Die zweite Lautverschiebung, auch deutsche, hochdeutsche, althochdeutsche und zweite germanische Lautverschiebung genannt, ist die sprachwissenschaftliche Beschreibung eines regelhaften Lautwandels im Bereich des Konsonantismus, durch den sich die nachmaligen hochdeutschen Dialekte von den übrigen altgermanischen Varietäten fortentwickelten.

Zwei Konsonantenverschiebungen haben geschichtlich vom Indoeuropäischen über das Germanische zum Hochdeutschen geführt: die erste und die zweite Lautverschiebung.Astrid Stedje: Deutsche Sprache gestern und heute. Einführung in Sprachgeschichte und Sprachkunde. Fink, München 1989, ISBN 3-7705-2514-0, S. 41, 59. Durch die zweite Lautverschiebung wurde aus den südlichen westgermanischen Dialekten die althochdeutsche Sprache. Die Grenze dieser Lautverschiebung verläuft von West nach Ost, heute mehr oder weniger am Mittelgebirgsrand; sie wird als Benrather Linie bezeichnet.

Der Beginn dieser Veränderung wurde traditionell (etwa mit Hilfe von ehemals lateinischen Ortsnamen, bei denen die Gründung der Orte archäologisch datierbar ist) auf das frühe 6. Jahrhundert n. Chr. datiert. Nach mehreren in neuerer Zeit gefundenen Inschriften, wie etwa der Runenschnalle von Pforzen, begann sie jedoch erst ab ca. 600. Allerdings lässt das die Möglichkeit außer Acht, dass die Schreibung konservativ ist und die neuen Laute noch nicht wiedergibt. Das Lanzenblatt von Wurmlingen, datiert auf das letzte Drittel des 6. Jahrhunderts, scheint die Lautverschiebung bereits zu reflektieren.

Bei der zweiten Lautverschiebung handelte es sich um einen längerfristigen und mehrphasigen Prozess, der zu Beginn der Überlieferung des Althochdeutschen im 8. Jahrhundert n. Chr. noch nicht ganz abgeschlossen war. Die Ursachen für diese Lautverschiebung werden in der Forschung seit langem kontrovers diskutiert.

Mögliche Ursachen Für die Ursachen des Lautwandels gibt es verschiedene Hypothesen.Heinz Stolte: Kurze deutsche Grammatik. Walter de Gruyter, Berlin 2017, S. 13.Wilhelm Braune, Hans Eggers: Althochdeutsche Grammatik, Band I. De Gruyter, Berlin 1987. Jacob Grimm vermutete, dass die zweite Lautverschiebung vom physiologischen Stress der Völkerwanderungszeit verursacht wurde. Er hielt es für unmöglich, dass „ein so heftiger Aufbruch des Volkes nicht auch seine Sprache erregt hätte, sie zugleich aus hergebrachter Fuge rückend und erhöhend“.Jacob Grimm: Geschichte der deutschen Sprache. Leipzig 1848, S. 306. Julius Pokorny behauptete, dass der Lautwandel von einem Klimawandel verursacht worden sei.Julius Pokorny: Substrattheorie und Urheimat der Indogermanen. Selbstverlag der Anthropologischen Gesellschaft, Wien 1936, S. 69 ff., 86 f. Er meinte, es habe um die Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus in Europa einen Klimasturz gegeben. Die Menschen in den Höhenzügen Süddeutschlands und im Alpenraum seien deshalb gezwungen gewesen, mit festem Mundverschluss zu artikulieren, was eine Verstärkung der Aspiration zur Folge hatte.Muttersprache, Band 90–91, hrsg. von der Gesellschaft für deutsche Sprache, 1980, S. 273. Sigmund Feist, Autor der germanischen Substrathypothese, vermutete, die Änderungen im Hochdeutschen seien von einem nicht-indogermanischen Substrat verursacht worden, spezifisch der – möglicherweise dem Etruskischen verwandten – rätischen Sprache.Siegmund Feist: Die germanische und hochdeutsche Lautverschiebung. In: Neophilologus 2, 1917, S. 20. Für all diese Hypothesen gibt es jedoch kaum oder keine empirischen Belege.

Im Jahr 1949 postulierte der deutsche Sprachforscher Karl Meisen, die hochdeutschen Dialekte hätten sich erst in der Zeit der Völkerwanderung im ehemals germanischen Kolonialgebiet Süddeutschlands auf hauptsächlich keltischer Grundlage (d. h. auf einem Substrat) entwickelt.Karl Meisen: Altdeutsche Grammatik, Band I: Lautlehre. Springer, ### 1949 (2017), S. 5. Stefan Sonderegger hielt es für denkbar, dass die hochdeutsche Lautverschiebung als Folge germanischer Superstratsiedlung auf galloromanischem Substrat nördlich der Alpen entstanden sei.Stefan Sonderegger: Grundzüge deutscher Sprachgeschichte. Diachronie des Sprachsystems. Band 1: Einführung, Genealogie, Konstanten. Walter de Gruyter, Berlin 1979, S. 199. Auch Klaus-Peter Lange von der Universität Aachen zog galloromanischen Einfluss in Betracht.Klaus-Peter Lange: Der galloromanische Ursprung der zweiten Lautverschiebung. Syddansk Universitet (SDU). Auf SDU.dk (PDF; 283,3 kB), abgerufen am 22. September 2025. Norbert Richard Wolf war der Meinung, dass ein (unspezifiziertes) sprachliches Substrat am wahrscheinlichsten sei.Norbert Richard Wolf: Althochdeutsch – Mittelhochdeutsch (= Hans Moser, Hans Wellmann, Norbert Richard Wolf: Geschichte der deutschen Sprache, Band 1, zugleich: Uni Taschenbücher. Band 1139). Heidelberg 1981, ISBN 3-494-02133-3, S. 38 f. (PDF).

