Litauische Literatur bezeichnet die in litauischer Sprache verfasste Literatur, deren Entwicklung von der mündlichen Volksüberlieferung über die ersten Heldenmythen bis zur Gegenwart immer wieder durch die administrative Bevorzugung anderer Sprachen oder Druckverbote gehemmt wurde.
Die mündliche Überlieferung Die mündliche Überlieferung Litauens reicht weit zurück. Neben den bereits im 10. Jahrhundert erwähnten Liedern in litauischer Sprache (Dainos) mit ihrem oft dunklen mythologischen Gehalt, die in Fragmentform seit dem 16. Jahrhundert überliefert wurden und deren künstlerischer Wert bereits Herder und Lessing auffiel, gehören die im 13. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnten Raudos („Klagelieder“; Singular: Rauda) zu den ältesten Schöpfungen der litauischen Volksliteratur. Sie unterscheiden sich von den Dainos durch eine komplexere künstlerische Gestaltung in gehobener Sprache; meist wurden sie wohl rezitiert und durch Improvisation der Situation entsprechend abgewandelt. Unterschieden wurden Totenklagen, Hochzeitsklagen der Braut und Klagen in Not- und Kriegszeiten.Stichwort Raudos. In: Walter Jens (Hrsg.): Kindlers neues Literatur-Lexikon. München 1996, Bd. 19, S. 376.
Nach dem Aufstieg Litauens zu einer ethnisch und sprachlich heterogenen Großmacht, also in der Zeit vom 15. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, entstanden die litauischen Heldenmythen, so der Mythos vom Traum des Großfürsten Gediminas und der Gründung von Vilnius. Diese Mythen wurden teils erst im 19. Jahrhundert zusammengetragen. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts finden sich deutliche Spuren der katholischen und protestantischen Mission in dieser Mythologie, die – abgelöst von ihrer Ursprungssprache, dem Litauischen – zum Element der späteren Nationenbildung wurde. Der Kult um Vytautas und um die Schlacht bei Žalgiris (dt. Tannenberg, poln. Grunwald) im Jahr 1410 wurde ethnisch übergreifend gepflegt. Von den litauischen Tataren, die im 14. Jahrhundert aus den Khanaten der südlichen Steppen zuwanderten und eine starke Militärkaste bildeten, wurde Vytautas sogar als „Förderer des Islams“ verehrt.Mathias Niendorf: Das Großfürstentum Litauen. Studien zur Nationsbildung in der Frühen Neuzeit (1569–1795). Harrassowitz, Wiesbaden 2006, S. 67.
Frühe Schriftsprache Den Anfang des Schrifttums im Gebiet des heutigen Litauens bildeten die in kirchenslawischer Kanzleisprache verfassten Chroniken des Großfürstentums Litauen wie die Chronik von Bychowiec aus dem frühen 16. Jahrhundert. Das Kirchenslawische war Litauern, Slawen und einigen anderen Gruppen verständlich. Im religiösen Schrifttum herrschte die lateinische Sprache, zuletzt noch im Werk des jesuitischen Dichters Maciej Sarbiewski. Danach dominierte die ruthenische Sprache (meist in kyrillischer Schrift). Die unterworfenen Weißruthenen waren den Litauern zunächst kulturell überlegen. Ihre Sprache wurde – vermischt mit polnischen und litauischen Elementen – zunächst als Kanzleisprache verwendet, aber seit dem 17. Jahrhundert durch die polnische Sprache (in lateinischer Schrift) verdrängt. Vor allem bei den Oberschichten ging das Verständnis für die litauische Sprache im Laufe der Zeit daher stark zurück.Gregor Wirschubski: Die Entwicklung der litauischen Literatur, in: Osteuropa, Vol. 4, No. 9 (Juni 1929), S. 582.
Die ruthenisch sprechenden Lipka-Tataren benutzten noch lange ihre arabische Schrift, die Karäer wiederum sprachen Tatarisch, schrieben es aber in hebräischer Schrift. So stellte Litauen in sprachlicher Hinsicht – auch fehlender klarer Sprachgrenzen – einen sprachlichen Flickenteppich dar.Christiane Schiller: Sprachgrenzen – Sprachen im Grenzraum. Sprachverhältnisse im Großfürstentum Litauen. In: Grenzräume und Grenzüberschreitungen im Vergleich: Der Osten und der Westen des mittelalterlichen Lateineuropa, Hrsg.: Klaus Herbers, Nikolas Jaspert, Akademie Verlag, Berlin 2007, S. 279–289, hier: S. 279.
