Das Kastell Rißtissen ist ein ehemaliges römisches Auxiliarkastell der älteren Donaulinie des Rätischen Limes auf dem Gebiet des heutigen Ehinger Ortsteils Rißtissen in Baden-Württemberg.

Lage Im heutigen siedlungsgeographischen Bild liegt das Kastell als Bodendenkmal im südöstlichen, höchstgelegenen Teil des Ortes Rißtissen. Sein verwaltungstechnisches Zentrum, die Principia (Stabsgebäude), befindet sich in etwa westlich des heutigen Römerweges, zwischen Wasserturm und Schule.

Während der Antike lag die Garnison in strategisch und verkehrsgeographisch bedeutender Position. Die beiden benachbarten Militärlager, das Kastell Emerkingen und das Kastell Unterkirchberg, lagen jeweils 15 km entfernt. Unmittelbar an Rißtissen vorbei führte die in westöstlicher Ausrichtung verlaufende römische Donausüdstraße (heutige Heer- und Schloßstraße), und eine weitere wichtige antike Verbindung verlief von der Donau her kommend in den Bodenseeraum nach Bregenz (Brigantium) und weiter nach Italien. Es wird vermutet, dass die Donau damals ab der Rißmündung, also etwa drei Kilometer nordöstlich des Kastells, für flachrumpfige, römische Flusslastschiffe (naves actuariae) schiffbar war.Martin Kemkes: Das Kastell Rißtissen und die militärische Sicherung der Donau im 1. Jahrhundert. In: Ulmer Museum, Brigitte Reinhardt, Kurt Wehrberger (Hrsg.): Römer an Donau und Iller. Neue Forschungen und Funde. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-0410-9, S. 8–21.Martin Kemkes: Ehingen-Rißtissen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 65–68.Olaf Höckmann: Zur Schiffbarkeit der oberen Donau in römischer Zeit. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv, 26 (2003), S. 23–40, (Digitalisat). Rißtissen wurde so wahrscheinlich zu einer strategischen Verladestation von Nachschubgütern. Durch die Auswertung älterer archäologischer Ausgrabungen gelangte die jüngere Forschung der 1990er Jahre zu der Erkenntnis, dass das Kastell Rißtissen wohl einen nicht unbedeutenden Punkt auf den Nachschubwegen des römischen Heeres von Gallien sowie den germanischen Provinzen Germania inferior und Germania superior zum Balkan darstellte.Martin Kemkes: Das Kastell Rißtissen als Umschlagplatz des Truppennachschubes. In: Ders.: Das römische Donaukastell Rißtissen (= Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Heft 101). Theiss, Darmstadt 2016, S. 149–153.

Forschungsgeschichte mini|Römische Befunde in Rißtissen nach Konrad Miller (1893) mini|Kastell Rißtissen nach den Befunden der Ausgrabung 1912

Bereits 1822 beschrieb Johann Nepomuk Vanotti (1777–1847) in den Württembergischen Jahrbüchern die römischen Hinterlassenschaften auf dem Gebiet von Rißtissen, wobei noch die 1784 beim Neubau der Kirche gefundenen Steindenkmäler im Vordergrund standen.Johann Nepomuk Vanotti: Über den Aufenthalt der Römer in dem damaligen (Königlich Württembergischen) Oberamte Ehingen. In: Württembergische Jahrbücher für vaterländische Geschichte, Geografie, Statisti und Topografie 1 (1822), S. 70–100. Schon im Folgejahr publizierte Johann Nepomuk von Raiser (1768–1853) auf der Basis der Geographike Hyphegesis dea Claudius Ptolemäus den Verlauf der Donausüdstraße.Johann Nepomuk von Raiser: Drusomagus-Sedatum und römische Alterthümer in den nächsten Nachbarorten von Augsburg. Rösl, Augsburg 1825, S. 104f. Auf der dadurch gewonnenen Wissensgrundlage fanden von 1844 bis 1850 erste kleinere Ausgrabungen statt, bei denen unter anderem eine Thermenanlage entdeckt wurde.

