Das Lahn-Dill-Gebiet ist ein Wirtschaftsraum in Hessen, der durch Bergbau und Industrie geprägt wurde. Geografisch lässt sich dieser Raum nur unscharf abgrenzen.

Die Bezeichnung entstand als die Region an der Dill und der oberen und mittleren Lahn noch eines der wichtigsten Erzreviere und einer der bedeutendsten Standorte der eisenerzeugenden und -verarbeitenden Industrie des Deutschen Reiches war. In den 1870er Jahren fand sich die größte Gewerbedichte im Lahn-Dill-Gebiet. Das Gebiet mit seinen reichen und günstig zu erschließenden Eisenerzvorkommen wurde daher zu Recht als „Hessisches Eisenland“ bezeichnet. Der Zeitraum der Eisenerzeugung reicht von der Latènezeit über das frühe Mittelalter bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die ehemalige Eisengießereiregion an Lahn und Dill hat sich zum bedeutenden europäischen Standort des Formenbaus und Werkzeugbaus, des technischen Modell- und Spezialmaschinenbaus sowie der Kunststoffverarbeitung entwickelt.Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill. In: Jahrbuch 2016 des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Hrsg. Kreisausschuss des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Wetzlar 2016, ISBN 978-3-9811350-8-4, S. 43.

Geografische Lage Das Lahn-Dill-Gebiet liegt im Osten des Rheinischen Schiefergebirge an der Grenze zum Hessischen Bergland. Es erstreckt sich über den gesamten oberen und mittleren Lauf der Lahn und der Dill (Fluss) bis weit in ihre Seiten- und Nebentäler. Als Orientierung für die Abgrenzung des Lahn-Dill-Gebiets kann die Fläche innerhalb und knapp außerhalb eines gedachten Polygons mit folgenden Eckpunkten gelten: Dillquelle, oberes Dietzhölzetal, Bad Laasphe, Biedenkopf, Buchenau, Gladenbach, Lollar, Gießen, Wetzlar, Braunfels, Weilburg, Breitscheid und Haiger.

Politische Zugehörigkeit Das Lahn-Dill-Gebiet liegt in Hessen im Regierungsbezirk Gießen (Neugründung 1981) in Mittelhessen. Das Gebiet gehörte politisch seit 1867 nach der Annexion des Kurfürstentums Hessen-Kassel, des Herzogtums Nassau und des damals zum Großherzogtum Hessen gehörenden Landkreises Biedenkopf, das Hessische Hinterland, durch das „Königreich Preußen“ zum Königreich Preußen, und zwar zur neu geschaffenen preußischen Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden. Zum „Regierungsbezirk Wiesbaden“ gehörte das Gebiet auch nach der Neugründung Hessens (1945) bis 1981.

Geologie mini|Geologie des Lahn-Dill-Gebiets, Karte von „Dillmulde“, Hörre-Zone und „Lahnmulde“ mit angrenzenden Gebieten Das Lahn-Dill-Gebiet gehört geologisch gesehen zum sogenannten „Hessischen Synklinorium“, das einen geologisch komplizierten Aufbau aufweist. Das Hessische Synklinorium liegt im Osten und Südosten des Rheinischen Schiefergebirges und wird geologisch untergliedert in die „Dillmulde“, die „Lahnmulde“ und die markante Struktur der Hörre-Zone, welche die Dillmulde und die Lahnmulde trennt. Im Osten hat die Gießener Decke Anteil am Lahn-Dill-Gebiet. Der Vulkanismus im Tertiär prägte mit der Entstehung des Westerwalds das heutige Landschaftsbild.

Die drei großen geologischen Baueinheiten, die Dillmulde, die Hörre-Zone und die Lahnmulde, sind durch weitreichende Störungen voneinander getrennt. Die Hörre-Nordrand-Überschiebung grenzt Dillmulde und Hörre gegeneinander ab, die Weidbacher Überschiebung der Hörre gegenüber der Lahnmulde. Über lange Zeiträume durchliefen Dill- und Lahnmulde einerseits sowie Hörre andererseits verschiedene Sedimentationsentwicklungen, was sich in der faziellen Ausbildung dokumentiert. Eine ortsfremde Entstehung der gesamten Hörre und die Überschiebung als tektonische Decke über mehrere Zehner Kilometer auf die Dill- und Lahnmulde wird diskutiert.Peter Bender, Hans-Joachim Lippert, Heinz-Dieter Nestor: Erläuterungen zur Geologischen Karte von Hessen 1:25000, Blatt Nr. 5216 Oberscheld. 2., neu bearbeitete Auflage. Hessisches Landesamt für Bodenforschung, Wiesbaden 1997, ISBN 3-89531-061-1.

Entstanden ist das Synklinorium durch Faltung und Überschiebung im Paläozoikum mit den dabei verursachten vielfältigen Untergliederungen durch Hebungen, Bruchlinien und Verwerfungen.

