Meat Beat Manifesto (auch Meat Beat oder MBM) ist eine Elektronische-Musik-Gruppe, die von Jack Dangers und Jonny Stephens in Swindon, Vereinigtes Königreich, 1987 gegründet wurde. Dies war zugleich die Heimatstadt der Band XTC, die Meat Beat Manifesto Starthilfe gab. Die Band wird von einigen Künstlern als stilistisches Vorbild bezeichnet und als Quelle für Samples genutzt (am bekanntesten The Prodigy, Chemical Brothers und Future Sound of London). Meat Beat Manifesto war maßgeblich an der Entwicklung neuer Musikstile wie Trip-Hop, Big Beat und Drum and Bass/Jungle beteiligt.

Bandgeschichte John Stephen Corrigan alias Jack Dangers wuchs in Swindon, im Südwesten Englands, auf, wo er wie sein Vater in einem Maschinenfabrikkomplex arbeitete. Er hatte ein Faible für den Surrealismus und für Musik, die sonst niemand kannte und akzeptiert hätte. Mit Jonny Stephens traf er erstmals Mitte der 1980er Jahre in der Popband Perennial Divide zusammen. Die beiden versuchten sich 1987 außerhalb ihrer Band an weitergehenden Klangexperimenten, die 1988 dazu führten, Perennial Divide zu verlassen, um eine Platte aufzunehmen. Doch die Masterbänder wurden bei einem Studiobrand zerstört, bevor sie fertig produziert und veröffentlicht werden konnte. mini|Liveauftritt von Meat Beat Manifesto, 2008

Für eine Reihe von Singles bedienten sich Dangers und Stephens aus dem täglichen Fernsehprogramm, indem sie Ausschnitte aus Fernsehsendungen und Werbespots sampelten, diese kombinierten und mit Hip-Hop-Beats und Dub-Grooves unterlegten, um Klanglandschaften entstehen zu lassen. Aus den eigenen Vorlagen entwickelten die Musiker Variationen, die sie zu einer Doppel-LP bündelten, wobei jede der vier Seiten einem Stück in seiner Variationsvielfalt zugedacht war. Hierbei ist das „Cut-up“-Verfahren, das in der Literatur von William S. Burroughs vervollkommnet worden war, auf den Sektor Musik angewendet worden, ein Bezug, den der Titel Storm the Studio herausstreicht, da er von Burroughs Figur Uranian Willy aus The Soft Machine stammt. Zusätzlich verbildlicht der Titel, wie die nur mit geringen Geldmitteln ausgestatteten Musiker ins Studio „hineinstürmten“ und ohne Zeitverlust loslegten.

Die ersten Auftritte glichen einer Revue. Bis zu 15 Akteure bevölkerten die Bühne. Es kristallisierte sich schnell ein Vier-Personen-Ensemble heraus, bestehend aus Multiinstrumentalist und Sänger Jack Dangers, Programmierer Jonny Stephens, Tänzer und Choreograf Marcus Adams sowie Bühnenbildner und Kostümdesigner Craig Morrison. Letzterer zog das Publikum mit seinen patentierten Spezialanfertigungen (manche fanden Eingang in das Museum of Modern Art) in seinen Bann. Er fertigte auch für Batmans Filmabenteuer „Körperverschalungen“ an. 1989 präsentierte Meat Beat Manifesto ihre Show in den USA. Die Band traf sich dort mit gleichgesinnten anderen Bands und schloss mit Consolidated und The Disposable Heroes of Hiphoprisy Freundschaften.

Als Reaktion auf den Ruf eine Industrial-Band zu sein, veröffentlichte sie im Mai 1990 99%, eine mehr Techno-lastige LP. Im August desselben Jahres wurde auch Armed Audio Warfare veröffentlicht; hier wurden die vom Feuer vernichteten Titel des eigentlichen Debütalbums aus Rohfassungen neu hergerichtet oder in Neueinspielungen rekonstruiert. Für Nine Inch Nails eröffnete Meat Beat Manifesto in den USA deren erste große Tournee. In Deutschland trat die Band in der Besetzung Jack Dangers (Gesang, Sampling), Greg Recch (DJing), Marcus Adams (Tanz), Craig Morrison (Ausstattung) auf. 1991, auf der Tournee mit Consolidated, waren Adams und Morrison nicht mehr dabei, dafür ein neuer Tänzer. Im Jahr darauf ging es mit Orbital und Ultramarine auf Tour, wobei diesmal ein Schlagzeuger mit auf der Bühne war.

