True West ist ein Drama des amerikanischen Autors Sam Shepard, das am 10. Juli 1980 im Magic Theatre in San Francisco uraufgeführt wurde. Erste Druckfassungen des Stückes erschienen 1981 im New Yorker Samuel French und Londoner Faber & Faber Verlag. Seine endgültige Fassung erhielt das Stück, das seine erste Aufführungen an diversen Theatern an der amerikanischen Ost- und Westküste erlebte, nach einigen Unstimmigkeiten zwischen Schauspielern, Regisseuren und dem Autor im Jahre 1982.Vgl. Rainer Jacob: Interpretationen Englisch - Sam Shepard: True West. Stark Verlag, Hallbergmoos 2008, ISBN 978-3-86668-034-0, S. 6.

Das Werk, das schon in seinen Anfangsszenen durch ein pintereskes Gefühl der Bedrohung und eine latente Atmosphäre der Gewaltsamkeit geprägt ist, thematisiert das widersprüchliche, duale Wesen der menschlichen Existenz in einer modernen Zivilisation und Konsumgesellschaft auf dem Hintergrund der menschlichen Urfähigkeit oder Urbereitschaft zur Gewaltsamkeit. Daneben behandelt es vor allem gegensätzliche Aspekte des American Dream wie Freiheit, Ungebundenheit oder künstlerische Kreativität einerseits und materieller Wohlstand sowie sozialer Fortschritt andererseits, und problematisiert die Möglichkeiten und Grenzen in der Kontrastierung der damit verbundenen Konzepte von Glück und Freiheit. Dazu gehört neben der Auseinandersetzung mit den amerikanischen Mythen der Verlust der Natur und der Ideale des alten Westens, der Gegensatz zwischen Kunst und Kommerz, die zunehmende Gewalt, der Alkoholismus und insbesondere das Zerbrechen der familiären Beziehungen. Ebenso konfrontiert das Werk die Rezipienten mit der Doppelnatur des Menschen, seinen anarchischen oder destruktiven Charakterseiten unter einer angepassten sozialen Oberfläche.Vgl. Arthur Kutsch: Sam Shephard True West, Teacher’s Manual, Cornelsen Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-06-031187-3, S. 3. Siehe auch Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 9. Vgl. ebenfalls Rainer Jacob: Interpretationen Englisch - Sam Shepard: True West. Stark Verlag, Hallbergmoos 2008, ISBN 978-3-86668-034-0, S. 6f. und 39-50.

Inhaltsangabe Das Drama handelt von der Entwicklung zweier Brüder namens Lee und Austin, die sich in ihren Charakteristika nicht unähnlicher sein könnten. Während Austin ein erfolgreicher Drehbuchautor ist, der mitten im Leben steht, ein Haus und eine Familie hat und aufgrund eines guten finanziellen Hintergrundes ein unbekümmertes Leben führen kann, ist sein Bruder Lee ein kleinkrimineller Landstreicher, der sich auf das Diebeshandwerk spezialisiert hat und damit seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Die Mutter der beiden Brüder ist zu Beginn des Dramas in Alaska im Urlaub. Sie hat ihrem Sohn Austin aufgetragen, sich um ihr eher konservativ eingerichtetes Haus zu kümmern und ihre geliebten Pflanzen zu gießen. Lee war zuvor 3 Monate in der Wüste unterwegs und hat den "old man" (Lees und Austins Vater) besucht, der sich vor langer Zeit für das Exil und die Abgeschiedenheit entschieden hat. Er kommt zum Haus seiner Mutter, um in die Anwesen der reichen Nachbarn einzubrechen. Ob die Eltern nun geschieden sind oder lediglich getrennt voneinander leben, geht aus dem Stück nicht hervor.

Das Drama beginnt mit Austin, der an Notizbuch und Schreibmaschine sitzt und an seinem Projekt, einem Drehbuch für einen Historienfilm, arbeitet. Er arbeitet schon seit längerer Zeit daran und hat sich aus diesem Grund bereits über Monate hinweg mit einem Produzenten namens Saul Kimmer getroffen, der vorgibt, von seinem Projekt durchaus begeistert zu sein. Lee, der über den gesamten ersten Akt einen betrunkenen Eindruck macht, ist ebenfalls anwesend und unterhält sich mit Austin. Beide sprechen jedoch eher aneinander vorbei, eine wirkliche Kommunikation findet nicht statt. Lee versteht es dabei, seinen Bruder mit abwertenden Fragen, Antworten und Aussagen zu provozieren; Austin geht aber nicht sonderlich darauf ein, da er Lee augenscheinlich körperlich unterlegen ist und Angst vor ihm hat. Er spricht in einer relativ gehobenen Sprache, wohingegen Lee einen eher vulgären, teilweise beleidigenden Slang verwendet.

