Die Festung Germersheim war eine königlich-bayerische Festung in der pfälzischen Stadt Germersheim. Sie wurde vom Deutschen Bund finanziert und war Teil eines Festungssystems im Westen Deutschlands zum Schutz vor befürchteten französischen Angriffen. Die Festung Germersheim war nicht, wie oft behauptet, eine Bundesfestung. Während der 1834 begonnenen und 1855 bzw. 1861 vollendeten Erbauung schuf sie Arbeitsplätze, bremste später jedoch die Stadtentwicklung und verhinderte jegliches Wachstum der Bevölkerungszahl oder Ansiedlung von Industrie. Seit 1878 war die Festung Standort des kgl. bay. 17. Infanterie-Regiments „Orff“ der Bayerischen Armee. Infolge des Vertrages von Versailles wurde sie zwischen 1920 und 1922 zum größten Teil geschleift; die noch erhaltenen Teile werden mittlerweile als lokales Kulturgut angesehen (vgl. Liste der Kulturdenkmäler in Germersheim).

Ältere Befestigung Eine Burg bei Germersheim lässt sich erstmals im 12. Jahrhundert nachweisen. Der Ort erhielt 1276 durch König Rudolf I. Stadtrechte verliehen, womit die Erlaubnis zum Bau einer Stadtmauer verbunden war. Heute geht man davon aus, dass diese erst in kurpfälzischer Zeit (ab 1330) entstand. Erwähnt wird eine Stadtbefestigung 1390, die sich an die Burg anschloss und ein 7 ha großes Siedlungsareal umschloss. Unter Pfalzgraf Friedrich I. begann vermutlich ein erster Festungsausbau im 3. Viertel des 15. Jahrhunderts. Ab 1618 erfolgte der planvolle Ausbau unter Leitung des renommierten Festungsbaumeisters Adam Stapf (gest. 1624). Die Anlage war noch nicht vollendet, als 1622 kaiserliche Truppen Germersheim erstürmten. Die Festung wurde weiter ausgebaut. 1674 nahmen in einem Handstreich französische Einheiten die kurpfälzische Festung, die zu jener Zeit ohne Garnison war. Frankreich hatte kein Interesse an dem Ort und sah durch diesen sein Festungsprojekt von Philippsburg gefährdet. Daher wurde die Siedlung und Befestigung von Germersheim vollständig beseitigt und das dabei gewonnene Baumaterial nach Philippsburg gebracht. Nach dem Verlust von Philippsburg 1676 forderte Vauban eine Wiederbefestigung von Germersheim, die aber unterblieb. 1697 war der Ort wieder kurpfälzisch und zur Festungsstadt ausgebaut. Germersheim erhielt einen bastionierten Wall mit Ravelins auf der Süd- und Westfront sowie weiteren Außenwerken. Im Koalitionskrieg gelangte Frankreich in den Besitz von Germersheim und begann 1794 die Festung grundlegend nach den Gestaltungsideen der Schule von Mézières umzubauen und zu erweitern. Es kam zu einer Bauunterbrechung, als 1796 der österreichische General Friedrich von Hotze den Ort mit seinen Soldaten einnahm. Ab 1801 gehörte Germersheim offiziell zu Frankreich, doch wurde das dortige Festungsbauprojekt nicht wesentlich vorangebracht. Noch bevor Germersheim zu Bayern kam (1816), ordnete der bayerische Feldmarschall Carl von Wrede unter dem Eindruck der Rückkehr Napoleons von Elba (1. März) die umgehende Herstellung des Brückenkopfes von Germersheim an. Unter Leitung des Ingenieuroffiziers Kaspar Schaupp (gest. 1846) rückten mehrere tausend Schanzarbeiter an, die eine provisorische Befestigung errichteten. Hierbei bediente man sich der vormaligen Planung und formte die südliche Hauptfront aus den vier großen französischen Ravelins, die mit eigenwillig gebogenen Kurtinen verbunden wurden.Klaus T. Weber: Germersheim – eine bayerische Landesfestung, in: Festungen in Rheinland-Pfalz und im Saarland (Deutsche Festungen, Band 4), Regensburg 2018, S. 84–90.

