miniatur|hochkant|Karte des heutigen Somalia

Die Geschichte Somalias umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Bundesrepublik Somalia von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie ist eng verknüpft mit der Geschichte der Ethnie der Somali und mit der Geschichte der benachbarten Völker in Äthiopien, Kenia und Dschibuti. Ihren Beginn markieren die Höhlenmalereien, die frühe Bewohner vor Jahrtausenden hinterließen. Später wanderten die Somali in das Gebiet. Weitere Wegmarken waren die Einführung des Islams, die Entstehung verschiedener Sultanate, die Kolonialzeit und der gegenwärtige Bürgerkrieg.

Frühe Geschichte miniatur|Detail der Höhlenmalereien in Laas Geel

Abgesehen von den Angaben der schwer datierbaren mündlichen Überlieferung sind Belege für die Besiedlung des Horns von Afrika vor Beginn der christlichen Zeitrechnung spärlich.Dierk Lange, Ancient Kingdoms of West Africa, Dettelbach 2004, S. 251–261. Erste Spuren menschlicher Zivilisation wurden in Buur Heybe in Südsomalia entdeckt.Steven A. Brandt: Early Holocene Mortuary Practices and Hunter-Gatherer Adaptations in Southern Somalia, in: World Archaeology, Band 20 (1), Archaeology in Africa (Juni 1988). Im Norden wurden Höhlenmalereien in Karin Heegan, in Laas Geel bei HargeysaXavier Gutherz, J.-P. Cros & J. Lesur: The discovery of new rock paintings in the Horn of Africa: the rockshelters of Las Geel, Republic of Somaliland, in: . sowie in Dhambalin und an weiteren Orten in der Region Togdheer gefunden.Sada Mire: The Discovery of Dhambalin Rock Art Site, Somaliland, in: African Archaeological Review, Bd. 25, Nr. 3–4, Dezember 2008 doi:10.1007/s10437-008-9032-2.

Eine erste schriftliche Erwähnung des Gebiets könnte in dem Namen Punt bestehen, der in altägyptischen Quellen ein Land bezeichnet, mit dem Ägypten ab 3000 v. Chr. Handelsbeziehungen pflegte, und das man im Gebiet des heutigen Somalia oder in Eritrea lokalisiert.

Eine Hafenstadt namens Opone () wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. von einem anonymen Handelsreisenden aus Alexandria in dessen Reisebericht Periplus Maris Erythraei beschrieben. Sie wird an der Stelle des heutigen Hafun vermutet. Von dieser Stadt aus wurde mit dem Jemen, mit Phönizien, Nabatäa, Griechenland, Rom und „Azania“ Handel getrieben, und selbst indonesische und malaiische Händler frequentierten den Ort, der strategisch günstig an den Handelsrouten durch das Rote Meer lag. Die griechischen Quellen – das Periplus, Ptolemäus und Kosmas Indikopleustes – verwenden die Bezeichnung „Berber“ für das Horn von Afrika und seine Bewohner, ebenso wie frühe arabische Geographen die Somali als „(schwarze) Berber“ bezeichnetenTadesse Tamrat: „Ethiopia, the Red Sea and the Horn“, in: The Cambridge History of Africa: From c. 1050 to c. 1600, The Cambridge History of Africa 3, 1986, S. 134–137..

