Ruth Kommerell (* 9. Mai 1923 in Stuttgart; † 1. September 1986 in Ost-Berlin) war eine deutsche Schauspielerin, Synchron- und Hörspielsprecherin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihr langjähriges Engagement am Maxim Gorki Theater und ihre Mitwirkung in über 130 Film- und Fernsehproduktionen der DEFA und des Deutschen Fernsehfunks (DFF).
Leben Herkunft und Ausbildung Ruth Kommerell war das vierte von fünf Kindern des Stuttgarter Arztes für innere Medizin Ernst Kommerell (* 1885) und dessen katholischer Frau, Blanche geb. Forster (* 1884), einer Tochter des Wiener Rittmeisters Alfred Forster und Josefine Michaela Maria de las Mercedes Gonzales de Larrinaga. Ihr jüngerer Brüder war der Mediziner Burkhard Kommerell (1927–1995). Ihr Großvater war der Arzt Eugen Kommerell (1854–1936); ihr Onkel war der Literaturhistoriker Max Kommerell (1902–1944).Otto Kommerell: Familienchronik Kommerell. Stammtafel mit 79 Bildern und 15 Tafeln aufgestellt in der Zeit von 1915–1942, Frankfurt a. M. : Kramer 1943, S. 182. Kommerell besuchte in ihrer Geburtsstadt Stuttgart die Schule, die sie mit dem Abitur bestand. Bereits in ihrer Kindheit und Jugend erweckte ihr Interesse am Schauspiel. Anfangs stotterte sie jedoch und konnte zudem keinen Satz auswendig behalten. Nach ihrem Abitur nahm sie Schauspielunterricht bei Emmy Remolt-Jessen.
Theater 1940 war Kommerell im Alter von 16 Jahren als Elevin am Stadttheater Heilbronn, nachdem sie dort 24 Hauptrollen eingesprochen hatte. Bis 1944 war sie in Heilbronn engagiert, von 1945 bis 1947 wirkte sie in Tübingen, von 1947 bis 1948 in Bielefeld und von 1948 bis 1952 in Halle/Saale. Als Theaterschauspielerin interpretierte Kommerell ein breites Repertoire, das Stücke von William Shakespeare, die deutschen Autoren der Klassik und Romantik, das Theater der Jahrhundertwende, aber auch Stücke der Moderne und des zeitgenössischen Theaters umfasste. Auf der Bühne zeigte sie eine „kontinuierliche Aneignung psychologisch komplexer Frauencharaktere“. Am Maxim-Gorki-Theater machte sie 1951 nachhaltig auf sich aufmerksam, als sie unter der Regie von Antony von Steinkeller die Arlette Duval in Victor Clements Revolutionsdrama Die Marseillaise verkörperte. Dieser Erfolg ebnete ihr den Weg in die geteilte Hauptstadt, wo sie ab 1952 zu den prägenden Gründungsmitgliedern des Berliner Maxim-Gorki-Theaters zählte. In den Folgejahren arbeitete Kommerell am Gorki-Theater intensiv mit dem Intendanten und Regisseur Maxim Vallentin zusammen, der ihren expressiven Realismus gezielt förderte. Bereits im Eröffnungsjahr 1952 stand sie als Erzieherin in der viel beachteten Adaption von Anton Makarenkos Der Weg ins Leben auf der Bühne, einer Gemeinschaftsinszenierung von Werner Schulz-Wittan und Achim Hübner. Vallentin selbst besetzte sie kurz darauf in zentralen Gegenwarts- und Gesellschaftsstücken. So spielte sie 1953 die Sofia Romanowna in Anatolij Surows Das grüne Signal und im selben Jahr die Barbara Hilton in Julius Hays zeitgenössischem Drama Energie, das von Otto Lang in Szene gesetzt wurde. 1954 überzeugte sie als Tschugunowa in Maxim Gorkis Dostigajew und andere unter Vallentins Leitung, bevor sie 1955 unter Hans-Robert Bortfeldt in Alexander Ostrowskis Der schöne Mann die Susanna verkörperte. Der Höhepunkt dieser Berliner Jahre war ihre Interpretation der Amalia in Friedrich Schillers Die Räuber im Oktober 1955, bei der Maxim Vallentin erneut Regie führte und Kommerell eine Auslegung der klassischen Heldin zwischen Verletzlichkeit und Stolz abverlangte. Als Ruth Kommerell das feste Ensemble 1957 verließ, um als freischaffende Künstlerin flexibler für Film und Fernsehen zu arbeiten, wandte sie sich nicht gänzlich von der Bühne ab. In den 1960er Jahren fand sie am Berliner Theater der Freundschaft eine neue künstlerische Wirkungsstätte. Unter der Intendanz von Ilse Rodenberg spielte sie im Februar 1965 in der Inszenierung des französischen Gegenwartgsobjekts Football von Pol Quentin und Georges Bellak. Nur wenige Monate später, im November 1965, bewies sie in Jewgeni Schwarz’ Die verzauberten Brüder ihre Nähe zum jungen Publikum, was ihren späteren Übergang zu den mütterlichen Altersrollen im Kino harmonisch vorbereitete.