Hintergrund und Erbauung der Stadtbefestigung Der Deutsche Bund erkannte die Bedeutung Germersheims als strategisch wichtigen Knotenpunkt im neu zu errichtenden Befestigungskonzept seiner Westgrenze. Im Falle eines französischen Angriffes sollten möglichst schnell Truppen in der Linie Luxemburg–Landau–Rastatt gesammelt werden, um ihn abzuwehren bzw. gegen Frankreich vorzugehen. Der Rheinübergang bei Germersheim war strategisch bedeutsam, um in Baden einfallen zu können. Im Westen und Süden lag bei Germersheim die Hauptangriffsseite, da im Osten der Rhein und im Norden zum damaligen Zeitpunkt ein Sumpfgebiet natürliche Barrieren darstellten. 1818 entschied der Bundesmilitärausschuss, dass bei Germersheim ein doppelter Brückenkopf anzulegen sei, wofür 15 Millionen Franken aus den französischen Reparationszahlungen an Bayern ausgezahlt wurden. Unter Leitung des bayerischen Genie-Oberstleutnant Anton von Edlinger (gest. 1840) erarbeitete eine Lokalkommission unter Beteiligung badischer und österreichischer Offiziere verschiedene Befestigungsprojekte. Diese zeigten ein Tenaillen- oder Polygonalsystem kombiniert mit einem Kranz von detachierten Forts und orientierte sich vor allem an den zeitgenössischen Festungsbauten in Mainz, Köln und Koblenz. Das Projekt kam aber zunächst nicht in Gang und Ludwig I. benutzte Teile des Baugeldes als Anleihe für Griechenland, um damit seinen Sohn Otto als neuen griechischen Regenten zu unterstützen. 1848 zahlte Griechenland das Darlehen zurück, erhöht um rund 1/4 Zinsen.Klaus T. Weber: Germersheim – eine bayerische Landesfestung, in: Festungen in Rheinland-Pfalz und im Saarland (Deutsche Festungen, Band 4), Regensburg 2018, S. 90f. Als Mitglied der Befestigungskommission hielt sich 1818 bis 1823 der österreichische Sappeuroffizier und spätere General Joseph Zocchi von Morecci (1787–1880) hier auf. Er gilt als der Vater des unehelich in Germersheim geborenen Priesters Paul Josef Nardini (1821–1862), dem ersten Seligen der Pfalz.Persönliche Mitteilung des Postulators im Seligsprechungsprozess, Prälat Norbert Weis (Speyer, 2014).

Der endgültige Entschluss der Bundesversammlung, die Stadt zu befestigen, erfolgte erst 1832. Die Ausarbeitung eines Planes und die Leitung der Bauarbeiten wurden Friedrich von Schmauß übertragen.

Am 30. Juni 1834 begann mit der Aushebung des Hauptgrabens der Bau der Festung; am Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig des gleichen Jahres, dem 18. Oktober, wurde der Grundstein der Festung gelegt. Der eigentliche Bau wurde 1855 vollendet, jedoch zog sich das Graben der Minengänge bis 1861 hin. Insgesamt dauerte der Bau damit siebenundzwanzig Jahre.

Beim Pfälzischen Aufstand hatte der Regierungspräsident Franz Alwens seinen Amtssitz im Mai und Juni 1849 in die Festung Germersheim verlegt, um eine Konfrontation mit den Aufständischen zu vermeiden.

Aufbau der Festung Das Hauptwerk der polygonalen Festung war, nebst einer Stadtumwallung, in sechs Fronten (von Nordwesten im Uhrzeigersinn: Carl, Reuß, Diez, Lamotte, Schmauß und Beckers) eingeteilt, wozu noch die Vorfronte Hertling sowie einige Kaponniere kamen. Weiterhin gab es zehn vorgelagerte Verteidigungsanlagen: Die drei stärksten (Friedrich (der Siegreiche) im Nordosten, Wrede im Osten und Deroy im Südosten) wurden Vorfesten (zeitgenössisch noch -veste geschrieben) genannt; sechs schwächere, sogenannte Vorwerke, von welchen sich vier auf rechter Rheinseite (von Süden nach Norden: Zandt, Brückenkopf, Seydewitz und Treuberg) und zwei (Siebein im Norden und Vincenti im Südwesten am Rheinufer) auf linker Rheinseite befanden; schließlich kam noch das besonders schwache linksrheinische Flügelwerk YsenburgAussprache: [] im Nordwesten hinzu. Es gab zwei Eingänge zur Stadt, nämlich das Ludwigstor (ursprünglich Deutsches Thor) im Nordwesten und das Weißenburger Tor (ursprünglich Französisches Thor) im Osten. Weiterhin war das Gelände außerhalb der Hauptumwallung fast vollständig von Minengängen durchzogen. Es gab ursprünglich vier Kasernen, davon drei Defensivbauten (Stengelkaserne, Seysselkaserne und Theobaldkaserne), sowie die nicht-defensive (Franziskaner-)Klosterkaserne. Später kamen noch drei weitere (Zollerkaserne, Pontonierkaserne und Maschinengewehrkaserne) dazu, sodass sich die Anzahl am Ende des Bestehens der Festung auf sieben Kasernen belief.

