mini|300px|Indonesien heute; Westneuguinea bildet den östlichen Abschluss, Aceh den westlichen. Die markierten Städte sind Sabang und Merauke, die für das indonesische Nationalverständnis eine sprichwörtliche Rolle spielen: „Dari Sabang sampai Merauke“ (von Sabang bis Merauke)

Der Act of Free Choice war eine umstrittene Abstimmung, mit der Indonesien 1969 mit Unterstützung der UNO die Übernahme Westneuguineas (Westpapua) legitimierte.

Vorbereitungen für eine Unabhängigkeit West-Papuas begannen Ende 1961, Indonesiens Ziel eines Territoriums in den Grenzen Niederländisch-Indiens von 1942 massiv zu stören. Mit Hilfe der USA gelang es Indonesien 1963, Westneuguinea unter indonesische Verwaltung zu stellen, jedoch mit der 1962 im New Yorker Abkommen zwischen den Niederlanden und Indonesien vereinbarten Bedingung, dass die Papua bis 1969 in einem Volksentscheid unter Aufsicht der UNO ihre Zugehörigkeit zu Indonesien bestätigen. Um sowohl das gewünschte Ergebnis der Abstimmung zu sichern als auch internationale Glaubwürdigkeit zu gewinnen, wurden die eintausend aus den Stammesführern Westneuguineas ausgesuchten Wahlmänner zunächst von Indonesien für die Wahl trainiert, die in die Zeit der Landung des ersten Menschen auf dem Mond gelegt wurde. Als Beobachter waren nur zwei ausländische Journalisten zugelassen. Durch eine Mischung finanzieller Einflussnahme und die Androhung von Folter fiel das Wahlergebnis einstimmig zu Gunsten Indonesiens aus. Die UNO unterstützte den Betrug, bemühte sich, die Angelegenheit möglichst schnell loszuwerden und sah ihre Rolle im New Yorker Abkommen als erfüllt an. Die Act of Free Choice (deutsch: Freie Wahl, indonesisch: Pepera – Penentuan Pendapat Rakyat) genannte Abstimmung ist daher in Westneuguinea allgemein als Act of No Choice (deutsch: Abstimmung ohne Wahlmöglichkeit) bekannt. Bei einer Revision des Verfahrens vor der UNO fürchtet Indonesien nicht nur eine seiner rohstoffreichsten Provinzen und größten Finanzquellen einzubüßen, sondern sieht die Legitimität und Einheit der Nation in Gefahr.

Vorgeschichte Kolonialzeit 1848 teilten die Niederlande und Großbritannien die traditionelle von Melanesiern bewohnte Insel Neuguinea am 141. Längengrad. Die als Papua-Neuguinea bekannte Osthälfte wurde 1884 zwischen Deutschland und Großbritannien aufgeteilt. Das südöstliche Britisch-Neuguinea ging 1906 als Papua an Australien, während der nordöstliche deutsche Teil (Kaiser-Wilhelms-Land und der Bismarck-Archipel von Deutsch-Neuguinea) nach dem Ersten Weltkrieg unter australische Verwaltung gestellt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg von Australien als Papua-Neuguinea verwaltet, erhielt es 1975 seine Unabhängigkeit.

Die westliche Hälfte Neuguineas wurde unter der Bezeichnung Niederländisch-Neuguinea Teil von Niederländisch-Indien. Die Niederländer hatten wenig Interesse an dem Gebiet, benutzten es als Platz für strafversetzte Beamte, zur Internierung von Rebellen und als Kontrollpunkt der Seewege zu den Gewürzinseln. Hauptinteresse war der Schutz der lukrativen Kolonien westlich von Neuguinea. Die erste geologische Erkundung fand 1907 statt.

Vorbereitung auf die Unabhängigkeit

Am 17. August 1945, zwei Tage nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg, wurde die Unabhängigkeit Indonesiens verkündet, die die Niederlande nicht anerkannten. Nach vier Jahren wurde unter internationalem Druck am 27. Dezember 1949 Indonesiens Unabhängigkeit akzeptiert. Bei der vorangegangenen Rundtischkonferenz war es den Niederlanden jedoch gelungen, Westneuguinea vom Souveränitätstransfer an Indonesien auszuschließen. Eine Einigung durch weitere Verhandlungen innerhalb eines Jahres war stattdessen vereinbart. Indonesien machte diplomatische Anstrengungen, unterstützt von militärischen Unternehmungen, gegen die Niederlande. Diese Kampagne der Einforderung Papuas nutzte Präsident Sukarno erfolgreich als Strategie der Konsolidierung nationaler Einheit in einer Zeit tiefer Spaltungen der indonesischen Elite. Dass „Papua Teil von Indonesien ist“, war eines der Themen, bei denen alle politischen Führer und Parteien einig waren.Richard Chauvel: Australia, Indonesia and the Papuan crises 2006 https://www.nautilus.org/~rmit/forum-reports/0614a-chauvel.html.

