mini|Leinen-Kassette mit 12 Originalgrafiken, Berlin 1966
Großgörschen 35 war eine von 1964 bis 1968 bestehende Selbsthilfegalerie Berliner Künstler in einer ehemaligen Fabriketage in Berlin-Schöneberg, benannt nach der Anschrift Großgörschenstraße 35. Sie gilt als eine der ersten so genannten Produzentengalerien und hatte Modellcharakter.
Geschichte mini|Plakat zur Ausstellung Peter Sorge, Berlin 1966
Unter dem Namen Großgörschen 35 schlossen sich 1964 in Berlin-Schöneberg sechzehnEinige Quellen nennen: vierzehn Maler in einer Ausstellungsgemeinschaft zusammen:
Ulrich Baehr Hans Jürgen Burggaller Hans-Jürgen Diehl Leiv Warren Donnan Hans-Georg Dornhege Karl Horst Hödicke Eduard Franoszek Franz-Rudolf Knubel Reinhard Lange Markus Lüpertz Dieter Opper Wolfgang Petrick Peter Sorge Arnulf Spengler Lambert Maria Wintersberger Jürgen Zeller
Diese Künstler, die sich von ihrem Studium an der damaligen Hochschule der Künste Berlin kannten, hatten im Gegensatz zu einer Künstlergruppe wie z. B. Gruppe Zebra kein einheitliches künstlerisches Programm, das in einem Gründungsmanifest dargelegt wäre. Sie hatten jedoch ein gemeinsames Ziel: die „Überwindung gängiger Marktstrategien“, wie es Franz-Rudolf Knubel 1989 im Katalog zu der Ausstellung der Berlinischen Galerie Stationen der Moderne formulierte,Stationen der Moderne: die bedeutenden Kunstausstellungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Nicolai, Berlin 1989, ISBN 3-87584-256-1 da sie auf dem damaligen offiziellen Kunstmarkt keine Chancen hatten.
Die Künstler mieteten in Schöneberg einen leerstehenden Gewerberaum (ehemalige Tischlerei im Hinterhof), richteten ihn als Ausstellungsraum her und trugen die Finanzierung gemeinsam.
Gemeinsamkeiten bestanden in ihrer malerischen Ausbildung bei Lehrern wie Mac Zimmermann, Harry Kögler, Fred Thieler, Werner Volkert, Ludwig Gabriel Schrieber, Hann Trier, Max Kaus, Otto Coester, Ernst Fritsch. Es bestanden jedoch mehr „Gegenüberstellungen als Gemeinsamkeiten“Retrospektive 1964/65 – Ein Jahr Großgörschen 35. 1965., einige malten informell, andere noch oder wieder gegenständlich. Besonders die späteren, bezahlenden Gastaussteller lassen wenig von einer Verbindung mit den ersten „Großgörschenern“ (der Großgörschen-Bande) erkennen.
Das erste Jahr der Gruppe gilt als bedeutend, weil, Zitat nach Ursula Prinz, „sie die wichtigsten jungen Künstler der Zeit, die später zu unterschiedlichem Ruhm gelangen sollten, zusammenfaßte und bekannt machte.“ Und weiter: „Es war der Beginn einer Erneuerung der Kunst, die bis heute ihren Stellenwert in der neueren Kunstgeschichte nicht nur behalten hat, sondern noch immer fortwirkt.“ (Galerie Eva Poll), abgerufen am 5. Juli 2010.
Nach einem Jahr bereits verließen Hödicke, Lüpertz und Wintersberger die Gruppe, während Gäste wie Edwin Dickman, Eberhard Franke und Bernd Koberling hinzukamen. – Mitglieder zahlten monatliche Mitgliedsbeiträge, während Gäste jeweils nur einmalig die Kosten ihrer Ausstellungen zahlten. Über die Zulassung von Gastausstellungen entschieden die Mitglieder.
