Rudolf „Bella“ de la Vigne (* 23. Dezember 1920 in Böhmisch Leipa, Tschechoslowakei; † Januar 2004) war ein deutscher Fußballspieler. Er ist der Spieler, der für den VfR Mannheim die meisten Begegnungen in der Oberliga Süd bestritten hat. 1949 wurde er mit den „Monnemer Rasensportlern“ Deutscher Meister.

Krieg und Gefangenschaft statt Fußballkarriere De la Vigne, dessen Familienname auf seine hugenottischen Vorfahren hinweist, wuchs im Sudetenland auf und spielte als Kind und Jugendlicher zunächst beim Deutschen Sportverein Böhmisch Leipa, anschließend im benachbarten Nový Bor beim Deutschen Sportclub Haida Fußball. Laut Knieriem/GrüneKnieriem/Grüne, S. 57 – dagegen Skrentny, S. 111. soll er in der Saison 1938/39 – seine Heimat war infolge des Münchner Abkommens von September 1938 gerade „ins Reich heimgekehrt“ – für den Warnsdorfer FK angetreten sein und mit diesem als Meister der neugeschaffenen Gauliga Sudetenland die Endrunde zur deutschen Meisterschaft erreicht haben. Falls der 18-jährige Rudolf – und nicht sein älterer Bruder – tatsächlich dort spielte,Laut Klaus Querengässer: Die Deutsche Fußballmeisterschaft. Teil 1: 1903–1945 (= AGON Sportverlag statistics. Bd. 28). AGON Sportverlag, Kassel 1997, ISBN 3-89609-106-9, S. 176–177, stand in diesen vier Spielen ein de la Vigne (ohne Vornamensangabe) für Warnsdorf auf dem Platz – allerdings als rechter Verteidiger, so dass die These von Skrentny (S. 111) – der persönlich ein langes Interview mit de la Vigne geführt hat –, dabei habe es sich vielmehr um einen Bruder von Rudolf gehandelt, plausibel erscheint. konnte auch er nicht verhindern, dass der WFK in den vier Vorrunden-Gruppenspielen gegen Dresdner SC und Schweinfurt 05 vier deutliche Niederlagen kassierte.

Mit 18 oder 19 Jahren zur Wehrmacht eingezogen, erhielt er eine Ausbildung zum Fallschirmjäger und geriet schon im Mai 1940 während des Westfeldzuges in Rotterdam in Gefangenschaft. Über Großbritannien wurde er nach Kanada in ein Internierungslager, das Camp 133, verbracht. Dort lernte er in den folgenden Jahren mit Henninger, Jöckel, Langlotz, Müller und Senck mehrere Mannheimer Fußballer kennen, die gemeinsam in Nordafrika in Kriegsgefangenschaft geraten waren und mit denen er im Lager häufig zusammen kickte. Diese verpassten ihm auch den Spitznamen „Bella“, den er bis zu seinem Karriereende behielt: sein Familienname war ihnen zu lang und schwierig auszusprechen. Im Februar 1946, nach fast sechs Jahren im Camp 133, wurde de la Vigne entlassen und fand sich zunächst in Norddeutschland auf dem damals britischen Munster-Lager wieder. Eine Rückkehr in das inzwischen wieder tschechische Sudetenland war für einen „Reichsdeutschen“ praktisch unmöglichZu den politischen Hintergründen dieser Einschätzung siehe Beneš-Dekrete und Odsun. und erschien ihm persönlich nicht sonderlich attraktiv, zumal inzwischen auch sein Vater nicht mehr dort lebte. Deswegen machte er sich auf den Weg in das zu über 80 % kriegszerstörte Mannheim, wo er einzelne Mitgefangene wiedertraf und mit ihnen zusammen beim VfR die Fußballschuhe schnürte. Diese Gruppe von Spielern bekam schnell den Beinamen „die Kanadier“. Daneben begann er eine kaufmännische Lehre.

