Marinenachrichtendienst ist die Bezeichnung für den Nachrichtendienst der Marine eines Landes. In vielen Ländern besteht zur Sicherung der Seestreitkräfte ein marineeigener Nachrichtendienst, dessen Hauptaufgabe in der Überwachung der Seestreitkräfte anderer Nationen besteht.

Als Beispiele für ausländische Marinenachrichtendienste sei der Nachrichtendienst der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika genannt, welcher 1882 unter dem Namen Office of Naval Intelligence (ONI) gegründet wurde. Der Nachrichtendienst der britischen Marine wurde ebenfalls 1882 unter dem Namen Foreign Intelligence Committee gegründet und 1887 in Naval Intelligence Department (NID) umbenannt.

Die Entwicklung des deutschen Marinenachrichtendienstes bis 1945 Von seiner Entstehung bis 1918 Als militärischer Geheimdienst der kaiserlichen deutschen Marine muss sowohl die Nachrichtenbüro (Abteilung N) des Reichsmarineamtes als auch das Nachrichtenbüro (später Nachrichten-Abteilung, kurz N) im Admiralstabes betrachtet werden.Walter Hubatsch: Der Admiralstab und die obersten Marinebehörden in Deutschland 1848–1945, Anlage 19. Bernard & Graefe: Frankfurt/M. 1958, S. 241/242

Nachrichtenbüro im Reichsmarineamt von 1897 bis 1918 Geschichte Das Nachrichtenbüro im Reichsmarineamt war 1897 durch den Staatssekretär im Reichsmarineamt Alfred von Tirpitz gebildet worden. Als erster Vorstand wirkte hier ab 1. Oktober 1897 August von Heeringen. Diesem einen Stabsoffizier standen zwei jüngere Offiziere als Dezernenten zur Seite. In der Zeit der Dienststelle gab es auch Besetzungen von bis zu 5 Offizieren und mit zusätzlichen Hilfskräften.

Aufgabe des Nachrichtenbüros war die Informationssammlung, Auswertung und Weitergabe in Form von Nachrichten, Artikeln, Sachberichten oder Publikationen über marinebezogene Abläufe und Ereignisse. Die Informationssammlung erfolgte aus drei Richtungen. 1. Obligatorische und auftragsbezogene Berichterstattung der Marineattachés 2. Berichterstattung durch die im Ausland eingesetzten Schiffe und aus häufig angelaufenen Häfen 3. Auswertung der in- und ausländischen Presse. Auf dieser Grundlage wurde eine intensive Propagandaarbeit mit dem Ziel betrieben, an der Umsetzung der erlassenen Flottengesetze und am Aufbau der kaiserlichen Kriegsflotte mit öffentlicher und politischer Akzeptanz mitzuwirken. Diese Arbeit erfolgte mit der vordergründigen Blickrichtung einer Beeinflussung von Politik, Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit im Sinne der maritimen Rüstungsziele. Jedoch befand sich mit der Inkraftsetzung des 2. Flottengesetzes am 1. Juli 1900 die Nachrichtenstelle (N) bereits über dem Höhepunkt ihres Wirkens seit der Gründung 1897 und die Personalstärke war zu diesem Zeitpunkt bereits auf zwei Offiziere und wenige Hilfskräfte abgesenkt worden. Die größten zeitlichen Aufwendungen waren durch den bestehenden Lesedienst erforderlich. Das betraf die fortlaufende Sichtung von Publikationen aus 163 Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen sowie anderer Nachrichtenbüros und die Analyse von marinerelevanten Themen daraus. Die Ergebnisse dieser Informationsrecherchen wurden in Form von marinebezogenen Kurznachrichten, Bulletins und Zusammenfassungen in schriftlicher Form an Zeitungsverlage, Journalisten, Pressestellen von Unternehmen und vereinzelt auch an Reichsministerien weitergegeben.Wilhelm Deist: Flottenpolitik und Flottenpropaganda. Stuttgart 1976. Letzteres war insofern schwierig, da innerhalb der Ministerien die Hoheit für Pressemitteilungen unter den Behörden in dieser Zeit beim Auswärtigen Amt lag. Aber das Nachrichtenbüro war auch bereits dazu übergegangen, eigene Publikationen, maritime Literatur und Zeitschriften herauszugeben oder inhaltlich mitzugestalten. Das betraf vor allem die Zeitschriften Marine-Rundschau und den Nauticus – Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen, der 1899 noch zaghaft und ab dem Jahrgang 1900 dann regelmäßig herausgegeben wurde.Marcus König: Agitation-Zensur-Propaganda. Der U-Bootkrieg und die deutsche Öffentlichkeit im Ersten Weltkrieg. ibidem Verlag, München 2014, S. 46 ff. Wilhelm Deist: Flottenpolitik und Flottenpropaganda. Stuttgart 1976, S. 81 ff.

