Die Wissenschaftliche Stadtbibliothek Mainz ist eine kommunale wissenschaftliche Bibliothek in Deutschland. Sie hat einen Bestand von rund 700.000 Medieneinheiten. Ihre Anfänge reichen in das Jahr 1477 zurück.

Geschichte und Bestandsentwicklung Die Wissenschaftliche Stadtbibliothek geht auf die Bibliotheca Universitatis Moguntinae der 1477 gegründeten Kurfürstlichen Universität zurück, die im Zuge der Revolutionskriege 1798 durch die französische Regierung aufgehoben wurde. Stadtbibliothek und Martinus-Bibliothek sind die beiden ältesten Bibliotheken in Mainz; ihre historischen Bestände ergänzen sich und stammen teilweise aus identischen Provenienzen. Den größten Teil ihrer älteren Bücher verdankt die Stadtbibliothek den Bibliotheken der 1773 aufgelösten Mainzer Niederlassung der Jesuiten sowie der 1781 aufgehobenen drei reichsten Klöster der Stadt, Kartause, Reichklara-Kloster und Altmünster. Auch die handschriftlichen und gedruckten Bestände aus den Bibliotheken der in der Säkularisation aufgehobenen Bettelorden – etwa der Augustiner-Eremiten, der Franziskaner (OFM), der KarmelitenAnnelen Ottermann: Die Mainzer Karmelitenbibliothek. Spurensuche – Spurensicherung – Spurendeutung. (Berliner Arbeiten zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft; 27). 2., überarb. Aufl. Berlin: Logos Verlag, 2018. ISBN 978-3-8325-4614-4. und der Kapuziner – spiegeln sich im historischen Fonds wider. Aufgrund dieser Quellen liegt der deutliche Themenschwerpunkt der Altbestände auf den Fächern Theologie, Philosophie, Geschichte, Jura und Philologie. Beachtung verdienen die umfangreichen Schenkungen in großer thematischer Vielfalt von Einzelpersonen, Klerikern, Angehörigen der Universität MainzFür das 17. Jahrhundert und die Zeit des Dreißigjährigen Krieges ist u. a. auf den aus Eilendorf bei Aachen stammenden Professor für Kirchenrecht an der Universität Mainz, Dionysius Campius († 25.8.1641) zu verweisen, aus dessen Bibliothek 45 Exemplare im Altbestand nachgewiesen werden konnten. Vgl. dazu: Annelen Ottermann: Dionysius und Jacobus Campius als Buchbesitzer. Eine Momentaufnahme (nicht nur) mit Blick auf die Mainzer Karmeliten, in: Christine Haug, Rolf Thiele (Hrsg.): Buch – Bibliothek – Region. Wolfgang Schmitz zum 65. Geburtstag. Wiesbaden: Harrassowitz, 2014, S. 145–163. https://www.academia.edu/45188706 und Bürgern aus Stadt und Umland, die direkt oder auf dem Weg über die aufgelösten Klöster an die Bibliothek gelangten.Vgl. dazu die Studie von Christina Schmitz: Buchbesitz und Buchbewegungen im Mainz der Frühen Neuzeit. Eine exemplarische Studie zu Akademikerbibliotheken aus den Jahrzehnten um 1600 (Buchwissenschaftliche Beiträge; 100). Wiesbaden: Harrassowitz, 2020. ISBN 978-3-447-11410-3 Die Bestandsvermehrung im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde nicht unwesentlich durch Schenkungen und Nachlässe von privaten Buchbesitzern aus der Stadt Mainz und ihrem rechts- und linksrheinischen Umland, etwa aus dem Rheingau, Rheinhessen, Vgl. dazu exemplarisch: Annelen Ottermann: Jacob Albicher Altzeianus. Jakob Albich und erste Spuren seiner Bibliothek, Alzeyer Geschichtsblätter 45 (2021), S. 43–50. der Pfalz, geprägt.Claus Nissen: Stiftungen und Nachlässe in der Stadtbibliothek, in: Jürgen Busch (Hrsg.): De Bibliotheca Moguntina. Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen ihres Gebäudes Rheinallee 3 3/10 am 7.11.1962 (Veröffentlichungen der Stadtbibliothek und der Städtischen Volksbüchereien; 28). Mainz 1963, S. 35–38. Aus der Vielzahl von Donatoren des ausgehenden 19. Jahrhunderts seien der Mainzer Medizinalrat Carl Wenzel und sein Sohn, der Indologe Heinrich Wenzel, genannt.Annelen Ottermann: Karl August Maria Katharina Wenzel. 1820–1894 und Heinrich Christian Ferdinand Wenzel 1855–1893. In: Woher unsere Bücher kommen. Provenienzen der Mainzer Stadtbibliothek im Spiegel von Exlibris. Mainz 2011, , S. 147–152; rclis.org (PDF; 4,6 MB). Exemplarisch für herausragende Privatbibliotheken, die mehrheitlich Eingang in die Rarasammlung fanden, ist die Bibliothek des Mainzer Kanonikers und Sprachlehrers Johannes Petrus Schick († 1716) im Umfeld des kurfürstlichen Hofs um Johann Philipp von Schönborn, Johann Christian von Boyneburg und Gottfried Wilhelm Leibniz.Annelen Ottermann: Giovanni Pedro Schick in Magonza. Ein sprachgewandter Mainzer und seine frühneuzeitliche Bibliothek, Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte 2 (2017), S. 31–68. Eine überarb. u. aktual. Fassung von 2019 ist online zugänglich unter academia.edu.

