Darja „Dascha“ Uladsimirauna Domratschawa (, /Darja Wladimirowna Domratschewa, engl. Transkription Darya Domracheva; * 3. August 1986 in Minsk) ist eine ehemalige belarussische Biathletin. Sie gewann 2014 und 2018 insgesamt vier olympische Goldmedaillen und gehört damit zu den historisch erfolgreichsten Vertreterinnen ihrer Sportart. 2014/15 belegte sie den ersten Platz im Gesamtweltcup.
Domratschawa wuchs in Sibirien auf und trat im Nachwuchsbereich zunächst für Russland an. 2004 kehrte sie in ihr Geburtsland Belarus zurück, für das sie fortan international startete. 2006 debütierte sie im Biathlon-Weltcup. Ihre ersten Weltcupsiege feierte sie im März 2010. Insgesamt entschied Domratschawa bis zum Ende ihrer Laufbahn 2018 in der Wettkampfserie 31 Rennen für sich. Im Winter 2011/12 verpasste sie den Gesamtsieg als Zweite mit knappem Rückstand auf Magdalena Neuner. Drei Jahre später siegte sie in der Weltcup-Gesamtwertung vor Kaisa Mäkäräinen. Domratschawa nahm an drei Olympischen Winterspielen teil: 2010 in Vancouver gewann sie die Bronzemedaille im Einzelrennen; 2014 in Sotschi wurde sie dreifache Olympiasiegerin in der Verfolgung, im Einzel sowie im Massenstart; 2018 in Pyeongchang siegte sie bei ihrem letzten olympischen Auftritt mit der Staffel und gewann eine weitere Silbermedaille im Massenstart. Außerdem errang sie 2012 und 2013 insgesamt zwei Weltmeistertitel.
Seit Juli 2016 ist Domratschawa mit dem achtfachen Olympiasieger Ole Einar Bjørndalen verheiratet. Nach dem gemeinsamen Karriereende 2018 trainierte das Paar von 2019 bis 2022 das chinesische Biathlonteam in der Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Während ihrer aktiven Laufbahn genoss Domratschawa große Popularität in Belarus. Nach ihren olympischen Erfolgen 2014 erhielt sie als erste Frau und elfte Person insgesamt die Auszeichnung Held von Belarus.
Werdegang Kindheit und Jugend in Russland (bis 2003) Darja Domratschawa wurde 1986 als Tochter eines Architektenpaares in Minsk, der Hauptstadt der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, geboren. Sie hat einen vier Jahre älteren Bruder.Grigori Trofimenkow: Проектировал дом для сестры, которую в детстве носил на руках. Чем известен Никита Домрачев? auf pressball.by. 12. Oktober 2020. Abgerufen am 7. Mai 2023. „Дарья появилась на свет через четыре года — такова их разница в возрасте со старшим братом.“ 1990 zog die Familie in die westsibirische Oblast Tjumen. Domratschawas Eltern fanden Arbeit in der Stadt Njagan, die dank der Erdölförderung einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte.Smiter Pankowez: Почему Домрачева выбрала Беларусь, а не Россию, в чем секрет ее побед и как удалось построить семью с легендой auf nashaniva.com. 21. März 2018. Abgerufen am 7. Mai 2023. Im Alter von sechs Jahren begleitete Domratschawa ihren Bruder zum Skilanglauftraining. Sie wurde jüngstes Mitglied der Trainingsgruppe und erfuhr besondere Förderung durch ihren ersten Skitrainer Andrei Doroschenko,Juri Michalewitsch: auf sport.tut.by. 24. März 2015. der sie in den folgenden fünfeinhalb Jahren betreute. Doroschenko erinnerte sich später an Domratschawa als lernwillige Schülerin, die sich vor allem durch ihre Intelligenz ausgezeichnet habe: Sie habe bei ihm keine Trainingseinheit verpasst und Hinweise zur Verbesserung ihrer Skitechnik innerhalb kurzer Zeit umgesetzt. Nach wenigen Jahren war sie gemäß Doroschenkos Erinnerung auf der Strecke schneller als die Jungen in ihrem Alter.Juri Michalewitsch: auf sport.tut.by. 24. März 2015.