Zusätzlich wurden Informations- und Propagandaschriften zentral verteilt und teilweise Veröffentlichungen vor der Drucklegung geprüft. Mit dieser Art der Propaganda sollte eine Vielzahl wichtiger Personen, wie Schriftsteller aber auch Reichstagsabgeordnete, erreicht und in ihrer Meinung gezielt beeinflusst werden. Zielsetzung war es, zu einer positiven Grundstimmung in der Bevölkerung hinsichtlich des Flottenaufbaus in dem Ausmaß beizutragen, dass das Deutsche Reich zur zweitgrößten Flottenmacht seiner Zeit werden konnte. Relativ unregelmäßig wurde durch den jeweiligen Vorstand Pressetermin im Reichstagsgebäude abgehalten. Jedoch war das eher die Domäne der Abt. III b im Großen Generalstab. Ab 1908 wurde dazu übergegangen regionale Pressestelle in deutschen Häfen, später genannt Nachrichtensammelstellen, einzurichten.

Bei Kriegsausbruch 1914 wurden die Aufgaben anhand des Kriegsgeschäftsverteilungsplans präzisiert und das Nachrichtenbüro sollte mit der deutschen Presse zusammenarbeiten, während die 1901 eingerichtete Nachrichten-Abteilung des Admiralstabs die ausländische Presse bedienen sollte. Das Nachrichtenbüro wurde dafür dem Admiralstab zugeordnet, verblieb aber formal als Abteilung im Reichsmarineamt. Nachdem Tirpitz im März 1916 als Staatssekretär des Marineamtes zurückgetreten war, wurde die Nachrichten-Abteilung teilweise dem Admiralstab unterstellt, kurze Zeit später aber vollständig zusammengelegt und unter die Kontrolle des Admiralstabs gestellt.

Vorstände Fregattenkapitän August von Heeringen: von 1897 bis 1900 Fregattenkapitän Hermann Jacobsen: von 1900 bis 1902 Kapitän zur See Job von Witzleben: von 1902 bis 1905 Kapitän zur See Franz von Holleben: von 1905 und 1906 Korvettenkapitän Karl Boy-Ed: von 1906 bis 1909 Kapitän zur See Carl Hollweg: von 1909 bis 1912 Kapitän zur See Heinrich Löhlein: von 1912 bis 1915 Kapitän zur See Paul Fischer: 1915 Kapitän zur See Wilhelm Widenmann: von 1915 bis 1916 Korvettenkapitän Horst Rieder: 1916 Kapitän zur See Karl Boy-Ed: von 1916 bis 1918 Korvettenkapitän Albert Scheibe: von 1918 bis zur Auflösung

Nachrichten-Abteilung N im Admiralstab von 1900 bis 1918 Geschichte Auf Initiative von Admiral Otto von Diederichs – damaliger Chef des Admiralstabes – wurde 1901 das Nachrichtenbüro im Admiralstab eingerichtet und kurze Zeit später in Nachrichten-Abteilung (kurz N) umbenannt. Den Standort bezog die Abteilung im Gebäude des Admiralstabs in der Königgrätzer Straße 70 in Berlin. Die Einrichtung der Abteilung geschah trotz der Mittelkürzung durch Alfred von Tirpitz und in der Folge wurden die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Bereichen weiter verschärft. Diederichs sah die Einrichtung der Nachrichten-Abteilung als Chance an eine Eigenständigkeit ohne die Kontrolle von Tirpitz zu erreichen. Tirpitz probierte, durch weitere Mittelkürzungen die Funktionsfähigkeit der Abteilung einzuschränken. Entgegen dieser Auseinandersetzungen wuchs die Mitarbeiterzahl auf vier an.

Als Besonderheit unterschrieb der Direktor mit einem N gefolgt vom ersten Buchstaben seines Nachnamens. Die zugeordneten Agenten wurden in die Kategorien Berichterstatter (BE) oder Vertrauensmänner (VM) unterteilt. Einem BE war ein Hauptberichterstatter (HBE) zugeordnet. Weitere Personen in der Organisation kannte der BE nicht. Die Agenten wurden unterschiedlichen Einsatzgebieten zugeordnet. Neben Europa gab es die Einsatzgebiete Ostafrika, Westafrika, Ostasien, Australien, Westamerika und Ostamerika inkl. Zentralamerika und die Karibik. Die ausländischen Gebiete bezogen sich besonders auf die deutschen Kolonien.