Durch Verfügung des französischen Innenministers Jean-Baptiste Nompère de Champagny, die am 5. Oktober 1805 in Mainz eintraf, ging der Bestand der Alten Universitätsbibliothek mit den Bibliotheken der aufgehobenen Klöster in den Besitz der Stadt Mainz über – unter der Bedingung, dass die Stadt die Kosten der Unterhaltung derselben und die Gehälter der Beamten bestritt.Karl Georg Bockenheimer: Geschichte der Stadt Mainz während der zweiten französischen Herrschaft 1798–1814. Kupferberg, Mainz 1890, S. 416.

Im Oktober 2005 wurde der 200-jährige Geburtstag der kommunalen Bibliothek mit einem Festakt im Mainzer Rathaus begangen. In der zu diesem Anlass veröffentlichten Festschrift 200 Jahre Stadtbibliothek MainzAnnelen Ottermann, Stephan Fliedner (Hrsg.): 200 Jahre Stadtbibliothek Mainz. Wiesbaden 2005. schrieb Kurt Flasch, einer der langjährigsten Benutzer des Hauses, das „Lob der Mainzer Stadtbibliothek“, das mit dem Appell endet: Die Mainzer sollten es wissen: Sie haben hier nicht nur eine 'Apotheke des Geistes', sondern ein Schatzhaus der europäischen Geschichte.Kurt Flasch: Lob der Mainzer Stadtbibliothek. In: Annelen Ottermann, Stephan Fliedner (Hrsg.): 200 Jahre Stadtbibliothek Mainz. Wiesbaden 2005, S. 19–24, hier S. 24. mini|Außenansicht der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mainz 2006 In der nachfolgenden Zeit war die Bibliothek in verschiedenen Gebäuden untergebracht. Der Standort der Bibliothek zu kurfürstlicher Zeit seit 1744 bis in die Jahre 1842/1845 war die Burse am Neubrunnenplatz. Von 1814 bis 1829 leitete der ehemalige Jakobiner, Professor Friedrich Lehne, die Stadtbibliothek als Oberbibliothekar und war zugleich Stadtarchivar, nachdem sein Vorgänger Franz Joseph Bodmann dispensiert wurde. Anschließend wurde die Bibliothek bis zum Jahr 1912 in das Kurfürstliche Schloss verlegt.

Insbesondere dem Engagement des Mainzer Beigeordneten Karl Göttelmann war der 1912 fertiggestellte Bau eines eigenen Bibliotheksgebäudes in der Rheinallee zu verdanken. Die Planung des Gebäudes übernahm der Mainzer Stadtbauinspektor Adolf Gelius. Der Architekt plante mit der damals neuesten Gebäudetechnik zur Beschleunigung der internen Kommunikation, für die er Aufzugs- und Rohrpostanlagen vorsah. Als Regalsystem wurde das Lipman-Regal gewählt, das sich bis heute ununterbrochen im Einsatz befindet. In Anbetracht der schwierigen Finanzlage der Stadt wurde Art und Umfang der Bauzier, z. B. Verwendung von Muschelkalk statt Sandstein, heftig diskutiert. Die Finanzierung beruhte auf Überschüssen der Sparkasse Mainz als Eigenanteil und Zuwendungen durch das Reich und das Großherzogtum Hessen, die Baukosten betrugen 665.000 Mark. Das von Anfang an gemeinsam mit Stadtarchiv Mainz genutzte Gebäude wurde am 14. November 1912 eingeweiht. Anfangs waren in ihm auch die Sammlung des Vereins für plastische Kunst (bis 1925) sowie das organisatorisch seit 1901 selbstständige Gutenberg-Museum untergebracht. Letzteres zog ab 1927 in Etappen aus, musste aber nach der kriegsbedingten Zerstörung des eigenen Sitzes seine Sammlung bis 1962 wieder in der Rheinallee verwahren

