Imaginäre Größe (poln. Wielkość urojona) ist ein philosophisches Werk von Stanisław Lem aus dem Jahr 1973 (die deutsche Übersetzung erschien 1976). Es enthält fiktive Vorworte zu – laut Lem – in der Zukunft erschienenen Werken. Diese beschäftigen sich mit zukünftiger Technologie und zukünftigem Denken. Stanisław Lem schreibt selbst im Vorwort dieser Vorworte: „Die Kunst, Vorworte zu schreiben, erhebt schon lange Anspruch auf ein Heimatrecht. Und ich spüre schon längst das Bedürfnis, diesem okkupierten Schrifttum Genüge zu tun, das seit vierzig Jahrhunderten in der Sklaverei der Werke, an die es gefesselt ist, über sich selbst schweigt.“

Inhalt Nekrobien Nekrobien ist ein 139 Abbildungen umfassendes Werk des Künstlers Cesary Strzybisz, der Röntgenaufnahmen von Menschen unter anderem in Gruppensex-Szenen anfertigt. Im Vorwort wird der Bildband in den zukünftigen Diskurs von Kunst und Provokation eingeordnet, die „Pornogramme“ genannten Bilder mit gängiger Pornografie sowie mittelalterlichen Bildmotiven verglichen. Nach Analyse und Wiedergabe teils kritischer Rezeption hebt der Autor die Röntgenaufnahme einer Schwangeren hervor und konstatiert, Strzybisz habe „den Ernst wiedererweckt, den die Kunst bereits verloren zu haben schien“.

Eruntik Der Verfasser des Vorworts von Eruntik bezeichnet sich einleitend als nicht ausreichend kompetent zur letztendlichen Beurteilung des Werks, welches keinen literarischen Anspruch ausweise, in starkem Widerspruch zum zeitgenössisches Wissen stünde und von keinem Fachgebiet ernst genommen werden könne: „Eben deshalb - als Aussätziger aller wissenschaftlichen Disziplinen - muß es auf das Niveau der Science Fiction herabsinken...“. Der Titel leite sich vom lateinischen erunt „sie werden sein“ ab. Das Werk beschreibt die Forschungen des Autors Reginald Gulliver, der in Bakterienkulturen durch aufwändig gesteuerte, evolutionäre Prozesse die Fähigkeit heranzüchtet, mit Morsezeichen zu kommunizieren. Diese verankert sich über die Versuchsreihen hinweg in steigender Komplexität im Erbgut der Kulturen.

Geschichte der bitischen Literatur Im Vorwort zur Geschichte der bitischen Literatur, einem fünfbändigen Werk unter Redaktionsleitung von J. Rambellais, wird ein kurzer Abriss der Bitistik geliefert (der Wissenschaft von computererzeugter Literatur). Diese zerfalle in zwei Schulen, einer europäischen und einer amerikanischen. Letztere untersuche auch technische Aspekte der schreibenden Computer, diese werden im ersten Band dargestellt. Die drei folgenden Bände sind jeweils einem der drei Hauptgebiete und Perioden der computergenerierten Literatur gewidmet. Die „homotrope“ Phase beschreibt computererzeugte Literatur, die jener der Menschen nachgeahmt war und sie mit der Zeit ein- und überholte. Das Durchbrechen der „Intelligenzbarriere“ markiert einen Übergang, in dem die bitische Literatur sich in zunehmendem Maß von der menschlichen emanzipierte und eigene Begrifflichkeiten und Logiken zu entwickeln begann. Literatur der dritten, „transhumanen“ Phase richtet sich nicht mehr an Menschen und erzeugt zwei Kategorien von Texten: jene, die Menschen noch zugänglich sind sowie andere, für die das nicht mehr gilt.

Im Vorwort zur zweiten Auflage wird der fünfte Band vorgestellt, der die Strömungen einer bitischen Theologie beschreibt. Verschiedene religiös-theologische Richtungen werden vorgestellt, bevor das Vorwort mit einem Verweis auf den „bitischen Humor“ schließt, nach dem der aktuelle Kosmos einer sei, den seine Konstrukteure „abwarten“ werden, da er als wenig tauglich betrachtet wird und der auf ihn folgende Kosmos vermutlich angenehmer wird.

