Der Jass ist ein Kartenspiel der Bézique-Familie, das vor allem in der Schweiz (sämtliche Landesteile) und dem übrigen alemannischen Sprachraum verbreitet ist, also zusätzlich in Liechtenstein, in Vorarlberg, im Süden Baden-Württembergs und im Elsass, aber auch in Südtirol und dem Nordtiroler Oberland. Beim Jassen wird üblicherweise mit vier Spielern und 36 Karten gespielt. Jassen gilt in der Schweiz als Nationalspiel und in Vorarlberg als das Kartenspiel Nummer 1. Vom Grundspielprinzip existieren zahlreiche Varianten. Je nach Region werden unterschiedliche Kartenblätter verwendet, auch die Regeln können sich je nach Region unterscheiden.
Geschichte mini|Jass-Karten (um 1805) alt=Französische und deutschschweizer Jasskarten|mini|Französische und Deutsche Jasskarten Jass oder auch Jas kommt aus den Niederlanden.Kurt Lehner, Sigrun Wyss: Zur Geschichte der Spielkarten im Raume Schaffhausen. In: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 1973, 30, S. 185–204, hier 185 f.Max Ruh: The First Reference To Jass. In: The Playing Card. Journal of the International Playing-Card Society, 1997, 25, S. 177; doi:10.5169/seals-165981. Niederländische Vorläufer waren Jasspel und Belle-Bruid.David Parlett: The Oxford Guide to Card Games. Oxford / New York 1990, S. 293. Nicht nur der Jas (Bauer), auch die Trumpfneun (Nell) erinnert an die niederländischen Ursprünge.
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts gelangte das Spiel mit protestantischen Söldnern in die Schweiz. Jass gewann schnell an Beliebtheit und verdrängte das Tarock, welches von eidgenössischen und französischen Söldnern aus Oberitalien in die Schweiz gebracht wurde. Heute wird nur noch in Visperterminen und in Surselva Tarock mit den 78 Karten und den italienischen Farbzeichen Pokal, Münze, Schwert und Stab gespielt. Der älteste Schweizer Beleg für das Jassen stammt aus dem Jahre 1796 aus Schaffhausen: zwei Pfarrer verklagen zwei Bauern, die „um ein Glas Wein“ spielten, mit einem Spiel „welches man das Jassen nenne“.
Jassen wurde im 19. Jahrhundert populär, im Laufe der Zeit entstanden einige verschiedene Varianten.
Die Entwicklung des Deutschschweizer Bildes um 1880 mini|alt=Einköpfiges Kartenbild von Jakob Peyer.|Einköpfiges Kartenbild von Jakob Peyer. Jakob Peyer, in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts beim Kartenhersteller A. Bühlmann eingetreten, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit der Schöpfer des heutigen Kartenbildes. Sowohl die Details der Kleider als auch die Gesichter der Figuren der heutigen Deutschschweizer Jasskarten sind den Karten von Peyer nachempfunden. In Hasle hergestellt wurden die einköpfigen Bilder nach der Vorlage von Peyer nur bis zur Übernahme der Spielkartenfabrik durch J. Müller in Schaffhausen. Müller produzierte noch jahrzehntelang die Einköpfigen nach den eigenen Vorlagen. Erst in den 1920er-Jahren wurden die Peyer-Karten als Vorlagen für das doppelköpfige Bild verwendet. Es gibt verschiedene Ausführungen der Spielkartendecks, im Jahr 2017 gestaltete der Schweizer Grafiker Jens Riedweg eine digitale Überarbeitung des Kartenbildes von Jacob Peyer.
