Unter einer sozialen Bewegung, auch kurz Bewegung, wird in den Sozialwissenschaften ein kollektiver Akteur oder ein soziales System verstanden, der bzw. das unterschiedliche Organisationsformen umfasst und mit unterschiedlichen Mobilisierungs- und Handlungsstrategien versucht, gesellschaftlichen Wandel zu beschleunigen, zu verhindern oder umzukehren.
Allgemein
Soziale Bewegungen können anhand ihres Organisationsgrades, ihrer Größe, der von ihnen gewählten Strategien und ähnlicher Kriterien unterschieden werden. Die Bewegungen durchlaufen idealtypisch mehrere Phasen: erste Auseinandersetzungen mit dem Problem, Thematisierung (meistens vor allem Ablehnung des Bestehenden), Formierung von Initiativen, Gruppen und Verbänden, wobei es zu Kooperationen, Allianzen, aber auch Gegnerschaft kommt, eine Vielfalt von demonstrativen Akten, oftmals symbolischen, aber auch konkreten direkten Aktionen; mitunter treten mehr oder weniger charismatische Anführer auf, Alternativen zum Bestehenden werden entwickelt, die Etablierung im Alltag angestrebt. Schließlich folgt eine langsame Auflösung der sozialen Bewegung, entweder, weil das Problem zufriedenstellend gelöst ist, weil es zumindest gesellschaftlich allgemein als wichtiges Problem anerkannt ist, oder weil andere Problemdeutungen dominant wurden.
Typisch an einer sozialen Bewegung ist, dass zunächst sehr offene informelle Organisationsformen vorherrschen. Im Allgemeinen beginnen bald nach dem Entstehen einer Bewegung die Menschen damit, Strukturen zu schaffen (Vereine, Initiativen, u. Ä.). Im weiteren Verlauf geschieht es oft, dass die Bewegung an Bedeutung verliert oder als nicht mehr relevant wahrgenommen wird, während Strukturen und Formen, die sich daraus entwickelt haben, weiter existieren und wirken. Oftmals wird dies als Tod einer Bewegung und Aufgabe der ursprünglichen Ziele verstanden. In diesem Zusammenhang wird an einigen Stellen auf die Notwendigkeit von Visionen und Träumen einer sozialen Bewegung als deren Beweggrund und antreibende Kraft hingewiesen.Brigitte Rauschenbach: (PDF; 244 kB). In: gender politik online, 2008; abgerufen am 27. August 2009.
Die Etablierung neuer Strukturen und der Wandel alter differenziert eine soziale Bewegung: Radikalere werfen Gemäßigteren Karrierismus oder gar Verrat vor, Gegenvorwürfe sind Utopismus oder gar diktatorischer Ehrgeiz. Dabei tritt zurück, dass ein Wandel der etablierten Strukturen das einigende Ziel war. Allerdings gehen beim Eintritt in die Realpolitik oft große Anteile der ursprünglichen Zielvorstellungen verloren, Kompromisse werden eingegangen und die Pluralität, die Bewegungen in ihren aktivsten Phasen kennzeichnet, lässt sich institutionell nicht oder nur schlecht beibehalten.
Erwähnenswert ist hier der in den USA von Bill Moyer (1933–2002) entwickelte Aktionsplan (Movement Action Plan, MAP), der mit politischen Zielen einen idealtypischen Verlauf von sozialen Bewegungen entwirft. Im Übrigen liegen für die Entstehung und den Verlauf von Revolutionen (siehe dort) mindestens seit Crane Brinton (The anatomy of revolution, 1938, zweite Auflage 1965) mehrere einschlägige analytische Typisierungsversuche vor.
Historische und aktuelle Beispiele
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren in Deutschland politische Parteien und Organisationen wie z. B. Gewerkschaften, Verbände (v. a. Kriegsheimkehrer, Vertriebene) die zentralen Protestakteure. Bei den sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen liegt seit den 1980er Jahren (ausgehend von Europa) der Schwerpunkt auf der Identitätsproblematik. Mit der Identitätsproblematik treten expressive Aspekte von Protest in den Vordergrund. Der Begriff Neue Soziale Bewegungen markiert also eine Verschiebung von sozialen und politischen zu identitätspolitischen Protestmotiven, also auch zu Bewegungen, die ihre politischen Ziele mit Lebensstilen und Werten verbinden. Proteste sind hier an kollektive Identitätsmuster gekoppelt, die auf eine Verteidigung bzw. Verbesserung individueller Lebensformen abzielen. Umstritten ist unter Protestforschern, ob nur Basisbewegungen mit emanzipatorischen und sozialen Forderungen als Soziale Bewegung gelten oder ob auch Bewegungen mit autoritären Zielen wie etwa der Faschismus als soziale Bewegung bezeichnet werden sollen.