Betroffene Konsonanten und Phasen Von der zweiten Lautverschiebung betroffen sind die stimmlosen Plosive [] (bilabial), [] (alveolar) und [] (velar) sowie in Teilen die stimmhaften Gegenstücke [], [] und []. Steht ein [] im Anlaut eines Wortes, im Inlaut nach den Sonoranten [], [], [], [] oder tritt es als Geminate (Doppelkonsonant) auf, so wird es zu der Affrikate [] verschoben, dementsprechend [] zu [] ⟨z⟩ und [] zu []. Ungeminiertes, einfaches [], [], [] nach Vokal wird zu Doppelfrikativ verschoben ([], [], []). Diese Doppelfrikative werden allerdings im Auslaut, vor Konsonant und auch nach Langvokal zu [], [], [] vereinfacht.Vgl. Braune, Wilhelm (200415): Althochdeutsche Grammatik. Tübingen: Niemeyer. S. 84.

Übersichtstabelle Die Auswirkungen der Lautverschiebung werden besonders offensichtlich, wenn neuhochdeutsche Lexeme, die verschobene Konsonanten enthalten, mit ihren Entsprechungen im Niederdeutschen und modernen Englischen verglichen werden, wo die zweite Lautverschiebung nicht bzw. im Niederdeutschen nur teilweise nicht durchgeführt wurde. Die folgende Übersichtstabelle ist im Bezug zu den entsprechenden Wörtern der indogermanischen Ursprache (G = Grimmsches Gesetz; V = Vernersches Gesetz).

Erste Lautverschiebung(Indoeuropäisch → Germanisch) Phase Zweite Lautverschiebung(Germanisch → Althochdeutsch) Beispiele (Neuhochdeutsch) Jahrhundert Dialektgebiete G: /*b/→/*p/ 1 /*p/→/ff/→/f/ nd. slapen, engl. sleep → schlafen;nd. Schipp, engl. ship → Schiff 4.–5. Ober- und Mitteldeutsch 2 /*p/→/pf/ nd. Peper, engl. pepper → Pfeffer;nd. Ploog, engl. plough → Pflug; nd. scherp, engl. sharp → obd., md. scharpf (dt. scharf) 6.–7. OberdeutschG: /*d/→/*t/ 1 /*t/→/ss/→/s/ nd. dat, wat, eten, engl. that, what, eat → das, was, essen 4.–5. Ober- und Mitteldeutsch 2 /*t/→/ts/ nd. Tijd, engl. tide → Zeit; nd. tellen, engl. tell → zählen; nd. Timmer, engl. timber → ZimmerEintrag „Zimmer“, in Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 31, Sp. 1285 ff. 5.–6. Ober- und MitteldeutschG: /*g/→/*k/ 1 /*k/→/xx/→/x/ nd., nl. ik, aengl. ic → ich; nd. maken, engl. make → machen; nd., nl. ook, wfri. ek → auch 4.–5. Ober- und Mitteldeutsch 2 /*k/→/kx/ und →/x/ dt. Kind → südbair. Kchind, hoch- und höchstalem. Chind 7.–8. Südbairisch, Hoch- und Höchstalemannisch G: /*b/→/*b/V: /*p/→/*b/ 3 /*b/→/p/ dt. Berg, bist → zimbr. Perg, pist 8.–9. teilweise Bairisch und Alemannisch G: /*d/→/*đ/→/*d/V: /*t/→/*đ/→/*d/ 3 /*d/→/t/ nd. Dag, engl. day → Tag; nd. Vader, nfri. faader → Vater 8.–9. Oberdeutsch G: /*g/→/*g/V: /*k/→/*g/ 3 /*g/→/k/ dt. Gott → bair. Kott 8.–9. teilweise Bairisch und Alemannisch G: /*t/→/þ/ [ð] 4 /þ/→/d//ð/→/d/ engl. thorn, thistle, through, brother → Dorn, Distel, durch, Bruder 9.–10. gesamtes kontinentalwestgermanisches Dialektkontinuum (Deutsch, Niederländisch, Friesisch)

Das Kerngeschehen im Detail

Phase 1 Die erste Phase, die sich auf das ganze hochdeutsche Gebiet auswirkte, lässt sich vermutlich auf das 6. oder 7. Jahrhundert zurückdatieren. Die ältesten überlieferten Belege der Tenuesverschiebung stammen aus der Zeit nach 650 aus dem Edictus Rothari. Den Aussagen der Forschung zufolge liefern die vor-althochdeutschen Runen (ungefähr 600 n. Chr.) keinen überzeugenden Hinweis auf eine Tenuesverschiebung. In dieser Phase wurden die stimmlosen Verschlusslaute zwischenvokalisch zu Frikativgeminaten oder im Auslaut nach Vokal zu einzelnen Frikativen.

