mini|Werner Hartmann, 1964 mini|Hartmanns Signatur Werner August Friedrich Hartmann (* 30. Januar 1912 in Friedenau bei Berlin; † 8. März 1988 in Dresden) war ein deutscher Physiker und Elektrotechniker. Er gilt als Begründer der Mikroelektronik in der DDR.
Bereits im Studium an der TH Berlin-Charlottenburg beschäftigte sich Werner Hartmann bei Nobelpreisträger Gustav Hertz mit der noch jungen Halbleiterphysik. Von 1935 bis 1945 war er in der Industrieforschung (Siemens und Halske, Fernseh GmbH) mit Halbleitern und elektronischen Spezialausrüstungen befasst. Wie auch andere deutsche Wissenschaftler wurde er 1945 zur Mitarbeit am sowjetischen Atomprogramm in die UdSSR verpflichtet und hat dort bis 1955 unter Leitung von Gustav Hertz Arbeiten zur Kernstrahlungsmesstechnik ausgeführt.
Nach seiner Rückkehr in die DDR gründete und leitete Hartmann in Dresden einen wissenschaftsbasierten Industriebetrieb und erwarb parallel akademische Würden (Habilitation, Professur). Die frühe Gründung der Arbeitsstelle für Molekularelektronik (AME) in Dresden 1961, die er bis 1974 mit großem Erfolg leitete, weist ihn als Mikroelektronik-Pionier von europäischem Rang aus. Diese Arbeitsstelle war die Keimzelle für das heutige Mikroelektronik-Cluster Silicon Saxony.
Dank seiner Leistungsorientierung genoss Hartmann vielfache Anerkennung, z. B. zweifache Auszeichnung mit dem Nationalpreis der DDR, aber als parteiloser Wissenschafts- und Wirtschaftsfunktionär war er eine seltene Ausnahme in der DDR-Nomenklatur. Eine Stasi-Intrige lieferte den Vorwand, ihn 1974 wegen „staatsfeindlicher Einstellung“ fristlos zu entlassen. Erst nach seinem Tod verhalfen ihm die Lockerungen infolge der Friedlichen Revolution zu mehr Anerkennung.
Leben mini|Titelseite der Dissertationsschrift
1912–1936: Ausbildung und Graduierung Hartmann wurde als Sohn eines Malermeisters in Friedenau geboren. Nach einem ausgezeichneten Abitur am Steglitzer Reformgymnasium studierte er ab 1930 Technische Physik an der TH Berlin-Charlottenburg, zeitweise als Werkstudent und gleichzeitig Praktikant bei Askania, Osram und der Telefonfabrik Berlin. Neben seinem Studium verdingte er sich als Bauarbeiter, Dolmetscher und Pianist in einer Tanzkapelle.Hans. W. Becker: „Großes Können – mit Weitblick“, Vortrag zum 100. Geburtstag von Hartmann, veranstaltet vom Förderverein Lingnerschloss e. V. am 3. Februar 2012. Unter Gustav Hertz und Walter Schottky beteiligte er sich an Forschungen zur Halbleiterphysik, mit denen er 1935 sein Studium als Diplom-Ingenieur abschloss und 1936 bei Walter Schottky über elektrische Eigenschaften oxidischer Halbleiter promovierte (Abschluss mit „sehr gut“).Günter Dörfel: Werner Hartmann. In: Helmut Müller-Enbergs (Hrsg.), Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix, Olaf W. Reimann: Wer war wer in der DDR? 2 Bde., Christoph-Links-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4 (Volltext des Artikels unter stiftung-aufarbeitung.de, abgerufen am 16. Januar 2012). Er wurde mit der Medaille „Die Technische Hochschule zu Berlin für erfolgreiche Arbeit“ geehrt.Werner Hartmann: Die Technologiegeschichte von der Nazi-Ära bis zum Honecker-Regime einschließlich der Jahre in der SU. 8 Bände, aufbewahrt in den Technischen Sammlungen Dresden. Zu seinen Lehrern zählten Richard Becker, Friedrich Georg Houtermans, Rudolf Rothe, Max Volmer und Wilhelm Westphal. Seine Promotion erfolgte unter Vorsitz von Max Volmer, Berichter Richard Becker und Mitberichter Hans Kopfermann. Er hörte u. a. bei Max Planck. Durch seine frühzeitigen Forschungen an Halbleitern beachtete er zeitlebens die Reinheit und Sauberkeit bei entsprechenden technologischen Prozessen. Im Jahr 1969 schrieb er darüber:
1935–1945: das Forschungsjahrzehnt Hartmann folgte Gustav Hertz 1935 zu Siemens und Halske. Dort begann die Beschäftigung mit Fotokathoden und Bildwandlern, die Hartmann von 1937 bis 1945 als Labor- und Abteilungsleiter bei der Fernseh AG (ab 1939 Fernseh GmbH) fortsetzte. Bereits zur Berliner Funkausstellung 1938 konnte Hartmann ein Fernsehbild mit 1000 Zeilen vorstellen. Während des Zweiten Weltkrieges blieb er vom Kriegsdienst freigestellt, weil die Arbeiten zur Bildübertragung der Rüstungsforschung zugerechnet wurden.
