mini|Meeresströmungen im Nordwestatlantik Der Grönlandstrom (englisch: Greenland Current, GC) ist eine kalte Meeresströmung im Nordatlantik, die zunächst als Ostgrönlandstrom (East Greenland Current, EGC) entlang der Ostküste Grönlands von Norden nach Süden verläuft. An der Südspitze Grönlands, dem Kap Farvel (engl. Cape Farewell), biegt ein Teil dieser Wassermassen um das Kap, vermischt sich mit wärmerem Atlantikwasser und strömt dann als Westgrönlandstrom (West Greenland Current, WGC) nordwärts entlang der Westküste Grönlands. Beide Strömungen sind wichtige Komponenten der atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC). Der Ostgrönlandstrom transportiert kaltes Wasser und Meereis südwärts, was die Bildung von Tiefenwasser in der Labradorsee unterstützt, der Westgrönlandstrom hingegen beeinflusst den Wärmeaustausch zwischen dem Atlantik und der Arktis sowie die lokale Meereisbedeckung.Rahmstorf, S. (2002). Ocean circulation and climate during the past 120,000 years. In: Nature 419 (2002), S. 207–214. DOI:10.1038/nature01090.

Ostgrönlandstrom Der Ostgrönlandstrom setzt sich aus sehr unterschiedlichen Wassermassen zusammen. Er beginnt in der Framstraße im Nordosten Grönlands, wo kaltes und salzarmes polares Wasser aus dem Nordpolarmeer nach Süden fließt und auch größere Mengen an Meereis transportiert. Ebenfalls durch die Framstraße erreicht atlantisches Wasser, das zuvor als warmer Westspitzbergenstrom nordwärts geflossen ist und teils durch das Nordpolarmeer zirkuliert und sich dabei abgekühlt hat, den Ostgrönlandstrom. Der Strom verläuft im Westen der Grönlandsee entlang des ostgrönländischen Kontinentalschelfs. Vor Jan Mayen zweigt der Jan-Mayen-Strom westlich ab. Ein Teil des Jan-Mayen-Stroms vereinigt sich als Mäander des Ostgrönlandstroms südlich von Jan-Mayen wieder mit diesem. Ein anderer Teil strömt entlang des Mohn- und des Knipovich-Rückens nach Nordwesten und transportiert Wasser in den zentral in der Grönlandsee gelegenen Grönlandwirbel.

Vor der Dänemarkstraße zwischen Grönland und Island führt ein weiterer Teilstrom, der Ostisländische Strom, Wasser vom Ostgrönlandstrom nach Westen in die nördlich von Island gelegene Islandsee ab. Zum Verbleibenden Wasser des Ostgrönlandstroms mischt sich weiter südlich bei Island das wärmere Wasser des Irmingerstroms hinzu; insgesamt bleibt der Ostgrönlandstrom aber eine eher kalte Strömung.

Westgrönlandstrom Der Westgrönlandstrom (engl. West Greenland Current, WGC) ist eine ozeanische Strömung, die entlang der Westküste Grönlands verläuft. Er spielt eine entscheidende Rolle in der Zirkulation des subpolaren Nordatlantiks und ist eng mit dem Labradorstrom sowie dem Irmingerstrom verbunden. Der WGC transportiert relativ warmes und salzreiches Wasser aus dem Atlantik nach Norden und beeinflusst damit das regionale Klima sowie die marinen Ökosysteme Westgrönlands. Er hält durch das relativ wärmere Wasser die Westküste Grönlands weitgehend eisfrei und ist Teil des Nordatlantischen Subpolarwirbels, der die großräumige Zirkulation im Nordatlantik prägt.

Eigenschaften und Verlauf

Der Westgrönlandstrom besteht aus zwei Hauptkomponenten: einem oberflächennahen Strom (0–500 m): Dieser transportiert subarktisches Wasser aus dem Labradorstrom nordwärts, und einem Tiefenstrom (>500 m): Dieser führt atlantisches Wasser (Irmingerstrom-Wasser) entlang des Kontinentalhangs.Paul G. Myers, Chris Donnelly, Mads H. Ribergaard (2009): Structure and variability of the West Greenland Current in Summer derived from 6 repeat standard sections. In: Progress in Oceanography, Band 80, Ausgabe 1–2, S. 93–112. DOI:10.1016/j.pocean.2008.12.003.

Der WGC entsteht aus einer Mischung von Resten des Ostgrönlandstroms, die um Kap Farvel zirkulieren, und wärmerem Atlantikwasser, das über den Irmingerstrom in die Baffin Bay eindringt.Lynne D. Talley, George L. Pickard, William J. Emery, James H. Swift (Hrsg.): Descriptive Physical Oceanography (Sixth Edition). Academic Press, 2011. ISBN 978-0-7506-4552-2.