Eva und Lothar C. Poll stießen 1966 unterstützend dazu, Lothar C. Poll wurde 1966 ehrenamtlicher Geschäftsführer, die Gruppe wurde in das Vereinsregister eingetragen. Die fortschreitende Auflösung der Gruppe führte u. a. zur Gründung der Galerie Poll in Berlin. Erst Jahre später haben sich einzelne Teilnehmer, darunter vor allem Sorge, Diehl, Petrick, Berges, Albert, die auch unter der Bezeichnung „Kritischer Realismus“ geführt werden, zur Gruppe Aspekt zusammengeschlossen. Der Kunstkritiker Heinz Ohff, einer der wichtigsten damaligen Unterstützer, schreibt dazu im Magazin Kunst, 1976: „Aus Großgörschen wächst eine speziell Berliner Nachkriegskunstrichtung, der sowohl von Dada als auch von realistischer Tradition beeinflußte Kritische Realismus.“Heinz Ohff: Die Muse küsst den widerstrebenden Bären. In: Magazin Kunst. Mainz, , Jg. 16, 1976, Nr. 3 (Themenheft: Kunst in Berlin), S. 63–68, Zitat S. 66
Veröffentlichungen von Großgörschen 35 mini|Katalog, Berlin 1965 mini|Begleitheft zur Ausstellung Eduard Franoszek, 1966
Retrospektive 1964/65 – Ein Jahr Großgörschen 35. C. G. Fahle Verlag, Münster 1965. 35 Blatt, teils mehrfach gefaltet, ausklappbar. Ausstellung vom 24. September bis 24. Oktober 1965. (Der grüne Katalog). Begleitheft zur Ausstellung Eduard Franoszek: Bilder, Zeichnungen, Druckgrafik, 14. Januar bis 5. Februar 1966, hrsg. von Großgörschen 35, Berlin 1966. 8 Blatt, mit 7 Abbildungen, einer Kurzbiografie Franoszek und einem Textzitat von Dieter Hülsmanns. Begleitheft zur Ausstellung Werner Berges: Malerei und Graphik, 4. bis 27. März 1966, hrsg. von Großgörschen 35, Berlin 1966. 4 Blatt, mit 9 Abbildungen, einem Verzeichnis der ausgestellten Arbeiten, einer Kurzbiografie und einem Foto von Berges. Ausstellungskatalog Hans-Jürgen Diehl, 20. Mai bis 15. Juni 1966, hrsg. von Großgörschen 35, Berlin 1966. 14 Blatt (1 Blatt ausklappbar), mit 11 Abbildungen, einem Verzeichnis der ausgestellten Arbeiten und Preisliste, einer Kurzbiografie und Texten von Albert Schulze-Vellinghausen und Heinz Ohff. Großgörschen Drucke I, rote Leinenkassette mit aufgelegtem Deckeltitel, 32 × 33 cm, eine gefaltete Doppelseite Text und 12 signierte, datierte und nummerierte Originalgrafiken, Auflage: 50 Exemplare, zusätzlich 25 Exemplare I-XXV. Künstler: Ulrich Baehr, Werner Berges, Hans Jürgen Burgaller, Hans Jürgen Diehl, Leiv Warren Donnan, Hans-Georg Dornhege, Eduard Franoszek, Franz-Rudolf Knubel, Reinhard Lange, Wolfgang Petrick, Peter Sorge, Arnulf Spengler. Erste Veröffentlichung der Großgörschen-Drucke, Berlin, September 1966. Faltblatt zur Ausstellung Wolfgang Petrick: Grafik, Malerei, 15. Oktober – 6. November 1966, hrsg. von Großgörschen 35, Berlin 1966. Mit 2 Abbildungen, einer Kurzbiografie, einem Foto von Petrick und einem Text von Heinz Ohff. Sezession Grossgörschen 35 Berlin, 6-teiliges Faltblatt zur Ausstellung Handzeichnungen vom 11. März bis 14. April 1967 in der Galerie Junge Generation, Hamburg. Mit Biografien und Abbildungen von Ulrich Baehr, Werner Berges, Hans-Jürgen Diehl, Wolfgang Petrick, Peter Sorge und einem Text von Heinz Ohff, Cloppenburg 1967. Retrospektive Großgörschen 35. Großgörschen 35 Berlin und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Berlin 1968. ([56 Bl.]). In den Räumen der Galerie des 20. Jahrhunderts 31. Oktober – 24. November 1968.