In den folgenden Jahrzehnten fanden kaum wissenschaftliche Untersuchungen in diesem Gebiet statt. Im Gegensatz zum Obergermanisch-raetischen Limes wurden am Donaulimes die Entwicklungen der Limesforschung verschlafen. Immerhin stieß man 1891 nordöstlich des Ortes auf ein großes Gebäude mit Säulen, das man damals als Mansio interpretierteKonrad Miller: Die Altertümer im Oberamt Ehingen. In: Königlich statistisches Landesamt (Hrsg.): Beschreibung des Oberamtes Ehingen. Stuttgart 1893. und von dem wir heute wissen, dass es sich um einen Magazinbau handelt. 1912 wurde schließlich das ehemalige Kohortenkastell lokalisiert und zwischen 1912 und 1914 begannen Peter Goessler (1872–1956) und Gerhard Bersu (1889–1964) mit den Ausgrabungen, die allerdings durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen und auch danach für lange Zeit nicht wieder wirklich systematisch aufgenommen wurden. Leider sind auch die Aufzeichnungen der frühen Grabungen im Laufe der Zeit teilweise verloren gegangen.

Jedoch wurde in den Zwischenkriegsjahren die lokale Forschung, nicht zuletzt durch die 1908 erfolgte Gründung des Bezirks-Altertumsvereins Ehingen (Vorläufer der heutigen Museumsgesellschaft Ehingen e. V.)Webpräsenz der Museumsgesellschaft Ehingen e. V., abgerufen am 6. September 2022. und das ehrenamtliche Engagement der Rißtissener Schlossgärtner Schwarz enorm bereichert. Durch Beobachtungen und kleinere Grabungen konnte die ungefähre Ausdehnung des Vicus erfasst, eine mutmaßliche Falschmünzerwerkstatt und ein Gräberfeld mit über 100 Bestattungen entlang der Römerstraße östlich des Ortes entdeckt und zahlreiche Funde (darunter alleine 348 Münzen) sukzessive in den Fundberichten aus Schwaben publiziert werden.Fundberichte aus Schwaben digitalisiert abrufbar auf den Webseiten der Universitätsbibliothek Heidelberg, abgerufen am 6. September 2022.

In den 1940er und 1950er Jahren wurde die römische Vergangenheit Rißtissens weitgehend ignoriert, so dass es zu archäologisch unbeobachteten Erdarbeiten wie beim Bau des Wasserturms (1951) und der Zerstörung von neuentdeckten Steindenkmälern wie bei den Instandsetzungsmaßnahmen an der Kirche (1953) kommen konnte.

Erst 1959/1960 im Vorlauf zum Bau der Schule fanden wieder wissenschaftliche Ausgrabungen statt, die von Gerhard Mildenberger (1915–1992) geleitet und publiziert wurden und bei denen es unter anderem gelang, die beiden Kastellbauphasen zu differenzieren.Gerhard Mildenberger: Untersuchungen im Kastell Rißtissen. Ein Vorbericht. In: Germania 39 (1961), S. 69–87.Gerhard Mildenberger: Neue Grabungen im Kastell Rißtissen, In: Fundberichte aus Schwaben, N.F. 16 (1962), S. 106–119. Weitere Grabungen unter der Leitung von Siegwalt Schieck (1924–1993) erfolgten 1967/1968 anlässlich des Baus eines Kindergartens. Die Grabungsdokumentation war ursprünglich auf drei Bände konzipiert, von denen letztendlich jedoch nur einer von Günter Ulbert realisiert wurde.Günter Ulbert (mit Beiträgen von Siegwalt Schiek): Das römische Donau-Kastell Rißtissen, Teil 1. Die Funde aus Metall, Horn und Knochen. Müller und Gräff, Stuttgart 1970. Bei diesen Grabungen sollen laut Thomas FischerThomas Fischer: Die Armee der Caesaren. Archäologie und Geschichte. Mit Beiträgen von Ronald Bockius, Dietrich Boschung und Thomas Schmidts. Pustet, Regensburg 2012, ISBN 978-3-7917-2413-3; 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2014, S. 168. auch die Bestandteile einer – vermutlich vollständigen – Lorica segmentata entdeckt, bei der anschließenden, unsachgemäßen Bergung aber so zerstört worden sein, dass sie nicht mehr zusammengefügt werden konnten.Vgl. auch Martin Kemkes: Das römische Donaukastell Rißtissen (= Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Heft 101). Theiss, Darmstadt 2016, S. 312f.

In den 1990er Jahren hat sich der Archäologe Martin Kemkes des Kastells systematisch angenommen, die alten Ausgrabungen aufgearbeitet, zusammengefasst und neu bewertet sowie für eine adäquate Darstellung in der Literatur gesorgt.Martin Kemkes: Das römische Donaukastell Rißtissen. Dissertation, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, erstellt 1996, publiziert 2012. Freiburger Dokumentenserver (FreiDok), abgerufen am 12. August 2014.Martin Kemkes: Das römische Donaukastell Rißtissen (= Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Heft 101). Theiss, Darmstadt 2016, S. 20–26.