Die Oberligajahre Debüt und erste Erfolge Der VfR Mannheim gehörte ab der Saison 1945/46 zur neugeschaffenen Oberliga Süd, bis zur Einführung der Bundesliga die höchste deutsche Spielklasse, und darin machte Rudolf de la Vigne bald auf sich aufmerksam – eine beachtliche Leistung für jemanden, der überhaupt erst mit 26 Jahren im Ligafußball debütiert hatte. Seine erste Oberligapartie bestritt er vermutlich am 1. Juni 1947, dem 33. Spieltag, im Lokalderby gegen den SV Waldhof, das die Rasensportler auf eigenem Platz mit 0:3 verloren.Angaben aus Die deutsche Fußball-Oberliga 1946–1963, Band 2: Südwest, Süd, Endrunden Sport- und Spielverlag 1989 ISBN 3-9802172-3-X; offen bleibt dann allerdings, weshalb „Bella“ bereits am 5. Mai 1957 vor dem Spiel gegen den Karlsruher SC für 10 Jahre Oberliga beim VfR geehrt wurde: dafür, dass es das letzte Heimspiel der Saison gewesen wäre, war ein Mai-Termin eigentlich zu früh. Sein erster Treffer gelang ihm 14 Tage später, wiederum in einem Derby, bei dem der VfR diesmal die Oberhand behielt (3:1 gegen den VfL Neckarau).

In den Mannschaftsaufstellungen tauchte der Name de la Vigne zwar meist auf der Linksaußenposition auf, er war aber eher ein Spielmacher als ein an der Seitenlinie klebender Flügelstürmer. Dabei kam ihm, wie es in einem Zeitungsbericht von 1949 heißt, seine „subtile Technik“ zugute; seine Spielweise wurde als „ästhetisch“ beschrieben,Skrentny, S. 110. zudem war er außerordentlich torgefährlich.

Sportlich riss der VfR bis 1948 zwar keine Bäume aus – er landete auf den Plätzen 14, 12 und 8 –, aber wenigstens de la Vigne reüssierte in seiner ersten kompletten Saison 1947/48, als er mit 21 Treffern auf Platz 5 der Torjägerliste stand. Am Ende dieser Spielzeit sorgte weniger das sportliche Geschehen als vielmehr die Währungsreform, also die Umstellung der wertlosen Reichsmark auf die DM am 21. Juni 1948, bei manchem Fußballklub für finanzielle Turbulenzen, denn obwohl der DFB den Status des „Vertragsspielers“ erst bei seiner Wiedergründung im Januar 1950 legalisierte, waren Oberligakicker auch vorher schon keine reinen Amateure mehr. Unter anderem um den Vereinen unter die Arme greifen zu können, war im Mai 1948 in Württemberg-Baden die staatliche Toto GmbH gegründet worden. Auf deren erstem Wettschein stand am 15./16. Mai 1948 das Mannheimer Derby zwischen dem SVW und dem VfR als Spiel 1 an oberster Stelle.100 Jahre VfR Mannheim, S. 106.

1948/49: Fünf „Kanadier“ werden Deutscher Meister Im Jahr darauf wurde Mannheim, wenn auch deutlich von den Offenbacher Kickers distanziert, Oberliga-Zweiter, was zur Teilnahme an der Endrunde um die deutsche Meisterschaft berechtigte. Im Viertelfinale bezwang der möglicherweise unterschätzte VfR den Hamburger SV im Frankfurter Waldstadion sensationell hoch mit 5:0; de la Vigne hatte den Torreigen eröffnet. Darin bewährte sich auch die offensive Ausrichtung, die Trainer Hans „Bumbes“ Schmidt seiner Mannschaft mit der einfachen Fußballweisheit näherbrachte: „Leute, nach vorn orientieren! Wenn der Ball in des Gegners Hälfte ist, dann kann bei uns kein Tor fallen“.100 Jahre VfR Mannheim, S. 117. Im Halbfinale bekam sein Team es mit den Offenbachern zu tun, gegen die man in der Oberliga zweimal remisiert hatte. Die Partie fand in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn statt, und diesmal schoss der Linksaußen den letzten Treffer der Begegnung – sein 2:1 bedeutete gleichzeitig den überraschenden Finaleinzug der Mannheimer Elf.