Oberbibliothekare / Direktoren 1891–1907 Wilhelm Velke 1908–1920 Gustav Binz 1920–1934 Aloys Ruppel 1934–1943 Richard Dertsch 1934–1955 Aloys Ruppel 1956–1959 Friedrich-Adolf Schmidt-Künsemüller 1961–1965 Jürgen Busch 1965–1979 Ursula von Dietze 1980–2000 Geesche Wellmer-Brennecke 2000–2002 Reinhard Altenhöner seit 2004 Stephan Fliedner

Seit 1980 sind die Leitungen von Stadtarchiv und Stadtbibliothek getrennt.

Sondersammlungen mini|Initiale aus der Bibelhandschrift Hs II 50

Zu den Sondersammlungen gehört die Produktion des Kinderbuch-Verlags Joseph Scholz, Mainz mit Kinder- und Jugendbüchern, Brett- und Kartenspielen, die von bedeutenden Illustratoren gestaltet wurden;Cornelia Schneider: Die Sammlung Scholz Mainz in der Stadtbibliothek. In: Annelen Ottermann, Stephan Fliedner (Hrsg.): 200 Jahre Stadtbibliothek Mainz. Wiesbaden 2005, S. 229–234. ferner die Sammlung Moyat, die international bedeutende Privatbibliothek des Mainzer Ornithologen Jacob Moyat (1861–1933),Rolf Schlenker: Die Vogelbuch-Sammlung von Jacob Moyat in der Stadtbibliothek Mainz. In: Annelen Ottermann, Stephan Fliedner (Hrsg.): 200 Jahre Stadtbibliothek Mainz. Wiesbaden 2005, S. 223–228. die er testamentarisch der Bibliothek seiner Vaterstadt vermachte und das Peter-Cornelius-Archiv,Günter Wagner: Das Peter-Cornelius-Archiv der Stadtbibliothek Mainz. In: Annelen Ottermann, Stephan Fliedner (Hrsg.): 200 Jahre Stadtbibliothek Mainz. Wiesbaden 2005, S. 213–222. die umfangreichste Sammlung an handschriftlichen und gedruckten Quellen zu Leben und musikalischem wie literarischem Werk des Mainzer Dichters und Komponisten Peter Cornelius. Sowohl Peter-Cornelius-Archiv als auch die Sammlung Scholz werden durch antiquarische Erwerbungen ergänzt.

Der Mainzer Stadtbibliothek wurde 1981 durch den Vorsitzenden Lorenz Drehmann der Vereinigung Heimattreue Erfurter eine katalogisierte Sammlung von etwa 700 Erfurtensien übergeben.

Eine Sammlung von Mainzer Zeitungen, deren Erscheinen bis ins 18. Jahrhundert zurückgeht, kann auf Filmen eingesehen werden. Aus konservatorischen Gründen ist die Benutzung der Originale eingeschränkt worden.

Das historische Ensemble und seine Erhaltung Einen besonderen Reichtum stellt das über Jahrhunderte gewachsene Ensemble an Handschriften, historischen Drucken und Sondermaterialien dar. Die Bedeutung und der besondere Wert des Bestandes ist nicht allein an herausragenden Einzelstücken zu ermessen, sondern an der Sammlung als Ganzes, die, wie alle historischen Bibliotheken, unbedingten Ensembleschutz genießt. Die Handschriften und Altbestände der Bibliothek sind Ausdruck der spätmittelalterlichen klösterlichen und universitären Geistigkeit und Bildung und zeugen für das 19. und 20. Jahrhundert darüber hinaus von der engen Bindung der Bürgerschaft an die Einrichtung, der sie eigene Publikationen widmeten und Teilbibliotheken überließ. Die Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts spiegeln die Entwicklung der Druckgeschichte seit der Inkunabelzeit wider.