Nahe Kap Farvel interagiert er stark mit dem Ostgrönlandstrom und bildet häufig Mäander und Wirbel, die zu intensiver Vermischung von Wassermassen führen.A. Pacini, R. S. Pickart (2022): Meanders of the West Greenland Current near Cape Farewell. In: Deep Sea Research Part I, 179, 103664. DOI:10.1016/j.dsr.2021.103664. Insbesondere vermischt sich sein Wasser mit dem wärmeren Wasser des Irmingerstroms, einem Seitenarm des Nordatlantikstroms. Allerdings findet diese Vermischung aufgrund der unterschiedlichen Wasserdichte zunächst nur begrenzt statt – die beiden Strömungen laufen weitgehend parallel um das Kap Farvel. Erst etwas weiter nordwärts entlang der Westküste Grönlands, etwa ab Höhe Paamiut, kommt es zu einer stärkeren Durchmischung. Weiter nordwärts fließt ein Teil des WGC durch die Davisstraße in die Baffin Bay,Jérôme Cuny, Peter B. Rhines, Ron Kwok: Davis Strait volume, freshwater and heat fluxes. In: Deep Sea Research Part I: Oceanographic Research Papers, Band 52 (2005), Ausgabe 3, S. 519–542. DOI:10.1016/j.dsr.2004.10.006. wo er teilweise in den Baffin Bay Wirbel integriert wird, während der Rest um den Nordrand der Labradorsee zirkuliert und entlang der Küste Labradors und Neufundlands nach Süden abbiegt.

Saisonale und langfristige Variabilität

Studien zeigen, dass der WGC starken saisonalen Schwankungen unterliegt, insbesondere durch Schmelzwasserzufuhr im Sommer.R. Gou et al. (2021): Seasonal Cycle of the Coastal West Greenland Current System Between Cape Farewell and Cape Desolation From a Very High-Resolution Numerical Model. In: JGR Oceans, Band 126, Ausgabe 5, S. e2020JC017017. DOI:10.1029/2020JC017017. Langfristig wird eine Abschwächung des Stroms beobachtet, was auf das Schmelzen des grönländischen Eisschilds zurückgeführt wird.T. J. Morrison et al. (2024): Sensitivities of the West Greenland Current to Greenland Ice Sheet Meltwater in a Mesoscale Ocean/Sea Ice Model. In: Journal of Physical Oceanography, Band 54, Ausgabe 7, S. 1329–1346. DOI:10.1175/JPO-D-23-0102.1.

Historische Rekonstruktionen deuten darauf hin, dass der WGC im 20. Jahrhundert durch anthropogene Erwärmung geschwächt wurde, während natürliche Klimaschwankungen (z. B. die Kleine Eiszeit) früher bereits ähnliche Effekte hatten.J. Lloyd et al. (2006): Changes in strength of the West Greenland Current over the past 400 years. In: Geophysical Research Abstracts, 8, EGU06-A-03053.

Ozeanographische Bedeutung

Der Westgrönlandstrom unterliegt langfristigen Veränderungen, die mit der globalen Erwärmung und dem verstärkten Schmelzen des grönländischen Eisschilds zusammenhängen. Studien zeigen, dass der zunehmende Süßwassereintrag die Dichtestruktur und die Dynamik der Strömung beeinflusst.C. E. Schmidt et al. (2025): Influences on Chemical Distribution Patterns across the West Greenland Shelf: The Roles of Ocean Currents, Sea Ice Melt, and Freshwater Runoff. In: Preprint egusphere-2025-291. DOI:10.5194/egusphere-2025-291

Der Westgrönlandstrom (WGC) ist ein wesentlicher Bestandteil der großräumigen Ozeanzirkulation im Nordatlantik und damit auch der globalen thermohalinen Zirkulation (globales Förderband).Die großräumige Ozeanzirkulation im Atlantik. Geomar-Website, abgerufen am 13. Mai 2025. Er transportiert relativ warme und salzärmere Wassermassen entlang der Westküste Grönlands nordwärts, nachdem sie zuvor als Ostgrönlandstrom um Kap Farvel herumgeführt wurden.

Somit trägt er dazu bei, Süßwasser und Schmelzwasser aus dem grönländischen Eisschild in den Nordatlantik zu transportierenWechselwirkung zwischen Grönländischem Eisschild und Ozean. Website der TU Dresden, abgerufen am 13. Mai 2025.. Dies beeinflusst die Dichteverhältnisse im Nordatlantik und kann die Tiefenwasserbildung in der Labradorsee und in der Grönlandsee modulieren – ein zentraler Prozess für die Funktion der atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC)Meeresströmungen. Geomar-Website, abgerufen am 13. Mai 2025.. Veränderungen im Westgrönlandstrom, etwa durch verstärkten Schmelzwassereintrag, können die Stabilität und Stärke der AMOC beeinflussen und somit auch Rückwirkungen auf das globale Klimasystem und den Meeresspiegel haben.

