Die englische Rugby-Union-Nationalmannschaft () ist die Nationalmannschaft Englands in der Sportart Rugby Union und repräsentiert das Land bei allen Länderspielen (Test Matches) der Männer. Die organisatorische Verantwortung trägt die Rugby Football Union (RFU). Jedes Jahr nimmt die Mannschaft am Turnier Six Nations teil, zusammen mit Frankreich, Irland, Italien, Schottland und Wales. Bisher gewann England den Titel 29 Mal, einschließlich 13 Grand Slams, und teilte sich weitere zehn Titelgewinne.

Seine wichtigsten internationalen Auftritte hat das Team bei den seit 1987 alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften. Bei der zweiten Austragung 1991 gelang erstmals der Einzug ins Finale, wo man Australien unterlag. Ihren bisher einzigen WM-Titel sicherten sich die Engländer bei der Weltmeisterschaft 2003, als Australien in der Verlängerung bezwungen werden konnte. Dies ist bis heute der einzige Finalsieg eines Teams der Nordhemisphäre bei Weltmeisterschaften. Während der Weltmeisterschaft 2007 gelang dem Titelträger der erneute Einzug ins Finale, man unterlag jedoch gegen Südafrika. Beide Mannschaften standen sich bei der Weltmeisterschaft 2019 erneut im Finale gegenüber; wieder unterlag England den „Springboks“.

Englands erstes Test Match fand 1871 statt, als es im Raeburn Place in Edinburgh im weltweit ersten Rugbyländerspiel Schottland unterlag. Danach dominierte England die Home Nations Championship, das erstmals 1883 ausgetragene Vorgängerturnier der Six Nations. Nach der Abspaltung von Rugby League (insbesondere in Nordengland), was auch die Nationalmannschaft schwächte, gelang bis 1910 kein Titelgewinn mehr. England spielte 1905 erstmals gegen die „All Blacks“ aus Neuseeland, 1906 gegen die „Springboks“ aus Südafrika und 1909 gegen die „Wallabies“ aus Australien. Es ist auch eines der Länder, deren Spieler für die British and Irish Lions spielberechtigt sind, eine Auswahlmannschaft der vier britischen Home Nations.

England spielt traditionell in weißen Trikots, weißen Hosen und marineblauen Socken, mit einer vom Haus Lancaster entlehnten aufgestickten Rose auf dem Trikot. Abgesehen von wenigen Ausnahmen werden alle Heimspiele seit 1910 im Twickenham Stadium in London ausgetragen. 2003 zeichnete World Rugby das Team als „Mannschaft des Jahres“ aus. 17 ehemalige englische Nationalspieler sind bisher in die World Rugby Hall of Fame aufgenommen worden.

Organisation

mini|Das Webb Ellis Rugby Football Museum in Rugby Verantwortlich für die Organisation von Rugby Union in England ist der Verband Rugby Football Union (RFU). Die RFU wurde am 26. Januar 1871 gegründet. Sie ist damit der älteste Rugby-Union-Verband und wurde 1890 Vollmitglied des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby) bei. Außerdem trat die RFU 1999 dem europäischen Kontinentalverband FIRA-AER (heute Rugby Europe, RE) bei. Die höchste Rugby-Union-Liga Englands ist die Premiership Rugby, die zehn Mannschaften umfasst. Der nationalen Meisterschaft übergeordnet ist die zusammen mit Mannschaften aus Frankreich, Irland, Italien, Schottland und Wales ausgetragenen internationalen Pokalwettbewerbe European Rugby Champions Cup und EPCR Challenge Cup.

Neben der eigentlichen Nationalmannschaft ruft die RFU weitere Auswahlmannschaften zusammen. Die England Saxons bilden die zweite Mannschaft Englands. Wie andere Rugbynationen verfügt England über eine U-20-Nationalmannschaft, die an den entsprechenden Six Nations und Weltmeisterschaften teilnimmt. Kinder und Jugendliche werden bereits in der Schule an den Rugbysport herangeführt und je nach Interesse und Talent beginnt dann die Ausbildung. Für Schüler gibt es die Nationalmannschaft der Schoolboys, die sich als Vorstufe zur Nationalmannschaft entwickelt hat.

