mini|Eine Hyparschale in Binz, Geburtsort von Ulrich Müther und eines seiner ersten Werke von 1967 Die hyperbolische Paraboloidschale oder Hyparschale (Ulrich Müther) ist im Bauwesen eine Schale in der Form eines hyperbolischen Paraboloids – einer regelmäßig doppelt-gekrümmten Fläche, die sowohl Hyperbeln und Parabeln als auch Geraden enthält. Sie ist eine Sonderform der Sattelfläche, nicht zu verwechseln mit einem konventionellen Satteldach. Ebenfalls sollte man die Hyparschalen nicht mit den HP-Schalen von Herbert Müller und Wilhelm SilberkuhlTanja Scheffler: Doppelt gekrümmt. In: Bauwelt 2014/33 https://www.bauwelt.de/dl/796336/bw_2014_33_0002-0003.pdf verwechseln, deren Form sich aus der Fläche eines Hyperboloids ergibt.W. Altmann, K. Heyde, D. Ebisch (Institut für Stahlbeton, Dresden): Fertigung von HP-Schalen, in: Schriftenreihen der Bauforschung, Reihe Stahlbeton, Deutsche Bauakademie zu Berlin, 1969, PDF.TGL 21856 Bl.05, Dachdeckenelemente – Hyperbolische Dachschalenträger (HP-Dachschalenträger) aus Stahl- und Spannbeton, 1977, PDF.

Hyperbolische Paraboloidschalen werden fast ausschließlich für Dächer verwendet. Sie weisen in ihrer Geometrie Parallelen zu Seilnetzen auf und sind besonders leicht mit Hängedächern in der Form eines hyperbolischen Paraboloids zu verwechseln, etwa dem der stilprägenden Dorton Arena. Hyperbolische Paraboloidschalen sind aber meist aus Stahlbeton gefertigt und zählen in diesem Fall zu den Betonschalen. Auch gibt es wenige Schalenbauten aus FaserbetonSchalendach für einen Ausstellungspavillon - BUGA 1977. auf Webseite von Schlaich Bergermann Partner, mit Foto. und Nadelholzbrettern.Andrew Orton: Faulerbad, Freiburg, West Germany. In: ders.: The Way We Build Now: Form, Scale and Technique. Überarbeitete Neuauflage. Taylor & Francis, London 2016, ISBN 978-1-138-17522-8, S. 428–431; . Diesen Materialien kommt zugute, dass das hyperbolische Paraboloid zu den Regelflächen gehört, dass also durch jeden Punkt der Fläche eine – in diesem Fall sogar zwei – Geraden gehen, die ganz in der Fläche enthalten sind. Somit lassen sich hyperbolische Paraboloidschalen trotz ihrer Doppelkrümmung mit geraden, am besten schmalenDie Bretter werden zwar längs nicht gebogen, doch tordiert, müssen also schmal sein. Brettern einschalen oder direkt daraus herstellen.Jürgen Joedicke: Schalenbau. Konstruktion und Gestaltung, [Shell architecture], Reinhold, Stuttgart 1963, S. 27. An den Rändern der an sich dünnen Schalen befinden sich je nach Konstruktion massive Träger, die sogenannten Randträger. Für die Dachdeckung kommen die unterschiedlichsten Materialien zum Einsatz.

Geschichte 1928 meldete die Ingenieurin Tatjana M. Markowa ein sowjetisches Patent über Dächer an, deren Geometrie den Regeln des hyperbolischen Paraboloids folgten.Karl-Eugen Kurrer: Geschichte der Baustatik. Auf der Suche nach dem Gleichgewicht. 2., stark erweiterte Auflage. John Wiley & Sons, Berlin 2016, ISBN 978-3-433-03134-6, Belegstelle.

Das erste Schalentragwerk aus Stahlbeton in der Form eines hyperbolischen Paraboloids entwickelte und realisierte in den 1930er-Jahren Fernand Aimond (1902–1984). Aimond entwickelte schon 1932 eine Theorie der hyperbolischen Paraboloidschale und entwarf von 1934 bis 1939 mehrere Hyparschalen aus Stahlbeton für Flugzeughangare und Werkstattdächer für Flugplätze. Neben Aimond sind als weitere Pioniere Giorgio Baroni, Konrád Hruban (1893–1977), Félix Candela (1910–1997), Herbert Müller (1920–1995) und Ulrich Müther (1934–2007) zu nennen.Jürgen Joedicke: Schalenbau. Konstruktion und Gestaltung. Karl-Krämer-Verlag, Stuttgart 1962, S. 11.

Form Ein Paraboloid hat nur hyperbolische Flächenpunkte, womit die gaußsche Krümmung negativ ist: . Das Hyperbolische Paraboloid wird mathematisch wie folgt beschrieben:

Eine runde oder rechteckige Fläche wird von zwei gegenüberliegenden Tiefpunkten nach unten gekrümmt, während zwei sich gegenüberliegende Hochpunkte diese gebogene Fläche gegenläufig nach oben krümmen. Das Regenwasser fließt nicht mehr in einer Traufe ab, sondern sammelt sich an den Tiefpunkten des Daches.

