miniatur|Francesco Maria Veracini, Stich von J. June nach einem Gemälde von Franz Ferdinand Richter. Francesco Maria Veracini (* 1. Februar 1690 in Florenz; † 31. Oktober 1768 ebenda) war ein italienischer Violinist und Komponist des Spätbarock. Veracinis Lebenslauf ist durch eine rege Reisetätigkeit geprägt, wobei er im Gegensatz zu anderen italienischen Vertretern der Instrumentalmusik immer wieder nach Italien zurückkehrte. Wichtige Stationen waren Dresden, wo er Kammerkomponist des Kurprinzen Friedrich August war, und London, zu dessen Opernbetrieb er mehrere Werke beisteuerte.

Veracinis Instrumentalmusik ist virtuos und extravagant. Die frühen Werke gehen vom Vorbild Arcangelo Corellis aus, weisen aber unter anderem durch die Aufhebung der Trennung von Kirchen- und Kammersonate und durch Ansätze zu einer Reprise am Ende der Sätze in die Zukunft. Die in dieser Zeit an Wichtigkeit gewinnende Homophonie lehnte Veracini jedoch zunehmend ab und ging in seinem Spätwerk den Weg zur musikalischen Klassik nicht weiter.

Sein Lehrwerk Trionfo della pratica musicale gibt wertvolle Hinweise zur Dirigierpraxis der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Leben Jugend in Florenz Francesco Maria Veracini entstammte einer florentinischen Musikerfamilie. Seine Eltern waren Maria Elisabetta und Agostino Veracini. Obwohl sein Vater Apotheker war, waren in dem Haus, in dem er aufwuchs, stets Musiker zugegen. Um seine Erziehung scheinen sich neben dem Vater auch der Großvater, der eine Violinschule betrieb, und der Onkel Antonio Veracini gekümmert zu haben, der ihn auf der Violine unterrichtete und mit ihm öffentlich musizierte. In seinem Lehrwerk Trionfo della pratica musicale nannte Veracini als seine Lehrer den Organisten Giovanni Maria Casini und dessen Assistenten Francesco Feroci, ferner Francesco Gasparini und Giuseppe Antonio Bernabei, den er vielleicht in Süddeutschland getroffen hatte. Eine mögliche Lehrzeit bei Arcangelo Corelli, die in der Musikwissenschaft in Erwägung gezogen wurde, lässt sich nicht belegen.

Bereits als Achtzehnjähriger steuerte Francesco Veracini eine Arie zum Oratorium Sara in Egitto bei, einer Gemeinschaftsarbeit von 24 Komponisten. Die Familie Veracini gehörte nicht zum inneren Kreis der Florentiner Musiker, so dass für Francesco Maria eine führende Stellung am Hof oder in einer Kirche nicht erreichbar gewesen sein dürfte. Nachdem sein Vater 1708 gestorben war, verließ er in seinen frühen Zwanzigern Florenz.

Venedig Im Dezember 1711 war Veracini Solist der Weihnachtskonzerte im Markusdom in Venedig, im folgenden Februar spielte er ein concerto zu Ehren des Botschafters von Karl VI. in der Frari-Kirche; es handelt sich um die älteste datierbare Komposition Veracinis. Nach den Festlichkeiten kehrte er nach Florenz zurück, offenbar um das wahrscheinlich erste komplett von ihm komponierte Oratorium Il Trionfo della innocenza patrocinata da S. Niccolò zur Aufführung zu bringen. Im Dezember 1712 war er wieder als Solist in San Marco in Venedig zu hören. Da er 1713 in einem Fremdenführer für Venedig erwähnt wurde, war er wohl bereits eine Bekanntheit, wozu eventuell auch die Mitwirkung an Opernaufführungen beigetragen haben könnte. Von Antonio Vandini, einem Zeitgenossen und Bekannten des berühmten Geigers Giuseppe Tartini, stammt die in Folge in der Überlieferung ausgeschmückte und in der Datierung von der offenbar falschen Jahreszahl 1718 auf 1712 modifizierte Geschichte, dass Tartini von Veracinis Spiel so beeindruckt war, dass er Venedig verließ und an seiner Bogentechnik arbeitete, um das Niveau Veracinis zu erreichen.

London und Düsseldorf mini|Ansicht des Queen’s Theatre im Jahr 1783 (damals King’s Theatre) 1714 wirkte Veracini in London, wo er als berühmter Musiker angekündigt wurde, der eben aus Italien angekommen sei. Im Queen’s Theatre bot er Violinsoli als Zwischenspiele in Opern dar. Georg Friedrich Händel, der vielleicht schon 1709 seine Bekanntschaft in Florenz gemacht hatte, und Francesco Geminiani waren ebenfalls zu dieser Zeit in London aktiv. Veracinis Musik wurde von Charles Burney als zu wild für den englischen Geschmack eingestuft, aber als phantasievoll verteidigt.