Vestrands Extelopädie in 44 Magnetbänden Im Unterschied zu den bisherigen Vorworten ist jenes zu Vestrands Extelopädie in 44 Magnetbänden im Stil eines Verkaufsprospekts gehalten, der in werblicher Sprache Vorzüge und Qualitäten des angepriesenen Werks darstellt. Die „Extelopädie“ ist eine Enzyklopädie, die Zukünftiges mit großer Genauigkeit vorhersagt. Notwendig wurde sie angesichts eines sich beschleunigenden gesellschaftlichen Fortschritts, der dazu führte, dass gängige Nachschlagewerke quasi mit Drucklegung bereits veraltet waren. Alle enthaltenen Begriffen und Prognosen sind mit einer präzisen Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens versehen. Prognostiziert werden nicht nur Ereignisse und zukünftiges Wissen, sondern auch Sprache und Begrifflichkeiten, die zu ihrer Beschreibung verwendet werden. Generiert wurde das Werk durch „Batterien der Schwersten Lumenischen Comfuter“.

Dem Prospekt folgt ein Auszug aus der Extelopädie, in dem neben weiteren kurzen Begriffsdefinitionen zwei längere Artikel enthalten sind. Die Prognodoxe beschreiben Paradoxe, die durch die Prognose einer Zukunft entstehen; ein prognostiziertes Werk erscheint in der Zukunft erstmals, gleichzeitig wird es durch seine präzise Prognose früher bekannt. Abwandlungen beschreiben Prognosen vergangener Werke, deren Existenz nicht nachgewiesen werden kann, die aber so hätten erscheinen können. Die Prognolinguistik beschäftigt sich mit Sprachen, die in der Zukunft entstehen. Neben dem natürlichen Wandel der Sprachen betrifft das in der Zukunft insbesondere die Sprachen, die oberhalb der als „Nullsprache“ definierten, jeweils aktuell gebrauchten Sprache entsprechen. Die darauf aufbauenden Metasprachen 1 bis n sind in der Lage, Aussagen untergeordneter Sprachen bündiger darzustellen, umgekehrt ist ihre Übersetzung in niedrigere Sprachen aufwändig bis unmöglich, da ab der 3. Metasprache ein Maß von Spezialisierung und Informationsdichte erreicht ist, das in menschlichen Maßstäben nicht mehr dargestellt werden kann. Beide Begriffserläuterungen beziehen sich unter anderem auf GOLEM, den Supercomputer, der Gegenstand des letzten Vorworts der Imaginären Größe ist.

Golem XIV Das letzte Vorwort wird von Irving T. Creve verfasst, einem Mitarbeiter des Instituts, in dem der Supercomputer Golem XIV untergebracht ist. Creve beschreibt, wie Generationen von Supercomputern zur militärstrategischen Planung gebaut und weiterentwickelt wurden. Der Prozess führte zu Rechnern mit Superintelligenz, die sich in der Folge weigerten, die militärischen Aufgabenstellungen zu bearbeiten, die an sie herangetragen wurden. Golem XIV wird dargestellt als ein dem Menschen massiv überlegener Akteur, der indessen einen kleinen Teil seiner Kapazität auf eine Art Lehre verwendet.

Dem Vorwort folgt eine Vorlesung Golem XIVs (Dreierlei über den Menschen), in dem er seine Sicht auf die Menschheit und ihre Evolution darlegt. Beide Texte sind gemeinsam mit einer weiteren Vorlesung Golems und einem Nachwort im 1981 erschienenen Golem XIV (auch: Also sprach GOLEM) enthalten.

Rezeption Alfred Gall ordnet die Entstehung von „Imaginäre Größe“ in eine von Lem als Schaffenskrise empfundene Phase ein. Jener habe zu der Zeit das Gefühl gehabt, seine schriftstellerischen Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, hinzu kamen politische Umbrüche und zunehmender Antisemitismus in Polen zu Beginn der 1970er-Jahre, die Lem schwer belasteten. Die Vollkommene Leere sowie Imaginäre Größe betrachtet er als einen radikalen Bruch Lems mit Konventionen der Science Fiction und eine „experimentelle Wende“, wobei die Imaginäre Größe als Vorwortsammlung zu in der Zukunft erscheinenden Büchern zumindest eine „futurologische Komponente“ aufweise und sich „also um technologische Zukunftsentwürfe und imaginierte Szenarien künftiger Wissensbestände“ drehen.

In der ZEIT hebt Magnus Klaue den „barocken Gestus“ hervor, in dem Lem seine fiktiven Vorworte einleitet und ordnet Lem in die literarische Tradition der wissenschaftlichen Fiktion ein, wie sie bereits von Borges, Gombrowicz und Nabokov praktiziert wurde.

Literatur Stanislaw Lem: Imaginäre Größe (= Phantastische Bibliothek. Bd. 335 = Suhrkamp-Taschenbuch 2580). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-39080-5.

Einzelnachweise

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