mini|Der Autor mit Unterschrift auf dem Vorsatzblatt der Romanausgabe von 1922. Steinzeichnung von Hanns Anker Ein Kampf um Rom ist ein über viele Jahre hinweg sehr populärer historischer Roman von Felix Dahn, der 1876 veröffentlicht wurde. Hintergrund

Entstehungsgeschichte Der Autor Felix Dahn war als Historiker spezialisiert auf das Zeitalter der Völkerwanderung; in diesem Zusammenhang erbrachte er bedeutende Forschungsleistungen. Im Jahr 1865 veröffentlichte er die erste wissenschaftliche Monographie über den spätantiken Geschichtsschreiber Prokopios von Caesarea, die noch heute als Referenz gilt. Neben seinen umfangreichen wissenschaftlichen Werken verarbeitete er seine Forschungsergebnisse auch zu Romanen, worin er sich einerseits sehr um historische Korrektheit und die Vermeidung von Schwarz-Weiß-Darstellungen, andererseits aber auch um eine lebendige Sprache und die Konstruktion teils geradezu monumentaler Spannungsbögen bemühte. Damit reihten sich seine Prosawerke in die Kategorie der (zunächst abfällig so bezeichneten) Professorenromane jener Zeit ein, was ihm anfangs Kritik einbrachte.Otto Kraus: Der Professorenroman. Henninger, Heilbronn 1884 (= Zeitfragen des christlichen Volkslebens, Bd. 9, H. 4; online) Dahns erstes und mit Abstand umfangreichstes Romanwerk war Ein Kampf um Rom, dessen weit über 1000 Seiten er in sieben Bücher gliederte. Die Kritik verstummte allerdings bald, als sich das Buch zu einem ausgesprochen populären „Jungenroman“ im damals noch jungen Kaiserreich entwickelte.

Der Roman thematisiert den Kampf der Ostgoten gegen Ostrom in Italien seit dem Tod Theoderichs des Großen bis zu ihrem Untergang im Jahr 552. Dahn orientierte sich dabei stark an der Darstellung der Ereignisse durch Prokopius und lässt diesen auch als Nebenfigur im Roman auftreten. Gegen Ende zitiert Dahn wörtlich aus dessen Werk.

Der Roman enthält eine Reihe von Gedichten. Das letzte dieser Gedichte offenbart zugleich das Leitmotiv des Werkes; unter der Überschrift Gotenzug fand es in zahlreichen Anthologien Aufnahme und wurde auch mehrfach vertont, u. a. von Robert Götz. Es beginnt mit den Worten: Gebt Raum, ihr Völker, unserm Schritt: | Wir sind die letzten Goten. | Wir tragen keine Krone mit, | Wir tragen einen Toten. […] Dieser Tote, der letzte Gotenkönig Teja, drückte dem ganzen voluminösen Roman den Stempel des tragischen Niedergangs eines Volkes aus verheißungsvollen Anfängen auf.

Dahn arbeitete an dem Werk seit 1859. Erst siebzehn Jahre später schloss er es ab, war aber nicht zufrieden damit. Er schreibt in seinen Erinnerungen, er habe den Roman eigentlich dem Feuer übergeben wollen. Nur das energische Eingreifen seiner Frau Therese habe ihn davor bewahrt.

Dahn widmete sein Werk seinem jüdischstämmigen „lieben Freund und Kollegen“ Ludwig Friedländer. Es wurde sein mit Abstand größter und nachhaltigster Publikumserfolg und gilt bis heute als Longseller. Hieran änderte auch der Umstand nichts Wesentliches, dass das Werk seinerzeit von Nationalsozialisten (z. B. Heinrich Himmler) geschätzt und in deren Kulturgut vereinnahmt worden war.

Grundmuster Die farbenfrohe und intrigenreiche Handlung weist eine Reihe von durchgängigen Grundmustern auf. Charakteristisch ist der Lobpreis auf das germanische Heldentum bis hin zum Heldentod, den die letzten drei Gotenkönige auch erleiden.