/p/ → /f/ = [fː~f] (geschrieben ⟨ff, f⟩)

/t/ → /s/ = [sː~s] (geschrieben ⟨ss, s, ß⟩)

/k/ → /x/ = [xː~x] (geschrieben ⟨ch⟩)

Anmerkung: In althochdeutschen und mittelhochdeutschen Wörtern steht z regelmäßig für den denti-alveolaren Frikativ /s/, s dagegen für den zurückgezogenen alveolaren Frikativ /s̠/. Die Schreibung h steht im Althochdeutschen nach Vokal für die Spirans /x/, im (frühen) Althochdeutschen außerdem vor Konsonant; vor Vokalen und im späteren Althochdeutschen auch vor Konsonanten steht h wie im heutigen Deutsch für den Hauchlaut /h/.

Beispiele:

asächs. slāpan (nd. nl. slapen) : ahd. slāfan (nhd. schlafen) asächs. strāta (nd. Straat, nl. straat) : ahd. strāzza (nhd. Straße) asächs. rīki (nd. riek, nl. rijk) : ahd. rīhhi (nhd. Reich)

Es ist zu beachten, dass Phase 1 keinen Einfluss auf geminierte Verschlusslaute in Wörtern hatte, wie *appul „Apfel“ oder *katta „Katze“. Auch waren die Verschlusslaute nach anderen Konsonanten nicht betroffen in Wörtern wie *scarp „scharf“ oder *hert „Herz“, wo ein weiterer Konsonant zwischen den Vokal und den Verschlusslaut tritt. Diese Wörter blieben bis zur Phase 2 unverschoben.

Phase 2 In der zweiten Phase, die im 8. Jahrhundert abgeschlossen war, wurden dieselben Laute zu Affrikaten (d. h. einem Verschlusslaut folgt eine Spirans). Dieses geschah in drei Umgebungen: im Anlaut, in der Verdopplung und nach einem Liquid (/l/ oder /r/) oder Nasal (/m/oder /n/).

/p/ → /pf/ (im Althochdeutschen auch ⟨ph⟩ geschrieben)

/t/ → /ts/ (geschrieben ⟨z⟩ oder ⟨tz⟩)

/k/ → /kx/ [kχ~kh] (im Althochdeutschen ⟨ch⟩, ⟨c⟩, ⟨kh⟩, ⟨k⟩ geschrieben)

Beispiele:

asächs. appul (nd. Appel) : ahd. aphul (nhd. Apfel) asächs. skarp (nd. scharp) : ahd. scarph (nhd. scharf) asächs. catt (nd. Katt) : ahd. kazza (nhd. Katze) asächs. tam (nd. tamm) : ahd. zam (nhd. zahm) dt. lecken : ahd. lecchōn (alem. lekche, schlekche, schläkche (/ʃlεkxә, ʃlækxә/)) asächs. und ahd. werk (nhd. Werk) : ahd. (alem., bair.) werch (alem. Werch, Wärch)

Die Tenuesverschiebung fand nicht statt, wo eine Spirans dem Verschlusslaut vorausgegangen war, d. h. in den Lautfolgen /sp, st, sk, ft, ht/. /t/ blieb auch in der Lautung /tr/ unverschoben.

asächs. sprā, sprēa (nd. Spree, Sprai ‚Star‘) : ahd. sparo (schweiz. Spar ‚Sperling‘) asächs., ahd. mast (nd. und nhd. Mast ‚Mastbaum‘) asächs., ahd. naht (nd. und nhd. Nacht) asächs., ahd. (gi)triuwi (nd. trü, nhd. treu)

Die später folgende Änderung von /sk/ → /ʃ/, geschrieben sch, fand im frühen Mittelhochdeutschen statt und ist nicht Teil der Tenuesverschiebung.

Diese Affrikaten (besonders /pf/) haben sich in einigen Dialekten zu Spiranten vereinfacht. Somit wurde /pf/ in bestimmten Fällen zu /f/. Im Jiddischen und in einigen ostmitteldeutschen Dialekten geschah dies im Anlaut, z. B. nd. Peerd, dt. Pferd, jidd. ferd. Es gab eine starke Tendenz zur Vereinfachung nach /r/ und /l/, z. B. werfen ← ahd. werpfan, helfen ← ahd. helpfan, aber einige Formen mit /pf/ bleiben erhalten, z. B. Karpfen.

Die Affrikatisierung von /t/→ /ts/ erscheint im ganzen hochdeutschen Gebiet.

Die Affrikatisierung von /p/ → /pf/ erscheint im gesamten Oberdeutschen, aber es gibt eine breite Variation im Mitteldeutschen. Je nördlicher der Dialekt, desto weniger weisen westmitteldeutsche Dialekte Konsonantenverschiebungen auf.