miniatur|Adolf Schärf (1961)
Adolf Schärf (* 20. April 1890 in Nikolsburg, Südmährenmatrika – Mikulov, Mähren, 1887–1903, Seite 150, 5. Zeile; † 28. Februar 1965 in Wien) war ein österreichischer Politiker und Staatsmann (SPÖ) und von 1957 bis zu seinem Tod 1965 Bundespräsident der Republik Österreich. Er war der dritte Bundespräsident der 1945 errichteten und 1955 souverän gewordenen Zweiten Republik, an deren Aufbau er maßgeblichen Anteil hatte, und der erste, der nach einer sechsjährigen Amtsperiode wiedergewählt wurde.
Frühe Jahre Adolf Schärf, Sohn einer armen Arbeiterfamilie, lebte ab März 1899 in Wien, wo seine Eltern Anstellung als Glasperlenbläser gefunden hatten. Sein Vater Josef Schärf war ein gelernter Stockdrechsler aus Wien mit deutschböhmischen Vorfahren und seine Mutter Magdalena Sitek eine Bauerntochter aus Guttenfeld, einem deutsch-kroatischen Dorf nahe Nikolsburg.Adolf Schärf: Erinnerungen aus meinem Leben, Wien 1963, S. 8. Nach dem Hernalser Gymnasium Geblergasse, das er von 1901 an besucht hatte, und nach seinem Studium an der Universität Wien, das er durch Arbeit und Stipendien finanzierte, promovierte er 1914 vier Wochen vor Beginn des Ersten Weltkrieges zum Doktor der Rechtswissenschaften. Im selben Jahr trat er als Freiwilliger in die österreichisch-ungarische Armee ein.in der österreichischen Verlustliste Nr. 455 vom 29. August 1916 ist er als verwundeter Angehöriger des Infanterieregiments Nr. 87 vermerkt Digitalisat 1915 heiratete er die Steirerin Hilda Hammer, mit der er zwei Kinder, Reinhold und Martha, hatte. Bei Kriegsende war Schärf Leutnant der Reserve.
Erste Republik Nach dem Zerfall der Doppelmonarchie arbeitete er in der Ersten Republik auf Vermittlung von Otto Glöckel von 1918 bis 1933 als Sekretär des sozialdemokratischen Abgeordnetenklubs und der sozialdemokratischen Parlamentspräsidenten Karl Seitz (1918–1920), Matthias Eldersch (1930/31) und Karl Renner (1931–1933). Vom 20. Juni 1933 bis zum 17. Februar 1934 war er Mitglied des Bundesrates.
Am 4. März 1933 hatte Schärf die Aufgabe, Renner während der (wie sich herausstellen sollte) letzten Nationalratssitzung der Ersten Republik als Bote den dringenden Rat von Karl Seitz und Otto Bauer mitzuteilen, Renner möge als Nationalratspräsident sofort zurücktreten. Renner folgte diesem fatalen Rat, der Zweite und der Dritte Präsident taten desgleichen, womit nach Auffassung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß die Selbstausschaltung des Parlaments bewirkt wurde.
Nach dem von der Regierung vereitelten Versuch von Sozialdemokraten und Großdeutschen, den Nationalrat wieder funktionsfähig zu machen, dem Februaraufstand 1934, dem Verbot der Sozialdemokratie und der Errichtung der Ständestaatsdiktatur durch Engelbert Dollfuß war Schärf von Februar bis Mai 1934 inhaftiert; er wurde als Parlamentsbeamter suspendiert und mit Jahresende 1934 pensioniert. Er arbeitete dann als Rechtsanwaltsanwärter in der Kanzlei seines Bruders Josef Schärf und legte 1935 die Rechtsanwaltsprüfung ab, um eine eigene Anwaltskanzlei einrichten zu können; von 1936 bis 1945 war er als Rechtsanwalt tätig.
Zeit des Nationalsozialismus Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich am 12./13. März 1938 wurde er von der Gestapo festgenommen und verbrachte zwölf Tage in Polizeihaft. Drei Monate später übernahm er Wohnung und Anwaltskanzlei des jüdischen Advokaten Arnold Eisler: Dieser, wie Schärf vor 1934 sozialdemokratischer Politiker, bot ihm vor seiner Flucht seine Wohnung in der Skodagasse 1 im 8. Wiener Gemeindebezirk Josefstadt, an und schlug ihn bei der Rechtsanwaltskammer für die Fortführung seiner Akten vor. Spätere Vorwürfe, nach denen Schärf Eislers Eigentum hatte „arisieren“ lassen, konnten nicht verifiziert werden. Schärf gelang es auch durch einen juristischen Trick, nicht Mitglied des NS-Rechtswahrerbunds zu werden.Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,2 MB), S. 181 ff., Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013. Die Wohnung in der Skodagasse bewohnte Schärf bis zu seinem Tod.Tina Walzer, Stephan Templ: Unser Wien: „Arisierung“ auf österreichisch. Aufbau, Berlin 2001, S. 199 f.