1992 zeigte das bei Mute (Amerika) und Play It Again Sam (Europa, Japan) veröffentlichte Album Satyricon Meat Beat Manifesto mehr als eine Electronica-Band. Die Popularität in den USA hatte zu diesem Zeitpunkt die in England überholt. Ende 1993 heiratete Jack Dangers, was der eigentliche Grund – und nicht der Popularitätsschub – dafür war, dass er in der ersten Jahreshälfte 1994 von Wiltshire nach Marin County nahe San Francisco übersiedelte. Ständige Tourneen, andere Projekte, dann die Auswanderung und schließlich auch der Umstand, dass der in Swindon verbliebene Stephens nur unter Mühen am Geschehen teilhaben konnte, führten zu einer zweijährigen Produktionszeit (innerhalb derer aber immer nur wochen- oder monatsweise daran gearbeitet werden konnte) für das Nachfolgealbum und letztlich auch zu Stephens’ Ausscheiden. John Wilson nahm 1995 seinen Platz ein. Am 1996 veröffentlichten Doppelalbum Subliminal Sandwich wirkten außerdem verschiedene Gastmusiker mit, darunter der Keyboarder Mike Powell, der ein Theremin einsetzte und beim Backgroundgesang mithalf. Es war eine lose Kooperation mit der Perspektive auf längeren Zusammenhalt.

Dangers labte sich in San Francisco am Vinylplatten-Angebot der Wiederverkäufer. Innerhalb kürzester Zeit hatte er 8.000 LPs erstanden, von denen er annahm, dass er ihnen in Europa niemals hätte begegnen können. Sie wurden seine große Inspirationsquelle. Er machte sich auf diese Weise mit dem Schaffen der beiden Bassklarinettisten Eric Dolphy und Bennie Maupin vertraut und legte sich das Instrument zu (das ihm nicht völlig fremd war, denn benutzt hatte er es durchaus schon mal).

Auf Subliminal Sandwich ist vieles improvisiert, besonders auf der zweiten Disc das Stück Electric People. Die Aufnahme, die über vier Tage mit allen zufällig das Studio betretenden Leuten getätigt wurde, ist eigentlich sechs Stunden lang, ausgewählt wurde daraus der beste Teil. Insgesamt sei diese Disc jedoch „reduzierter“, „nicht so verspielt“, bekundete Dangers. Auf der ersten, von Samples, Raps, Keyboard und Beats geprägten, Disc befände sich überwiegend zwei Jahre altes Material. Nach Auffassung von Dangers kommt das Album stilistisch dem Debüt am nächsten. Obwohl es das Major-Label-Debüt bei Trent Reznors Nothing Records darstellt, erreichte es nicht den kommerziellen Erfolg der früheren Veröffentlichungen. Für einen Anschub der Verkäufe konnte auch das Lied She’s Unreal nicht sorgen, weil es nicht direkt im Film Blair Witch Project angespielt wurde, sondern nur auf dem Soundtrack Josh’s Blair Witch Mix enthalten ist.

In den 1990ern wurde Dangers zum begehrten Remixer. Seitdem arbeitete er unter anderem für Consolidated, The Shamen, David Byrne, MC 900ft Jesus, Björk, Nine Inch Nails, The Young Gods, Public Enemy, Merzbow, Coil, Orbital, David Bowie, Depeche Mode und Fun Lovin’ Criminals. Parallel dazu baute er ab 1996 zusammen mit Ben Stokes die Plattenfirma Tino Corp. auf.

1997 heuerte Dangers Lynn Farmer (Drums) an, um Actual Sounds + Voices aufzunehmen, wodurch der schon in früheren Alben geführte Flirt mit Jazzelementen prominent verstärkt wurde; auch taucht der Saxophon spielende Bennie Maupin auf. Der Titel des Anfang Oktober 1998 veröffentlichten Albums ist eine Hommage an die diesen Titel oder Titelzusatz tragenden, in den 1960/70er Jahren zu Privatfilm-Vertonungszwecken sich großer Beliebtheit erfreuenden Geräusch- und Soundeffekt-Schallplatten. Als Single wurde der Titel Prime Audio Soup ausgekoppelt, der auch aus dem Film The Matrix (und dessen Soundtrack) bekannt ist. Vor der Veröffentlichung des neuen Albums gab es im Juni 1998 eine US-Tour, die mit The Prodigy absolviert worden war. Auch nach der Veröffentlichung ging es auf Tournee, es fehlte jedoch wegen einer Operation John Wilson. Es kam – und blieb – Mark Pistel von Consolidated.

