Die PIN Group AG S.A. war eine Holding zahlreicher regionaler deutscher Postunternehmen. Ursprünglich hatte sie ihren Sitz in Leudelingen im Großherzogtum Luxemburg. Mit Beginn ihrer Sanierung wurde die Geschäftsführung nach Köln verlagert.Focus Online: Sanierungspläne – Naht Rettung für PIN aus den USA? vom 27. Januar 2008 Die Rechtsform der PIN Group AG S.A. war eine Aktiengesellschaft nach luxemburgischem Recht (Société anonyme).

Zahlreiche Beteiligungen wurden Ende September 2008 von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gekauft.Handelsblatt: Konkurrenz für die Post – Holtzbrinck erwirbt Teile der Pin Group vom 26. September 2008

Geschichte Die Anfänge Die PIN intelligente Dienstleistungen AG, ein Postunternehmen aus Berlin, das heute PIN Mail AG heißt, war das erste Unternehmen für die später entstandene PIN Group AG. Der Berliner Briefdienstleister wurde im April 1999 von Bernhard Klapproth und Martina Roitzsch gegründet. Die Briefzustellung in Berlin begann am 17. August 1999. Die PIN Mail AG betreibt eigene Filialen und Partner-Shops sowie Briefkästen in Berlin.

Nachdem sich eine Aufhebung des Briefmonopols in Deutschland abzeichnete, beteiligten sich Mitte 2004 die Axel Springer AG und die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck mit jeweils 30 Prozent der Aktien an der PIN intelligente Dienstleistungen AG. Die Aktien wurden von den Unternehmensgründern und der DKB Wagniskapital GmbH übernommen.

Im Oktober 2005 wurden die restlichen Anteile der PIN-Gründer von der WAZ-Mediengruppe und der luxemburgischen Beteiligungsgesellschaft Rosalia Investment S.A. von Günter Thiel übernommen, die PIN Group S.A. wurde gegründet.Welt Online: Postdienst von Springer, Holtzbrinck und WAZ startet unter dem Namen Pin vom 9. November 2005. Im Sommer 2006 brachten die Zeitungsverlage Madsack, M. DuMont Schauberg, Rheinisch-Bergische Verlagsgesellschaft und Verlag W. Girardet KG ihre Briefdienstleistungsunternehmen in das Unternehmen ein. Dafür erhielten diese einen zehnprozentigen Anteil an der PIN Group S.A.

Entwicklung seit 2007 Mit der Übernahme der Briefnetz Süd GmbH & Co. KG (BNS), eines Zusammenschlusses der Briefdienstleistungsunternehmen von 12 Zeitungsverlagen in Bayern und Baden-Württemberg, verfügte die PIN Group ab April 2007 über ein bundesweites Zustellnetzwerk.PIN Group: vom 29. März 2007. Die Erweiterung der Geschäftsaktivitäten um die förmliche Zustellung von Behördenpost gelang der PIN Group S.A. mit dem Kauf des in Ulm ansässigen Briefdienstleisters DirektExpress.

Ab Juni 2007 befand sich die Gesellschaft unter mehrheitlicher Kontrolle des Axel-Springer-Verlags, der seinen Anteil an dem Unternehmen von 23,5 Prozent auf 71,6 Prozent erhöhte.PIN Group: vom 28. Juni 2007. Die zusätzlichen Anteile erwarb die Axel Springer AG für 510 Mio. Euro von den Miteigentümern WAZ, Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und Rosalia.

Die PIN Group S.A. fungierte als Holding und war zuständig für die Strategie der Unternehmensverbindung und die Planung des operativen Geschäfts, welches durch die deutschen Tochtergesellschaften und Beteiligungen betrieben wurde. Im Februar 2007 arbeiteten rund 7.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte bei der PIN Group S.A.Mitgliederzeitschrift Ver.di.

Zur Ausweitung ihres Filialnetzes wurden PIN-Partner-Shops in Sparkassen eröffnet; so zunächst ab 1. September 2007 mit der Sparkasse Siegen und ab 14. September 2007 mit der Verbands-Sparkasse Wesel, bei der PIN-Shops in allen Kunden-Centern in Wesel, Hamminkeln und Schermbeck eingerichtet wurden.PIN-Group: vom 14. September 2007. Am 31. Dezember 2008 stellte die Verbands-Sparkasse Wesel den Post-Service in allen Vertriebsstellen ein, nachdem die Zusammenarbeit mit dem Rechtsnachfolger, dem WAZ Postservice, nicht wie zu Beginn des Projektes geplant weiter verlief.