Die Entwicklung des «französischen» Bildes Die Normierung des «französischen» Blattes ist eine vergleichsweise junge Erscheinung. Noch im 19. Jahrhundert gab es in der westlichen Schweiz mehrere Kartenbilder (die damals noch für andere Spiele als den Jass gebraucht wurden), die ihrerseits eine lange Tradition hatten. Die heute verwendeten Bilder gehen auf Pariser Darstellungen des 17. Jahrhunderts zurück, die jedoch im 19. Jahrhundert in Deutschland weiterentwickelt wurden (sogenannte XP-Bilder, XP für expatriat Paris ‘Paris Bilder im Exil’). Die heutige Bilderserie nennt man XP-11, wobei 11 für Variante 11 dieser Bilder steht. Sie wurde in den 1820er- und 1830er-Jahren in Leipzig entwickelt und begann, im Kupferstichverfahren hergestellt, ihre «Karriere als gepflegtes Blatt für jene Kreise, die moderne Spiele wie Whist dem volkstümlichen Schafkopf vorzogen». Bald schon wurden sie allerdings auch in der günstigeren Holzschnitttechnik hergestellt, was deren Verbreitung erleichterte. Es wird vermutet, dass die heutigen «französischen» Jasskarten um 1860 als Holzschnittvariante aus der Donaumonarchie in die Schweiz gelangte, hier aber ebenfalls zunächst für gehobene Spiele wie Whist Verwendung fand. Die Verankerung als Jasskarten in der Westhälfte der Schweiz geschah mit dem Eindringen des Jasses in diesem Gebiet, der dort erst in der Zeit um und nach 1900 ältere Kartenspiele verdrängte. Die populäre Vorstellung einer alten Kulturgrenze, die die westliche und die östliche Schweiz trennen soll und gerne im Zusammenhang mit den Jasskarten zitiert wird (Brünig-Napf-Reuss-Linie), ist damit zumindest im Bereich der Kartenbilder vielmehr sehr jung.Abschnitt nach Walter Haas: Die «französischen Jasskarten». Über den Wandel von Objekten der Alltagskultur. In: Archiv für Volkskunde 109, 2013, S. 133–148 doi:10.5169/seals-358010.Atlas der schweizerischen Volkskunde, Band I, Karten 141d, e.
Karten Farben des französischen Blattes Ecke Herz Schaufel Kreuz alt=Karo oder Ecke|57x57pxalt=Herz|57x57pxalt=Schaufel|57x57pxalt=Kreuz oder Treff|45x45px Farben des bayerischen Blattes Schell Herz Laub Eichelalt=Schell|57x57pxalt=Herz Neu|57x57pxalt=Laub Neu|57x57pxalt=Eichel Bayerisch|57x57px Farben des deutschen/Deutschschweizer Blattes Schellen Rosen Schilten Eichelalt=Schellen Neu|57x57pxalt=Rosen Neu|57x57pxalt=Schilten Neu|57x57pxalt=Eichel Neu|57x57px
mini|Einfachdeutsche Jasskarten (Sau, König, Ober und Unter von Eichel) In der Schweiz wird teils mit sogenannten französischen und teils mit sogenannten deutschen Karten gespielt. Die «französischen» Karten braucht man in der Romandie, in den Kantonen Bern, Solothurn, beiden Basel, Aargau (nur Westhälfte), Thurgau, Wallis, Tessin und in Teilen Graubündens. Die «deutschen» Karten werden in der Innerschweiz, in den Kantonen Zürich und Schaffhausen, in der Ostschweiz (ausser Kanton Thurgau; Kanton Graubünden nur teilweise), im Aargau (Osthälfte) sowie teilweise in Liechtenstein verwendet.Atlas der schweizerischen Volkskunde, Band I, Karte 141a.Walter Haas: Die «französischen Jasskarten». Über den Wandel von Objekten der Alltagskultur. In: Archiv für Volkskunde 109, 2013, S. 133–148 doi:10.5169/seals-358010, hier S. 134.
In Vorarlberg und Südtirol wird zum Jassen meistens eine optisch geringfügig andersaussehende Variante der bayerischen (österreichischen) Karten verwendet. Diese Karten werden Einfachdeutsche genannt.
Eine der größten Privatsammlungen alter und neuer Jasskarten befindet sich im Besitz des Freiburger Germanisten Walter Haas. Teile davon wurden 2002 im Rahmen der Ausstellung Spielkarten – Faszination einer populären Kunst des Gutenberg Museums in Freiburg im Üechtland gezeigt.Christian Schmutz: In: Freiburger Nachrichten. 26. Juni 2002.
Französisches Blatt alt=Französische Jasskarten gefächert|mini|Französische Jasskarten gefächert Die Farben der französischen Karten haben in folgenden Sprachen diese Bezeichnungen: Deutsch: Herz , Ecke/Karo , Schaufel/Pik und Kreuz/Treff Französisch: cœur , carreau , pique und trèfle Italienisch: Cuori , Quadri , Picche und Fiori Rätoromanisch: cors , pizs , palas und cruschs
Jede Farbe umfasst neun Karten: 6 bis 10, Buben/Bauer, Dame, König und As (französisch: six, sept, huit, neuf, dix, valet, dame, roi, as; romanisch: sis, set, otg, nov, diesch, pur Bauer, dama Dame, retg König, portga Sau).