Durch die stetigen Provokationen und die Gegensätze zwischen den beiden Brüdern kommt es unablässig zum Streit, der im Laufe des Theaterstückes noch weiter eskaliert. Um sich in Ruhe mit Saul Kimmer über das Geschäft unterhalten zu können, gibt Austin Lee, für den er sich schämt, seine Autoschlüssel und macht mit ihm eine Zeit ab, zu der dieser wieder zurück sein sollte. Während des Treffens erscheint Lee allerdings verfrüht und mit einem aus der Nachbarschaft gestohlenen Fernseher in den Händen. Er verwickelt Saul – anfänglich durch Geschick, später durch Bedrängen – in eine Diskussion.

Lee und Saul entdecken dabei ihre gemeinsame Vorliebe für Golf und verabreden sich sogleich zu einer morgendlichen Partie. Weiterhin versucht Lee ihn von seiner eigens ausgedachten Geschichte zu überzeugen. Saul scheint zunächst desinteressiert, auf Lees Drängen verspricht er aber, sich den groben Handlungsverlauf durchzulesen, sobald Austin diesen aufgeschrieben hat. So wird Austin unfreiwillig zu Lees Schreiber.

Bei einem Golftreffen schafft es Lee schließlich, den Produzenten von seiner von Klischees überhäuften Geschichte zu überzeugen und ihn durch eine Wette zur Produktion zu verpflichten. Da Lee aber kein begabter Schriftsteller ist, soll Austin die Geschichte zu Papier bringen. Dieser findet die Geschichte allerdings zu simpel, ja geradezu "dumm", und lehnt deshalb ab. Daraufhin bricht Saul seine Abmachung mit Austin und lässt dessen ursprüngliche Geschichte fallen.

Die Protagonisten verändern sich daraufhin in eine genau entgegengesetzte Richtung. Austin betrinkt sich nun fortlaufend und beleidigt seinen Bruder auf einer für ihn ungewöhnlichen niederen Sprachebene. Um Lee zu beweisen, dass er ebenfalls in der Lage ist zu stehlen, zieht er nun selbst durch die Nachbarschaft und stiehlt sämtliche Toaster. Lee versucht sich selbst als Autor an der Schreibmaschine, kann jedoch keinen klaren Gedanken fassen und ist auf Austin als Schreiber angewiesen. So treffen die beiden eine Abmachung: Austin soll Lees Gedanken aufbereiten und verschriftlichen, Lee soll Austin dafür mit in die Wüste nehmen und ihm zeigen, wie man dort (über)lebt, denn ein Leben in der Wüste (zumindest auf Zeit) scheint schon immer Austins Traum gewesen zu sein.

In der Folge haben Austin und Lee nur noch das Drehbuch im Kopf und vernachlässigen das Haus und die Pflanzen der Mutter völlig, sodass die Wohnung zu einer "Müllhalde" verkommt. In der letzten Szene formulieren Lee und Austin gerade eine Passage der Geschichte, als die Mutter, die früher von ihrem Urlaub als erwartet zurückgekommen ist, auftaucht. Lee ändert blitzartig sein Verhalten, ist wieder beleidigend gegenüber Austin und will sofort das Haus verlassen (und nebenbei etwas Silberbesteck und Porzellan mitnehmen); er sagt, dass man den Deal verschieben müsse, es ist jedoch offensichtlich, dass er seinen Teil der Vereinbarung überhaupt nicht einzuhalten beabsichtigt. Austin wird deswegen sehr wütend und stranguliert Lee mit dem Telefonkabel; die Mutter scheint davon wenig beeindruckt, ihre Sorge gilt viel mehr ausschließlich ihren mittlerweile abgestorbenen Pflanzen. Sie verlässt das Haus, um später in einem Motel zu übernachten und anschließend den zu dem Zeitpunkt allerdings bereits längst verstorbenen Maler Pablo Picasso während einer Kunstausstellung zu treffen. Schließlich liegt Lee am Boden und gibt vor, tot zu sein, woraufhin Austin das Kabel löst und – anscheinend etwas benommen – versucht, seinen Bruder anzusprechen. Dieser bleibt regungslos am Boden liegen. Als Austin das Haus verlassen will und sich der Tür nähert, springt Lee jedoch plötzlich auf und versperrt den Ausgang. Die Bühnenhandlung endet an dieser Stelle: die beiden Brüder stehen sich angriffsbereit gegenüber. Die Bühne verdunkelt sich langsam und den Regieanweisungen zufolge ist in der Ferne in der Wüste das Heulen eines einzelnen Kojoten zu hören.Vgl. Sam Shepard: True West. Diesterweg Verlag, Frankfurt 1988, S. 61, Z. 19: «A single coyote [is] heard in the distance.»

