mini|Pier Paolo Pasolini, 1964 rechts|rahmenlos

Pier Paolo Pasolini (* 5. März 1922 in Bologna; † 2. November 1975 in Ostia) war ein italienischer Filmregisseur, Dichter und Publizist.

Leben Kindheit und Jugend Pasolini wurde 1922 als Sohn des Berufsoffiziers Carlo Alberto Pasolini und der Volksschullehrerin Susanna Colussi im Haus Via Borgonuovo 4 in Bologna geboren. Prägend wurde für den Jugendlichen das ländliche Städtchen Casarsa della Delizia, wo seine Großeltern mütterlicherseits lebten. Dort verbrachte er die Schulferien und lernte das friaulische Landleben kennen. Die Anfänge seiner schriftstellerischen Bemühungen seit seinem siebten Lebensjahr gehen auf diese Zeit und Umgebung zurück. Es entstand früh ein Lyrikband in friaulischer Sprache (Poesie a Casarsa, 1942).

In einem in Bologna aufgenommenen Studium der Kunstgeschichte bei Roberto Longhi, das er wegen des Zweiten Weltkrieges aufgab, setzte er sich vor allem mit der Malerei der italienischen Renaissance auseinander, speziell mit Masaccio und Pontormo.vgl. O. Schweizer: Pier Paolo Pasolini. Reinbek 1991, S. 14. Diese Studien beeinflussten Pasolinis spätere Filmarbeiten nachhaltig.

Während der Kriegsjahre, die er gemeinsam mit seiner Mutter in Casarsa verbrachte, unterrichtete er als Lehrer die Kinder des Ortes im Raum des großelterlichen Hauses, das für die Lehrtätigkeit eingerichtet worden war. In dieser Zeit begann Pasolini, seine Homosexualität zu entdecken, die er, wie er später berichtete, zum ersten Mal als Wonnegefühl beim Betrachten der Kniekehlen fußballspielender Jungen spürte. Das Ringen um Beziehungen zu den bäuerlichen Jungen des Ortes wurde ihm bei der allgemeinen Ächtung der Homosexualität zu Lust und (Gewissens-)Qual. In Casarsa erfuhren er und seine Mutter vom Tod seines Bruders Guido am 7. Februar 1945, der im Massaker von Porzûs umgekommen war.Bild von Pasolinis Bruder Guido bei Flickr. Er war als Angehöriger der vorwiegend katholischen Widerstandsgruppe Brigate Osoppo in deren Hauptquartier bei Porzûs von Mitgliedern der kommunistischen, mit den jugoslawischen Titopartisanen verbündeten Gruppi di Azione Patriottica unter dem Vorwurf des Verrats gefangen genommen und erschossen worden.

Beruflicher Werdegang Nach Kriegsende begann Pier Paolo Pasolini, in Casarsa als Volksschullehrer an einer staatlichen Schule zu unterrichten. Pasolini zeigte ein besonderes pädagogisches Geschick im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen. Er schien intuitiv die Themen und Probleme, die die Heranwachsenden bewegten, zu erspüren und verknüpfte dieses Wissen um die persönliche Lebenssituation der Schüler mit schulpädagogischen und didaktischen Zielsetzungen. Seine pädagogischen und didaktischen Methoden waren in besonderer Weise flexibel, variabel und handlungsbezogen. Pasolini nahm auf diese Weise vieles von dem vorweg, was seit den 1970er Jahren als schülerorientierter Unterricht bezeichnet wurde.O. Schweizer: Pier Paolo Pasolini. Reinbek 1991, S. 23 ff.Enzo Siciliano: Pasolini. Leben und Werk. Weinheim/Berlin 1994, S. 98 ff. Gleichzeitig gewann für ihn politisches Engagement immer mehr an Bedeutung. In der Folgezeit schloss er sich der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) an. Am 29. August 1949 bezahlte Pasolini beim Fest Santa Sabina in Ramuscello drei Sechzehnjährige fürs Masturbieren.Diego dalla Palma, A nudo, Sperling & Kupfer, 2010, S. 184Bericht der Station Cordovado Carabinieri. 17/75, Protokoll V. 3Marco Belpoliti. Gli atti impuri di Pier Paolo Pasolini, in Atlante della letteratura italiana, vol. 3, Dal Romanticismo a oggi, a cura di D. Scarpa, Einaudi, Torino 2012, pp. 764–769. Diese bezichtigten ihn später unsittlicher Handlungen. Pasolini bestätigte bei der Polizei, dass die Aussagen der Jungen „teilweise oberflächlich betrachtet zutreffen“.Aussage Pasolinis, aufgenommen auf der Carabinieri-Station in Casarsa, aufgezeichnet am 17. Oktober 1949 um 18.05 Uhr Nach mehreren Gerichtsverfahren wurde er jedoch freigesprochen. Das Bekanntwerden und die öffentliche Diskussion seiner Homosexualität bewirkten, dass er trotz der Solidaritätsbekundungen und Petitionen der örtlichen Bevölkerung aus seinem Lehramt entlassen wurde. Die KPI schloss ihn aus ihren Reihen aus, verbunden mit dem Hinweis auf „die verderblichen Einflüsse gewisser ideologischer und philosophischer Strömungen der diversen Gide, Sartre und anderer dekadenter Poeten und Literaten, die sich als Progressisten gebärden wollen, in Wirklichkeit aber die schändlichsten Seiten der bürgerlichen Verkommenheit auf sich vereinen“. Da Pasolini ohne seine Lehrerstelle keine ökonomische Lebensgrundlage mehr besaß, ging er 1950 mit seiner Mutter nach Rom.