Der Roman atmet unverkennbar den Geist des im 19. Jahrhundert – insbesondere im Bildungsbürgertum – verbreiteten völkischen Denkens; dem entspricht, dass die Goten in einem pangermanistischen Sinne als Deutsche bezeichnet werden. Ihrer nordischen Herkunft entfremdet, verweichlichen sie im südlichen Klima Italiens, wodurch sie ihre Kampfkraft verlieren und somit ihren eigenen Untergang begünstigen, wobei sie sich zugleich stets als Fremde unter der alteingesessenen Bevölkerung fühlen. Der scharfe Gegensatz zwischen Römern und Germanen, von dem Dahn im Einklang mit dem damaligen Wissensstand ausging, wird heute allerdings differenzierter betrachtet.

Unverkennbar ist die Kritik an der römisch-katholischen Kirche, deren Machthaber sich an den Intrigen der Weströmer beteiligen. Die Goten hingegen sind – den historischen Fakten entsprechend – arianische Christen.

Eine weitere Auffälligkeit des Romans ist die bedeutende Rolle, die Dahn – sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht – dem weiblichen Geschlecht zuweist. Tatsächlich sind es Frauen, die (teils als Herrscherin, teils im Hintergrund) den Lauf der Geschichte an entscheidenden Stellen steuern und überdies die Rolle von Kulturvermittlern übernehmen. Auch das den Roman durchziehende Motiv der heldenhaften Selbstaufopferung ist keineswegs als rein männliche Domäne dargestellt, wie das Beispiel der Jüdin Miriam (s. u.) zeigt. Dass der Verlauf der Handlung so wesentlich von Frauen beeinflusst wird, wird als Tribut des Autors an die im 19. Jahrhundert aufkommende Emanzipationsbewegung gedeutet.

Zeitgeschichtliche Aspekte Der niederländische Historiker Peter Rietbergen vermutete, dass Dahn mit dem Roman seinen Zeitgenossen einen Spiegel vorhalten wollte, indem die Goten als Vorfahren der Gründer des deutschen Kaiserreichs, die römische Kirche dem institutionellen (Kirchen-)Christentum und die Städte Rom und Byzanz den nach möglicherweise universeller Herrschaft strebenden anderen Mächten Europas im neunzehnten Jahrhundert entsprechen.

Der Roman wurde bereits im Zeitalter des Wilhelminismus – durchaus im Sinn des Verfassers – als Warnung vor Überschätzung augenblicklicher Erfolge und als Dekadenzkritik rezipiert und nach dem Ersten Weltkrieg als eine eingetroffene Vorhersage für das Deutsche Reich gelesen. Denn sowohl die Goten als auch die Weströmer werden in ihren Hoffnungen enttäuscht, und am Ende der Kämpfe um Rom steht für beide Seiten eine Katastrophe.

Hauptfiguren und -konflikte Dahns Hauptfiguren sind komplex und oft von inneren Widersprüchen gezeichnet. Die meisten vereinen sowohl positive als auch problematische Eigenschaften in sich.

Goten Die Geschichte beginnt bei Lebzeiten Theoderichs des Großen. Nach dessen Tod dreht sich die Handlung zunächst um die Königin Amalaswintha, die einen Anschluss ihres Reiches an Ostrom für angebracht hält und deshalb von vielen Ostgoten als Verräterin angesehen wird. Außerdem geht es um fünf Schwurbrüder, die das Gotenreich selbständig erhalten wollen und von denen drei ihr später als Könige nachfolgen werden: Witichis als Soldat, der Treue und Tapferkeit mit mangelndem Scharfsinn vereint, Totila als charismatischer Heldenjüngling, der für kurze Zeit das Blatt zu wenden scheint, aber im Reiterkampf fällt, und der düstere Teja, der den heldenhaften Untergang symbolisiert und in einem Engpass am Vesuv im Duell mit Cethegus, dem Hauptprotagonisten der Weströmer (s. u.), fällt und ihn dabei ebenfalls tötet.