Statik Bei hyperbolischen Paraboloidschalen bedarf es keiner tragenden Unterkonstruktion mehr (wie etwa einem Dachstuhl aus Pfetten oder Sparren), sondern die Schale ist Raumbegrenzung und tragende Konstruktion in einem; die Schale trägt sich und die Dachlast selbst.

Unterscheidung: HyparschaleHängedach Beispiel:x150px (Gaststätte „Panorama“, 1972)x150px (Eisstadion in Prešov, 1962–1967) Form:Beide Dächer haben die Form eines hyperbolischen Paraboloids, auch genannt „Sattelfläche“, weswegen sie im Englischen auch beide unter saddle roofs zusammengefasst werden.(Hängedächer können darüber hinaus auch andere Formen aufweisen.) Statisches Prinzip: Schale:Die ganze Dachfläche ist eine „homogene“ Schale. Seilnetz und Randträger:Die Dachfläche besteht aus einer Dachhaut, die von einem Seilnetz getragen wird, welches zwischen den beiden mächtigen, etwas sichtbaren Randträgern aufgehängt ist. Beide „brauchen“ sich dabei gegenseitig: Die Randträger sorgen für die Spannung des Seilnetzes; das Seilnetz hindert die Träger am Umkippen. Abmessungen: Hyparschalen erreichen fast nie die Ausmaße von Hängedächern. Hängedächer haben in der Regel größere Abmessungen als Schalen und sind so auch bei großen Sport- oder Kongresshallen zu finden.

Bautechnik Beim Trockenspritzverfahren wird mithilfe einer Spritzbeton-Maschine der Beton mit Druckluft auf den Bewehrungsstahl, einem Drahtnetz und deren Verschalung darunter aufgetragen (siehe Zeiss-Dywidag-Schalenbauweise). Dieses Verfahren ist auch als Torkretisieren bekannt (nach der Essener Firma Torkret), das 1919 von Carl Weber patentiert wurde.Karl Drebenstedt: Exkurs Schalenbaugeschichte. In: TU Cottbus, 13. Mai 2011. Der Vorteil dieser Methode liegt in dem geringeren Betonverbrauch und den damit dünneren Dachdecken.

Beispiele Es gibt verschiedene Merkmale, nach denen man Bauwerke mit hyperbolischen Paraboloidschalen unterscheiden kann: nach „Schalenart“ („homogen“ oder Gitter) nach dem Material der Schale (Stahlbeton, Textilbeton, Holz) nach Bauzeit nach Architekt (Candela, Müller, Müther etc.) nach der Anzahl an Hyperbolischen Paraboloiden (das geht von eins wie bei der Bushaltestelle in Binz, über drei wie beim Teepott bis zu zehn wie beim Faulerbad) nach der Art der äußeren Form des Daches im Grundriss: geschwungene Außenkanten (Kreis, Ellipse, wie eine Blüte etc.) oder gerade Außenkanten (Quadrat, Drachenviereck, auch mehrere davon aneinander gefügt) Im Folgenden sind die Bauwerke zuerst nach der Schalenart, dann nach Material und innerhalb der Tabellen schließlich nach Bauzeit geordnet.

„Homogene“ Schalen Bei den hier „homogen“ genannten Schalen handelt es sich um solche aus einem durchgehenden Matarial, welches sowohl die Funktion der Raumbegrenzung (Wetterschutz) als auch die der Tragkonstruktion/Statik übernimmt. (Eine Eierschale wäre hierfür ein Beispiel aus der Natur, allerdings nicht in der Form eines hyperbolischen Paraboloids.)