Die heutigen Bewohner Somalias, die Somali, führen sich in ihren mündlichen Überlieferungen auf Einwanderer von der Arabischen Halbinsel zurück, über die letztlich alle Somali patrilinear von den Koreischiten – dem Stamm des Mohammed – abstammen sollen. Gemäß dieser Ansicht wanderten sie aus dem Norden ein und verdrängten dabei eine bereits vorhandene Bevölkerung, die aus „Galla“ (Oromo) sowie südlich des Flusses Shabeelle aus Bantu bestand.Ioan M. Lewis: The Somali Conquest of the Horn of Africa. In: The Journal of African History, Jg. 1 (1960), S. 213–230. Die Sprachwissenschaft kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass die Vorläufer der Somali von Südosten her aus dem südlichen äthiopischen Hochland kamen, wo andere Ethnien leben, die wie sie kuschitische Sprachen sprechen, und legt damit den Schwerpunkt auf den kuschitisch-afrikanischen Teil ihrer Abstammung. Umstritten ist dabei, auf welchem Weg sie in ihr heutiges Gebiet einwanderten und bis wann sie die Besiedlung des Horns von Afrika abgeschlossen hatten.Für die verschiedenen Standpunkte zum Ausbreitungsweg der Somali vgl. Günther Schlee: Somaloid history: oral tradition, Kulturgeschichte and historical linguistics in an area of Oromo/Somaloid interaction. In: Herrmann Jungraithmayr, Walter W. Müller (Hrsg.): Proceedings of the Fourth International Hamito-Semitic Congress, Marburg, September 1983 (= Current issues in Linguistic Theory, Bd. 44). John Benjamins B.V., Amsterdam 1987, S. 265–315. Bernd Heine gibt in Linguistic Evidence on the Early History of the Somali People (in: Hussein M. Adam (Hrsg.): Somalia and the World: Proceedings of the International Symposium, National Printing Press, Mogadischu 1979, S. 23–33) an, dass die Somali bereits bis ca. 100 n. Chr. das Horn von Afrika besiedelt hatten, in anderen Werken schreibt er, dass ihre Ausbreitung am Horn spätestens um das Jahr 1000 abgeschlossen war. Die Überlieferungen der Somali bezüglich einer arabischen Abstammung, die den Herkunftsmythen anderer muslimischer Volksgruppen in Nordostafrika ähneln,Ulrich Braukämper: Islamic History and Culture in Southern Ethiopia. Collected Essays (= Göttinger Studien zur Ethnologie, Bd. 9). Lit, Münster 2003, ISBN 978-3-8258-5671-7. widerspiegeln demnach die spätere kulturelle Beeinflussung und auch Vermischung mit Arabern vor allem in den Küstenstädten und insbesondere die Bedeutung des Islam für die Somali, zudem eine Verwechslung mit späteren Wanderungsbewegungen von Norden nach Süden.Günther Schlee: Identities on the move. Clanship and pastoralism in northern Kenya. Manchester University Press, Manchester 1989, ISBN 0-7190-3010-2, S. 43f.

Über die Bevölkerung vor den Somali ist wenig bekannt. Dass Oromo vor den Somali im heutigen Somalia lebten, gilt als widerlegt, da die Oromo erst im 16. Jahrhundert ihre Expansion, ebenfalls aus dem südlichen Hochland von Äthiopien, begannen. Weniger klar ist, wie weit nach Norden die Ausbreitung von Bantu-Völkern in Nordkenia/Südsomalia reichte. Die Mijikenda, die heute an der Küste von Kenia und Tansania leben, berufen sich in ihren Mythen auf den Herkunftsort Shungwaya, der sich am Jubba befunden haben soll; während manche Forscher in Shungwaya ein Bantu-Staatswesen sehen, das von den Somali zerschlagen worden sei, bezweifeln andere den Wahrheitsgehalt dieser Überlieferungen. Einige ethnische Minderheiten in Südsomalia wie die Gabaweyn und Shidle, die sich äußerlich von den Somali unterscheiden, stammen wohl zumindest teilweise von einer Urbevölkerung vor den Somali ab. Es ist jedoch ungeklärt, ob sie ursprünglich den Bantu oder ebenfalls der kuschitischen Sprachgruppe angehörten. Christopher Ehret spekuliert über eine Urbevölkerung von „Khoisan“ (für die es bislang keinerlei Belege gibt), auf die südkuschitisch-sprachige () Bauern und Viehzüchter sowie Jäger und Sammler – möglicherweise Vorläufer der heutigen Eyle – gefolgt sein sollen.Christopher Ehret: The Eastern Horn of Africa, 1000 B.C. to 1400 A.D.: The Historical Roots. In: Ali Jimale Ahmed (Hrsg.): The Invention of Somalia. Red Sea Press, Lawrenceville 1995, ISBN 0-7190-3010-2, S. 233–256.

Vorkoloniale Zeit Die Somali entwickelten ihre bis heute bestehende Wirtschaft und Lebensweise, die hauptsächlich in nomadischer Viehwirtschaft sowie im Süden des heutigen Somalia in Ackerbau im Gebiet der Flüsse Jubba und Shabeelle besteht. Dabei entspricht die Kombination von Ackerbau und Viehhaltung (Agropastoralismus) bei den Rahanweyn in Südsomalia womöglich eher der ursprünglichen Lebensweise der Vorläufer der Somali, von der später ein Teil zur reinen Viehhaltung und zum Nomadentum überging.Herbert S. Lewis: The Origins of the Galla and Somali. In: The Journal of African History, Jg. 7 (1966), S. 27–46.Abdi Kusow: The Somali Origin: Myth or Reality. In: Ali Jimale Ahmed (Hrsg.): The Invention of Somalia. Red Sea Press, Lawrenceville 1995, S. 81–106. Frühere Annahmen gingen hingegen davon aus, die Rahanweyn seien als Nomaden aus dem Norden eingewandert und sesshaft geworden. Das Clansystem der Somali wurde wahrscheinlich von der patrilinearen Stammesgesellschaft der Araber beeinflusst und verdrängte die ursprüngliche, möglicherweise matrilinear organisierte Gesellschaftsform.Countrystudies.us: Somalia – Coastal Towns Auch in vorkolonialer Zeit waren Konflikte zwischen Clans, insbesondere um knappes Land und Wasser, keine Seltenheit. Die in der Region natürlicherweise auftretenden Dürren führten regelmäßig zu Hunger, insbesondere unter den Nomaden im Norden und Zentrum Somalias.Länderbericht von Human Rights Watch zu Somalia 1992#The Impending Famine; dort zitiert aus M. Boothman: A Historical Survey of the Incidence of Drought in Northern Somalia. In Ioan M. Lewis (Hrsg.): Abaar. The Somali Drought. International African Institute, London 1975.