1943 wurde Schärf vom deutschen Sozialdemokraten Wilhelm Leuschner in Wien besucht und wegen der Perspektiven einer möglichen Zusammenarbeit „nach Hitler“ kontaktiert. Er lehnte aber spontan ab, das Verbleiben Österreichs im staatsrechtlichen Verband des Deutschen Reiches nach dem Krieg in Erwägung zu ziehen: Der Anschluss ist tot. Die Liebe zum Deutschen Reich ist den Österreichern ausgetrieben worden.Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische Identität, Hermann Böhlaus Nachf., Graz 1981, ISBN 3-205-07155-7, S. 441. Erst nach diesem Gespräch wurde Schärfs Position in Diskussionen mit Karl Renner, Karl Seitz und anderen zur Haltung der verbotenen Partei.
Schärf hatte Verbindungen zu Widerstandskreisen, wie zum Beispiel zur Widerstandsgruppe rund um Kaplan Heinrich Maier, und war nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler – wie schon 1934 und 1938 – in politischer Haft; sie dauerte fünf Wochen. Sein Sohn Reinhold war zur Wehrmacht eingezogen worden und fiel in Russland.
Zweite Republik Vom 12. bis 14. April 1945, unmittelbar nach der Schlacht um Wien, war Schärf im Roten Salon des Wiener Rathauses an der (Neu-)Gründung der SPÖ unter dem Namen „Sozialistische Partei Österreichs (Sozialdemokraten und Revolutionäre Sozialisten)“. beteiligt und wurde zum provisorischen Vorsitzenden bestellt. Parteiobmann war nominell vorerst der noch nicht aus der KZ-Haft nach Wien zurückgekehrte, schwerkranke Karl Seitz, der als Präsident der Konstituierenden Nationalversammlung von 1919 bis 1920 vorübergehend als Staatsoberhaupt der Republik fungierte und bis 1934 Wiener Bürgermeister und Landeshauptmann gewesen war.
Am 27. April 1945 war Schärf daher für die Sozialdemokraten Mitunterzeichner der Österreichischen Unabhängigkeitserklärung. Am gleichen Tag wurde er wie Leopold Figl (ÖVP) und Johann Koplenig (KPÖ) politischer Staatssekretär – dies entsprach dem Rang eines Ministers – der Provisorischen Staatsregierung von Karl Renner (SPÖ). Renner, Figl, Schärf und Koplenig bildeten den so genannten Politischen Kabinettsrat, bis zur Bundespräsidentenwahl am 20. Dezember 1945 die provisorische oberste Instanz der wieder erstehenden Republik.
Nach den ersten Nationalratswahlen am 25. November 1945 war Schärf vom 15. Dezember 1945 bis zum 7. Mai 1957, zwei Tage nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten, SPÖ-Parteivorsitzender, vom 20. Dezember 1945 bis zum 5. Mai 1957 Vizekanzler der Koalitionsregierungen ÖVP-SPÖ (die KPÖ schied 1947 aus) und vom 19. Dezember 1945 bis zum 20. Mai 1957 Abgeordneter zum Nationalrat. Er gehörte den Bundesregierungen Figl I, Figl II, Figl III, Raab I und Raab II an.
Der Rückgabe des von den Nationalsozialisten geraubten jüdischen Eigentums beziehungsweise der Wiedergutmachung für jüdische Österreicher maß er seiner juristischen Ausbildung zum Trotz keine spezielle Bedeutung bei. Auch der Heimkehr jüdischer Parteifunktionäre aus dem Exil stand er reserviert gegenüber.
Schärfs ambivalente Haltung gegenüber der Rückkehr sozialdemokratischer Exilanten jüdischer Herkunft zeigte sich in den Erinnerungen Josef Hindels’, in denen er Schärf vorwarf, zwar die Rückkehr Bruno Kreiskys zu befürworten, aber gleichzeitig die Rückkehr anderer Emigranten im Allgemeinen und einer großen Anzahl jüdischer Emigranten im Speziellen abzulehnen. Deutlicher formulierte dies 1946 der aus den USA zurückgekehrte Gewerkschaftsfunktionär Friedl Schorsch, der Schärf und Oskar Helmer als die treibenden Antisemiten der Partei nach dem Krieg darstellte. Im Gegensatz zu Helmers Motiven sind Schärfs Motive nicht eindeutig feststellbar: Zum einen sah Schärf die jüdische Bevölkerung in der Ersten Republik in der Führungsriege der Sozialdemokratie überrepräsentiert, was die Partei in der christlich-sozialen und deutschnationalen Propaganda zur „Judenpartei“ und die jüdischen Kollegen zur „Belastung“ machte. Zum anderen behauptete er stets, nie Antisemit gewesen zu sein.