Ungewöhnliche Vielfalt an mineralischen Rohstoffen und Erzen infolge des „Synklinorium“

Aufgrund der geologischen Geschichte und des Vorkommens zahlreicher Störungszonen hat das Lahn-Dill-Gebiet eine ungewöhnliche Vielfalt an Erzen und mineralischen Rohstoffen zu bieten. Nicht nur Eisenerz wurde gefunden und gefördert, sondern auch Kupfer-, Silber-, Blei-, Zink-, Mangan-, Nickelerz und Quecksilber sowie die mineralischen Rohstoffe Schwerspat, Kalk, Diabas und Dachschiefer. Südlich von Katzenbach (östl. v. Biedenkopf) suchte man nach Gold.

Minerale und Gesteine Schwerspat/Baryt In der Dillmulde, an der Grenze zur Hörre wurden jahrzehntelang bedeutende Schwerspatvorkommen abgebaut. Bereits 1838 hatte man in Bergwerken bei Hartenrod Schwerspat entdeckt, konnte aber zunächst nichts damit anfangen. Erst 1884 nahm die Grube „Bismarck“ bei Hartenrod die gezielte Förderung von Kupfer und Schwerspat auf. Die Grube blieb bis 1957 in Betrieb. Sie war eines der bedeutendsten Schwerspatvorkommen in Deutschland. In der angeschlossenen Spatmühle wurde auch der Spat aus der benachbarten Grube „Koppe“ (im Schelderwald), die über eine Seilbahn mit dem Werk verbunden war, verarbeitet. Das Vorkommen in Hartenrod war einst eines der bedeutendsten in Deutschland und beschäftigte zeitweise bis zu 180 Mitarbeiter. Schwerspat wurde auch in Gruben bei Dernbach, Bottenhorn, Silberg, Oberndorf und Burg abgebaut.

Kalk Kalk ist ein Grund-Zuschlagsstoff für die Eisenerzeugung. Ferner bildet Kalk den Hauptbestandteil für Zement. Ausreichend große Kalkvorkommen lagen in unmittelbarer Nähe der Hochöfen, z. B. der Sophienhütte (Wetzlar) in den benachbarten Gemarkungen Hermannstein, Niedergirmes und Dalheim sowie in Albshausen, Burgsolms und Rodheim-Bieber. Das Vorkommen bei Hermannstein zeichnet sich durch sehr hohe Reinheit (98 % CaCO3) des dortigen Massekalkes besonders aus. Mit dem Abfallprodukt Hochofenschlacke und dem reichlich vorhandenen Kalk wurde am 28. August 1899 im Werk Sophienhütte in Wetzlar mit der Produktion von Eisenportland/Hochofenzement begonnen. Von 17.000 t/a im Jahre 1900 konnte die Produktion auf ca. 1 Mio. t/a gesteigert werden.

Kalkstein wurde außerdem bei Medenbach, Erdbach und Buchenau als Zuschlag für Hochöfen, Stahlwerke und Eisengießereien gewonnen. Weitere kleinere Kalklagerstätten gab es im Verlauf der Hörre bei Bicken (Knotenkalk), Ballersbach, Bischoffen, Oberweidbach, Rüchenbach und Weitershausen.

Der Kalkstein der gering mächtigen Vorkommen wurde meist vor Ort gebrannt und vorwiegend vom Bauhandwerk der Umgebung als Baukalk verwendet.

Dachschiefer Eine über 600-jährige Tradition hat der Dachschieferbergbau. 1317 wird erstmals von einer „Schieferkaute“ bei Gladenbach berichtet. Damit wurden zunächst vorwiegend landgräfliche Bauwerke, wie das Schloss in Marburg, und Bürgerhäuser bedacht. Bis 1926 wurde Gladenbacher Dachschiefer im Tage- und Tiefbau abgebaut.

Im ehemaligen Krs. Biedenkopf gab es weitere Schiefergruben bei Kleingladenbach, südlich Oberweidbach, zwischen Günterod und Hartenrod, Oberhörlen, Simmersbach, Oberdieten und Wallau.

Schieferbergwerke im ehem. Dillkreis lagen bei Langenaubach, Haiger, Sechshelden, Bicken und Frohnhausen. In einer Grube bei Sinn wurde von 1617 bis 1870 Schiefer abgebaut und bei Wissenbach von 1767 bis 1987.

Diabas mini|Der große 1996 stillgelegte Diabas-Steinbruch „Kuhwald“ bei Gladenbach-Rachelshausen, Landkreis Marburg-Biedenkopf Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden an vielen Stellen Steinbrüche eröffnet, die Diabas abbauten. Besonders gefragt war die hier vorkommende Varietät „Paläopikrit“, die wegen ihrer dunkelgrünen Farbe „Grünstein“ genannt wurde. Grünstein besteht hauptsächlich aus den Mineralien Olivin und Augit.