Als größte Ehre für englische Spieler gilt es, alle paar Jahre mit den British and Irish Lions auf Tour in die Südhemisphäre zu gehen, um gegen die All Blacks aus Neuseeland, die Springboks aus Südafrika oder die Wallabies aus Australien anzutreten.

Geschichte Entwicklung im 19. Jahrhundert mini|links|hochkant|William Webb Ellis mini|Rugbyspiel zwischen England und Schottland, ca. 1893 mini|Die englische Mannschaft 1871 vor dem ersten Test Match gegen Schottland in Edinburgh Die Erfindung des Rugby wird William Webb Ellis zugeschrieben, der 1823 in der Stadt Rugby als erster bei einem Fußballspiel den Ball in die Hand genommen und davongetragen haben soll, um einen Punkt zu erzielen. Schüler der Rugby School verbreiteten den neuen Sport in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über das ganze Land. 1848 einigten sich die Vertreter von sechs Public Schools erstmals auf ein gemeinsames Regelwerk. Am 26. Januar 1871 erfolgte die Gründung des Verbandes Rugby Football Union (RFU). Das erste Spiel einer englischen Auswahl fand zwei Monate später am 27. März im Raeburn Place in Edinburgh statt, Gastgeber Schottland gewann vor 4000 Zuschauern. Dieses Spiel war nicht nur die erste Begegnung zwischen beiden Ländern in irgendeiner Sportart, sondern auch das erste Rugby-Länderspiel überhaupt. Beim Rückspiel im Londoner Kennington Oval, also beim ersten Heimspiel, konnten sich die Engländer revanchieren. Diese frühen Spiele besaßen noch kein festes Punkteregelwerk; dies sollte erst 1890 eingeführt werden, nachdem ein geeignetes Bewertungsformat entworfen worden war. Bis 1875 wurden – wie im Fußball – Spiele durch die Anzahl erzielter Tore entschieden (Erhöhungen und Dropgoals), 1876 begann man die Anzahl gelegter Versuche heranzuziehen, wenn ein Spiel unentschieden verlief.

Nach mehreren Begegnungen mit Schottland fand 1875 das erste Spiel gegen Irland im Londoner Oval statt; es war zugleich das erste Länderspiel der Iren. Wie damals üblich, bestanden beide Mannschaften aus 20 Spielern; die Anzahl Spieler pro Mannschaft wurde erst 1877 auf die heute üblichen 15 reduziert. 1879 spielten England und Schottland erstmals um den in Indien gestifteten Calcutta Cup, wobei die Engländer die erste Begegnung für sich entschieden. Das erste Spiel gegen Wales (und somit die letzte der vier Home Nations) folgte am 19. Februar 1881 auf Richardson’s Field in Blackheath und endete mit einem souveränen Sieg der Engländer (nach dem heute gültigen Punktesystem hätten sie mit 82:0 gewonnen). Nach einer Reihe sporadisch stattfindender Länderspiele zwischen den einzelnen Auswahlmannschaften riefen die Verbände der Home Nations im Jahr 1883 die „Home Nations Championship“ (Vorgänger der heutigen Six Nations) ins Leben; die Engländer sicherten sich den ersten Turniersieg.

Die ersten Austragungen des Turniers waren von Konflikten mit anderen Verbänden geprägt. 1884 kam es wegen unterschiedlicher Regelauslegung zu einer Auseinandersetzung mit der Scottish Rugby Union (SRU). Die RFU vertrat den Standpunkt, dass England als „Gründernation“ des Rugbysports das alleinige Recht habe, strittige Punkte des Regelwerks zu interpretieren. Die Schotten waren damit nicht einverstanden und weigerten sich im folgenden Jahr, gegen England anzutreten. Am 5. Dezember 1887 trafen sich Vertreter der SRU, der Irish Rugby Football Union und der Welsh Rugby Union in Manchester und gründeten das International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby). Die zum Beitritt eingeladene RFU erkannte den Anspruch der IRFB, die Regeln allein festlegen zu dürfen, nicht an. Daraufhin boykottierten die anderen Verbände die Engländer, sodass die Turniere von 1888 und 1889 ohne sie stattfanden. 1890 nahmen sie unter Vorbehalt teil und im April desselben Jahres trat die RFU doch noch bei, nachdem ein Schiedsgericht – bestehend aus John Macdonald (Lord Justice Clerk) und Francis Marindin (Präsident der Football Association) – den Iren, Schotten und Walisern recht gegeben hatte. Während des Boykotts trugen die Engländer ihr erstes Spiel gegen eine nichtbritische Mannschaft aus: Die New Zealand Natives, eine durch Australien und Europa tourende Auswahl neuseeländischer Ureinwohner. England gewann das Spiel auf dem Rectory Field in Blackheath mit 7:0.