2001 legte Dangers das erste von einigen Soloalben vor, veröffentlicht auf seinem eigenen Label Tino Corp. Etwa 15 Jahre lang hatte sich Dangers mit der Wiederverarbeitung von Tonschnipseln beschäftigt, mit Beginn des neuen Jahrtausends fand er Gefallen an der Sichtung historischer Filmdokumente, aus deren Sequenzen er Videoclips montierte, von denen er die, die den Zweck eines Promotionvideos erfüllten, auf YouTube einstellte. Für Luminol kombinierte er beispielsweise früheste medizinische Aufnahmen mit Chronofotografien des ausgehenden 19. Jahrhunderts oder für Quietus verfremdete er flackernde und gelbstichige alte naturwissenschaftliche Zeitlupenstudien, analog dazu Zeitrafferstudien in Waterphone (alle drei Titel von 2010). Obwohl er seitdem nicht grundsätzlich auf Tänzer bei Liveauftritten verzichtete, übernahmen die Clips weitestgehend deren visuellen Part. Er hält die neue Form der Lied-Ergänzung sogar für effektiver, da die Clips manchmal mehr Aussagekraft hätten als die Liedtexte. Außerdem hatte er früher bereits Filme im Hintergrund laufen, die mit der Musik korrespondieren sollten, um so seine Botschaften subtiler vermitteln zu können.

2002 veröffentlichte Meat Beat Manifesto RUOK?, ein Album, das die Evolution ihrer Sounds demonstriert und den von Dangers neu erworbenen EMS Synthi 100 in den Vordergrund stellt. 2003 wurde ein Remix-Album von Storm the Studio veröffentlicht, im Januar 2004 gefolgt von …In Dub, einem Remix-Album von RUOK?. At the Center wurde am 29. Mai 2005 veröffentlicht. Als Teil des Independent-Labels Thirsty Ear’s Blue Series wurde es in Zusammenarbeit von Jack Dangers und den Jazz-Musikern Peter Gordon, Dave King, und Craig Taborn produziert.

Bestandteil des Liveprogramms, dessen Darbietung sich zunächst größtenteils auf die San Francisco Bay Area beschränkte, waren Dangers’ und Stokes’ kreative Ergebnisse in Sachen Video-Sampling. Ihrem Empfinden nach waren die Shows zu 80 Prozent visuell ausgerichtet. Die Musik untermale dies nur, erklärte Dangers. Die US-Shows bestritten Jack Dangers, Ben Stokes, Lynn Farmer und Mark Pistel, wegen der hohen Reise- und Übernachtungskosten gingen lediglich Dangers und Stokes auf Europatournee. Ab April 2008 war die Band bei Metropolis Records unter Vertrag. Dort erschien noch im selben Jahr Autoimmune und zwei Jahre später Answers Come in Dreams. Eine Single und eine EP wurden nur digital veröffentlicht.

Bandname Der Bandname beinhaltet eine Bezeichnung für Masturbation („to beat your meat“). Das Rowohlt Rock-Lexikon nennt es einen „versteckten Hinweis“, den Dangers dann auch nicht offenlegte. Er erklärte den Namen einmal so: Das „Fleisch“ der Musik sind die Beats und das Manifest ist der zukunftsgerichtete Blick. Ein anderes Mal legte er „Meat Beat“ als Beschaffenheit des gewählten Rhythmus aus: „Der ist sehr hart, meaty, wie wir im Slang sagen. Heavy Beat. Das Manifest hängt wiederum von den jeweiligen Songinhalten ab, bei I Got a Fear geht’s z. B. um Paranoia usw., und live gibt das eben alles zusammen wieder eine gesamte Manifestation. Du siehst also, dass im Namen überhaupt nichts Kryptisches ist.“ Wieder ein anderes Mal beharrte er darauf, dass es nur eine Aneinanderreihung von Worten sei. Auch andere existierende Bandnamen könne man nicht automatisch wörtlich nehmen. Man versuche eben, mit seinem Namen im Gedächtnis der Menschen haften zu bleiben, was mit einem Namen wie Tortoise nicht gelänge.

Musikstil Das anglo-amerikanische Nachschlagewerk Encyclopedia of Popular Music überschreibt seinen Eindruck von der Band mit der Bezeichnung „Post-Industrial-Tanzgruppe“. Zuerst habe man auf Storm the Studio Soundscapes aus Fernsehsendungen und Werbespots, unterlegt mit Hip-Hop-Beats und Dub-Grooves in „Cut-up“-Manier, geschaffen. 99% sei dann weniger abgehoben ausgefallen und gehe vielmehr in die aufkeimende House-Richtung. Nicht betroffen von der Veränderung seien die nach wie vor auf hohem Niveau angesiedelten Texte. Auf Satyricon gehe es um Themen wie Konsumterror und Tierrechte, ohne mit erhobenem Zeigefinger daherzukommen.