Kampf zwischen Reformation und Gegenreformation (1570–1770)
Das Herzogtum Preußen, der weltliche Nachfolger des Deutschordensstaates, wurde 1525 als erstes europäisches Fürstentum protestantisch. Hier entstand ein Bedarf an religiösen Schriften in der Muttersprache der dort seit dem 15. und 16. Jahrhundert ansässigen preußischen Litauer. Basierend auf der polnischen Fassung von Martin Luthers Katechismus verfasste der evangelische Pfarrer Martynas Mažvydas (ca. 1510/20–1563) mit Catechismusa Prasty Szadei 1542 das erste Buch in litauischer Sprache, das jedoch im eigentlichen Litauen nicht benutzt werden durfte. Auch die anderen frühen Schriften der litauischen Sprache waren geistlichen Inhalts, darunter das Gesangbuch von Baltramiejus Willentas (Bartholomäus Willent, ca. 1525–1587) und die Übersetzung des Neuen Testaments von Johannes Bretke (Jonas Bretkūnas, 1536–1602), die wohl wegen Bretkes philologischen Genauigkeit und Tausender Anmerkungen lange Zeit nicht gedruckt werden konnte und schließlich verboten wurde. Sein Manuskript diente jedoch als Grundlage für spätere Editionen. Seine Predigten, die er in Litauisch und Altpreußisch hielt, druckte er in einer Postille. 220px|mini|Titelblatt der Postille von Johannes Bretke Altlitauische Übersetzungen des Neuen Testaments und der gesamten Bibel erschienen zuerst 1701 bzw. 1735 in Königsberg, litauische Grammatiken und Wörterbücher wurden im 18. Jahrhundert von den protestantischen Pastoren in Preußisch-Litauen herausgegeben. Der protestantische Pfarrer Stanislovas Rapalionis war der erste litauische Dichter, der ein Passionslied in litauischer Sprache dichtete.Gertrud Bense: Zum regionalen und personalen Umfeld des früheren preußisch-litauischen Schrifttums, in: Annaberger Annalen 4 (1996), S. 55–67. Mit der Ansiedlung von Deutschen, Österreichern, Franzosen und Schweizern in das dünn besiedelte Preußisch-Litauen kam es auch zu „Kulturimporten“: 1706 erschienen die Fabeln des Äsop in litauischer Übersetzung. Um 1765/70 verfasste der Pfarrer Kristijonas Donelaitis das Epos Metai („Jahreszeiten“, dt. 1818), das als erstes belletristisches Werk eines Litauers zuerst in deutscher Sprache gedruckt wurde. Donelaitis kritisierte den Mangel an Frömmigkeit und die Untugenden, die die Zuwanderer aus dem Westen und Süden mitbrachten: Kneipenbesuch, Spiel, Tanz, Trunk, Zank und Streit.Anja Eberts: Kristijonas Donelaitis und seine „Metai” – eine Rezeptionsgeschichte. Dissertation. Greifswald 2009, S. 41.
Die Gegenreformation im eigentlichen Litauen wirkte seit 1570 hemmend auf die Herausbildung einer litauischen Schriftsprache.Gregor Wirschubski: Die Entwicklung der litauischen Literatur, in: Osteuropa, Vol. 4, No. 9 (Juni 1929), S. 582. Im 17. Jahrhundert wurden die Grundsätze des Humanismus, zu denen vor allem die religiöse Toleranz gehörte, praktisch vollständig verdrängt. Die protestantischen Bücher, die mit Ausnahme von Bretkūnas’ Bibelübersetzung im samogitischen westlitauischen Dialekt verfasst waren, wurden verbrannt, die Druckereien geschlossen, und viele evangelische Litauer mussten nach Preußen fliehen. mini|hochkant|Konstantinas Sirvydas Der Jesuit Konstantinas Sirvydas gab 1619 ein dreisprachiges litauisch-polnisch-lateinisches Wörterbuch heraus, da das Litauische immer weniger verstanden wurde. Es erlebte viele Neuauflagen. 1629 folgten seine Predigten (Punktai Sakymų) in litauischer Sprache; diese dienten auch als Lehrbuch zum Erlernen des Litauischen zu Missionszwecken. So wurde das Litauische zunehmend durch das Polnische verdrängt, welches die einheimischen Eliten nach der Union mit Polen übernahmen. Die barocken Predigten und das barocke Theater waren für dieses städtische Publikum bestimmt. Vilnius wurde zu einer polnischen Stadt, die Gelehrten der Universität Vilnius sprachen Latein, die Juden Jiddisch. Im späten 18. Jahrhunderts ging die litauische Sprache schließlich ganz unter. Die Lexik wurde polnisch, nur die Grammatik blieb litauisch.