Der Bereich des Kastells sowie des Vicus ist heute weitestgehend überbaut. Oberirdisch haben sich keine antiken Strukturen erhalten. Lediglich der Verlauf der Römerstraße lässt sich durch den teilweise nahezu identischen, modernen Straßenverlauf im Gelände nachvollziehen.Martin Kemkes: Forschungsgeschichte. In: Ders.: Das römische Donaukastell Rißtissen (= Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Heft 101). Theiss, Darmstadt 2016, S. 20–26.

Ist Rißtissen das antike Riusiava? In der Zeit zwischen den Weltkriegen stellte der provinzialrömische Forscher Robert Knorr die Überlegung an, dass Rißtissen möglicherweise mit dem bei Ptolemäus erwähnten Riusiava gleichzusetzen sei. Der Archäologe Oscar Paret schloss sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dieser Hypothese an, der jedoch in neuerer Zeit in der wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Literatur widersprochen wird. Als Erster hat sich der Prähistoriker Rolf Nierhaus gegen Knorr und Paret gewandt und Riusiava mit der keltischen Großsiedlung Heidengraben bei Grabenstetten gleichgesetzt. Die prähistorische Archäologin Sabine Rieckhoff hat 2005 diese neuere These abgelehnt. Sie stellte fest, dass die „althistorisch-philologisch orientierte Forschung“ an der Festlegung von Riusiava mit Heidengraben „entgegen dem archäologischen Befund“, festhalte. Der Mythos Riusiava sei inzwischen fester Bestandteil einer Literatur geworden, die den archäologischen Befund „negiert“.Sabine Rieckhoff: Wo sind sie geblieben? – Zur archäologischen Evidenz der Kelten in Süddeutschland im 1. Jahrhundert v. Chr. In: Kelten-Einfälle an der Donau. Akten des Vierten Symposiums deutschsprachiger Keltologinnen und Keltologen. Linz/Donau, 17.–21. Juli 2005. Konrad Spindler (1939–2005) zum Gedenken. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften. ISBN 3-7001-3670-6. S. 429. Einer Gleichsetzung von Riusiava mit Rißtissen hat sie in ihrer Darstellung jedoch nicht das Wort geführt.

Kastellbefunde, Baugeschichte und Datierungen Bei den Ausgrabungen im Kohortenkastell von Rißtissen konnten insgesamt drei Bauphasen differenziert werden.

Erste Bauphase Historischer Kontext Ein erstes Militärlager wurde in claudischer Zeit, um die Jahre 45 bis 50 im Rahmen eines planmäßigen und großräumigen infrastrukturellen Ausbaus des Donautals errichtet, das zu dieser Zeit auch die Nordgrenze Rätiens bildete. Nach der Ermordung Kaiser Neros (68) und den folgenden Bürgerkriegen wurde das Kastell möglicherweise im Zusammenhang mit den Wirren des Vierkaiserjahres 69 zerstört, vielleicht aber auch in derselben Zeit von der Besatzung im Rahmen eines planmäßigen Rückzugs niedergebrannt. Neben Rißtissen wurden nur in drei weiteren Donaulagern (Kastell Hüfingen (Hüfingen), Kastell Aislingen (Aislingen) und Kastell Burghöfe (Mertingen)) Brandschichten aus dieser unruhigen Epoche des Imperiums nachgewiesen. Über den in dieser Zeit hier stationierten Truppenteil ist aus schriftlichen Quellen nichts bekannt, das Fundaufkommen spricht allerdings für eine kombinierte Einheit aus berittenen Bogenschützen und Fußsoldaten, wahrscheinlich abkommandierten Legionsangehörigen. Die Ausgrabungen im Kastell lieferten zum Ende dieser Kastellphase einige Indizien. Demnach wurde die linke Lagerhälfte in den Kriegswirren der Jahre 68–70 durch ein Feuer zerstört. Menge und Erhaltungszustand der Funde zeigten, dass die Besatzung zu dieser Zeit nicht mehr im Lager anwesend war. Laut Tacitus waren die Hilfstruppen in Raetien während des Helvetieraufstandes im Jahre 68 ihren Kameraden in Vindonissa zu Hilfe geeilt und dann mit diesen nach Italien weiter gezogen.Tac. Hist. I, 67 und IV, 70.

Kastellbefunde