Auch gegen den Endspielgegner Borussia Dortmund galten die Kurpfälzer als Außenseiter, obwohl Fußballinteressierte in ganz Deutschland inzwischen insbesondere auf die fünf Angreifer (neben de la Vigne stürmten Fritz Bolleyer, Ernst Langlotz, Ernst Löttke und Kurt Stiefvater), aber auch auf den Mittelläufer Kurt Keuerleber aufmerksam geworden waren. Der VfR hatte sich nahe dem Austragungsort Stuttgart in einem dreitägigen Trainingslager, für das die meist berufstätigen Kicker Urlaub nehmen mussten, extra auf dieses Spiel vorbereitet. Damit wollte Trainer Schmidt seine Schützlinge vor der Euphorie abschotten, die sich in Mannheim von Erfolg zu Erfolg weiter ausgebreitet hatte. Am Endspielwochenende selbst herrschte zwischen Rhein und Neckar der Ausnahmezustand: über die Autobahn zog eine endlose Karawane von Krafträdern, Bussen, Lastwagen und vereinzelt auch Pkw, und die Reichsbahn stellte alleine ab Mannheim 25 Sonderzüge bereit. Stuttgarts US-Stadtkommandant Hoover hatte für diese beiden Tage die Sperrstunde für Läden und Gastwirtschaften sowie den Lebensmittelkartenzwang außer Kraft gesetzt; die erst wieder im Aufbau befindliche Stadionwirtschaft bot für 3 DM Verpflegungstüten an (Inhalt: zwei Limonaden, ein Ei, ein Brötchen, Waffeln, Lutschbonbons und Kaugummi) und auf den Straßen wurden die raren „Ami-Zigaretten“ in großen Mengen verkauft.Skrentny, S. 107 f.

An einem brütend heißen Julisonntag – das Spiel ging als „Stuttgarter Hitzeschlacht“ in die Annalen ein – konnte der VfR zweimal die Dortmunder Führung egalisieren, so dass die ca. 92.000 Zuschauer im überfüllten Neckarstadion (offiziell waren 89.420 Karten verkauft worden) für ihr Eintrittsgeld noch eine 30-minütige Zugabe erhielten. De la Vigne führte in dieser enorm kräftezehrenden Partie auch dann noch Regie, als sich hüben wie drüben mancher Spieler immer häufiger bei den Wassereimern neben der Seitenlinie aufhielt: „Durch sein geschicktes Spiel zieht er immer wieder zwei, drei Borussen auf sich, ist sehr schnell am Ball und im Erfassen der Situation. Schanko taucht überall auf, wechselt von links nach rechts, um unter allen Umständen de la Vigne, den Wirbelwind im Mannheimer Sturm, zu halten. Im Torschuß hat er wenig Glück, aber er füttert seine Sturmkollegen unermüdlich mit Vorlagen und Querpässen.“Original-Spielbericht aus 100 Jahre VfR Mannheim, S. 111. – und einen von diesen verlängerte Bolleyer zu Löttke, der in der 108. Minute volley zum entscheidenden 3:2 verwertete, so dass die Kurpfälzer anschließend auch noch den überdimensionierten Siegerkranz auf mehreren Ehrenrunden durch die Sonnenglut tragen mussten.

Die Stadt Mannheim bereitete den Kickern nach ihrer Rückkehr einen triumphalen Empfang, bei dem Spieler, Trainer und Betreuer in offenen Wagen durch die zerbombten Ruinen der Innenstadt zu ihrem Stadion, dem Sportplatz an den Brauereien, gefahren wurden; die Straßenränder waren schwarz vor applaudierenden Menschen. Die Fotos von diesem AutokorsoEines dieser Fotos mit de la Vigne und Langlotz findet sich bei Skrentny, S. 109. veranschaulichen die Bedeutung, die der Fußball für viele Deutsche in den Nachkriegsjahren als Möglichkeit, sich vom schwierigen Alltag der Wiederaufbauzeit einige Stunden lang abzulenken, darstellte. Der VfR belohnte seine Endspielhelden mit einer Siegprämie von je 650 DM. Von den „Kanadiern“ standen außer „Bella“ und Langlotz auch noch Torhüter Hermann Jöckel, Verteidiger Philipp Henninger und Außenläufer Jakob Müller in der Meistermannschaft.

Als „Tscheche Adamowski“ bei Racing Strasbourg