Arbeit als Schriftsteller Nach anfänglicher Erwerbslosigkeit und mit erheblicher Sorge um den sozialen Statusverlust seiner Mutter gelang es Pasolini, zunächst durch gering vergütete Lehrtätigkeiten und erste freiberufliche schriftstellerische Arbeiten (u. a. Mitarbeit an Drehbüchern für Luis Trenker, Mauro Bolognini und Federico Fellini), in Rom Fuß zu fassen. Erste Kontakte mit Intellektuellen und Künstlern (u. a. zu Laura Betti und Alberto Moravia) bahnten sich an.

Daneben fühlte sich Pasolini aber stets auch zum Milieu der römischen Vorstädte (borgate) hingezogen. Wie zuvor schon in der bäuerlich geprägten Gesellschaft des Friauls, entdeckte er in den borgate eigenständige kulturelle Traditionen und Wertvorstellungen, die sich von den kleinbürgerlichen Vorstellungen seines eigenen Umfeldes deutlich unterschieden. Für diese einfachen Leute in ihren wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen empfand er eine tiefe Sympathie, mit ihnen fühlte er sich wohl. Er entwickelte ein engagiertes Interesse am Aufzeigen und der Änderung der sozialen Missstände.

Sein Romandebüt Ragazzi di Vita (1955) ist denn auch in diesem Milieu angesiedelt. Pasolini verwandte darin eine für das Italien der 1950er Jahre ungeheuer realistische, ja radikale Sprache, eine Art „Slang von realistischer Unmittelbarkeit“.Kindlers Neues Literaturlexikon: Ragazzi di vita, Band 12, München 1988, S. 1002. Mit Ragazzi di Vita schilderte er nicht nur das vitale, raue, teils kleinkriminelle Leben der Jugendlichen in den Vorstädten, er idealisierte und überhöhte dieses Leben. Er setzte den ragazzi di vita ein Denkmal, zugleich beleuchtete Pasolini die (bürgerliche) Doppelmoral der italienischen Nachkriegsgesellschaft. Neben Anerkennung trug ihm der Roman auch scharfe Kritik aus Politik, Kirche und Gesellschaft sowie mehrere Gerichtsverfahren ein.

Eine Variation der literarisch verarbeiteten sozialkritischen Analysen jugendlicher Lebenswelten in den römischen Vorstädten legte Pasolini mit seinem Roman Una vita violenta (1959) vor. Mittlerweile verschaffte ihm seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit, die auch kontinuierliche Kolumnen für linksgerichtete Zeitungen umfasste, eine schrittweise Besserung seiner finanziellen und materiellen Umstände. Pasolini strebte diese Verbesserung zugleich mit Blick auf seine Mutter und seinen aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Vater an.