Ausstellungen Zwischen dem 16. Juni 1964 und dem 11. Juli 1965 fanden in rascher Folge vierzehnIn anderer Zählung auch elf Ausstellungen, beginnend mit K.H. Hödicke, statt, die über Berlin hinaus viel Aufmerksamkeit erregten. Bis Ende 1968 folgten noch rund 36 weitere Ausstellungen.
1964 Karl Horst Hödicke: Malerei und Graphik, 16. Juni – 6. Juli. Einzelausstellung, z. B. mit dem Werk: Windowpaines, hierfür Deutscher Kunstpreis der Jugend 1964, Mannheim Graphik, 16. Juli – 20. August. Gemeinschaftsausstellung Lange, Petrick, Sorge, Spengler, Zeller Edwin Dickman, Eberhard Franke: Malerei, Graphik, 22. September – 15. Oktober Hans-Jürgen Diehl: Malerei, Graphik, 29. Oktober – 22. November. Einzelausstellung Ulrich Baehr: Malerei, 27. November – 14. Dezember. Einzelausstellung
1965 Bernd Koberling: Malerei, 15. Januar – 7. Februar. Einzelausstellung Wolfgang Petrick: Malerei, Graphik, 19. Februar – 14. März. Einzelausstellung Markus Lüpertz: Dithyrambische Malerei, z. B. mit dem Werk: Panzerknacker AG (aus der 1963 begonnenen Donald Duck Serie), 19. März – 30. März. Einzelausstellung Lambert Maria Wintersberger: Malerei, Graphik, 2. April – 14. April. Einzelausstellung Peter Sorge, Leiv Warren Donnan: Malerei, Graphik, 15. April – 2. Mai Hans Jürgen Burggaller: Malerei, Graphik, 7. Mai – 18. Mai. Einzelausstellung Arnulf Spengler: Malerei, Graphik21. Mai – 3. Juni. Einzelausstellung Reinhard Lange: Malerei, Graphik, 18. Juni – 11. Juli. Einzelausstellung Retrospektive 1964/65 – Ein Jahr Großgörschen 35, 24. September – 24. Oktober. Gruppenausstellung Franz Rudolf Knubel: Malerei, Graphik. Einzelausstellung Hans Georg Dornhege: Malerei, Graphik. Einzelausstellung
1966 Eduard Franoszek: Malerei, Graphik, 14. Januar – 5. Februar. Einzelausstellung Werner Berges: Malerei und Graphik, 4. März – 27. März. Einzelausstellung Leiv Warren Donnan, Markus Lüpertz: Frühling 66 Ulrich Baehr, 15. April – 8. Mai. Einzelausstellung Hans-Jürgen Diehl, 20. Mai 1966 bis 15. Juni. Einzelausstellung Michael Rühl: Zeit Bilder. Malerei. 16. Juni – 10. Juli. Einzelausstellung Peter Sorge: Malerei, Graphik. 3. September – 18. September. Einzelausstellung Handzeichnungen der Gruppe Wolfgang Petrick: Grafik, Malerei. 15. Oktober – 6. November. Einzelausstellung Siegfried Kischko: Handzeichnungen, 11. November – 27. November. Einzelausstellung Reinhard Lettau: Lesung Leiv Warren Donnan: Malerei, Graphik, 2. Dezember – 22. Dezember. Einzelausstellung Oberbaumpresse: Lesung Peter Handke