Aufbau und Dramenstruktur Das Drama ist in zwei Akte aufgeteilt. Der erste Akt umfasst die Szenen 1 bis 4, der zweite Akt die Szenen 5 bis 9. Alle 9 Szenen spielen in der Küche des Hauses von Austins und Lees Mutter in einem Vorort von Los Angeles.

In der Exposition werden in der ersten Szene der Handlungsort (setting), die beiden Protagonisten und die Atmosphäre eingeführt. Erste Spannungen sind erkennbar. Die Szenen 2 bis 4 bieten eine Steigerung der Handlung. (rising action): Es werden die familiären Hintergründe dargeboten und mit der Präsentation seiner Filmidee wird Lee zum Rivalen. Mit den zunehmenden Komplikationen, Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und Provokationen zwischen den Brüdern wächst die dramatische Spannung: Nach dem klassischen Dramenverständnis Freytags entsteht eine Art von Katastase.Siehe Rainer Jacob: Interpretationen Englisch - Sam Shepard: True West. Stark Verlag, Hallbergmoos 2008, ISBN 978-3-86668-034-0, S. 28. Vgl. ebenso Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 44–47.

Im zweiten Akt führen die Szenen 5 und 6 zum Wendepunkt des Stückes in der 7. Szene, in dem sich der Rollentausch der Brüder vollzieht.

Die Szene 5 kann strukturell als erster Höhepunkt (climax) oder beginnende Peripetie begriffen werden: Mit dem Auftreten des Produzenten Kimmer und der Annahme von Lees Drehbuch übernimmt dieser die Kontrolle und Austins bisheriger Erfolg wendet sich. Austin zeigt sich schockiert über seine Niederlage, die das Kippen seines eigenen Projektes für ihn bedeutet. Das entscheidende Gespräch, in dem Lee den Produzenten für sich gewinnt, findet zwischen den Akten off-stage statt, wird also nicht auf der Bühne dargestellt.Siehe Rainer Jacob: Interpretationen Englisch - Sam Shepard: True West. Stark Verlag, Hallbergmoos 2008, ISBN 978-3-86668-034-0, S. 28. Vgl. ebenso Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 44–47.

Die Szene 6 zeigt eine weitere klimaktisches oder vorläufig kulminierende Unterredung, in der Saul Kimmer und Lee Austin drängen, das Drehbuch für Lees Geschichte zu schreiben, dieser sich jedoch zunächst weigert. Lee besitzt nicht länger allein die Kontrolle über die Handlungssituation und das Geschehen, sondern teilt sich diese nunmehr wiederum mit Austin.

Den eigentlichen Wendepunkt liefert die 7. Szene mit dem Rollentausch der Brüder: Austin muss mit seiner Enttäuschung fertig werden, übernimmt Lees Rolle und definiert sein neues Ziel, den Ausbruch aus seiner Anpassung an die Gesellschaft. Lee dagegen versucht sich vergeblich als Schriftsteller. Mit der wachsenden Konfrontation der Brüder steigt die dramatische Handlungsspannung wieder an. Nach einem kurzen retardierenden Moment in dem gemeinsamen Gespräch über die miserable Lage ihres Vaters zeigt die achte Szene eine weiterhin steigende Handlung mit einem klimaktischen Moment am Ende der Szene, als Lee die Bedingungen darlegt, unter denen er bereit ist, Austin mit in die Wüste zu nehmen.