Zum Biathlon wechselte Domratschawa mit zwölf Jahren. Ihr Interesse an der Sportart erklärte sie später damit, dass sie unberechenbarer als Skilanglauf sei, weil neben der körperlichen Verfassung auch andere Faktoren eine Rolle spielten. Biathlon erfordere es, mehr nachzudenken und zu analysieren.Большое интервью Дарьи Домрачевой российским СМИ auf pressball.by. 19. Oktober 2014. Abgerufen am 7. Mai 2023. Unter der Anleitung von Albert Musin trainierte Domratschawa zunächst an der 1998 eröffneten Biathlon-Schule in Njagan, ehe sie 2001 in das Nachwuchsteam des Autonomen Kreises der Chanten und Mansen in Chanty-Mansijsk aufgenommen wurde. Zwei Jahre später gewann sie mit der russischen Mixed-Staffel die Silbermedaille beim Europäischen Olympischen Winter-Jugendfestival im slowenischen Bled. auf eyowf2011.cz. Abgerufen am 7. Mai 2023. In dieser Zeit war Domratschawa gut mit der gleichaltrigen späteren russischen Spitzenbiathletin Swetlana Slepzowa befreundet,Дарья Домрачева: «Раньше на сборах со Слепцовой изображали хип-хоп» auf sports.ru. 2. April 2009. Abgerufen am 7. Mai 2023. auch zu Anton Schipulin hatte sie engen Kontakt.Swetlana Assejewa: «Сестра» Шипулина, сообщница Слепцовой. По Домрачевой будут скучать auf sportbox.ru. 28. Juni 2018. Abgerufen am 7. Mai 2023. Noch Jahre später erfuhr sie bei Wettkämpfen in Russland große Unterstützung durch die heimischen Fans.Claus Dieterle: Vorfahrt für die falschen Russinnen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Februar 2014, S. 27. Abgerufen am 7. Mai 2023 via F.A.Z.-Bibliotheksportal.
2002 begann Domratschawa ein Sportmanagement-Studium an der Universität Tjumen.Tom Klein: auf biathlonworld3.de. 22. Januar 2009. Später studierte sie parallel zu ihrer sportlichen Laufbahn in Minsk an der Belarussischen staatlichen Wirtschaftsuniversität: 2009 erlangte sie dort einen Abschluss in Tourismusmanagement, 2015 einen weiteren in Handelsrecht.Profil von Darja Domratschawa auf belarus.by. Abgerufen am 7. Mai 2023.
Erste internationale Erfolge für Belarus (2004 bis 2008) Während ihrer Kindheit und Jugend in Russland hatte Domratschawa durchgängig familiäre Beziehungen nach Belarus. Ihre Sommerferien verbrachten sie und ihr Bruder regelmäßig bei ihren Großeltern mütterlicherseits in Minsk.Juri Michalewitsch: auf sport.tut.by. 6. August 2015. In späteren Interviews sagte Domratschawa, sie habe den Aufenthalt in Sibirien immer nur als vorübergehend betrachtet. Ihre Heimat habe sie stets in Belarus gesehen.Jelena Waizechowskaja: Дарья Домрачева: "Всегда знала, что, когда вырасту, буду выступать именно за Беларусь" auf sport-express.ru. 11. April 2012. Abgerufen am 7. Mai 2023. 2004 zog Domratschawa mit 17 Jahren von Njagan in ihre Geburtsstadt Minsk zurück. Gemäß ihrer Darstellung war der belarussische Frauen-Cheftrainer Nikolai Sacharow nach ihren Erfolgen im Juniorenbereich auf sie aufmerksam geworden und hatte ihr das Angebot unterbreitet, gemeinsam mit dem Nationalkader um die erfahrenen Athletinnen Alena Subrylawa und Wolha Nasarawa zu trainieren. Gleichzeitig mit Domratschawa stieß auch die in etwa gleichaltrige Nadseja Skardsina zum Team,Tatjana Pastuschenko: Дарья Домрачева — о прошлом, настоящем и будущем auf sb.by. 25. Juli 2020. Abgerufen am 7. Mai 2023. die in späteren Jahren zum festen Bestandteil belarussischer Staffeln wurde.
Anfang 2005 trat Domratschawa zum ersten Mal auf internationaler Ebene für Belarus an. Sie gewann im März zwei Goldmedaillen in Sprint und Verfolgung bei den Jugendweltmeisterschaften in Kontiolahti. Als Juniorin gewann sie 2006 in Presque Isle mit Bronze in der Verfolgung (beim Sieg Magdalena Neuners) sowie 2007 in Martell mit Silber in Sprint und Verfolgung (jeweils hinter ihrer früheren Teamgefährtin Swetlana Slepzowa) weitere WM-Medaillen. Domratschawa debütierte im Dezember 2006 im Biathlon-Weltcup, wo sie bei ihrem ersten Auftritt einen 16. Rang im Sprint von Östersund erreichte. Im weiteren Verlauf der Saison 2006/07 platzierte sie sich in sechs Weltcupeinzelrennen unter den ersten Zehn. Zudem errang sie zwei Titel – im Sprint und mit der Staffel – bei den schwächer besetzten Europameisterschaften im bulgarischen Bansko und triumphierte im Sprint bei der Winter-Universiade 2007 in Turin.Organising Committee of the Winter Universiade Torino 2007: auf fisu.net. Abgerufen am 8. Mai 2023. Ihre erste Medaille bei Weltmeisterschaften gewann Domratschawa 2008 in Östersund an der Seite von Ljudmila Kalintschyk, Rustam Waliullin sowie Sjarhej Nowikau mit der belarussischen Mixed-Staffel, die auf dem zweiten Platz hinter dem deutschen Quartett ins Ziel kam.
