Das ISU-152 () war ein schweres sowjetisches Kettenfahrzeug mit einem Geschütz des Kalibers 152,4 mm (6 Zoll) als Primärwaffe. Die gepanzerte Selbstfahrlafette mit Zwölfzylinder-Dieselmotor wurde zur Zeit des Zweiten Weltkrieges entwickelt und von 1943 bis 1946 gebaut. Die Rote Armee setzte sie im Deutsch-Sowjetischen Krieg ab Januar 1944 ein. Die ISU-152 dienten als Panzerartillerie (Haubitze) zur Feuerunterstützung der Panzer und Infanterie sowie als Jagdpanzer gegen die schweren Panzer der Wehrmacht.
Die Bezeichnung ISU bedeutet „Samochodnaja Ustanowka (Selbstfahrlafette) auf dem Fahrgestell (Wanne mit Kettenlaufwerk) des IS-Panzers“ oder „IS-Ustanowka“ (für „Iossif Stalin“); das „I“ diente zur Unterscheidung von der SU-152-Selbstfahrlafette, die auf dem Fahrgestell des KW-1-Panzers basierte. Wie bei dieser steht die 152 für das Kaliber der Hauptwaffe.
Die Entwürfe für das ISU-152 im Konstruktionsbüro des Versuchsbetriebs Nr. 100 in Tscheljabinsk dauerten von Juni bis November des Jahres 1943. Nach Abnahme durch die Rote Armee am 6. November 1943 begann das Kirowwerk für Panzerproduktion in der Stadt Tscheljabinsk (, kurz TschKS, heute Tscheljabinski Traktorny Sawod – URALTRAK) im Dezember 1943 mit der Serienproduktion. Nach Ende der Leningrader Blockade im Januar 1944 und der Wiederherstellung der Anlagen stellte auch das Kirowwerk (Кировский Завод) in Leningrad (Leningradski Kirowski Sawod, LKS) ab 1945 die ISU-152 her. Beide Betriebe stellten 1946 die Serienproduktion ein.
Die ISU-152 erwiesen sich als zuverlässiges und kampfstarkes Muster der sowjetischen Selbstfahrartillerie mit einer langen Dienstzeit. Sie waren auch in der Sowjetarmee noch bis Mitte der 1970er-Jahre im Einsatz. Die Sowjetunion verkaufte oder lieferte unentgeltlich ISU-152 während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit an ihre Verbündeten Polen, Tschechoslowakei, Volksrepublik China und Ägypten. Einige Fahrzeuge nahmen am Koreakrieg und bewaffneten Konflikten in Nahost teil.
Geschichte Entwicklung Die Entwürfe im Konstruktionsbüro des Opytny Sawod No.100 (, Versuchsbetrieb Nr. 100) begannen im Juni 1943. Zu dieser Zeit war bereits klar, dass der schwere Panzer KW-1S in der Serienproduktion durch den neuen und kampfstärkeren IS-1-Panzer derselben Klasse ersetzt werden würde. Die Kritik an der Leistungsfähigkeit des KW-1 betraf die Bewaffnung, die die gleiche Effektivität wie die des günstiger herzustellenden mittleren Panzers T-34 hatte, sowie die unter den Bedingungen der Jahre 1942/43 für einen schweren Durchbruchspanzer unzureichend werdende Panzerung. Die Fahrgestelle des KW-1S wurden jedoch für die Fertigung der schweren SU-152-Sturmgeschütze genutzt und über ihre Notwendigkeit für die Rote Armee bestand anders als beim KW-1s-Panzer kein Zweifel. Die ausgezeichneten Gefechtseigenschaften des SU-152 – es war das einzige sowjetische gepanzerte Fahrzeug, das trotz einer Anzahl von schwerwiegenden Mängeln die neuen deutschen Panzer sowie Befestigungen und andere ungepanzerte Ziele effektiv bekämpfen konnte – stellte die Frage nach der Serienproduktion eines Nachfolgers auf dem neuen Fahrgestell des IS-1 anstatt dem des allmählich veraltenden KW-1S.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 270.