Die verschiedenen gotischen Hauptpersonen – ausschließlich Vertreter der Führungsschicht – zeichnet Dahn als starke, jedoch dem unentrinnbaren Schicksal ausgelieferte Persönlichkeiten. So spricht der spätere letzte König Teja in einer Schlüsselszene vom „unbarmherzigen Rädergang des Schicksals“, das „blind und taub für das Zarte und Hohe, mit eherner, grundloser Gewalt alles vor sich niedertritt [und] das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber zermalmt, als das Gemeine.“ Die eigentlich treibende Kraft der Weltgeschichte sei eine „dumpfe Notwendigkeit“ (4. Buch, 2. Kapitel).

Letztlich sind die Goten unausweichlich dem Untergang geweiht, weil sie einerseits immer wieder Opfer von Verrat – teils auch untereinander – werden und andererseits den technisch überlegenen Waffen der Oströmer nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen haben.

Weströmer Charakterlich am interessantesten ausgebildet ist die Figur des verschlagenen und heimtückischen Senators Cornelius Cethegus Cäsarius. Sie hat, wenngleich von Dahn gezielt konstruiert, ein zeitgenössisches Vorbild, nämlich den Konsul und Patricius Rufius Petronius Nicomachus Cethegus. Obwohl er ihn insgesamt als finster darstellt, so bemüht sich Dahn – wie bei allen seinen Romangestalten – auch in seinem Fall, reine Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden.

Cethegus stammt aus dem alten Geschlecht der Julier, dem auch Caesar angehörte. Er verfolgt mit großer Konsequenz und Raffinesse das Ziel, seine Heimat Italien von der Fremdherrschaft zu befreien und ihr wieder ihre alte Selbständigkeit wiederzugeben. Dabei schreckt er vor keinem Mittel zurück und bedient sich insbesondere zahlreicher Intrigen, um die wechselweise herrschenden Goten und Oströmer gegeneinander auszuspielen. Hingegen setzt er weniger auf rohe Gewalt und tritt erst ganz am Schluss des Romans als kriegerischer Held in Erscheinung. In diesem Zusammenhang verleiht Dahn ihm sogar das Attribut „edel“. Keineswegs entspricht er also dem Zerrbild des schwächlichen „Römlings“, sondern ist eine auch körperlich imposante, letztlich tragische Erscheinung. Cethegus ist mit genau denjenigen Eigenschaften ausgestattet, die seinen jeweiligen gotischen Gegnern weitgehend fehlen: Weitsicht, Verschwiegenheit und berechnende Klugheit. Trotzdem wird er am Schluss selbst zum Opfer einer Intrige. Von Zeitgenossen wurde Cethegus gelegentlich mit Otto von Bismarck verglichen.

Von geringerer Bedeutung sind der intrigante Papst Silverius und seine Anhänger, die vom altrömischen Adel abstammen und demgemäß Namen wie Scaevola und Albinus tragen. Diese Gestalten schildert Dahn als eher dekadent.

Oströmer (Byzantiner) Die Byzantiner gelten den Goten als tückische Erbfeinde wegen ihrer „Mischung aus Heuchelei und Gewaltherrschaft“ (4. Buch, 9. Kapitel). Im Gegensatz zur Darstellung des Prokopios sind im Roman Kaiser Justinian und seine raffiniert-durchtriebene Frau Theodora zwar Schlüsselfiguren, treten jedoch in ihrer Bedeutung gegenüber den beiden Heerführern Belisar und Narses zurück. Ersterer wird als bieder dargestellt, als „Heros aus der alten Zeit“, vergleichbar mit Agamemnon, begabt mit dem „Naturverstand des edlen, wilden Tieres zu seinem Beutefang“ (5. Buch, 1. Abteilung, 11. Kapitel). Es gelingt ihm jedoch nicht, den Goten das Schicksal der von ihm bereits besiegten Vandalen zu bereiten. Im Gegensatz zu ihm wird Narses als strategischer Planer und auch taktisches Genie dargestellt, das weniger auf brachiale Tapferkeit als auf geschickten Einsatz seiner Einheiten setzt. Beiden Feldherren gemeinsam ist ihr Respekt vor den „Zirkeldrehern“ (5. Buch, 1. Abteilung, 4. Kapitel), den gelehrten Konstrukteuren, die ihnen technisch weit überlegene Waffen bescheren und denen die Goten nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen haben.

Juden