Hauptwerk In erster Linie bestand die Festung aus der 3200 m langen Stadtumwallung, die in sechs Fronten aufgeteilt war. Ihre stärksten Fronten waren die Fronte Beckers im Westsüdwesten und die Fronte Schmauß im Südsüdwesten. Beide Abschnitte waren mit je 490 Metern gleich lang. Ihre Hauptwerke waren zweischenklige Grabenwehren und vor denen sich an der Basis etwa vierzig Meter breite, auf der Spitze mit Galerien versetzte Erdwälle erhoben, vor denen sich wiederum ein trockener Graben befand. Neben den Wällen befanden sich ovalförmige Reduits, die nach der Frontseite zweistöckige begehbare Gebäude darstellten, nach hinten jedoch nur aus einer etwa drei Meter hohen, mit Schießscharten versehenen Mauer bestanden. Von den Galerien führten wiederum Poternen in Form von Walltraversen zurück in die Stadt. Diese Walltraversen bildeten auch die Eingänge in die Kasematten der hinteren Wehrgalerie. Zwischen diesen benachbarten und gleich gebauten Fronten befand sich (vor der Hauptumwallung und dem Graben) die Lünette Nr. 83.

mini|Das Weißenburger Tor (von „außen“ gesehen) ist inoffizielles Wahrzeichen der Stadt (2015) Wenn man von der Fronte Schmauß weiter gegen den Uhrzeigersinn vorgeht, so kommt man südöstlich innerhalb des Hauptwalles zur 480 Meter langen Fronte Lamotte, in der auch das Weißenburger Tor lag. Da sie im Gegensatz zu Beckers und Schmauß gegen den Rhein lag (nur etwa vierhundert Meter vom Ufer entfernt) und daher aus dieser Richtung nicht direkt ein französischer Angriff zu erwarten war, war sie schwächer, so war die Grabenwehr auch nur einschenklig. Vom Weißenburger Tor führte eine Straße über eine Zugbrücke, auf der man auf eine Landstraße um die Stadt herum gelangte; diese führte links nach Norden Richtung Lingenfeld und weiter nach Speyer, nach rechts südlich um die Stadt herum und daraufhin weiter westlich Richtung Bellheim–Landau. Zweihundert Meter südwestlich der Fronte Lamotte lag und liegt der Friedhof der Stadt an den sich wiederum die Fronte Hertling anschloss, ebenfalls eine Lünette. Sie war durch einen etwa 280 Meter langen Tunnel mit dem Hauptwerk verbunden.

Nördlich der Fronte Lamotte befand sich die Fronte Diez im Osten der Anlage, die mit nur 360 Metern der kürzeste Abschnitt des Festungswerkes war. Davon wurde auf einer Gesamtlänge von 230 Metern die Umwallung durch ein einzelnes zur Gewehr- und Geschützverteidigung ausgelegtes Gebäude ersetzt, das außerdem als Provinzamt-Magazin, Garnisonsbäckerei, Kriegsmühle und Schlachthof fungierte. Etwa in seiner Mitte machte dies einen fast rechtwinkligen Knick, dementsprechend konnte sie auch direkt ohne Grabenwehr verteidigt werden. Durch den Graben der Fronte führt das Bett der Queich, von dem aus im Verteidigungsfall der Graben der Fronte Diez, sowie der Fronte Reuß und von Teilen der Fronte Carl durch Aufstauen hätte geflutet werden können.

mini|Eingangsbereich des ehemaligen Zeughauses (2015) Der Nordosten der Hauptumwallung wurde durch die 530 Meter lange Fronte Reuß beherrscht. Sie war der schwächste Teil der Festungsanlage, da sie als letzte eine potentielle Angriffsfläche bot. Da das Gelände außerdem sehr sumpfig war, wurde auf eine starke Mauer verzichtet. Das stärkste Gebäude anstelle des Walles war das Zeughaus der Festung, das auf Pfählen errichtet wurde, um ein Einsinken zu verhindern. Mit der Fronte Diez war es durch eine nur 1,30 m starke Einzelmauer verbunden. Im Sprachgebrauch wurde diese meist „Carnot’sche Mauer“ genannt. Hinter dem Zeughaus befand sich dennoch eine Grabenwehr mit einem davorliegenden Wall, wie bei der Fronte Lamotte.

Nordöstlich der Fronte Diez befand sich das Flügelwerk Ysenburg, das nur durch einen Infanterie-Unterraum vom Rhein getrennt wurde. Das Fort sollte bei der Verteidigung helfen, sollte tatsächlich ein französischer Angriff von rechter Rheinseite erfolgen.

mini|Ludwigstor von „außen“ (2015): Die Figuren zeigen angeblich König Ludwig I. von Bayern (links) und Friedrich von Schmauß, den Erbauer der Festung Germersheim (rechts)