverherrlichung wurde, entstand kein politisches Programm für die Loslösung von Dänemark. Der Staat wurde von etwa 2 000 Beamtenfamilien geleitet. Die politische Oberschicht hatte enge verwandtschaftliche Beziehungen zu Dänemark und hatte auch in Kopenhagen die Universität besucht. Das romantische Gedankengut bezog sich daher nicht auf nationale Selbständigkeit, sondern auf das Bewusstsein des eigenen Wertes innerhalb des Reiches und der Verherrlichung der eigenen Vergangenheit. Obgleich die Stimmung innerhalb der unteren Schichten nicht genau bekannt war, wagte es König Frederik aus Furcht vor einem Aufstand in Norwegen zunächst nicht, nach Norwegen die Abtretung Norwegens an Schweden im Kieler Frieden mitzuteilen. Dieser Vorgang traf Norwegen völlig unvorbereitet. Aufgrund der antischwedischen Stimmung, die in Norwegen außer bei den Handelsherren im Ostland vorherrschte, kam es dann zur Selbständigkeitserklärung von Eidsvoll. Obgleich diese Selbständigkeit nur kurz währte und Schweden die Macht übernahm, führten die politischen Ereignisse dazu, dass das Storting in Norwegen nunmehr der Stärkung des eigenen Nationalbewusstseins höchste Priorität einräumte.
Entstehung des nationalen Gedankens Bald nach dem Wechsel des Landes unter die schwedische Herrschaft stellte sich die Aufgabe, in Norwegen ein auf Norwegen bezogenes Nationalgefühl zu erzeugen, ein Vorgang, der unter „Nation building in Norwegen“ gesondert behandelt wird. Zunächst begann eine Bildungsoffensive. Treibende Kraft war der Industrielle Jacob Aall. Er war Gründungsmitglied der „Selskap for Norges Vel“ gewesen und hatte sich sehr für die Errichtung einer norwegischen Universität eingesetzt. Er hatte sich nicht nur an der Ausarbeitung der Verfassung beteiligt, sondern gab eine Reihe moralischer Schriften heraus, die das Ziel hatten, durch eine ethische Argumentation im Volk eine nationale Gesinnung hervorzurufen. Daneben befasste er sich mit der Übersetzung und Herausgabe der Königssagas in der Heimskringla. Er finanzierte 1814 die Herausgabe des Orðabók Björns Halldórsonar (ein isländisch-lateinisch-dänisches Wörterbuch), die von dem Sprachforscher Rasmus Christian Rask besorgt wurde. 1824 gab der Dichter und Jurist Anke Bjerregaard die Zeitschrift „Patrioten“ heraus. Auch er war in seinen Werken stark von der Romantik beeinflusst und kann als Vorläufer von dem romantischen Lyriker und Kritiker Welhaven und dem ebenfalls romantischen Lyriker Wergeland gelten.
Die Julirevolution in Frankreich gab der Freiheitsidee neuen Auftrieb. Wergeland übersetzte die französische Freiheitshymne. Aus allen Teilen des Landes kamen Söhne aus Intellektuellenkreisen, meist von Pfarrern, nach Christiania und trafen sich an der Universität. Die politische Debatte wurde von der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen beherrscht. Auch das Storting wurde bei den Wahlen von 1833 mit neuen Leuten besetzt. Die Bauern wählten erstmals Abgeordnete aus ihren eigenen Reihen, so dass fast die Hälfte der Abgeordneten Bauern waren.
Die kulturelle Auseinandersetzung Es bildeten sich zwei Zirkel um jeweils drei Männer: Das Kulturleben wurde durch die Männer Henrik Wergeland, Johan Welhaven und P. A. Munch bestimmt. In der Politik waren dies der Leitende Staatsrat Frederik Stang, der Sprecher der Beamtengruppe im Storting Anton Martin Schweigaard und der der Führer der Bauern im Storting Ole Gabriel Ueland. Diese beiden Gruppen bestimmten das Geistesleben der 1830er Jahre. Politik und Kultur waren ineinander verwoben. Debatten über Dichtung und Ästhetik waren im Grunde politische Debatten, bei denen es im Kern immer um den Begriff der „Freiheit“ ging.
Viele Jurastudenten der Universität in Christiania fühlten sich als Patrioten und bildeten einen Studentenverband. Sie strebten in der Mehrzahl in den Beamtenstand. Insbesondere wurden die Bauern im Storting als Patrioten bezeichnet, die zusammen mit einem Teil der Beamten im Storting die Opposition bildeten. Die Patrioten einte die Verteidigung der Verfassung, die Front gegen die Bürokratie, die Sparsamkeit in den öffentlichen Ausgaben und das Streben nach einer Stärkung und Demokratisierung der lokalen Regierungen. Auf der Gegenseite befanden sich Männer wie Jacob Aall, Welhaven und seine Freunde, die enge Beziehungen nach Dänemark hatten und die als roh empfundene Agitation der Patrioten, die ihre Gegner als Verräter brandmarkten, ablehnten. Sie hießen die „Intelligenz“ (Intelligensen). Sie traten aus dem Studentenverband aus. Protagonisten der Auseinandersetzung wurden Welhaven und Wergeland, die sich gegenseitig in Gedichten angriffen. Die Anhänger der „Intelligenz“ waren mit der politischen Macht alliiert, wenn auch nicht bedingungs- und vorbehaltslos.
Die „Intelligenz“ brachte die Debatte um den Begriff der „Freiheit“ auf die allgemeine Tagesordnung. Welhaven war in der klassischen Tradition aufgewachsen, hatte sich der romantischen Sicht der Dichtung als einer selbständigen, schönen Kunst angeschlossen und meinte, dass man die Freiheit von der Form nur gewinnen könne, wenn man den Zwang der Form durchschritten und überwunden habe. Wergeland nahm für sich eine andere Freiheit in Anspruch, die Freiheit des Genies. Das war die Freiheit, seine Sprache mit Wörtern zu bereichern, die am wirkungsvollsten waren, mit den Bildern, die er als bezeichnend fand, mit Sätzen, die so lang waren, wie er es für nötig hielt, mit erotischen Themen, die weit über das hinausgingen, was man damals für zulässig erachtete. Dass er in einem Gedicht eine Frau sich mit einem Bock paaren ließ, war 1830 unerhört, in den Augen Welhavens eine Todsünde gegen die Poesie. Dieser Streit wurde auch auf dem Gebiet der Kulturpolitik geführt: Es ging darum, welche Dichtung das Volk haben sollte. Die dichterische Form konnte nicht vom Zweck der Dichtung geschieden werden. Welhaven hielt die Dichtung Wergelands für verderblich.
Malerei miniatur|Brautfahrt auf dem Hardangerfjord, 1848 – Das von Tidemand und Gude gemeinsam in romantischer Grundhaltung komponierte Gemälde zeigt die Landschaft Norwegens als die „Schweiz des Nordens“ und verweist mittels einer Szene aus dem Brauchtum Norwegens auf die „Tiefen der Volksseele“.Ernst Haferkamp: Die norwegischen Künstler in Düsseldorf. Der Kulturtransfer zwischen Düsseldorf und dem Norden. In: Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, Band 1, S. 172 ff. miniatur|Die Andacht der Haugianer, 1852