Schwerpunkte des Abbaus lagen bzw. liegen zwischen Oberdieten und Achenbach (Breidenbach), Kleingladenbach, Buchenau (Dautphetal), bei Hirzenhain und Lixfeld, Hommertshausen, Bottenhorn / Frechenhausen, Steinperf, Holzhausen (Dautphetal), Rachelshausen,Stefan Debus: Der Steinbruch Kuhwald Rachelshausen, Hrsg. Festausschuß 675 Jahre Rachelshausen. Bad Endbach, Oktober 2017, 301 S., zahlreiche Fotos Dernbach, Wommelshausen, Hartenrod, Oberscheld und Herborn. 1952 waren in 50 Betrieben ca. 650 Mitarbeiter beschäftigt. Es wurden Werksteine, Grabsteine, Pflastersteine, Splitt (für Beton), Schotter (für die Bahn und den Straßenbau) sowie Fußbodenplatten und Fassadenverkleidungen (in Steinsägewerken) hergestellt. In Betrieb sind noch die Steinbrüche in Hirzenhain, Steinperf, Obereisenhausen und der Bruch „Hahnkopf“ zwischen Hartenrod und Wommelshausen.

Die Steinbrüche haben tiefe Narben in der Landschaft hinterlassen und sie partiell stark verändert.

Bergbau, geschichtlicher Rückblick Das obere Dilltal, die Seitentäler der Dill, das Gebiet westlich der Dillmündung, der Raum Wetzlar, der Dünsberg sowie das nordwestlich benachbarte Siegerland waren bereits zur Latènezeit Zentren der Eisengewinnung und -verarbeitung. Es wurde Raseneisenstein, Roteisenstein und Brauneisenstein verhüttet. Durch Bodenfunde ist überliefert, dass die Kelten hier neben Eisen- auch Kupfer- und Silbererze in diesem Raum abbauten und vor Ort verhütteten.

„Eisenrevier Wetzlar“ mit 2500-jähriger Tradition Bei Wetzlar-Dalheim gelang ein durch Ausgrabungen belegter lückenloser Produktionsnachweis vom 4./5. Jahrhundert v. Chr. über die Römerzeit und das Frühmittelalter bis ins Hochmittelalter. Der Fundort zeigt sich als „größte und besterhaltenen Anlage zur Eisenproduktion aus dieser Zeit in Deutschland“.Andreas Schäfer: Archäologie in Deutschland. Friedrich-Schiller-Universität Jena, Nr. 1/2007, S. 7–11. Das Eisenrevier um Wetzlar kann somit auf eine 2500-jährige Tradition zurückblicken.„Frühes Eisen im Mittelgebirgsraum“: Die Eisenproduktion an der mittleren Lahn von der Latènezeit bis ins Mittelalter. In: uni-bamberg.de, 27. Oktober 2016, abgerufen am 30. Mai 2017.

Erzgruben In Hesselbach wurde im Jahre 802 gemäß einer Urkunde des Klosters Lorsch Blei-Erz gefördert. 870 wird im Lorscher Codex die Eisenerzgrube „Juno“ bei Wetzlar/Nauborn erwähnt. Eine Eisenschmelze, vermutlich zum Gärben und Frischen des aufgekohlten Roheisens, bestand um 900 in Frohnhausen bei Dillenburg. Um 1277 ist Wetzlar bereits ein Zentrum der Eisenverarbeitung und des Eisenhandels.

Sogar bis ins Erzgebirge und in den Harz verschlug es hessische Bergleute. In Goslar steht noch heute die Frankenberger Kirche, die Kirche der hessischen und nassauischen Bergleute und ihrer Nachkommen.

Rennöfen In der Nähe von Rittershausen (Dietzhölztal) wurde ein Rennofen aus dieser Zeit ausgegraben. Die zugehörige Keltensiedlung unterliegt inzwischen der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten.Dill-Zeitung, 8. Juni 2011.

Bei Wallau und Oberndorf wurden Reste von Rennöfen aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. Ch. entdeckt. Weitere Rennöfen fanden sich bei Fellerdilln, Roth, Lixfeld, Ballersbach, (Mittenaar), Niederweidbach, Roßbach (Bischoffen) und am Dünsberg.

Erzbergbau Im Verlauf der Zeit wurden im Lahn-Dill-Gebiet weit über 2000 bergrechtliche Konzessionen (Erzabbau und Mineralien) erteilt, die jedoch nicht alle genutzt wurden.

Zum Beispiel gab es im Laufe der Zeit alleine im Hessischen Hinterland:Karl Huth: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Landkreises Biedenkopf, 1800–1866. Hrsg. Kreisausschuß des Landkreises Biedenkopf. Wetzlarer Verlagsdruckerei, Wetzlar 1962. Seite 72 ff. 41 Bleierzgruben 1 Braunkohlengrube 297 Eisensteingruben 88 Kupfererzgruben 55 Manganerzgruben 47 Nickelerzgruben 1 Quecksilbergrube 6 Silbergruben 18 Schwefelerzgruben 2 Zinkgruben Das sind insgesamt 556 Erzgruben.