Im 19. und 20. Jahrhundert wären beispielsweise zu nennen:
die Sklavenbefreiungsbewegung in den USA, Lateinamerika und Großbritannien, die Genossenschaftsbewegung, die Arbeiterbewegung, die Jugendbewegung, die Bürgerrechtsbewegung die Frauenbewegung die LGBT-Bewegung.
Weitere (neue) soziale Bewegungen sind zum Beispiel: der Existentialismus die 68er-Bewegung die Umweltbewegung die Anti-Atomkraft-Bewegung der Effektive Altruismus die Friedensbewegung die Graswurzelbewegung die Hausbesetzerbewegung die internationalistische Bewegung (Dritte/Eine Welt, Fair Trade Antiimperialismus/Antikolonialismus) die Frauenbewegung (die sog. die zweite Welle des Feminismus seit den 1960er Jahren) die Rastafari-Bewegung die Behindertenbewegung die Menschenrechtsbewegung, siehe Internationale Liga für Menschenrechte (Berlin) die Tierrechtsbewegung die Antiglobalisierungsbewegung die wachstumskritische Bewegung die städtische soziale Bewegung die Landlosen-Bewegung in Brasilien die Indigenenbewegungen in Ecuador, Chile und Bolivien die Anti-Überwachungs-Bewegung Occupy Wall Street Podemos („Wir können“) in Spanien #MeToo Fridays for Future
Neuartig sind in den Industrieländern (z. B. Europäische Union, Israel, USA) politische Seniorenaktivitäten seit den 1990er-Jahren mit der Zielsetzung Einkommen und Gesundheitsversorgung im bedeutender werdenden Lebensabschnitt Alter zu sichern.
In der Historischen Jesusforschung entstanden seit den 1970er Jahren zahlreiche sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Jesusbewegung. Allgemein in der Religionssoziologie findet das auf Max Weber zurückgehende Paradigma der charismatischen Bewegung bzw. Herrschaft breite Zustimmung. Weber selbst verfasste Studien zu einzelnen Bewegungen der Geschichte und seiner Gegenwart.Michael N. Ebertz: Das Charisma des Gekreuzigten: zur Soziologie der Jesusbewegung. Mohr, Tübingen 1987, ISBN 3-16-145116-3, S. 11 f.
Theoretische Ansätze der Bewegungsforschung
Structural-Strains-Ansatz
Der Structural-Strains-Ansatz sieht die sozialstrukturellen Merkmale von sozialen Bewegungen als zentrales Element dieser Bewegungen an. Die Gesellschaftsstruktur ist hierbei in zweierlei Hinsicht entscheidend. Zum einen behandelt dieser Ansatz die Frage, inwiefern beispielsweise sozialer Wandel, Modernisierungsschübe oder gesellschaftsstrukturelle Spannungen den Ausgangspunkt für die Entstehung von Protest bzw. sozialen Bewegungen darstellen. Zum anderen ist die spezifische sozialstrukturelle Zusammensetzung von sozialen Bewegungen ein Anhaltspunkt für Analysen. In diesem Falle stellt die Sozialstruktur nicht den Anlass, sondern die Möglichkeit der Mobilisierung für soziale Bewegungen dar. Hierbei spielen vor allem bereits bestehende Netzwerke eine Rolle, die für die jeweilige soziale Bewegung aktiviert werden können. Hierdurch haben die zugrundeliegenden Netzwerke auch immer einen Einfluss auf die Möglichkeiten der Ausbildung kollektiver Identitäten.K. Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und Erklärungsansätze – ein Überblick. In K. Hellmann, R. Koopmann (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Entstehung und Entwicklung von Neuen Sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus. Westdeutscher Verlag, 1998, S. 9–30. Soziale Bewegungen weisen daher eine gewisse „Milieuverhaftung“J. Mittag, H. Stadtland: Theoretische Ansätze und Konzepte der Forschung über soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft. Klartext, Essen 2014. auf.
