Mittelhessisch, Zentralhessisch oder auch Oberhessisch von vielen Sprechern traditionell als „Platt“ (z. B. Hinterländer Platt) bezeichnet, wird gesprochen in einem Gebiet Mittelhessens, das den größten Teil der Landkreise Wetteraukreis, Hochtaunuskreis, Limburg-Weilburg, Lahn-Dill-Kreis, Gießen und Marburg-Biedenkopf sowie Teile der Landkreise Main-Kinzig-Kreis, Rheingau-Taunus-Kreis und Vogelsbergkreis umfasst. Das Wittgensteiner Platt, das im südlichen Nordrhein-Westfalen gesprochen wird, weist große Übereinstimmungen mit dem mittelhessischen Dialekt auf. Die Mundart der meisten Städte steht allerdings den Stadtmundarten des Rhein-Main-Gebiets näher als dem Mittelhessischen. Im südlichen mittelhessischen Sprachraum wird der Dialekt durch die städtischen Mundarten des Rhein-Main-Gebiets umgeformt und verdrängt.
Entwicklung Hessisch ist nicht „Fernsehhessisch“
Die mediale Darstellung des in der Kritik als „Fernsehhessisch“ (auch „Äbbelwoihessisch“) bezeichneten Neuhessisch hat indes mit den unterschiedlichen hessischen Dialekten wenig gemein. Zur Popularisierung des Neuhessischen trugen viel gesehene Fernseh-Unterhaltungssendungen bei wie „Familie Hesselbach“ oder „Zum Blauen Bock“ sowie nicht zuletzt die Übertragungen der Mainzer Fastnacht „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“. Aufgrund der Dominanz dieses Wirtschaftsraumes ist in den 1950er und 1960er Jahren der Eindruck entstanden, das Frankfurterische sei das Hessische schlechthin, was es nachweislich nicht ist.
Mittelhessische Dialekte
Die mittelhessischen Dialekte in ihren jeweiligen ortsgebundenen Lautgestalten und Prägungen (Topolekte) wurden bis etwa 1970 vom überwiegenden Teil der ländlichen Bevölkerung gesprochen. Der Einfluss der modernen Massenmedien, heute der Sprache des Internets, wie auch die sich seit den späteren 1960er Jahren entwickelnde Mobilität und die historischen Veränderungen der Lebens- und Arbeitswirklichkeiten führten dazu, dass die Dialekte immer weniger gesprochen werden, weil diese sprachgeschichtlich ihren aktuellen Verkehrswert verloren haben.
Die alten Formen der mittelhessischen wie oberhessischen Dialekte werden heute meist nur noch von Angehörigen der älteren, ortsgebundenen Generationen gesprochen oder in der Traditionspflege heimischen Brauchtums beibehalten. Im November 1984 ergab eine Umfrage („Hessischer Dialektzensus“) der „Arbeitsstelle Sprache in Hessen“ der Universität Marburg folgendes Bild: In der mittelhessischen Region gaben von den 48- bis 75-Jährigen Befragten 62 % an, dass sie „einen oder mehrere Dialekte sprechen“, unter den 31- bis 47-Jährigen 65 %, bei den 16- bis 30-Jährigen aber nur noch 52 %. Da gerade seit den 1980er Jahren das Hochdeutsche in allen Lebensbereichen massiv an Einfluss gewonnen hat, müssen die empirischen Befunde des Dialektzensus als überholt angesehen werden.
Am Südrand des mittelhessischen Sprachgebietes, beispielsweise in der südlichen Wetterau und in den mittelhessischen städtischen Zentren Wetzlar, Gießen und Marburg, Friedberg und Bad Nauheim, sind diese Dialekte bereits verschwunden bzw. im Verschwinden begriffen. An ihrer Stelle haben sich in städtischen Räumen neue Formen des Sprachgebrauchs herausgebildet, die in der modernen Dialektologie als „Neuhessisch“ bezeichnet werden und der Standardsprache nahestehen, wenn auch in eigenständigen, sprachgeschichtlich verwobenen Lautformen.