1715 hielt er sich für wohl eher kurze Zeit in Düsseldorf auf, wo er laut einem Brief von Francesco Antonio Bonporti am Hof des Kurfürsten Johann Wilhelm aus Bonportis Violinwerk spielte und zudem sein Oratorium Mosè al mar’ rosso dem Kurfürsten widmete.

Dresden mini|hochkant|Bildnis des Kurprinzen August im Harnisch von Nicolas de Largillière, 1715 Im Sommer 1716 widmete Veracini in Venedig zwölf Violinsonaten dem Kurprinzen Friedrich August, Sohn des Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen. Friedrich August stellte Veracini bald darauf als Geiger für den Dresdner Hof an, für den 1717 zudem aus Venedig einige der berühmtesten Sänger Europas unter der Leitung von Antonio Lotti als neues Opernensemble rekrutiert wurden. Vor seiner Anstellung in Dresden wirkte Veracini im Januar 1717 noch an einer Aufführung eines seiner Oratorien in Florenz mit. In Dresden gehörte er nicht zu Lottis Gruppe aus Venedig, sondern diente als Violinist und Cammer Compositeur dem Prinzen, dem er 1721 als Opus 1 zwölf Sonaten für Violine und basso contonuo widmete. Veracinis Rang und Gehalt entsprach denjenigen der Kapellmeister Johann Christoph Schmidt und Johann David Heinichen und des Konzertmeisters Jean-Baptiste Volumier. Der künftige Konzertmeister Johann Georg Pisendel erhielt weniger als die Hälfte, wogegen die Sänger mehr als alle Instrumentalisten bekamen, Lotti sogar das Fünffache von Veracinis Gehalt. 1719 wurde Veracini nach Italien geschickt, um weitere Sänger anzuwerben. Dabei besuchte er offenbar Florenz, von wo er seinen Cousin Tommaso mitbrachte. Wahrscheinlich heiratete er damals auch Chiara Tesi, die ebenfalls aus Florenz stammte. Im Herbst wurde das neue Theater eröffnet, und die Hochzeitsfeierlichkeiten für Friedrich August von September bis Oktober trugen zu diesem Höhepunkt musikalischer Aktivitäten bei. Die berühmtesten deutschen Komponisten nahmen Notiz von diesen Ereignissen: Händel besuchte Dresden und Georg Philipp Telemann sah den berühmten Veracini. Bereits im Oktober schieden Lotti, seine Frau und zwei weitere Sänger aus dem Dienst, bis Februar 1720 folgten die meisten übrigen. Die aufgewendeten Kosten erschwerten auch die Auszahlung von Veracinis Gehalt.

Um Veracinis letzte Tage in Dresden im Jahr 1722 ranken sich Legenden bezüglich der Ursache eines Sprungs von Veracini aus dem Fenster. Johann Mattheson berichtet von einem plötzlich ausgebrochenen Wahnsinn, Carl Friedrich Cramer von einem verlorenen instrumentalen Wettstreit mit Pisendel. In seinem Lehrwerk bestätigte Veracini später, dass er sich aus dem Fenster gestürzt habe.

Während seiner Dresdner Zeit war Veracini 1720 in Wien, um die Noten seines Oratoriums La Caduta del Savio nell’idolatria di Salomone seinem Onkel Antonio für eine Aufführung in Florenz zu übergeben. Für die Zeit zwischen August 1722 und Februar 1723 wurde über einen Dienst bei Graf Kinsky in der Nähe von Prag spekuliert.

Florenz Im Herbst oder Winter 1722/23 kehrte Veracini nach Florenz zurück und wohnte nun bei seinem Onkel Antonio, seiner verwitweten Mutter und weiteren Familienmitgliedern. Bald nach seiner Rückkunft fand eine Aufführung seines Oratoriums La liberazione del popolo ebreo nel naufragio di faraone im Palast des Erzbischofs statt. In Folge wirkte er auch als Geiger bei Oratorienaufführungen anderer Komponisten mit. 1723 wurde das Florentiner Opernhaus wieder eröffnet, ein wichtiger Arbeitgeber für Instrumentalisten. Ob Veracini hier angestellt wurde, ist nicht bekannt. 1729 schrieb er Kirchenkantaten zur Feier des Eintritts der Töchter zweier Florentiner Familien ins Kloster, der Tartinis und der Strozzis. Im folgenden Jahr fanden die Feierlichkeiten anlässlich der Wahl von Papst Clemens XII. aus der Familie Corsini aus Florenz statt, zu denen Veracini Kompositionen beisteuerte.