Film und Fernsehen Ihr Filmdebüt gab Kommerell 1955 als Arbeiterfrau in Kurt Maetzigs monumentalem Historienepos Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse. Kurz darauf bewies sie in der populären Musikkomödie Meine Frau macht Musik (1958) unter der Regie von Hans Heinrich als Papierwarenverkäuferin ihre Gabe für leichtere, zeitgenössische Stoffe. Ihre schauspielerische Reife zeigte sich ab den 1960er Jahren in anspruchsvollen Gegenwarts- und Problemfilmen, in denen sie als Charakterdarstellerin oft tiefgründige oder indianische Frauentypen verkörperte. Obwohl sie nicht in Hauptrollen besetzt wurde, verlieh sie den vermeintlich kleinen Nebenrollen eine darstellerische Tiefe, die im Gedächtnis blieb. Für den legendären, zeitweise verbotenen Verbotsfilm Das Kaninchen bin ich arbeitete sie erneut unter ihrem Filmentdecker Maetzig, und trug damit zum kritischen Gesellschaftsbild des DEFA-Kinos bei. Unter der Regie von Josef Mach übernahm sie 1966 in dem DEFA-Indianerfilm Die Söhne der großen Bärin an der Seite von Gojko Mitić die markante Rolle der Tashina. In Egon Günthers subtilem Psychodrama Der Dritte (1972) überzeugte sie als verständnisvolle Mutter von Hrdlitschka, während sie 1978 in Frank Beyers Beziehungsstudie Das Versteck zu sehen war. Ihr spätes Werk im Kino war stark von sensiblen Altersrollen geprägt. In Herrmann Zschoches gesellschaftskritischem Jugendfilm Insel der Schwäne (1983) spielte sie eine warmherzige Großmutter, die einen wichtigen emotionalen Gegenpol in der tristen Plattenbauwelt setzte. Es folgten prägnante Auftritte in Abenteuerfilmen wie Bockshorn (1984) und schließlich der posthum veröffentlichte Kinderfilm Das Schulgespenst (1987) unter der Regie von Rolf Losansky.
Parallel zum Kino etablierte sich Ruth Kommerell als ein vertrautes Gesicht auf den Bildschirmen des Deutschen Fernsehfunks (DFF). Ihr dortiges Repertoire reichte von Kriminalreihen und historischen Mehrteilern bis hin zu populären Familienserien. Bereits 1958 wirkte sie in Richard Groschopps Weimarer Pitaval: Der Fall Saffran mit und übernahm 1960 eine Rolle in der langlebigen Krimireihe Blaulicht. Eine psychologisch dichte Leistung vollbrachte sie 1961 in dem antifaschistischen Fünfteiler Gewissen in Aufruhr von Hans-Joachim Kasprzik. Mit großer Wandlungsfähigkeit bewegte sie sich durch historische Stoffe und Alltagsgeschichten, so etwa in der Filmbiografie Interview mit Pinselheinrich (1963) verkörperte sie Hulda, die Ehefrau des Berliner „Milljöh“-Malers Heinrich Zille. Im dramatischen Zweiteiler Junge Frau von 1914 (1970) nach Arnold Zweig lieferte sie als Mutter des Schriftstellers Werner Bertin ein eindringliches Porträt einer Frau in Kriegszeiten. Ihre enorme darstellerische Bandbreite bewies sie 1973 neben Angelika Waller als Gertrud in Manfred Mosblechs Rotfuchs und als Kreisschulrätin Anni Hoffmann in der Bühnen-Fernsehkomödie Das Wunschkind von Werner W. Wallroth an der Seite von Irma Münch, Herbert Köfer und ihrer Tochter Blanche. Zudem wirkte sie 1980 neben Vlastimil Brodský und Agnes Kraus in der populären Komödie Aber Doktor (1980) als bodenständige Aushilfsverkäuferin sowie in Gastrollen der Krimireihen Der Staatsanwalt hat das Wort und Polizeiruf 110. In dem aufwendigen Fünfteiler Martin Luther (1983) übernahm sie im finalen Teil Das Gewissen die historische Rolle von Luthers Mutter Margarethe Lindemann. Einen späten Publikumserfolg hatte sie als Frau Teichert in den heiteren Familienserien Geschichten übern Gartenzaun (1982) und deren Fortsetzung Neues übern Gartenzaun (1985). In Christa Mühls Episodenfilm Weihnachtsgeschichten spielte sie 1986 erneut an der Seite ihrer Tochter Blanche, diesmal auch als ihre Filmmutter. Ihrer letzte Rolle hatte sie 1987 als resolute, aber herzensgute Jule Krüger in der Fernsehserie Fridolin.