Am 29. August 1895 traten 21 Vereine aus der RFU aus und gründeten in Huddersfield einen eigenständigen Verband, die Northern Rugby Football Union (seit 1922 Rugby Football League genannt). Diese Spaltung, die als Geburtsstunde der Spielvariante Rugby League angesehen wird, war erfolgt, weil insbesondere nordenglische Vereine ihre zumeist aus der Arbeiterklasse stammenden Spieler bei Verletzungspausen finanziell entschädigen wollten. Die von südenglischen Angehörigen der Ober- und höheren Mittelschicht dominierte RFU betrachtete diese Forderung als ersten Schritt zum Profisport und pochte letztlich erfolglos auf die strikte Einhaltung des Amateurstatus. Seither ist Rugby League besonders in den nordenglischen Grafschaften Lancashire und Yorkshire vorherrschend. Bis zur Professionalisierung von Rugby Union hundert Jahre später war es Spielern nicht gestattet, von einer Variante zur anderen zu wechseln. Als Folge der Spaltung erlebte die Nationalmannschaft eine lang anhaltende Zeit ohne nennenswerte Erfolge, da viele der besten Spieler es vorzogen, Profis zu werden. Von 1892 bis 1910 gelang kein einziger Turniersieg bei der Home Nations Championship.

Die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg mini|links|England gegen Neuseeland 1905; die All Blacks gewannen 15:0 mini|Das neuseeländische Kätzchen setzt sich gegen den englischen Löwen durch (Karikatur in Punch) Am 2. Dezember 1905 empfingen die Engländer erstmals die All Blacks aus Neuseeland und verloren mit 0:15. Auf ihrer ersten Europatour gewannen die All Blacks 34 von 35 Spielen und begründeten ihre bis heute anhaltende Vormachtstellung im Rugby-Union-Sport. Am 22. März 1906 gewann England im Parc des Princes in Paris sein erstes Spiel gegen Frankreich. Am 8. Dezember desselben Jahres traten die Engländer erstmals gegen die Springboks aus Südafrika an und erreichten ein 3:3-Unentschieden. Vor dem Spiel hatten sie widerwillig das Aufgebot für den aus Jamaika stammenden Spieler James Peters zurückgezogen, da sich die Südafrikaner standhaft weigerten, gegen einen Schwarzen anzutreten.

Zweimal nahmen englische Teams an den Rugby-Turnieren bei Olympischen Spielen teil, allerdings handelte es sich dabei nicht um die Nationalmannschaft. Bei den Sommerspielen 1900 in Paris war es der Verein Moseley RFC aus Birmingham, der die Bronzemedaille gewann. Der Silbermedaillengewinner bei den Sommerspielen 1908 in London war eine Auswahl der Grafschaft Cornwall. Die erste Begegnung der Engländer mit den Wallabies aus Australien endete am 9. Januar 1909 mit einer 3:9-Niederlage.

Im Jahr 1910 bezog die RFU das neu erbaute Twickenham Stadium im Südwesten Londons, was eine „goldene Ära“ im englischen Rugby einläutete. Das Eröffnungsspiel im neuen Nationalstadion endete mit einem Sieg über Wales. Ebenfalls 1910 entschieden die Engländer zum ersten Mal seit 1892 die Home Nations Championship für sich; der Wettbewerb war in diesem Jahr mit der Aufnahme Frankreichs zu „Five Nations“ erweitert worden. 1913 und 1914 schaffte England die ersten zwei „Grand Slams“, also Siege über alle anderen teilnehmenden Mannschaften. 1913 gelang auch der erste Auswärtssieg seit 1895 in Cardiff, womit England die seit 1899 anhaltende walisische Heimsiegserie beenden konnte. In den Jahren 1915 bis 1919 konnten wegen des Ersten Weltkrieges keine Länderspiele ausgetragen werden.

mini|links|Illustration des Spiels Wales gegen England 1931