Von einem Aussterben der mittelhessischen Dialekte kann entgegen allen Prognosen zwar nicht gesprochen werden, wohl aber von einer Hinwendung zu regionalen Ausgleichsformen im öffentlichen Leben, zu neuen dialektalen Sprachformen mit dem Phänomen, dass die originären Dialektsprecher sich je nach Kommunikationserfordernis zwei- oder dreisprachig bewegen und im Sinne eines Code-Switching ausgebildet sind, wenn auch mit denselben Zungenschlägen (Bilinguismus). Es trifft auch keinesfalls zu, dass die Jüngeren den Dialekt ablehnen. Lediglich werden Dialekte mit kleinräumiger Geltung zugunsten von neu entstehenden allgemeineren Sprachformen mit größerer kommunikativer Reichweite (Regiolekt) aufgegeben. Sie verzichten dabei auf dialektale Formen, von denen sie wissen, dass sie schon wenige Kilometer weiter nicht oder kaum verstanden werden. Das ist u. a. auch eine Folge der zunehmenden Mobilität durch Beruf und Freizeit.
Eine weitere Sprache Mittelhessens ist das fast ausgestorbene Manisch, das früher im Raum Marburg (Richtsberg und Waldtal), Gießen (Gummiinsel, Eulenkopf und Margarethenhütte) und Wetzlar (Finsterloh) von sogenannten sozialen Randgruppen benutzt wurde.
Lautliche Merkmale Im Folgenden sollen ausgewählte phonetische und phonologische Merkmale beschrieben werden, die insofern typisch für den mittelhessischen Dialekt sind, als sie den meisten Ortsmundarten gemeinsam sind.
Die Lautungen der Mundarten sind grundsätzlich nicht als Abweichungen von der Standardsprache erklärlich, sondern sie stellen eigenständige Weiterentwicklungen mittelhochdeutscher Dialekte dar. Dennoch sollen hier der Verständlichkeit halber standarddeutsche mit mundartlichen Formen kontrastiert werden. Grundsätzlich lässt sich die Abstammung aus dem Mittelhochdeutschen zum Beispiel bei den Vokalen durch die große Lautverschiebung, die Neuhochdeutsche Diphthongierung sowie eine konsequente Entrundung nachvollziehen. Des Weiteren typisch ist eine Vereinfachung der Grammatik vergleichbar mit der des Niederländischen oder Norwegischen sowie eine intervokalische Konsonantenabschwächung.
Langvokale Die Entwicklung der Langvokale des Mittelhessischen vom Mittelhochdeutschen ist gekennzeichnet durch die vollständige Entrundung der Vordervokale und zahlreiche Diphthongierungen, sowie der seit dem 13ten Jahrhundert belegten Monophthongierung der mittelhochdeutschen Diphthonge ei, ou und öu. +NeuhochdeutschMittelhochdeutschMittelhessischAbweichungen von Ortsdialekten/a:/ Straße gesagtâ /o:/ Schdroos /a:/ gesaat (vor g)Dillkreis: /ɔ:/ Hinterland: /uə/
Marburg: /u:/ vor m/n/ng