Jedem Versuch eines auch nur punktuellen Zusammengehens mit den Kommunisten widersetzte er sich energisch und ließ vermeintliche „Volksfront“-Sympathisanten scharf maßregeln. Zugleich förderte er im Sinn einer Schwächung des bürgerlichen Lagers diskret die Bildung des VdU als Sammelbecken ehemaliger Nationalsozialisten, doch ging diese Rechnung nicht auf, weil die SPÖ in der Nationalratswahl 1949 noch mehr Stimmen an die neue Gruppierung verlor als die ÖVP.
Aus den Nationalratswahlen 1953 ging die SPÖ unter Schärfs Führung als stimmenstärkste Partei hervor, bekam aber aufgrund des geltenden Wahlrechts weniger Mandate als die ÖVP. Im April 1955 nahm Vizekanzler Schärf mit Bundeskanzler Julius Raab, Außenminister Leopold Figl und Außenamts-Staatssekretär Bruno Kreisky an den erfolgreichen Verhandlungen in Moskau über den Österreichischen Staatsvertrag teil und hatte dabei die größten Vorbehalte gegen eine verbindliche Neutralitätszusage, die von der sowjetischen Führung gewünscht wurde. Von 28. Dezember 1954 bis 17. Jänner 1955 war er übergangsweise auch Justizminister, bis Hans Kapfer dieses Amt antrat.
Bundespräsident mini|1964 in Köln, Zweiter von rechts
Nach dem Tod von Bundespräsident Theodor Körner am 4. Jänner 1957 setzte Schärf sich als SPÖ-Präsidentschaftskandidat gegen den Anführer des rechten Parteiflügels, Innenminister Oskar Helmer, durch. In seinem Präsidentschaftswahlkampf kursierte angeblich die „Flüsterparole“: Wer einmal schon für Adolf war, wählt Adolf auch in diesem Jahr, um die ehemaligen NSDAP-Mitglieder im Lande anzusprechen.Roman Sandgruber: Vom Wiederaufbau in die Mitte Europas. 60 Jahre ÖVP Oberösterreich. Verlag Trauner, Linz 2005, ISBN 3-85487-809-5, S. 98; Ders.: Plakate oder Flugblätter mit einem solchen Text gab es allerdings nicht.Stefan Karner: Die Steiermark im 20. Jahrhundert. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Verlag Styria, Graz 2000, ISBN 3-222-12770-0, S. 398 Das Nachrichtenmagazin profil schrieb 2003: „Freilich konnten Zeitgeschichtsforscher nie einen Beweis für dieses Gerücht liefern.“profil, Heft 1/2003, S. 17.
Schärf gewann die Wahl am 5. Mai 1957 mit knapp über 100.000 Stimmen Vorsprung gegen den gemeinsamen Kandidaten von ÖVP und FPÖ, Wolfgang Denk, und trat sein neues Amt anlässlich seiner Angelobung durch die Bundesversammlung am 22. Mai 1957 mit diesem Tag an. Bei seiner Wiederwahl erhielt er 1963 mit 55,4 Prozent die bis dahin größte Stimmenmehrheit bei Bundespräsidentenwahlen. Gegenkandidaten waren der damalige Altkanzler Julius Raab (ÖVP) und der von der kleinen Europäischen Föderalistischen Partei aufgestellte pensionierte Gendarmeriegeneral Josef Kimmel.
Außenpolitischer Höhepunkt seiner Präsidentschaft war 1961 das Wiener Gipfeltreffen des US-Präsidenten John F. Kennedy und des sowjetischen Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow, ein Anlass, bei dem er vor der gesamten Weltöffentlichkeit die Gastgeberrolle souverän spielte. Da Schärf verwitwet war (seine Frau Hilda verstarb 1956), stand ihm seine Tochter, die Medizinerin und ehemalige Schauspielerin Martha Kyrle, als „First Lady“ bei der Wahrnehmung repräsentativer Obliegenheiten zur Seite. Er absolvierte eine Reihe von Staatsbesuchen im Ausland, etwa in der Sowjetunion.
Schärf wurde von allen Parteien dafür geachtet, das Präsidentenamt unparteiisch auszuüben. Er war ein entschiedener Befürworter der Großen Koalition, zu deren Architekten er gehörte, und wusste gegenüber drei ÖVP-Kanzlern (Julius Raab, Alfons Gorbach, Josef Klaus) die ganze Autorität seines Amtes einzusetzen. Auch als Staatsoberhaupt wohnte er in seiner Privatwohnung in der Skodagasse 1, von der aus er seinen Amtssitz im Leopoldinischen Trakt der Hofburg zu Fuß erreichen konnte.