Seehandel und Einführung des Islam miniatur|Die 1269 erbaute Fakr-ad-Din-Moschee in Mogadischu (Abbildung von 1882) Das Königreich von Aksum erstreckte sich auf dem Höhepunkt seiner Macht (ca. 4. bis 6. Jahrhundert) bis in den Nordwesten SomaliasCountrystudies.us: Ethiopia – The Aksumite State, über die Auswirkungen seiner Herrschaft ist wenig bekannt.

Durch den Seehandel über Küstenstädte wie Zeila (Saylac) und Hobyo kamen die Somali mit arabischen und persischen Einflüssen in Berührung, so auch mit dem Islam ab dem 7. Jahrhundert. Noch weiter verbreitete sich der Islam im 11., 12. und 13. Jahrhundert mit der Ankunft muslimischer Patriarchen. Zeila stieg bis zum 16. Jahrhundert zum Handelszentrum für Kaffee, Gold, Zibet, Straußenfedern sowie Sklaven aus Äthiopien (siehe auch: ostafrikanischer Sklavenhandel) und zum Zentrum des Islam in Somalia auf. Es wurde mit dem Nahen Osten, Indien und China Handel getrieben.

Der Reisende Ibn Battuta besuchte die Region und beschrieb 1329 Zeila und im Rahmen einer Reise nach Süden entlang der ostafrikanischen Küste 1331 Mogadischu (Maqdashu), welches sehr groß gewesen sei. Der chinesische Admiral Zheng He kam Anfang des 15. Jahrhunderts in Somalia vorbei, von wo möglicherweise die Giraffe stammte, die er von seinen Afrikareisen nach China brachte.

Sultanate in Nordsomalia Im 13. Jahrhundert setzte eine Wanderungsbewegung der Somali nach Süden ein, die bis in das 19. Jahrhundert andauern sollte. In dieser Zeit begannen sich auch Staatswesen zu bilden, insbesondere das Sultanat Ifat in Äthiopien und Nordsomalia, Vorläufer des von muslimischen Somali und Afar geführten Sultanats Adal. Dieses reichte von seiner Hauptstadt Zeila bis Jijiga und Harar im heute äthiopischen Ogaden und blieb lange friedlich gegenüber dem benachbarten christlichen Kaiserreich Äthiopien. Die Beziehungen der beiden Staatswesen verschlechterten sich jedoch, als der äthiopische Negus Isaak (Yeshaq) muslimische Ansiedlungen im Tal östlich von Harar angriff und 1415 Ifat eroberte. Nach seinem Sieg erlegte Isaak den Muslimen Tribut auf und ließ eine Hymne zur Besingung dieses Sieges schreiben. In dieser Hymne erscheint das Wort Somali erstmals in geschriebener Form.

Im 16. Jahrhundert waren es wiederum die Muslime, die Äthiopien angriffen. Unterstützt vom Osmanischen Reich drangen sie, geführt von Ahmed Gurey (Gran), weit in das Land vor, richteten Verwüstungen an und dezimierten dabei die Bevölkerung. Mit Hilfe einer portugiesischen Expedition unter Cristóvão da Gama – einem Sohn des Vasco da Gama – und des Einsatzes von Kanonen gelang es Äthiopien, die Eroberung schließlich abzuwenden.Countrystudies.us: Somalia – Emergence of Adal Nach dem Fall Ahmed Gureys in der Schlacht von Wayna Daga am 21. Februar 1543 wurden die Muslime zurückgeschlagen. In der darauf folgenden Zeit zerfiel Adal in kleinere Staaten, darunter das Sultanat Harar. Dieses kam, ebenso wie äthiopische Gebiete, unter Druck von Seiten der Oromo, die nun von Süden her vordrangenNordic Africa Institute: Local History of Ethiopia: .