Einführung vom Mindestlohn Aufgrund der öffentlichen Diskussionen über Dumpinglöhne bei den neuen Postdienstleistern und wegen der kurz zuvor beschlossenen Möglichkeit zur Ausweitung des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes (AEntG) auf weitere Branchen schlossen die Gewerkschaft ver.di und der Arbeitgeberverband Postdienste einen Tarifvertrag über einen Mindestlohn von 8,00 bis 9,80 Euro je Stunde ab. Dieser Tarifvertrag wurde von den neuen Postunternehmen, auch der PIN Group, heftig kritisiert. Die Deutsche Post AG hätte nach Ansicht der Wettbewerber ihre Führerschaft im Arbeitgeberverband Postdienste ausgenutzt, um hohe Mindestlöhne für die neuen Postunternehmen zu diktieren, die einen fairen Wettbewerb nicht mehr zugelassen hätten.

Nachdem sich die Bundesregierung im November 2007 auf eine Einführung eines Mindestlohns im Briefzustellerbereich durch die Aufnahme in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz geeinigt hatte, kündigte die Axel Springer AG massiven Widerstand an. So wurde insbesondere in Bild, B.Z., Die Welt etc. ausführlich über vermeintliche Nachteile des Mindestlohns für Briefzusteller berichtet. Außerdem wurden die PIN-Mitarbeiter zu einer von den Arbeitgebern organisierten Demonstration gegen den Post-Mindestlohn am 9. Oktober 2007 aufgefordert.Katharina Sobottka: Volksverdummung statt Volkes Stimme am 18. Oktober 2007 auf polaronline.de

Der Hauptaktionär Axel-Springer stieg im Oktober 2007 aus dem Unternehmen aus. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, kündigte daraufhin am 14. Dezember 2007 an, der Hauptanteilseigner mit 63,7 Prozent hätte in den letzten 2 Jahren schon ca. 620 Millionen Euro in die PIN Group S.A. investiert. Weitere Verluste könnten nicht übernommen werden, so dass der PIN Group S.A. wohl die Insolvenz drohe.Axel Springer Pressemitteilung: Nach Mindestlohnbeschluss durch Bundestag: Keine weiteren Finanzmittel für die PIN Group von Axel Springer vom 14. Dezember 2007Spiegel Online: Springer bereitet sich auf Pin-Pleite vor vom 8. Dezember 2007 Die Minderheitsaktionäre unter der Führung von Holtzbrinck versuchten, den Betrieb zu sanieren und mit möglichst vielen der 9000 Mitarbeitern weiter zu führen. Günter Thiel, CEO der PIN Group S.A., machte ein Angebot zur Übernahme der Aktienanteile (Management-Buy-out). Durch einen „höheren zweistelligen Millionenbetrag“ wollte er den Fortbestand des Unternehmens für ein halbes Jahr sichern.PIN Group: vom 14. Dezember 2007

Am 19. Dezember 2007 wurde bekannt, dass die PIN Group trotz gescheiterter Verhandlungen mit der Axel Springer AG weitergeführt werden sollte. Neuer Vorstandsvorsitzender wurde Horst Piepenburg im Januar 2008,Manager-magazin.de: Pin/Springer – Sanierer Piepenburg übernimmt vom 19. Dezember 2007 der dabei von Hans-Joachim Ziems, der die ehemals insolvente Kirch Media Group saniert hat, unterstützt werden sollte.Tagesschau.de: Post-Konkurrent PIN vor dem Aus – „Kein tragfähiges Finanz-Konzept“ (tagesschau.de-Archiv) vom 19. Dezember 2007

Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Horst Piepenburg wurde zum Geschäftsführer bestellt.Rheinische Post: Neue Führung für PIN-Gruppe, 19. Dezember 2007 Die Postmindestlohnverordnung wurde 2010 durch das Bundesverwaltungsgericht für rechtswidrig erklärt.BVerwG, Urteil vom 28. Januar 2010, Az. 8 C 19.09, Volltext. 2015 folgte das Mindestlohngesetz.

Insolvenzanträge von PIN Group Unternehmen mini|Geschlossener PIN-Group-Briefkasten nach der Insolvenz Ab 21. Dezember 2007 beantragten zahlreiche Tochtergesellschaften der PIN Group S.A. Insolvenz:

Am 21. Dezember 2007 stellten 7 Gesellschaften in Bremen, Fulda, Kassel, Köln, Landshut, München und Trier einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, da sie nach eigenen Angaben die fälligen Sozialversicherungsbeiträge für ihre Beschäftigten nicht mehr zahlen konnten.Sueddeutsche.de: vom 21. Dezember 2007.

Am 28. Dezember 2007 wurde beim Amtsgericht Köln der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens für die Regio Print-Vertrieb GmbH (Saarriva) in Saarbrücken, die PIN Mail Münsterland GmbH in Münster und die BZM Briefzentrum Münsterland GmbH in Emsdetten gestellt. Diese hatten insgesamt 340 Beschäftigte.Rw konzept: vom 28. Dezember 2007.