Neben der geistlichen Musik widmete sich Veracini Auftritten in privaten Konzerten. Eine herausragende Rolle als Mäzen für ihn dürfte Cosimo Riccardi gespielt haben. In der Zeit zwischen 1723 und 1733 dürften Veracini und der berühmte Geiger und Komponist Pietro Locatelli, der sich 1729 in Amsterdam niederließ, aufeinandergetroffen sein. Auch in Bezug auf Veracini wird über eine Reise in dieser Zeit berichtet, in seinem Fall nach Paris. Dass Veracini immer wieder „den Weg zurück nach Italien fand“ ist in der Emigrantenkultur der italienischen Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts eine Ausnahme. Im Gegensatz zu den ebenfalls häufig reisenden Opernkomponisten hatten die Vertreter der Instrumentalmusik keinen „festen sozialen und künstlerischen Rückhalt“ an italienischen Zentren wie Venedig und Neapel.Carl Dahlhaus: Die italienische Instrumentalmusik als Emigrantenkultur. In: Derselbe (Hrsg.): Die Musik des 18. Jahrhunderts (= Neues Handbuch der Musikwissenschaft. Band 5). Laaber-Verlag, Laaber 1985, ISBN 978-3-8900-7035-3, S. 210–216, hier 210.

Zweite Londonreise 1733 reiste Veracini erneut nach London, wo er gute Möglichkeiten vorfand, viel Geld zu verdienen. Als berühmter „Signior Veracini“ in St. Jame’s Evening News angekündigt trat er auf, und seine Violinsonaten Op. 1 wurden wiederaufgelegt. Wie schon bei seinem ersten Aufenthalt in der englischen Hauptstadt trat er in einer Reihe von Benefizkonzerten auf. London, wo die Italienische Oper seit 1708 Fuß gefasst hatte, sah auch Veracinis Debüt als Opernkomponist mit Adriano in Siria im Jahr 1735 mit 20 Aufführungen im Laufe von sechs Monaten und einer Ausgabe von „the Favourite Songs“ daraus im Folgejahr. Diesem zwar kritisierten, aber erfolgreichen Erstling folgten bald zwei weitere Opern nach, die jedoch weniger Aufführungstermine zu verbuchen hatten. In der Saison 1738/39 wurden in London keine Opern gegeben, und Veracini reiste nach Florenz. Seine Frau und sein Onkel waren bereits 1735 verstorben, seine Mutter starb etwa zur Zeit seiner Rückkunft. 1739 erschien eine Arie Veracinis in einer Gedichtesammlung in Florenz, die Margaret Walpole gewidmet war, die damals Florenz aus London besuchte. Ab 1741 hielt sich Veracini wieder in London auf, wo er eine weitere Oper, ein Oratorium und eine zweite Sammlung von Violinsonaten vorstellte. Die Konkurrenz zu Händel und Geminiani und die „wenig begeistert[e]“ Aufnahme seiner Sonate accademiche dürften ihn bewogen haben, sich von London abzuwenden. 1745 erlitt er Schiffbruch und verlor seine zwei berühmten Geigen von Jakob Stainer und die Niederschrift seiner Lehrschrift, die bereits für die Publikation bewilligt war. Die folgenden fünf Jahre liegen im Dunkeln.

Lebensabend in Florenz mini|Gedenktafel am Haus der Familie Veracini,John Walter Hill: Veracini in Italy. In: Music & Letters. Band 56, Nummer 3/4 (1975), S. 257–276, hier 266. via Palazzuolo 30, Florenz Veracini kehrte nach Florenz zurück. 1750 sind Auftritte dort und in Turin belegt. Ab dem Alter von 78 Jahren wurde er als maestro di cappella von San Gaetano angeführt, zwei Jahre darauf wurde er in derselben Funktion in San Pancrazio genannt. Vermutlich komponierte er in seinen letzten Jahren viel inzwischen verlorengegangene Kirchenmusik. Aus seinem Testament geht hervor, dass er in den letzten Lebensjahren auch unterrichtete. Er vermachte weniger als die Hälfte seines Vermögens seinen Verwandten, der Großteil ging an andere Familien und Personen.

Musik Der Charakter von Veracinis Werken ist oft energiegeladen. Die „Ablaufformen in harmonischer wie architektonischer Hinsicht“ werden in Frage gestellt, etwa die Ritornellform durch „Einsprengsel-Technik überdifferenziert“ beziehungsweise „verwässert“. Obwohl Veracini bereits zu Lebzeiten als Meister der Kantabilität galt, ist die melodische Gestaltung der schnellen Sätze in besonderem Maße durch Sequenzbildung bestimmt.