Stahlbeton-Schalen Bild Bezeichnung (Bauzeit) Architekt Anz. Beschreibung 200px Casino de la Selva, Cuernavaca, Mexiko (1950er) Félix Candela >5 Dachform wie die einer mehrblättrigen Blüte, über isogonalem Grundriss. Auf dem ganzen Gelände gab es mehrere Schalenbauwerke, auf dem Bild links ist der Speisesaal zu sehen, dahinter ragt das Auditorium hervor. 200px Catalina American Baptist Church, Tucson, USA (1960–1961) Charles E. Cox (1921–1996) 1 rautenförmiger Grundriss, die Diagonalen: 33 und 16 Meter, eines der frühesten Beispiele einer hyperbolischen Paraboloidschale in den USA, immer noch als Kirche genutzt, nationales Baudenkmal 200px Sendegebäude Europe 1, Überherrn, Deutschland (1954-1955) Jean-François Guédy und Bernard Lafaille 2 Grundfläche: 86 × 46 m, maximale Höhe: 16 Meter200pxLesesaal der Universitätsbibliothek Basel, Schweiz (1964-1965)Bauingenieur Heinz Hossdorf, Architekt Otto Heinrich Senn6Schalenüberdachung auf sechseckigem Grundriss in Form eines hyperbolischen Paraboloids im Grossen Lesesaal der Universitätsbibliothek Basel. 200px Gaststätte Inselparadies (1966), Ostseebad Baabe Ulrich Müther 4 vier quadratische Hyparschalen. Nutzte Müther die Form des hyperbolischen Paraboloids sonst, um sie mit expressiven Dachspitzen auch nach außen zu tragen, sind die Hyparschalen hier so geklappt, dass sie eine Art Pilzschale mit gerader „Traufe“ bilden. 200px Doppelhalle der ehemaligen Ostseemesse in Rostock-Schutow (1966) Ulrich Müther 1+1 Grundriss: zwei um eine halbe Seitenlänge versetzte annähernde Quadrate 200px St. Hildegard in Limburg an der Lahn (1965–1967) Walter Neuhäusser 2 wahrscheinlich eine Stahlbetonschale 200px „Teepott“, Rostock-Warnemünde (1967–1968) Ulrich Müther 3 Dach in der Form eines „dreieckigen Kreises“ über kreisrundem Grundriss 200px Hyparschale Magdeburg (1969) Ulrich Müther 4 quadratischer Grundriss, Mehrzweckhalle 200px Hyparschale, Templin (1967–1972) Ulrich Müther 1 quadratischer Grundriss, ungenutzt 200px Ruderzentrum Blasewitz (1970–1972, saniert 2006) Ulrich Müther 4 quadratischer Grundriss 200px Gaststätte Panorama, Schwerin (1972) Ulrich Müther 1 quadratisches Dach über rundem Grundriss 200px Alsterschwimmhalle, Hamburg (1968–1973) AG Horst Niessen Rolf Störmer, Walter Neuhäusser 2 sechseckiger Grundriss (mit einer Ecke nach innen), Bauingenieur Jörg Schlaich bei Leonhardt & Andrä, Schalendiagonalen jeweils: 76,40 m und 56,20 m; Schalendicke: 8 cm Minimum; Im Unterschied zu den Müther-Bauten gibt es hier massive Randträger (Höhe an den Fußpunkten 2,40 m, an den Hochpunkten 70 cm) 200px Restaurant und Café „Seerose“, Potsdam (1982–1983) Ulrich Müther 8 Dachform wie die einer achtblättrigen Blüte, über achteckigem Grundriss 200px Museum L’Oceanogràfic, Valencia, Spanien (1994–2002) Félix Candela 8 Dachform wie die einer achtblättrigen Blüte, über kreisrundem Grundriss. Candela (1910–1997) erlebte die Fertigstellung bereits nicht mehr mit, es war sein letztes Werk.

Faserbeton-Schalen Bild Bezeichnung (Bauzeit) Architekt Anz. Beschreibung  Bild siehe Quelle Ausstellungspavillon BUGA 1977, Stuttgart (1977, abgerissen 1982) Hans Luz, Jörg Schlaich 8 achteckiger Grundriss; acht identische, vorgefertigte u. tragende Hyparschalensegmente aus Glasfaserbeton ruhen auf acht Stahlkugeln als Lager; Schalendicke: 1 bis 1,2 cm(!); Spannweite: 26 m; Höhe: 5,67 m, Forschungsprojekt

Holzschalen Bild Bezeichnung (Bauzeit) Architekt Anz. Beschreibung 200px Church Army Chapel, London (1964–1965) Ernest Trevor Spashett (1923–1994) 1 Kapelle der Church Army (vergleichbar mit der Heilsarmee) in Blackheath. Die Schale besteht aus drei dünnen Holzschichten, die in verschiedenen Richtungen verlegt sind und miteinander verleimt und vernagelt sind, quadratischer Grundriss, Fotos vom Bau auf Commons links|rahmenlos Faulerbad in Freiburg im Breisgau (1981–84)Hans-Dieter Hecker (Freiburg)10Das Hallenbad an der Dreisam hat ein Dach aus zehn hyperbolische Paraboloidschalen, die sich im Grundriss jeweils als drachenförmige Vierecke darstellen. Das Besondere an der Konstruktion ist das Material der Schale, die aus drei Lagen Holzbrettern (jeweils 22 mm dick und 12 cm breit) besteht, die miteinander vernagelt wurden. Die zwei äußeren Lagen sind in Richtung der Tiefpunkte verlegt und haben Bogenwirkung, während die mittlere quer liegt und als eine Art „Zugbewehrung“ fungiert. Die Schalen werden jeweils am Rand von Holzleimbindern gehalten, die auf Stahlbetonsäulen ruhen und mit Spannstahl gehalten werden. Das Schwimmbad erhielt 1984 den Hugo-Häring-Preis.

Gitterschalen Bei den Gitterschalen übernimmt ein Gitter aus Stäben oder Trägern die Funktion der Statik (siehe Schale (Technische Mechanik)#Gitterschalen). Für die Raumbegrenzung gibt es eine flächige Schicht (Dachdeckung, Dachhaut).