Am 9. Januar 2008 gab der neue Firmenchef Horst Piepenburg bekannt, die im Dezember 2007 durch seinen Vorgänger Günter Thiel angekündigten Entlassungen zu stoppen. Piepenburg begründete dies damit, dass das Interesse von Investoren größer sei als erwartet.

Bisher wurden damit für 18 Tochterunternehmen Insolvenzanträge eingereicht. In der Folge mussten 19 weitere Tochtergesellschaften Insolvenzanträge stellen. Damit waren laut Angaben von Horst Piepenburg am 23. Januar 2008 rund zwei Drittel der 9.000 Beschäftigten von der Insolvenz betroffen.Logistik inside: vom 23. Januar 2008. Ende Februar 2008 waren 37 der 91 PIN-Gesellschaften in der Insolvenz.

Die PIN zahlte ab Januar 2008 den Postmindestlohn von 9,80 Euro je Stunde.Der Tagesspiegel: „Pin will doch Mindestlohn zahlen Weitere Insolvenzen wahrscheinlich“ vom 23. Januar 2008.

Die PIN Group Holding und die zentrale Dienstleistungsgesellschaft (PIN Shared Service Center GmbH) stellten am 25. Januar 2008 beim Amtsgericht Köln ebenfalls einen Insolvenzantrag. Wie der Spiegel berichtete, wäre ein PIN-Aktionär nicht bereit gewesen, eine Forderung von etwa 1,5 Millionen Euro gegenüber der PIN Group zu stunden. Nach dem Ausstieg der Axel Springer AG reichten die Finanzmittel der PIN noch bis Ende Februar 2008. Durch die Insolvenz hatten die bisherigen Gesellschafter keinen Einfluss mehr auf die Geschäftsführung.

Bruno M. Kübler wurde zum Insolvenzverwalter der PIN Group bestellt. Er kündigte am 26. Februar 2008 an, dass zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut werden müssten. Die PIN Group suchte nach Investoren.Welt Online: PIN-Gruppe kündigt Abbau von Arbeitsplätzen an vom 26. Februar 2008 Kübler räumte ein, dass zum 1. März 2008 bereits 2.770 Beschäftigte und damit ein Viertel der ehemals 11.400 Beschäftigten arbeitslos geworden waren. Für die verbleibenden ca. 8.000 Beschäftigten wurde noch nach einem Investor gesucht.Stern.de: Pin-Group – Ein Viertel der Pin-Mitarbeiter arbeitslos vom 3. März 2008

Die PIN Group hatte 2007 einen Umsatz von 275 Mio. Euro erwirtschaftet. Der Umsatz 2008 wurde auf 350 Mio. Euro geschätzt.

Investorensuche Firmenchef Horst Piepenburg sollte im Januar 2008 bereits Gespräche mit amerikanischen Beteiligungsgesellschaften, darunter der Blackstone Group, Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Advent International, über eine Beteiligung geführt haben, was aber von diesen dementiert wird.Reuters: vom 28. Januar 2008

Dabei sollte die PIN Group AG möglichst als Ganzes verkauft werden. Die Gespräche mit Investoren befanden sich Anfang März 2008 bereits in der Due-Diligence-Prüfung.Fulda aktuell: „Große Lösung“ – PIN-Gruppe soll als Ganzes erhalten bleiben vom 1. März 2008

Die Hannoversche Verlagsgesellschaft Madsack kaufte die gewinnbringende und solvente PIN Mail Hannover (ehemals Citipost Hannover) zurück. Auch einige andere Zeitungsverlage prüften damals einen Rückkauf ihrer ehemaligen Töchter. Der Mittelbayerische Verlag hatte Interesse an der Citymail Regensburg. Die Mainpost, eine Tochtergesellschaft der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, an der Würzburger Mainpost Logistik und der Pressegrossist Trunk aus München wollte dagegen die PIN München zurückkaufen, hieß es.

Die Französische La Poste hatte Medienberichten im März 2008 zufolge ein großes Interesse an der PIN Group AG S.A. und war auch bei den Verhandlungen dabei. Die La Poste bestätigte dazu bereits die Zeitungsberichte, wonach die restliche solvente Gruppe interessant wäre. Frankreichs La Poste war bereits mit der Pakettochter DPD in Deutschland aktiv. Allerdings stieß die staatliche La Poste bei einer Übernahme von Pin auf rechtliche Hürden.AFP bei afp.google.com: vom 17. März 2008

Auch der Axel-Springer-Verlag wurde als Interessent gehandelt. Demnach prüfte der Bild-Verlag einen Rückkauf der Punkt Direkt in Hamburg, um sie für die Zustellung von Anzeigen- und Wochenblättern zu nutzen. Dies ist auch geschehen.