Hanau: /u:/ vor r/a:/ Hasea/ɔ:/ Hås/ɛ:/ Käseae/e:/ KeesHanau: /i:/ vor r Dillkreis: /ɛ://e:/ gehenê/i:/ giihverstreut in einzelnen Wörtern: /ɛi//e:/ Lebenë/e/Umlaut von a/ɛ:/ LääweNassau/Marburg: /ɛə/ Hinterland: /i://i:/ liebie/ɛi/ läib/i:/ Bienei50/50 entweder /i:/ Bii oder /e:/ Bee/o:/ Brotô/u:/ Bruud/o:/ Hoseo/o:/ Hoos/ø:/ schöneoe/i:/ schiine/ø:/ Öfenö/e:/ Eewe/u:/ Bruderuo/ɔu/ Brouradas vom Südhessischen eindringende /u:/ wird standardsprachlich gestützt und bedrängt dieses Merkmal stark/y:/ Füße, Küheüe/ɔi/ Fois, KoiIn allen Randgebieten: /ɛi//y:/ Lügeü/i:/ Lii/Liije/Lii(s)ch
Diphthonge Kein traditioneller deutscher Dialekt hat die standardsprachlichen Merkmale des ei/î und ou/û Zusammenfalls, das Mittelhessische bildet hier keine Ausnahme. +NeuhochdeutschMittelhochdeutschMittelhessischAbweichungen von Ortsdialekten/ai/ Pfeife Weinî/ai/ Paif /ɔi/ Woi (vor n/m/ng)/ai/ heiß, keineiNorden: /ɛ:/ hääs, kä/ke Biedenkopf-Gießen-Bad Orb-Linie
Süden: /a:/ haas, kaa
teils: /ɔ:/ vor n/m/ng/au/ bauenû/au/ baueteils: /ɔu/ vor n/m/ng unbetontes "auf" entspricht of/uf/au/ auch, Frauou/a:/ aach, Fraateils: /ɔ:/ vor n/m/ng Marburg: /e:/ oder /ɛ:/
Niederhessische Grenze: /o://ɔi/ Häuseriu/ɔi/ HoisaDieser Vokal wird meistens als Umlaut des Plurals verstanden, sodass Hochdeutsche Wörter einer Singular Form mit /oi/ aus Mhdt. <iu> in vielen Ortsdialekten entsprechend ein /au/ besitzen: aua "euer", Faua "Feuer", nau "neu"/ɔi/ HeuöuNorden: /ɛ:/ oder /e:/ Süden: /a:/Diese Nord-Süd-Grenze verläuft südlicher als die von Mhdt <ei>. Ortsdialekte mit eigentlich /a:/ können in flektierten Formen /e:/ als Umlaut besitzen
Kurzvokale Die Entwicklung der Kurzvokale ist weniger einheitlich, wieder kennzeichnend ist allerdings die vollständige Entrundung. +NeuhochdeutschMittelhochdeutschMittelhessischAbweichungen von Ortsdialekten/a/ Apfela/a/ Appel /a:/ vor lt/ld/nk/ɔ~ɔ:/ vor rn/rm/rd/rt/rg/rk/chs/cht /ɔ:/ vor n/m/ng/ɛ/ Zwetschgeë/ɛ/ GwädschNordwesten: /ɛə/ Norden: /a:/ vor cht
Süden: /ɛ:/ vor cht/ɛ/ dreschene/ɛ/ drescheFeine Aussprachunterschiede/ɪ/ BissiNorden: häufiger /ɛ/ Bäss Süden: häufiger /ɪ/ BissBetonte Pronomen sind diphthongiert zu /ai/ oder /ɛi/, so heißt "Ich" meist Aich/ɔ/ Tropfeno/ɔ/ Drobbe/œ/ Köpfeö/ɛ/ Kebb/ʊ/ Luftu/ɔ/ LoftSüdwesten: /ʊ//ʏ/ FüchseüNorden: häufiger /ɛ/ Fegs Süden: häufiger /ɪ/ Figs
Konsonanten Besonders charakteristisch ist das mit zurückgebogener Zunge (retroflex) und mit relativ gleichmäßig ausgeatmeter Luft, ohne Reibung oder „Explosion“ (Approximant), „gerollte“ /r/ (, Stimmhafter retroflexer Approximant), das dem amerikanischen /r/ gleicht und nicht zu den drei Realisierungen () des /r/ in der hochdeutschen Standardlautung zählt. In vielen Dialekten bleibt es auch am Wortende und vor Konsonant deutlich hörbar (z. B. in „Wasser“ oder „Ort“). Ansonsten weist es die typischen konsonantischen Merkmale rheinfränkischer Dialekte auf: Anstelle des hochdeutschen Affrikats pf steht immer p oder innerhalb eines Wortes auch pp; folglich die westmitteldeutschen Kennwörter Appel "Apfel" und Pond "Pfund". Ein s das auf ein r folgt, wird wie sch /ʃ/ ausgesprochen; siehe Worscht statt "Wurst".