Der Leiter der Arbeiten war Josef Jakowlewitsch Kotin, einer der damals führenden sowjetischen Spezialisten in der Entwicklung schwerer Panzer. Seit 1940 wurden alle sowjetischen Serienkampffahrzeuge dieser Klasse unter seiner Führung entwickelt. G. N. Moskwin war Chefkonstrukteur des neuen Sturmgeschützes. Das Projekt wurde in seiner Anfangsphase als IS-152 bezeichnet. Der erste Prototyp wurde bereits im August 1943 gebaut, er stellte eine Übergangsvariante vom SU-152 zu dem neuen Fahrzeug dar, bei dem viele neue Details in der alten Panzerwanne verwendet wurden. Zusammen mit dem IS-1- und KW-85-Panzer wurde dieser Prototyp der höchsten sowjetischen Führung, einschließlich Josef Stalin, im August oder frühen September 1943 – die Historiker nennen verschiedene Daten – vorgeführt.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 271. Josef Stalin zeigte sich an dem neuen Fahrzeug interessiert und führte selbst ein Gespräch mit der Besatzung des Prototyps über die getroffenen Maßnahmen zur Behebung von Mängeln des Entwurfs.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 272.
Die Resolution Nr.4043ss des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR, herausgegeben am 4. September 1943, nahm das neue Sturmgeschütz für die Rote Armee an, die Details der Vorbereitung der Serienproduktion sowie einige Maßnahmen zur Vereinfachung dieses Prozesses wurden im Befehl Nr. 540 des Panzerindustrie-Volkskommissars vom 7. September 1943 abgehandelt.
Während der Tests zeigte der Übergangsprototyp auf Grund der hektischen Entwicklung jedoch einige Mängel und sein Preis war deutlich höher als geplant. Daher wurde die Serienproduktion des SU-152 im September 1943 fortgesetzt und alle Arbeiten wurden in diesem Monat auf den zweiten IS-152-Prototyp gelenkt. Dieses Fahrzeug, genannt „Objekt 241“, wurde im frühen Oktober gebaut. Die Werkerprobung und die späteren staatlichen Tests waren erfolgreich und die Kosten waren vergleichbar mit denen des SU-152.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 273.
Im Ergebnis wurde mit der Resolution vom 6. November 1943 durch das Staatliche Verteidigungskomitee das „Objekt 241“ unter der Bezeichnung ISU-152 für die Rote Armee angenommen und die Serienproduktion im TschKS angeordnet. Die erste Serie von 35 ISU-152 sollte noch bis zum 1. Januar 1944 fertig gebaut sein. Im Dezember 1943 wurden der neue ISU-152 und der alte SU-152 gleichzeitig auf der Fertigungsstraße des TschKS produziert; seit Januar 1944 baute der Betrieb nur noch ISU-152, die Serienproduktion seines Vorgängers wurde endgültig gestoppt.
Infolge der starken Auslastung des TschKS durch die Serienproduktion des IS-2 wurden die Panzerwannen des ISU-152 von der Uralski Sawod Tjashjologo Maschinostrojenija (USTM, , Ural-Fabrik des schweren Maschinenbaus) geliefert. Dieser Betrieb war ein Zentrum des sowjetischen Selbstfahrartillerie-Fahrzeugbaus und fertigte neben den ISU-152-Panzerwannen mittlere Sturmgeschütze und Jagdpanzer wie die SU-122, SU-85 und SU-100.Igor G. Scheltow u. a.: Die IS-Panzer. S. 47.
Serienproduktion Von November 1943 bis Dezember 1945 bauten das TschKS und das LKS 2574 ISU-152-Sturmgeschütze (davon bis Mai 1945 1885 Fahrzeuge). Die Produktionszahlen werden in der folgenden Tabelle aufgezeigt:Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 378.Michail B. Barjatinski: „Die Großwildjäger“. Die Tigertöter. S. 55.
Serienproduktion des ISU-152 von 1943 bis 1947 Hersteller 1943 1944 1945 1946–1947 Gesamt TschKS, Tscheljabinsk 35 1340 1099 – 2474 LKS, Leningrad – – 100 216 316 Insgesamt 35 1340 1199 216 2790
Die Serienproduktion wurde im Jahr 1946 beendet (einige Quellen geben das Jahr 1947 als Endzeitpunkt der Fertigung an), insgesamt 2790 Fahrzeuge dieses Typs wurden produziert. Lizenzen für die Produktion des ISU-152 in anderen Staaten wurden nicht verkauft.