Anfang der 1950er Jahre scheiterten die Gespräche zur Zukunft Westneuguineas, und die Niederlande begannen Westneuguinea auf die Unabhängigkeit vorzubereiten. Mit Hilfe der Vereinten Nationen sollte das Land in den 1970er Jahren durch Ausbildung einer nationalen Elite, Gründung von Parteien und Gewerkschaften, Bildung des Neuguinea-Rates (5. April), allgemeines Wahlrecht, Entwurf der Morgenstern-Flagge, einer Nationalhymne und eines Emblems unabhängig werden. Am 27. September stellte der niederländische Außenminister Joseph Luns den Plan auf der UNO-Vollversammlung vor. Indonesien protestierte.

Um nicht zwischen den Mächten hin- und hergeworfen zu werden und der internationalen Gemeinschaft zu zeigen, dass die Papua auf eigenen Füßen stehen und bald eine eigene Nation bilden können, trafen sich daraufhin am 19. Oktober 1961 auf dem Ersten Papuakongress 70 Führer Papuas, davon 17 Mitglieder im Nationalen Rat. Angenommen wurde ein politisches Manifest:

Auf der Basis des Wunsches unserer Menschen nach Unabhängigkeit fordern wir durch Vermittlung des Nationalkomitees und unserer Volksvertretung, den Rat Neuguineas die Regierung von Niederländisch Neuguinea und der Niederlande auf, dass am 1. November Unsere Flagge neben der Flagge der Niederlande gehisst ist Unsere Nationalhymne, Hai Tanahku Papua, zusammen mit dem Wilhelmus gesungen wird Der Name unseres Landes ist Westpapua Der Name unseres Volkes ist Papua. Auf dieser Basis fordern wir, das Volk Papuas, unseren eigenen Platz wie andere freie Völker und unter den Nationen wünschen wir Papua zur Erhaltung des Friedens in der Welt beizutragen.Chavel, Papua Conflict, S. 11, siehe auch Historische Dokumente

mini|links|Sukarnos Vision: Indonesien in der Größe von Niederländisch-Ostindien

Flagge und Wappen wurden von den Niederlanden am 18. November bestätigt.Gouverneur von West Neuguinea: Territorial Flag Ordinance. in Kaisiëpo 2003 Anhang D Am 1. Dezember 1961 wurde die Flagge der Republik Westpapua zum ersten Mal öffentlich gehisst. „Großer Jubel herrschte im Land, die Menschen tanzten, sangen und feierten den Beginn einer neuen Ära.“Kuegler 2006 S. 314 Sukarno sah nun seine Vision von Indonesien in Gefahr, die alle Inseln des früheren Niederländisch-Indien – von Sabang (Sumatra/Aceh) bis Merauke (West-Papua) – umfasste. Er begriff, dass der neue Nationalismus Westpapuas eine wesentlich größere Gefahr für Indonesien darstellte als die Fortsetzung der niederländischen Verwaltung. In der Trikora-Rede am 19. Dezember gab Sukarno den „Befehl zur Befreiung Westirians“: Die Bildung des Papuamarionettenstaates zu verhindern das zu Indonesien gehörende Westirian unter die indonesische Flagge zu stellen Vorbereitung zur allgemeinen Mobilmachung zur Verteidigung der Einheit Indonesiens.Sukarno: Befehl zu Befreiung West Irians. Jogjakarta 19. Dezember 1961 Unmittelbar darauf begannen unter Führung des jungen Suharto indonesische Fallschirmjäger des gerade dafür geschaffenen Strategischen Heereskommandos Kostrad mit militärischen Angriffen, um Westneuguinea zu „befreien“ (Manadala-Kommando). Am 15. Januar versenkten die Niederländer ein indonesisches Patrouillenboot, am 24. März einen Zerstörer vermutlich russischer Herkunft.Saltford PDF S. xvi.