In der Folge wurden aufgabenbezogene Unterabteilungen gebildet. Spionageaktivitäten wurden über die Unterabteilung NI abgewickelt. Hier war ab 1913 Fritz Prieger Leiter.Thomas Boghardt: Spies of the Kaiser, St Antony’s Series, ISBN 0-333-71109-2, Seite 16 epdf.pub Für N und NI wurde ein Admiralstabssekretär abgestellt. Ein bekannter Spion der Unterabteilung war Carl Hans Lody. Das sogenannte Referat hatte den Schwerpunkt der nachrichtendienstlichen Informationsbeschaffung zu den potentiellen Kriegsgegnern England und Frankreich.

Ab 1911 etablierte sich für den internationalen Bereich, welcher sich auf feindliche Schiffsbewegungen spezialisiert hatte, der Name Kriegsnachrichtenwesen (KNW). Auch in diesem Bereich wurden die Aufgaben ab Kriegsbeginn anhand des Kriegsgeschäftsverteilungsplans präzisiert. Mit der Unterbrechung der Kommunikationsverbindung nach England 1914 wurde die Spionagetätigkeit erheblich eingeschränkt.

Nach der Kriegserklärung im August 1914 wurden 21 deutsche Spione des Referats durch den neu gegründeten MI5 verhaftet.Bernard Porter: Plots and paranoia: a history of political espionage in Britain, 1790–1988. books.google.de Um 1915 unterstützte der ehemalige und spätere Vorstand des Nachrichtenbüros im Reichsmarineamt Karl Boy-Ed in seiner Funktion als Marineattaché in Washington die amerikanischen Agententätigkeiten der Nachrichten-Abteilung.

Während des Krieges wurde die Abteilung G (Gegenspionage) als zusätzliche Abteilung gebildet. Diese wurde vom Frühjahr 1916 an vom späteren Direktor der Nachrichten-Abteilung, Paul Ebert, geleitet.

Für Sabotageoperationen folgte im Herbst 1916 die Einrichtung von NIV. Hauptsitz war in der Lützowstraße und zur Tarnung waren die „Agatit-Werke“ gegründet worden. Erster Direktor der Einrichtung war kurz der Korvettenkapitän Alfred Lassen (* 1875). Es folgte von August 1916 bis März 1917 Fregattenkapitän Paul Reichardt und anschließend der Bruder des ersten Direktors der Einrichtung, Korvettenkapitän August Lassen (* 1881).

Im November 1917 ging UC 57 bei einem Sondereinsatz des Nachrichtendienstes verloren. U 156 und U 157 liefen im Dezember 1917 mit Ziel Kanarische Inseln zu einem Sondereinsatz für die Einfuhr von Wolframerz aus. Die Übernahme wurde durch den britischen Marinenachrichtendienst (Room 40) enttarnt und die Übernahme des Erzes konnte verhindert werden.

Während des Krieges war Wilhelm Canaris zeitweise der Nachrichten-Abteilung zugeteilt.

Mit Kriegsende vernichtete die Nachrichtenabteilung des Admiralstabes große Teile ihres Aktenbestand.Bundesarchiv-Militärarchiv (BArch-MA) Abteilung RM 5 Im Marineabwicklungsamt war Fritz PriegerVolker Schult: Wunsch und Wirklichkeit: deutsch-philippinische Beziehungen nach dem Krieg für die Abwicklung des Marinenachrichtendienstes zuständig.Thomas Boghardt: Spies of the Kaiser, St Antony’s Series, ISBN 0-333-71109-2, Appendix 3 epdf.pub

Direktoren Kapitän z.S. Arthur Tapken: von 1901 bis März 1914 als Direktor ausgewiesen, aber bereits seit 1902 im Admiralsstab mit zeitlichen Lücken präsent Fregattenkapitän Walter Isendahl: von März 1914 bis Februar 1918 Kapitän z.S. Paul Ebert: von Februar 1918 bis zur Auflösung

Funkaufklärung für den Seekrieg von 1914 bis 1917 Geschichte Während des Ersten Weltkrieges zeigte sich die Abteilung N unfähig, die für ein brauchbares Lagebild notwendigen Informationen zu liefern. Zur wichtigsten Nachrichtenquelle der Marineführung entwickelte sich die Funkaufklärung, die außerhalb von ihr entstand und über die Zeit des Bestehens nie in ihren Zuständigkeitsbereich fiel. Initiiert wurde die Funkaufklärung für den Seekrieg von der Armee, insbesondere vom Chef der Feldtelegrafie im Großen Generalstab. Diese waren von August 1914 bis Dezember 1914 William Balck, dann bis Mitte 1917 Hans von Wolff. Dessen Ansprechpartner bei der Marine war der Dezernent für Signal- und Funkentelegraphie-Wesen in der Operationsgruppe im Admiralstab der Marine, dem damit in diesem die Zuständigkeit für die Funkaufklärung zufiel.