Die aufgeklärten Reformen vor der letzten polnischen Teilung kamen zu spät für die Entwicklung einer einheitlichen litauischen Schriftsprache und Literatur. 1794/95 fiel Litauen unter zaristische Herrschaft; viele Intellektuelle emigrierten nach Frankreich. Gleichzeitig zogen viele russische Juden in den ihnen vom Zaren zugewiesenen Ansiedlungsrayon im westlichen Zarenreich, vor allem nach Wilna, wo sich seit etwa 1770 – ausgehend von Preußen – eine eigene jüdische Aufklärung (Haskala) entwickelt hatte, deren Vertreter in jiddischer Sprache publizierten.
Das 19. Jahrhundert Ein Kennzeichen der Literatur im Bereich des seit der letzten polnische Teilung von 1795 bestehenden russischen Generalgouvernements Wilna, das eine etwas größere Fläche als das heutige Litauen umfasste, war ihre Mehrsprachigkeit. Neben litauisch (auf dem Lande) und polnisch wurde in Russisch-Litauen Weißrussisch und vor allem in Vilnius hebräisch und jiddisch gesprochen. In Preußisch-Litauen (dem litauischsprachigen Teil Ostpreußens um Tilsit) wurde neben litauisch auch deutsch gesprochen. mini|220px|Das Simonas-Daukantas-Museum in Papilė, Rajongemeinde Šiauliai (2013) Die russische Herrschaft tolerierte und förderte anfangs die litauischen Traditionen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgten erste Bestrebungen zur „Reinigung“ der litauischen Sprache von polnischen Wortstämmen. Dies ist vor allem das Werk des Historikers Simonas Daukantas, der in abgelegenen Gegenden buchstäblich nach verschollenen litauischen Wörtern suchen musste und mit seinen Schülern eine systematische Sprachentwicklung betrieb, indem er polnische durch litausche Wortstämme ersetzte.Tomas Venclova, Vilnius. Eine Stadt in Europa, edition suhrkamp, Frankfurt 2006, S. 78 und 128. Der erste Gedichtband in litauischer Sprache, der freilich noch von polnischen Liedformen beeinflusst war, stammt von Antanas Strazdas und wurde 1814 gedruckt. Das Gedicht Die Jahreszeiten (Metai), in dem der deutsch-litauische protestantische Pfarrer und „bodenständige Aufklärer“Sabine Peters: Eine Ohren öffnende Lektüre. DLF, 10. Januar 2018. Kristijonas Donelaitis (Christian Donalitius) im 18. Jahrhundert das Leben der Leibeigenen im Jahreszyklus in 3000 Hexametern beschrieb, wurde erst im 19. Jahrhundert als große dichterische Leistung erkannt und von Ludwig Rhesa (1818) in gekürzter Fassung, dann erneut von August Schleicher (Petersburg 1865) und Georg Nesselmann (Königsberg 1868) herausgegeben.Deutsche Neuübersetzung: Die Jahreszeiten. Ebenhausen bei München 2017. 1977 nahm die UNESCO das Werk in die Bibliothek der literarischen Meisterwerke auf.
Schleicher und Nesselmann sammelten auch zahlreiche litauische Märchen, Sagen und Volkslieder und übersetzten sie aus den verschiedenen Dialekten. Die von Deutschen begonnene Erforschung des in seinem Umfang kaum zu überschauenden Materials litauischer Volkslieder und Legenden wurde seit etwa 1830 von Litauern selbst fortgesetzt, u. a. von Simonas Stanevičius, Liudvikas Adomas Jucevičius und Simonas Daukantas, später insbesondere von Antanas Juška.Stichwort Dainos. In: Walter Jens (Hrsg.): Kindlers neues Literatur-Lexikon. München 1996, Bd. 18, S. 448.
Der polnische Adlige Józef Ignacy Kraszewski (litauisch: Juozapas Ignotas Kraševskis) schuf mit Anafielas (1840–1845) eine auf mythologischen Quellen basierendes Epos in polnischer Sprache über Vytautas (Witold), den Großfürsten von Litauen, nach dem Vorbild des Kalevala. Dessen erster Teil, Witolorauda („Klage des Witold“), wurde von Andrius Vištelis-Višteliauskas, einem Teilnehmer des polnischen Januaraufstands von 1863, ins Litauische übersetzt und hat den Rang eines litauischen Nationalepos. Vytautas, der Sieger der Schlacht bei Tannenberg (1410) (lit: Žalgirio) wurde über ethnische und Sprachgrenzen hinweg zu einer Integrationsfigur der litauischen Nationalbewegung.