Historische Analysen deuten darauf hin, dass die Stärke des Westgrönlandstroms in den letzten 400 Jahren natürlichen Schwankungen unterlag, jedoch seit dem 20. Jahrhundert eine deutliche Abschwächung durch anthropogene Erwärmung erfährt.

Bedeutung für das globale Klimasystem

Der Westgrönlandstrom unterliegt im Zuge des Klimawandels erheblichen Veränderungen, die eng mit der Eisschmelze Grönlands und der Schwächung der atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC) verbunden sind. Durch das beschleunigte Abschmelzen des grönländischen Eisschilds gelangen jährlich rund 270 Milliarden Tonnen Süßwasser in den Nordatlantik.Deutsches Klima-Konsortium e. V. (DKK) im Wissenschaftsforum Berlin, und Konsortium Deutsche Meeresforschung e. V. (KDM) im Wissenschaftsforum Berlin: Zukunft der Golfstromzirkulation. Fakten und Hintergründe aus der Forschung. Berlin 2017, S. 18. PDF Dieser Süßwasserzufluss verringert den Salzgehalt und die Dichte des Oberflächenwassers, was die Tiefenwasserbildung in der Labradorsee und in der Grönlandsee hemmt – ein Schlüsselprozess für die AMOC.Der Golfstrom im Klimawandel Website "planet-wissen", abgerufen am 13. Mai 2025

Der Westgrönlandstrom ist Teil des subpolaren Wirbels, der warmes Wasser nordwärts und kaltes Wasser südwärts transportiert.R. Gou, C. Pennelly, P. G. Myers (2022): The Changing Behavior of the West Greenland Current System in a Very High-Resolution Model. In: JGR Oceans, Band 127 (2022), Ausgabe 8, S. e2022JC018404. DOI:10.1029/2022JC018404 Modellstudien zeigen, dass die Erwärmung des Nordatlantiks und der Süßwassereintrag die Strömungsgeschwindigkeit des Westgrönlandstroms um bis zu 20 % reduzieren könnten. Dies würde den Wärmetransport in die Arktis verringern und lokale Ökosysteme destabilisieren.

Eine geschwächte AMOC könnte den Temperaturgradienten zwischen Äquator und Polen verringern, was wiederum die Westwinddrift und Jetstream-Muster beeinflusst.Stefan Rahmstorf, Jason E. Box, Georg Feulner et al.: Exceptional twentieth-century slowdown in Atlantic Ocean overturning circulation. In: Nature Climate Change 5 (2015), S. 475–480. DOI:10.1038/nclimate2554. Für Europa könnte dies paradoxerweise trotz globaler Erwärmung zu kälteren Wintern führenL. C. Jackson, R. Kahana, T. Graham et al.: Global and European climate impacts of a slowdown of the AMOC in a high resolution GCM. In: Climate Dynamics 45 (2015), S. 3299–3316. DOI:10.1007/s00382-015-2540-2. , während Grönland selbst stärkere Erwärmung erfährt.Thomas L. Delworth, Fanrong Zeng, Gabriel A. Vecchi, Xiaosong Yang, Liping Zhang, Rong Zhang: The North Atlantic Oscillation as a driver of rapid climate change in the Northern Hemisphere. In: Nature Geoscience 9 (2016), S. 509–512. DOI:10.1038/ngeo2738.

Für marine Ökosysteme bedeutet die Vermischung von Süßwasser mit dem salzreichen Westgrönlandstrom, dass sich die Nährstoffverteilung im Schelfbereich verändert. Dies betrifft insbesondere Phytoplanktonblüten, die als Basis der Nahrungskette für Fische und Meeressäuger dienen.Renato M. Castelao, Patricia M. Medeiros: Coastal Summer Freshening and Meltwater Input off West Greenland from Satellite Observations. In: Remote Senses, Band 14 (2022), Ausgabe 23, S. 6069. DOI:10.3390/rs14236069. Gleichzeitig begünstigt wärmeres Wasser das Vordringen subarktischer Arten in bisher kalte Habitate.Erik Buch: Present oceanographic conditions in Greenland Waters. Division for Operational Oceanography. Danish Meteorological Institut (Hrsg.). Kopenhagen 2002. ISBN 87-7478-453-6. PDF. All diese Veränderungen unterstreichen die zentrale Rolle der grönländischen Strömungssysteme im globalen Klimagefüge.

Einfluss auf Ökosysteme