Hartmann konstatiert in seiner Autobiographie: „Im März 1945, als mir klar wurde, dass die Alliierten den Krieg bald beenden würden, entschloss ich mich Russisch zu lernen.“ Als erste Grundlage diente ihm das 72-seitige Langenscheidt-Büchlein „Lerne Russisch!“. Zu dieser Zeit beherrschte er die englische und französische Sprache. Begünstigt wurde dieses Unterfangen dadurch, dass seine Arbeitsstelle am 20. April 1945 kriegsbedingt geschlossen wurde. Er schreibt weiter: „Auf diesen spärlichen Russischkenntnissen aufbauend, habe ich in den anschließenden Monaten schnell diese schöne und an sich einfache Sprache gelernt.“
Die meisten seiner Patente stammen aus dieser Periode und behandeln Photozellen und -Kathoden sowie Bildröhren.
1945–1955: das UdSSR-Jahrzehnt Das geheime Schlussprotokoll von Jalta (Februar 1945) legte als eine von drei Reparationsformen nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges die Verwendung deutscher Arbeitskräfte fest.Podiumsdiskussion im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst: „Intellektuelle Reparationen: Der Abfluss deutschen Know-hows in die UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg und seine Folgen“, 31. August 2010 Die Proklamation Nr. 2, Sektion VI, § 19aProklamation Nr. 2 vom 20. September 1945 (In: Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Nummer 1 vom 29. Oktober 1945, S. 4, Digitalisat der Deutschen Nationalbibliothek: ) des Alliierten Kontrollrates erklärte den Einsatz deutscher Arbeitskräfte zur Reparationsarbeit auch außerhalb Deutschlands für zulässig. Im Protokoll der Potsdamer Konferenz (August 1945) wurden „Arbeitsreparationen“ nicht erwähnt. Bei diesen Arbeitskräften, auch „Spezialisten“ genannt, handelt es sich um Wissenschaftler und Ingenieure aus der Forschung und Entwicklung, insbesondere der Atomphysik, der Raketen- und der Flugzeugtechnik.Dolores L. Augustine: The Great Eastward Trek: German Specialists in the Soviet Union. In: Red Prometheus – Engineering and Dictatorship in East Germany, 1945–1990. (= Transformations: Studies in the History of Science and Technology.), The MIT Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-262-01236-2 (Kapitel 1 als PDF, abgerufen am 15. Oktober 2017.) Zwangsevakuierungen dieser Spezialisten waren letztendlich Willkürakte der Siegermächte.
In der Zielfahndung des sowjetischen Geheimdienstes NKWD stand für die Mitwirkung am sowjetischen Alsos-Project zur Atombomben-Entwicklung Nobelpreisträger Gustav Hertz in Berlin. Er wurde angehalten, geeignete wissenschaftliche Mitarbeiter für diesen Aufgabenkomplex zu gewinnen, darunter auch Hartmann. Er folgte dieser Aufforderung, sah er doch darin die Chance, den Nachkriegswirren zu entfliehen.D. L. Augustine: „Red Prometheus – Engineering and Dictatorship in East Germany, 1945–1990“ in der Reihe „Transformations: Studies in the History of Science and Technology“, The MIT Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-262-01236-2 (a: S. 6; b: S. 187; c, d: S. 182) „Er ließ alles zurück. Seine einzige Garantie war Gustav Hertz.“ Hertz flog in einem sowjetischen Militärflugzeug mit dieser Gruppe von Mitarbeitern am 13. Juni 1945 nach Moskau-Tuschino. Nach Wochen der Ungewissheit fuhren sie in einem Schlafwagenzug vom 18. bis 27. August weiter nach Suchumi am Schwarzen Meer. Zu diesem Transfer gehörten auch Laborausrüstungen und Rohstoffe. Diese Gruppe wurde untergebracht in dem ehemaligen küstennahen Sanatoriumsort Agudsera, 10 Kilometer südöstlich von Suchumi, nunmehr Institut G genannt (nach transkribiertem Gertz).Haus der Familie Riehl im ehemaligen Sanatorium Agudsera als Beispiel, In: Nikolaus Riehl, Frederick Seitz: Stalin's captive: Nikolaus Riehl and the Soviet race for the bomb. Chemical Heritage Foundation, Juli 2005, ISBN 0-8412-3310-1, S. 142 ().