Zur besseren Erkennbarkeit der Farben sind bei den Karten der Jass-Sendungen des Schweizer Fernsehens Karo (Ecken) in blauer (statt roter) und Kreuz in grüner (statt schwarzer) Farbe gehalten.
Deutschschweizer Blatt alt=Deutschschweizer Jasskarten gefächert|mini|Deutschschweizer Jasskarten gefächert Die Farben der Deutschschweizer Karten werden Rosen, Schellen, Eichel und Schilten genannt. Jede Farbe umfasst neun Karten: 6 bis 9 (bei Trumpf Nell genannt), Banner, Under (bei Trumpf auch Puur [Bauer] genannt), Ober, König und As (z. T. Sau).Felix Graf: Vor dem Jass. Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 13. Oktober 2017, abgerufen am 11. Oktober 2024.
Österreichisches Blatt Die Farben der österreichischen Karten basieren auf dem einfachen deutschen Blatt mit Salzburger Bild und werden Herz, Schelle (auch Karo), Eichel (auch Kreuz) und Laub (auch Pik, Gras oder Grün) genannt. Jede Farbe umfasst neun Karten: 6er (bei Schelle auch Weli genannt), 7er, 8er, 9er (bei Trumpf Nell), 10er, Unter (bei Trumpf Bauer; Liechtenstein: Under), Ober, König und As (z. T. Sau).
Spielprinzip Klassisches Spielprinzip Grundlagen Den meisten Varianten liegt folgendes Spielprinzip zugrunde: Eine Farbe wird zum Trumpf erklärt, von dieser Farbe gilt der Under resp. Bauer als höchster Trumpf 20 Punkte, die Neun (genannt Nell, Näll) 14 Punkte. Reihum gegen den Uhrzeigersinn (in Vorarlberg und Südtirol im Uhrzeigersinn) legen die vier Spieler je eine Karte. Ziel ist es, die vier Karten zu gewinnen („stechen“), indem man den höchsten Wert der als erstes gespielten Farbe oder einen Trumpf spielt. Die Farbe muss angegeben werden, wenn man noch mindestens eine Karte dieser Farbe hat – mit einer Ausnahme: man kann alternativ auch eine Trumpfkarte spielen. Liegt bereits eine Trumpfkarte, darf aber keine tiefere Trumpfkarte gespielt werden („untertrumpfen“), um zum Beispiel eine hohe Karte der ausgespielten Farbe zu behalten. Hat man keine Karte der ausgegebenen Farbe, darf eine beliebige Karte gespielt werden, bei Trumpffarbe darf aber nicht untertrumpft werden – ausser man hat nur noch Trumpfkarten in der Hand. Ausnahme: Bei Hindersi-Spielen (z. B. Differenzler, Molotow, Misère), wo man Stiche vermeiden will, ist Untertrumpfen auch dann erlaubt, wenn man die ausgespielte Farbe nicht bedienen kann. Der Trumpfbauer muss nicht angegeben werden. Wer den Stich macht, erhält die Punkte der gewonnenen Karten.Dani Müller: Stöck – Wys – Stich: Der neue Schweizer Jassführer. SRF Edition, 2015, ISBN 978-3-03781-091-0.
Die gewöhnlichen Karten haben folgende Punktwerte: Banner/Zehner: 10 Punkte, Under/Buben: 2 Punkte, Ober/Dame: 3 Punkte, König 4 Punkte und das As 11 Punkte. Bei einem Obenabe/Bock-Spiel (höchste Karte sticht, kein Trumpf) zählt der Achter 8 Punkte, bei einem Undenufe/Geiß (niedrigste Karte sticht) ebenfalls, jedoch zählt dort in der Schweizer Variante der Sechser 11 Punkte und für ein As erhält man nichts. In der vorarlbergischen und der südtirolerischen Variante bleiben die Kartenwerte unverändert. Wer den letzten Stich macht, gewinnt 5 zusätzliche Punkte. Total verteilen sich 157 Punkte pro Runde auf die Spieler. Spezialregelung: Macht eine Partei (Spieler/Team) sämtliche 9 Stiche, also einen Matsch (von italienisch ), bekommt diese 100 Extrapunkte, also insgesamt 257. Macht eine Gegenpartei einen Stich – und sei dieser auch keine Punkte wert (Nullerstich), zählt dies nicht als Matsch, obwohl alle 157 Punkte erzielt wurden.