Sukarno hatte in der Trikora-Rede die Nähe zu den sozialistischen Staaten herausgestellt, die Indonesien in der Angelegenheit Westirian im Gegensatz zu den imperialistischen Ländern unterstützen würden. Nun begannen die Vereinigten Staaten auf die Niederlande Druck auszuüben, das Land an Indonesien zu übergeben. Ohne internationale Unterstützung (die UNO und Australien folgten den Vereinigten Staaten) stimmten die Niederlande im August 1962 dem Plan des US-Diplomaten Ellsworth Bunker zu – bekannt geworden als das New Yorker Abkommen –, die Republik Westpapua nach einer Übergangsphase unter UN-Aufsicht an Indonesien zu übergeben, mit der Bedingung, dass eine freie Wahl nationaler Selbstbestimmung der Bevölkerung Westneuguineas durch Indonesien unter UNO-Aufsicht bis Ende 1969 durchgeführt: der Act of Free Choice.

Der wichtigste Teil für die Papua war Artikel 18 des New Yorker Abkommens: „Indonesien wird mit Hilfe und Beteiligung des Vertreters der Vereinten Nationen und seines Stabes dafür sorgen, dass die Bevölkerung des Territoriums Gelegenheit zu einer freien Wahl erhält. Dabei ist folgendes zu berücksichtigen: … d) Allen Erwachsenen, Männern wie Frauen, die keine Ausländer sind, muss die Möglichkeit gegeben sein, sich an diesem Akt der Selbstbestimmung zu beteiligen, der in Übereinstimmung mit internationaler Praxis zu gestalten ist.“Übersetzung aus Kuegler 2006 S. 317 Das ermöglichte den Niederlanden, das Gesicht zu wahren. Indonesien feierte den Triumph.

Am 1. September billigten 9 von 28 Mitgliedern des Neuguinea-Rates das New Yorker Abkommen, das ohne Beteiligung der Papua beschlossen worden war. Bei einer zweiten Abstimmung verließ die Hälfte der Ratsmitglieder die Versammlung. Von den verbliebenen 14 befürworteten 12 das Abkommen, zwei stimmten dagegen.Kaisiëpo 2003.

Unter indonesischer Verwaltung Am 1. Oktober 1962 wurde Westneuguinea der zeitweiligen UNO-Verwaltung UNTEA (United Nations Temporary Executive Authority) übergeben, die das Land mindestens sieben Monate führen sollte. Eine maximale Dauer war nicht vereinbart und sofort nach dem Ablauf von sieben Monaten wurde das Gebiet am 1. Mai 1963 unter indonesische Verwaltung gestellt. Die UNO-Verwaltung brachte mangels Macht, Willen und Fähigkeiten keine wirkliche neutrale Phase. Sie ermögliche aber den Abzug der niederländischen Verwaltung. Während zunächst Papua-Beamte und -Polizei die Aufgaben insbesondere in der Regionalverwaltung übernahmen, strömten schnell weit mehr indonesische Beamte und Militärs ins Land als vorgesehen waren und übernahmen schnell die Macht. Sie übten starken Druck auf die Papua aus, sich zur Zugehörigkeit zu Indonesien zu bekennen und den Traum der Selbstbestimmung aufzugeben. Bald folgten gewalttätige Aktionen der indonesischen Militärs, die die neue Verwaltung in den nächsten Jahrzehnten kennzeichnete. Schnelle Verarmung folgte, Verschlechterung der Rechtssicherheit und Verlust der Bürgerrechte. Systematisch wurde alles beseitigt, was an die Niederlande erinnerte. Die Polizei der Republik Westpapuas wurde in Baracken gesperrt, politische Gruppen und der Rat Neuguineas aufgelöst. Die Benutzung der nationalen Symbole einschließlich der Worte „Papua“ und „Melanesisch“ wurde ungesetzlich, öffentliche Versammlungen jeder Art illegal, Bewegungs- und Meinungsfreiheit beschränkt und das Bildungssystem zerstört.Denis Leith S. 12 Das führte zu zunehmenden negativen Reaktionen der Papuas. Insbesondere das Hinterland von Manokwari war in ständiger Opposition, worauf harte militärische Aktionen folgten. Die Anzahl der Todesopfer stieg bald in die Tausende. Für die USA war die Angelegenheit geregelt. Der Niederlande wie auch Australien lag zu viel an guten Beziehungen zu Indonesien, um sich einzumischen.

Indonesien hatte längst nicht mehr die Absicht, sich um den vereinbarten Act of Free Choice zu kümmern. Sukarno, obwohl von Kennedy freundlich behandelt, enteignete fast alle ausländischen Firmen (außer Texaco). 1965 trat Indonesien aus Protest gegen Malaysias Ernennung zum zeitweiligen Mitglied des UN-Sicherheitsrates aus der UNO aus.