Hellmann ordnet das Konzept der „structural strains“ einer marxistischen Denkschule zu, da die Erklärungskraft des Ansatzes auf der Gesellschaftsstruktur und den spezifischen gesellschaftlichen Konstellationen beruht, die für die Mobilisierung von sozialen Bewegungen entscheidend sind. Zudem ist sozialstrukturelle Perspektive hinsichtlich des Mobilisierungspotentials von sozialen Bewegungen eng mit dem „new social movements approach“ verbunden. Diese Perspektive, die vor allem bestehende Netzwerke in den Blick nimmt, schlägt zudem eine Brücke zu dem Konzept der kollektiven Identität.
Kritisiert wird am Structural-Strains-Ansatz, dass das Verhältnis zwischen den sozialstrukturellen Gegebenheiten und dem Mobilisierungspotential sozialer Bewegungen unklar bleibt. Zudem liefert der Ansatz Mittag und Stadtland zufolge keine konkreten Analysemöglichkeiten, um die makrotheoretischen Annahmen auf eine mikrotheoretische Ebene zu übertragen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass nicht in allen Teilen der Welt die typischen Milieus, aus denen sich soziale Bewegungen rekrutieren, die gleichen sind.
Political-Opportunity-Ansatz
Der Political-Opportunity-Structure-Ansatz (POS) basiert auf der Annahme, dass sich Protestbewegungen durch Umwelteinflüsse (insb. politische Rahmenbedingungen) entwickeln. Hierbei rücken nicht interne (Collective Identity), sondern externe Möglichkeitsbedingungen in den Blick der Untersuchung. Ein Protest muss dabei nicht zwangsweise – wie fälschlicherweise angenommen werden kann – politisch sein. Von entscheidender Relevanz ist, dass politische Forderungen gestellt werden, die sich auf Strukturen und Ereignissen im politischen System beziehen, da nur so eine Veränderung der Gesellschaftsstrukturen erreicht werden kann. Insbesondere die Perspektive des internationalen Vergleichs kann dabei günstige Möglichkeiten für Protest und Mobilisierung schaffen. Konzeptionell lässt sich der POS-Ansatz in mehreren Varianten fassen, die jeweils mit eigenen Kategoriendefinitionen und Unterscheidungen operieren.Kai-Uwe Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und Erklärungsansätze – ein Überblick. In: Kai-Uwe Hellmann, Ruud Koopmans (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung – Entstehung und Entwicklung von Neuen sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus. Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 23ff.
Der POS-Ansatz weist eine gewisse Nähe zum Structural-Strains-Ansatz auf, da beide Ansätzen von externen Faktoren ausgehen, die zum Entstehen von sozialen Bewegungen beitragen. Der Ansatz kann zudem beliebig mit anderen Theorien mittlerer Reichweite kombiniert werden, um ein breiteres Spektrum an Erklärungen für soziale Bewegungen (und andere spezifische Gegenstände) zu finden.
Kritisiert werden kann an diesem Ansatz sein gleichzeitiger Ansatzpunkt: der Fokus auf politische Gelegenheitsstrukturen. Für das Entstehen einer sozialen Bewegung ist das Vorhandensein mehrere Faktoren ausschlaggebend, nicht nur etwa ein politisches Ereignis oder bspw. die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Zusätzlich ist auf einen möglichen theorieimmanenten Bias zu verweisen, durch das die politischen Gelegenheitsstrukturen (zu schnell) als Ausgangspunkt einer sozialen Bewegung interpretiert werden. Ferner wird eine fehlende Verbindung zu sozial-strukturellen Entwicklungen und (politischer) kleinräumiger Interaktion sowie Mikropolitik kritisiert.Jürgen Mittag, Helke Stadtland: Soziale Bewegungsforschung im Spannungsfeld von Theorie und Empirie. In: Jürgen Mittag, Helke Stadtland (Hrsg.): Theoretische Ansätze und Konzepte der Forschung über soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft. Klartext, Essen 2014, S. 34f.
Collective-Identity-Ansatz