Dieses Institut unter Leitung von Gustav Hertz erhielt die Aufgabe, die hertzsche Diffusionskaskade für die Trennung von 235U und 238U ins Riesenhafte zu vergrößern (siehe Uran-Anreicherung). Mit gleichem Zweck erfolgten massenspektrometrische Untersuchungen, geleitet von Werner Schütze als zweitem Direktor des Institutes. Tangiert wurden diese Arbeiten von weiteren Aufgaben im Zusammenhang mit der Urananreicherung. Es begann für Hertz und seine Mitarbeiter ein in physikalisch-technischer Hinsicht äußerst interessanter Lebensabschnitt, an welchen alle Beteiligten stets in lebhafter Erinnerung zurückdenken werden.Hardwin Jungclaussen: Frei in drei Diktaturen - Wie ich mein Leben erlebte und wie ich mein Glück fand. Autobiografie. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, trafo Literaturverlag, Reihe Autobiographien Band 48, Berlin 2015, S. 128, ISBN 978-3-86465-050-5. Den Wissenschaftlern und ihren Familien wurden hohe Vergünstigungen zuteil, demgegenüber standen aber erhebliche Einschränkungen und Androhungen. Das Institut war im April 1946 arbeitsfähig. In den Folgejahren wurde ein modernes und leistungsfähiges Institut aufgebaut, das Sochumi-Institut der Physik und Technologie (SIPT).
Das Institut gliederte sich in folgende Bereiche bzw. Abteilungen (siehe auch): Anreicherung des Isotops Uran-235 durch thermische Gasdiffusion unter Leitung von Gustav Hertz zusammen mit Karl-Franz Zühlke. Dazu erforderlich waren weitere Aufgaben: Entwicklung eines keramischen Diffusionsdiaphragmas unter Leitung von Reinhold Reichmann und Helmut Bumm Entwicklung einer Theorie zur Stabilisierung und Steuerung der Diffusionskaskade unter Leitung von Heinz Barwich Entwicklung der Kondensationspumpen für die Diffusionskaskade unter Leitung von Justus Mühlenpfordt. Entwicklung eines Massenspektrometers nach Alfred Nier sowohl zur Isotopentrennung des Urangemisches als auch zur Messung geringer Isotopendifferenzen unter Leitung von Werner Schütze zugleich Stellvertreter von Hertz Gewinnung schweren Wassers als Moderator für eine Uranmaschine unter Leitung von Max Volmer als zweiten Stellvertreter von Hertz zusammen mit Gustav Richter. Darin der kurzgefasste Lebenslauf: genealogy.theochem.uni-hannover.de, abgerufen am 22. September 2012.
Hinzu kamen erforderliche Dienstleistungen: Entwicklung der Kernstrahlungsmesstechnik unter Leitung von Werner Hartmann Konstruktion unter Leitung von Hoffmann Werkstatt unter Leitung von Gerhard Hoenow.
Weitere Mitarbeiter waren sein Freund Fritz Bernhard, Esche und Staudenmeyer. In Hartmanns Abteilung arbeiteten neben sowjetischen Hochschulkadern und Laboranten auch ehemalige deutsche Kriegsgefangene, wie z. B. Hardwin Jungclaussen. Die behandelten Themen spiegeln sich in seiner Habilitationsschrift 1956 wider. Auf Grund der Thematik hat eine Kooperation mit dem Institut A von Manfred von Ardenne in Suchumi-Sinop bestanden, das ebenfalls mit der Isotopentrennung beauftragt war.
Im Jahr 1946 holte Hartmann seine Familie nach Agudsera.
Hartmann gehörte zu den Wissenschaftlern, die in die UdSSR mit der irrigen Annahme gingen, es handle sich um einen zweijährigen Aufenthalt. Es ergaben sich jedoch Spannungen, als sich die Deutschen unter Hartmanns Wortführerschaft weigerten, Arbeitsverträge ohne Rückkehrdatum zu unterschreiben. Offensichtlich entspannte sich die Lage auch wieder, was sich u. a. durch Hartmanns Einbindung in das akademische Leben der UdSSR ausdrückte.Günter Dörfel: unveröffentlichte Recherche, 2011. Er betreute Graduierungsarbeiten an Moskauer und Leningrader Universitäten und war (Mit-)Autor wissenschaftlicher Publikationen in sowjetischen Fachzeitschriften. Auf Grund seiner autodidaktisch erworbenen Russischkenntnisse bemühte Hartmann sich um Weiterbildung in dieser Sprache und avancierte in der deutschen Siedlung zu ihrem Sprecher als ihr „Bürgermeister“ oder als ihr „schöner Doktor“.