1967 Arnulf Rainer: Graphik. Einzelausstellung Lesung: H. C. Artmann, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm Hans Wilhelm Sotrop: Malerei und Handzeichnungen, 10. Februar – 26. Februar. Einzelausstellung Erhart Wagner: Malerei, Reliefbilder, Plastik. Einzelausstellung Hermann Albert: Malerei, 14. April – 30. April. Einzelausstellung Siegfried Neuenhausen: Reliefbilder, Graphik. Einzelausstellung Wolf Kahlen: Hommage a McLuhan, Raumsegmente und Umbilder, 2. Juni – 30. Juni. Einzelausstellung Hommage à Axel Springer. Peter Tuma: Graphik. Einzelausstellung Graphik 67. Gemeinschaftsausstellung (Albert, Asmus, Barge, Berges, Peter Benkert, Burggaller, Damke, Donnan, Dornhege, Franoszek, Knopp, Kischko, Krüll, Kürschner, Lange, Nagel, Neuenhausen, Sorge, Spengler, Nikolaus Störtenbecker) Auswärtig Sezession Großgörschen 35 (Baehr, Berges, Diehl, Petrick, Sorge): Ausstellung Handzeichnungen. 11. März – 14. April. Galerie Junge Generation, Hamburg Handzeichnungen, Großgörschen 35. Ulrich Baehr u. a. Mai – Juni. Galerie für Graphikfreunde, Frankfurt am Main
1968 Joachim Palm, 12. Januar – 28. Januar. Zusammen mit Schönholz Tilmann Lehnert: Lesung Maina-Miriam Munsky: Malerei, 9. – 24. Februar. Einzelausstellung Gerhard Rühm: Lesung Reinhard Lange: Blätter und Bilder, 8. März – 24. März. Einzelausstellung Eduard Franoszek: Malerei, Graphik. Einzelausstellung Michael Jens Barge, 10. Mai – 2. Juni. Einzelausstellung Mienske Janssen: Malerei. Einzelausstellung Heimrad Prem, Y. Fongi: Objekte, Bilder, Graphik Gruppe Zebra Hamburg: Asmus, Nagel, Störtenbecker, Ullrich, September – Oktober. Wanderausstellung, Gäste Retrospektive Grossgörschen 35. 31. Oktober – 24. November. Ehemalige Räume der Galerie des XX. Jahrhunderts, Jebensstraße Nr. 2
Nachfolgeausstellungen 1989: Großgörschen 35 hat Geburtstag. 1964–1989. 16. Juni – 24. Juni. Galerie Poll, Berlin 1990: Großgörschen 35. 14. Januar – 11. Februar. Kunstverein, Lingen 2005: Großgörschen 35 und die Folgen. 40 Plus Minus. Ein Stück West-Berlin. Galerie Poll, Berlin 2014: Großgörschen 35. Aufbruch zur Kunststadt Berlin 1964. 6. Juni – 10. August. Haus am Kleistpark in Kooperation mit der Kunststiftung Poll
Literatur Heinz Ohff: Galerie Großgörschen, Berlin, Jebensstraße (1.11.–24.11.). In: Das Kunstwerk. Kohlhammer, Stuttgart u. a., , 22, 1968/69, 5/6, S. 81. Die Kunst muss dem Bürger im Nacken sitzen, wie der Löwe dem Gaul: 8 Selbstorganisationsmodelle: Großgörschen 35 Berlin, Zehn Neun, Gruppe Werkstatt Hamburg, Zeltschule Hamburg, Edition Staeck, Reflection Press Albrecht D., Augenladen Bernhard Sandfort, 7. Produzentengalerie. 7. Produzentengalerie, Berlin 1975 ([62 S.]). Heinz Ohff: Von Großgörschen zur Quergalerie: die Berliner Selbsthilfegalerien. In: Das Kunstwerk. Kohlhammer, Stuttgart u. a., , 38, 1985, 4/5, S. 136–143. Großgörschen 35 hat Geburtstag: 1964–1989, Galerie Eva Poll Berlin. Galerie Poll, Berlin 1989. ([20 Bl.]) (POLLeditionen; Bd. 21).