Die Zahl der gefertigten Panzerwannen des ISU-152 stieg Anfang 1944 so schnell, dass das Werk Nr. 172, der einzige Hersteller der ML-20S-Kanonenhaubitzen, nicht alle mit ihrer Hauptbewaffnung ausrüsten konnte, obwohl das Produktionsvolumen der ML-20-Feldgeschütze bereits mehrmals zugunsten der ML-20S-Variante verringert wurde (1809 Stück 1942, 1002 im Jahr 1943 und nur 275 1944).Широкорад А. Б. Энциклопедия отечественной артиллерии. — Мн.: Харвест, 2000. — 1156 с. (russisch u. in kyrill. Schrift; dt.: A. B. Schirokorad: Enzyklopädie der russischen Artillerie. Harvest, Minsk 2000, ISBN 985-433-703-0) Infolge des Mangels an ML-20S-Kanonenhaubitzen begann im April 1944 die Serienproduktion eines neuen Sturmgeschützes mit anderer Hauptwaffe, dem ISU-122. Dieses Fahrzeug unterschied sich vom ISU-152 nur in der Bewaffnung, anstatt der ML-20S-Kanonenhaubitze wurde im Aufbau die A-19S-Kanone im Kaliber 121,92 mm zusammen mit einem neuen Visierfernrohr und Munitionshalterungen für 30 Geschosse installiert.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 326. Es gab keine Probleme mit der Lieferung dieser Hauptwaffe, sie war schon im Jahr 1943 zahlreich in Rüstungslagern vorhanden und wurde ausreichend produziert. Dank der höheren Panzerdurchschlagskraft und geringeren Sprengkraft der 122-mm-Geschosse im Vergleich mit der 152-mm-Munition wurde die ISU-122 bevorzugt als Jagdpanzer eingesetzt, aber sie konnten auch erfolgreich als Sturmgeschütze verwandt werden.
Unterstellung Die ISU-152-Sturmgeschütze mitsamt ihren SU-152-Vorgänger- und ISU-122-Schwestermodellen wurden in den selbstständigen schweren Selbstfahr-Artillerieregimentern (, OTSAP) eingesetzt. 56 dieser Einheiten wurden von Mai 1943 bis 1945 neu aufgestellt,Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 334. alle wurden sofort nach der Aufstellung zur Garde gerechnet. Das erste mit ISU-152 bewaffnete OTSAP wurde im Dezember 1943 neu aufgestellt und hatte seinen ersten Kampfeinsatz im Januar 1944. Ursprünglich zählte ein OTSAP zwölf SU-152-Sturmgeschütze sowie einen weiteren schweren KW-1s-Panzerbefehlswagen, nach der Entwicklung des ISU-152 wurde jedoch der neue Aufstellungsplan Nr.010/461 für die Regimenter übernommen.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 282.
Jedes OTSAP führte dann vier Batterien mit je fünf ISU-152 sowie ein weiteres Selbstfahrgeschütz für den Regimentskommandeur, insgesamt somit 21 Sturmgeschütze. Der Regimentskommandeur war gewöhnlich Oberst oder Oberstleutnant, die Batteriekommandeure waren Hauptleute oder Oberleutnante. Kommandanten der Linienfahrzeuge waren im Regelfall Leutnant oder Unterleutnant, die anderen Besatzungsmitglieder waren Sergeanten (gewöhnlich Richtschütze und Fahrer) oder gemeine Soldaten. Neben den vier Batterien hatte der Regimentskommandeur mehrere andere Untereinheiten zur Verfügung:Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 283.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 376.
Regimentsstab mit Führungszug (das ISU-152 des Regimentskommandeurs gehörte zu letzterem, dieser Zug konnte einen Geländewagen oder ein Kraftrad für die Aufklärung und Nachrichtenverbindung haben); MPi-Schützenkompanie rückwärtige Dienste: Regiments-Krankenstube, Versorgungseinheit, Pionierzug, Instandsetzungszug, Transportzug mit einigen LKW für die Versorgung, Munitionszug.
Ein Regiment konnte manchmal ISU-152- und ISU-122-Sturmgeschütze gleichzeitig einsetzen, aber die Kommandeure versuchten diese Situation zur Vereinfachung der Munitionsversorgung zu vermeiden.Seite «The Russian Battlefield» (russ.) Die einzige schwere Selbstfahr-Artilleriebrigade, die 66. schwere Newelskaja Selbstfahr-Artilleriebrigade, hatte keine ISU-152 in ihrem Bestand (sie wurde mit ISU-122 und SU-76 bewaffnet); so waren die OTSAP die einzigen Einheiten, die offiziell ISU-152-Sturmgeschütze als Hauptbewaffnung nutzten.