Hartlautabschwächung Hessische Dialekte im allgemeinen sind berühmt für ihre weiche Aussprache. Diese ist zum Großteil auf die Lenisierungs-Prozesse ihrer Konsonanten zurückzuführen. Im Allgemeinen erklärt werden stimmlose Konsonanten stimmhaft, während stimmhafte Konsonanten zu Frikativen werden. Stimmlose Frikative werden ebenfalls stimmhaft. S /z/ ist nur am Silbenende stimmlos.
Im Anlaut Am Wortanfang abgeschwächt werden nur die Hartlaute T- /t/, dessen Affrikate und Konsonantencluster Z- /ts/,Tr- /tr/, Tsch- /tʃ/ und P-, welches nicht dem hochdeutschen PF entspricht. Entsprechend heißt "Tag" Daach und "Puppe" Bobb. Das Wort "Pacht" ist ein westmitteldeutsches Lehnwort. Nicht abgeschwächt werden K- und P(f)-. Es heißt also immer noch "Kauz" sowie "Pond".
Intervokalisch Zwischen zwei Vokalen tritt ausnahmslos bei allen Konsonanten eine Lenisierung ein. Diese lassen sich zur Vereinfachung in Verschiebungsketten darstellen. Bei Konsonantenclustern lenisiert der letzte Konsonant, Ausnahmen sind in der Tabelle. Da sich unbetonte Pronomina und Artikel als Klitika an die Verben heften, führt auch dies meist zu einer Lenisierung. "Hat er" klingt für gewöhnlich nach hor-e. +Stimmlose KonsonantenStimmhafte Konsonanten/ReibelauteReibelautet "satten">(d) /sadə~sarə/ "leiden">r /lairə/k "hacken"g /hagə/ "tragen"ɣ /dra:ɣə/ /maɣə/x "machen"g "wegen"ʝ /ve:ʝə/ʃ "waschen"ʒ /vaʒə/p "stopfen"b /ʃdɔbə/ "geben"v /gɛvə/ /la:və/f "laufen"lt "walten"(ld) /valdə/ "Wälder"l /vɛl_/nt "Winter"nd /vindɐ/ "Wände"n /vɛn/mp "stumpen"mb /ʃdɔmbə/ m
Im Auslaut Am Wortende wird nur -g abgeschwächt. Nach Hinterzungenvokalen /x/, nach Vorderzungenvokalen /ʃ/.
Sonstiges Einige Konsonantencluster werden meist vereinfacht, so entspricht -chs- oft ein einfaches -s-. Vor einem -t oder -s wird oft ein b getilgt. Deswegen lautet "Es gibt hier" – Es git häi.
Grammatikalische Merkmale Mittelhessisch hat eine starke Apokopierung der Endungen durchgemacht. Ein Hochdeutsches -EN entspricht meist einem -E, doch ein hdt. -E entfällt. Nach L oder R kann das N erhalten bleiben. Das grammatikalische System wurde somit zu einer Vereinfachung gezwungen. Wie bei fast allen Dialekten fehlt der Genitiv, welcher meist durch eine "von" oder Dativ + "sein/ihr" Konstruktion ersetzt wird.
Personalpronomen Mittelhessische Personalpronomen treten in drei Stärken auf, je nachdem wie sie im Satz betont werden. Die Formen für "Wir" und "Ihr" weichen vom Standarddeutschen ab, der Ursprung ist nicht ganz geklärt. Im Dativ ist trotz der sonstigen Apokopierung häufig ein -e angefügt. "Aich hun 's dere ja gesaat." = Ich hab's ihr ja gesagt. +NeuhochdeutschIchDuErSie/DieEsWirIhrSie/DieBetontaichdauhee/haasäidäs/dosmir/märdir/därdäiNeutralichduhä/he/hasiäsmädä/dadiReduziertəchdəə/asəəsmədə/ədə
Verben