Aufstieg in die Weltspitze (2008 bis 2013) Vor der Saison 2008/09 wurde Klaus Siebert Teil des belarussischen Trainerteams. Domratschawa bezeichnete Siebert in den folgenden Jahren als Vaterfigur, Beobachter sprachen ihm einen großen Anteil an ihrem Aufstieg in die Weltspitze zu.Benedikt Treuer: Liebling des Autokraten auf spox.com. 10. März 2015. Abgerufen am 7. Mai 2023. Unter Sieberts Anleitung verbesserten sich insbesondere Domratschawas Schießleistungen: Ihre Trefferquoten erhöhten sich von Werten zwischen 76 und 78 Prozent auf zwischenzeitlich 85 Prozent.Wadim Knyrko: auf by.tribuna.com. 26. April 2016. Abgerufen am 7. Mai 2023. Auf der Strecke gehörte sie in den Jahren ab 2008 stets zu den fünf schnellsten Sportlerinnen im Weltcup. Mit diesen Leistungen stieg Domratschawa zu den weltweit führenden Biathletinnen auf. Im Januar 2009 stand sie als Dritte des Sprints von Ruhpolding zum ersten Mal in einem Weltcup-Einzelrennen auf dem Podium. Gut ein Jahr später gewann sie bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver die Bronzemedaille im 15-Kilometer-Rennen mit einem Schießfehler und einer knappen halben Minute Rückstand auf die Siegerin Tora Berger. Ihre ersten Weltcupsiege feierte Domratschawa am 13. und 14. März 2010 bei den Sprint- und Verfolgungswettkämpfen in Kontiolahti. In der Saison 2010/11 entschied sie die Weltcupwertung im Massenstart für sich. Zuvor hatte sie in dieser Disziplin die Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften 2011 gewonnen, fünf Sekunden hinter der Siegerin Magdalena Neuner.
Im Winter 2011/12 konkurrierten Domratschawa und Neuner um den Sieg im Gesamtweltcup. Neuner entschied 10 der 26 Saisonrennen für sich, Domratschawa siegte in sechs Wettkämpfen und hatte am Saisonende im Klassement 28 Punkte Rückstand auf ihre Kontrahentin (1188 gegenüber 1216 Punkte). Bei den Weltmeisterschaften 2012 in Ruhpolding triumphierte Neuner im Sprint vor Domratschawa, in der Verfolgung drehte sich das Ergebnis um. Über die Saison gesehen war Domratschawa im Vergleich mit Neuner auf der Strecke die schnellere Läuferin und hatte eine ähnliche Trefferquote, verlor aber durch langsamere Schießeinlagen pro Schießen im Schnitt fünf Sekunden auf die Deutsche.Christoph Nister: Darya Domracheva: Neuners ebenbürtige Rivalin auf laola1.at. 7. März 2012. Abgerufen am 7. Mai 2023. Das Verhältnis der beiden Athletinnen galt als ausgesprochen respektvoll. Domratschawa erklärte im März 2012 ihr Bedauern über Neuners frühes Karriereende, weil sie gerne noch länger gegen sie angetreten wäre.Carsten Eberts: "Ich war für ein paar Sekunden nervös" auf sueddeutsche.de. 4. März 2012. Abgerufen am 7. Mai 2023. Nach Neuners Rücktritt wurde Domratschawa für die Saison 2012/13 als Favoritin gehandelt, blieb aber als erneut Zweitplatzierte der Weltcup-Gesamtwertung wegen der schwächeren Schießleistung klar hinter Tora Berger zurück. Bei den Weltmeisterschaften 2013 in Nové Město na Moravě verpasste sie in den ersten drei Einzelwettkämpfen Top-20-Ergebnisse, siegte aber im abschließenden Massenstart vor Berger und gewann damit ihren zweiten Weltmeistertitel.
Olympiasiege in Sotschi und Pyeongchang und Triumph im Gesamtweltcup (2014 bis 2018)