Sprechertätigkeit Kommerell betätigte sich zudem umfangreich als Synchron- und Hörspielsprecherin. So arbeitete sie für den staatlichen Rundfunk der DDR, wo sie aufgrund ihrer wandlungsfähigen und charakteristischen Stimme in zahlreichen Hörspielproduktionen, literarischen Features sowie Kinderhörspielen besetzt wurde. In früheren Produktionen übernahm sie häufig Charakterrollen in zeitgenössischen Dramen und Kriminalhörspielen, darunter in Das Mädchen mit der Geige (1967) oder Martin Walsers Verteidigung von Friedrichshafen (1977). Mit zunehmendem Alter verlagerte sich ihr Schwerpunkt auf die Darstellung von älteren Frauen, mütterlichen Figuren und Großmüttern, wie etwa als des Teufels Großmutter in Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (1980) oder die Alte im Märchenhörspiel Der Krautesel (1986). Häufig wirkte sie als Erzählerin in Kinder- und Jugendhörfolgen mit, wie etwa Ich bin die Nele. Als Synchronsprecherin lieh sie wiederholt in den DDR-Synchronfassungen zu einer Vielzahl sowjetischer Märchenfilme ihre Stimme, so etwa die von Georgi Milljar gesprochene Hexe Baba Jaga in Abenteuer im Zauberwald (1964) oder die populäre Märchenerzählerin Anastassija Sujewa in Der Hirsch mit dem goldenen Geweih (1973), sowie in Zar Saltan und die Wunderinsel (1984).
Privates und Tod Ruth Kommerell war mit einem Autoren verheiratet. 1950 wurde sie Mutter einer Tochter, der späteren Schauspielerin und Autorin Blanche Kommerell und 1957 eines Sohnes, dem späteren Hörspiel- und Featureautor Matthias Baxmann. Ihr erster Enkel Stephan Kommerell starb 1988 als Neunzehnjähriger infolge von Suizid, ihr zweiter Enkel Sebastian Kommerell (* 1971) arbeitet als Kunstmaler und Pianist. Sie starb Anfang September 1986 im Alter von 63 Jahren an einem Herzinfarkt infolge einer physischen und psychischen Erschöpfung. Kommerell wurde auf dem Französischen Friedhof in Berlin beigesetzt.
Filmografie Kino
Fernsehen Fernsehfilme
Fernsehserien und -reihen
Synchron- und Sprechrollen (Auswahl) 1946: Die steinerne Blume als Wichoricha für Lidija Deikun-Blagonrawowa 1964: Abenteuer im Zauberwald als Baba Jaga für Georgi Milljar 1970–1977: Oh, diese Mieter (ab Folge 41) als Dagmar Hammerstedt für Karen Berg 1973: Der Hirsch mit dem goldenen Geweih als Märchenerzählerin für Anastassija Sujewa 1975: Der weiße Dampfer als Großmutter Karys für Sabira Kumuschalijewa 1984: Zar Saltan und die Wunderinsel als Märchenerzählerin für Anastassija Sujewa 1985: Die Weihnachtsgans Auguste (Trickfilm)
Theater (Auswahl) 1951: Victor Clement: Die Marseillaise (Arlette Duval) – Regie: ? (Landestheater Halle (Saale)) 1952: Miroslav Stehlik nach A. S. Makarenkow: Der Weg ins Leben (Erzieherin) – Regie: Werner Schulz-Wittan/Achim Hübner (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1953: Julius Hay: Energie (Barbara Hilton) – Regie: Otto Lang (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1953: Anatolij Surow: Das grüne Signal (Sofia Romanowna) – Regie: Maxim Vallentin (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1954: Maxim Gorki: Dostigajew und andere (Tschugunowa) – Regie: Maxim Vallentin (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1955: Alexander Ostrowski: Der schöne Mann (Susanna) – Regie: Hans-Robert Bortfeldt (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1955: Friedrich Schiller: Die Räuber (Amalia) – Regie: Maxim Vallentin (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1956: Oleksandr Kornijtschuk: Vertrauen – Regie: Maxim Vallentin (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1956: Tirso de Molina: Die Rivalin ihrer selbst – Regie: Gerhard Winterlich (Maxim-Gorki-Theater Berlin) 1957: Georg Kaiser: David und Goliath (Kaufmannsfrau Ottilie) – Regie: Gerhard Klingenberg (Maxim-Gorki-Theater Berlin)
Hörspiele 1953: Herbert Torbeck/Manda Torbeck: Die letzte Meldung (Lucie Vorin) – Regie: Wolfgang Schonendorf (Hörspiel – Berliner Rundfunk) 1958: Edith Mikeleitis: Georg Forster in Mainz (Marie, Simons Frau) – Regie: Richard Hilgert (Original-Hörspiel – Rundfunk der DDR)