Entdeckung des Films In den 1960er Jahren entdeckte Pasolini mehr und mehr den Film als Medium für seine poetischen und sozialkritischen Zielsetzungen. Die angestrebte Zusammenarbeit mit der Filmgesellschaft Federico Fellinis scheiterte an dessen Ablehnung. Mit Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß (1961) und Mamma Roma (1962) lieferte Pasolini eine bedeutsame filmische Umsetzung seiner Vorstadtstudien, die ihm zum Teil internationales Lob der Filmkritik einbrachte. In den Filmen setzte er sich insbesondere mit den Missständen der italienischen Gesellschaft, mit subtil faschistoiden Strukturen und destruktiven Mechanismen in autoritären Systemen im Allgemeinen sowie mit den Unmöglich-/Möglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen auseinander. Seine Charaktere sind häufig sozial ausgegrenzt und rebellisch. Durch die Sujets, die technische Ausführung und den Einsatz von Laiendarstellern aus dem dargestellten Milieu erscheinen seine frühen Filme als ein (höchst selbstständiger) Beitrag zum italienischen Neorealismus. Seine Figuren changieren zwischen Profanität und Transzendentalität. Bewusst inszeniert Pasolini diesen Zwiespalt. So wird Ettore Garofano, der Hauptdarsteller von Mamma Roma, am Ende durch eine wiederholende Montage und raffinierte Lichtführung zum Christus überhöht. In Das 1. Evangelium – Matthäus (1964) ist Jesus ein Heiliger, aber eben auch eine subproletarische Figur. Mit diesem Film setzte ein langsamer Wandel in Pasolinis filmischem Werk ein.

Spätere Filmarbeiten Ab Ende der sechziger Jahre behandelte er nicht mehr Geschichten des Subproletariats, sondern auch großbürgerliche und adlige Charaktere. Obwohl Pasolini mehrfach betonte, dass er das Bürgertum derart hasse, dass er sich künstlerisch nicht mit ihm befassen wolle, entstand 1968 der Film Teorema – Geometrie der Liebe über eine bürgerliche Familie, die nach dem Besuch eines charismatischen Gastes auseinanderbricht. Zudem befasste er sich mit Mythen und Legenden des abendländischen, aber auch des arabischen Kulturraumes: Edipo Re – Bett der Gewalt (1968), Medea (1969/1970) und „Trilogie des Lebens“, bestehend aus Decameron (1970), Pasolinis tolldreiste Geschichten (1972) und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht (1974).

Pasolinis letzter Spielfilm entstand in seinem Todesjahr 1975: Die 120 Tage von Sodom verlagert die Handlung von de Sades gleichnamigem Roman aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts in die faschistische Republik von Salò am Ende des Zweiten Weltkriegs. Wegen der expliziten Darstellung sadistischer Gewalt zählt das Werk zu den umstrittensten der Filmgeschichte und ist bis heute in vielen Ländern verboten.

Publizistische Tätigkeit In seinem umfangreichen publizistischen Werk analysierte und problematisierte Pier Paolo Pasolini den Niedergang der sozialen und politischen Strukturen und Institutionen, wie er ihn in der italienischen Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre beobachten konnte. Hauptmerkmal dieses Verfallsprozesses sei das Verschwinden der Kultur des Volkes als Grundlage des gesellschaftlichen Fortschritts und das davon induzierte Fehlen von Werten und Inhalten des menschlichen Zusammenlebens. Auslöser und tragende Kraft dieses Prozesses sei eine neue Form von Faschismus, die – anders als der Faschismus der Vorkriegszeit – von den Individuen verinnerlicht werde und in der Auslöschung des Andersseins und der kulturellen Differenzen seinen Sinn finde. Seine Erscheinungsformen sind für ihn die konformistische Anpassung an das Entwicklungsmodell des neuen Kapitalismus und das Auftreten des entsprechenden kleinbürgerlichen Menschentypus als einziges nachahmenswertes Modell. Dieser Faschismus sei ein Phänomen, das alle Teile der Gesellschaft durchdringe: davon ausgespart bleibe weder die 68er-Generation noch das Subproletariat des Landes und der Großstädte.

1972, etwa zwei Jahre nach der Ermordung des italienischen Journalisten Mauro De Mauro, begann Pasolini, für seinen von ihm unveröffentlicht gebliebenen Enthüllungsroman Petrolio (Erdöl) zu recherchieren und zu schreiben. Das Kapitel über den Mord an Enrico Mattei, einem italienischen Spitzenmanager des Erdölkonzerns Eni, wurde ihm später aus seinem Atelier gestohlen. Jahre später tauchte es wieder auf, als der frühere Berlusconi-Vertraute und Mafia-Angehörige Marcello Dell’Utri sich öffentlich dazu bekannte, Manuskriptteile von Petrolio gelesen zu haben.Nina Merli: Wende im Mordfall Pier Paolo Pasolini. In: Tages-Anzeiger, 13. Dezember 2011.

Ermordung Pasolinis mini|Grab Pasolinis auf dem Friedhof von Casarsa della Delizia