mini|Darstellung Eriugenas in der Handschrift Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 6734 Johannes Scottus Eriugena (* im frühen 9. Jahrhundert in Irland; † im späten 9. Jahrhundert in Westfrankreich oder im Königreich Wessex) war ein Gelehrter irischer Herkunft, der im Westfrankenreich als theologischer und philosophischer Schriftsteller hervortrat und als Lehrer der Sieben Freien Künste tätig war. Er war Hofdichter Karls des Kahlen, eines für Belange des Bildungswesens aufgeschlossenen Königs.
Mit seinen guten, wenn auch nicht hervorragenden Griechischkenntnissen war Eriugena unter den Gelehrten seiner Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Als Übersetzer und Kommentator leistete er einen gewichtigen Beitrag zur Verbreitung griechischen Gedankenguts aus der Epoche der Kirchenväter im lateinischsprachigen Westen. Damit stärkte er zugleich den Einfluss des Neuplatonismus in der abendländischen Geistesgeschichte. Mit seinem Bemühen um eine durchdachte, logisch einwandfreie Vorgehensweise in der theologischen Argumentation nahm er Entwicklungen der hoch- und spätmittelalterlichen Scholastik vorweg. Bei seinen Zeitgenossen erregte er damit und mit seiner allegorischen statt historischen Bibelauslegung Anstoß. Seine kühnen Thesen wurden wiederholt kirchlich verurteilt.
Name Im Frühmittelalter bezeichnete der lateinische Begriff Scottus einen Skoten. Unter Skoten verstand man sowohl die Iren als auch den irischstämmigen Teil der Bevölkerung des heutigen Schottland. Scottus war eher eine Herkunftsbezeichnung als ein Eigenname. Von seinen Zeitgenossen wurde Johannes meist Johannes Scot(t)us, vereinzelt auch Scotigena genannt. Er selbst nannte sich gewöhnlich einfach Johannes, nur einmal Johannes Eriugena („der in Irland Geborene“). Das Wort Eriugena schuf er selbst in Analogie zum antiken Graiugena („griechischstämmig“, „Grieche“), das unter anderem bei Vergil vorkommt. Ériu heißt eine Gestalt der keltischen Mythologie und ist die altirische Namensform für Irland (neuirisch: Éire). Scottus Eriugena ist somit eine pleonastische Verdoppelung der Herkunftsbezeichnung. Sie stammt nicht von Johannes, sondern wurde erst 1632 von Erzbischof James Ussher eingeführt, der noch die Variante Erigena verwendete. Die Namensformen Erigena und Ierugena, die in hoch- und spätmittelalterlichen Handschriften auftauchen, sind nicht authentisch und sprachlich unrichtig.Die Belege für die Namen und für deren Schreibung sind zusammengestellt bei Maïeul Cappuyns: Jean Scot Érigène. Sa vie, son œuvre, sa pensée, Bruxelles 1964 (Nachdruck), S. 3–7.
Leben mini|Bildnis Karls des Kahlen, Handschrift Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 1 (Vivian-Bibel, 9. Jahrhundert) Eriugenas Lehre ist aus seinen Werken gut bekannt, über sein Leben hingegen weiß man wenig. Er war einer der aus Irland stammenden Gelehrten, die in der Zeit der Karolinger ins Westfrankenreich auswanderten und dort als Lehrer und Schriftsteller zur damaligen Kulturblüte beitrugen. In den Quellen wird er erstmals in den Jahren vor der Mitte des 9. Jahrhunderts greifbar: Prudentius von Troyes, der 843/844 Bischof von Troyes wurde, hatte zuvor zu seinen Schülern gehört.Zur Chronologie (die Datierung 845/846 ist überholt) siehe John J. Contreni, Pádraig P. Ó Néill (Hrsg.): Glossae divinae historiae. The Biblical Glosses of John Scottus Eriugena, Firenze 1997, S. 77. Zeitweilig unterrichtete er in Laon; mit dem Leiter der dortigen Kathedralschule, dem ebenfalls aus Irland stammenden Martin von Laon (Martinus Hibernensis), arbeitete er eng zusammen. 850/851 ist er am Hof König Karls des Kahlen bezeugt; dort hielt er sich offenbar lange auf. Ein kirchliches Amt bekleidete er anscheinend nie, obwohl er Theologe war.
Auch am Hof Karls war er als Lehrer tätig. Er erteilte Unterricht in den Sieben Freien Künsten, schrieb Gelegenheitsgedichte anlässlich besonderer Ereignisse und übernahm anspruchsvolle Aufgaben, für deren Erfüllung seine ungewöhnliche Gelehrsamkeit benötigt wurde. Als einer der sehr wenigen Gelehrten im Westfrankenreich, die über relativ gute Griechischkenntnisse verfügten, wurde er vom König beauftragt, theologisches Gedankengut aus der Epoche der Patristik durch Übersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt zugänglich zu machen.
In den damals tobenden Theologenstreit um die Prädestination, die göttliche Vorhersehung, griff er auf Wunsch des Königs und im Auftrag des Erzbischofs Hinkmar von Reims ein, indem er ein Gutachten verfasste. Das 850/851 erstellte Gutachten erregte jedoch durch die darin vertretenen unkonventionellen Ansichten Anstoß. Daher distanzierte sich Hinkmar davon, und zwei Kirchenversammlungen, die Synode von Valence (855) und die Synode von Langres (859), verurteilten Eriugenas Vorgehensweise und einzelne seiner Auffassungen. Beide Synoden tagten außerhalb des Reichs Karls des Kahlen, der Eriugena seine Gunst nicht entzog, sondern ihn offenbar gegen die Angriffe deckte. Seine Ansichten änderte Eriugena nach der Verurteilung nicht.
Zeitpunkt und Umstände seines Todes sind unbekannt. Eine Legende, wonach er nach England auswanderte und dort ermordet wurde, ist nach heutigem Forschungsstand nicht glaubwürdig, wenn auch ein historischer Kern dieser Überlieferung nicht mit Sicherheit auszuschließen ist.
Werke
Eriugenas Werke spiegeln seine drei wichtigsten Tätigkeitsbereiche: Unterricht in den Freien Künsten, Theologie (einschließlich der Übersetzung griechischer theologischer Literatur) und Philosophie (systematische Darlegung seiner Metaphysik und Naturphilosophie). Nebenbei verfasste er Gelegenheitsgedichte.
Kommentar zur Enzyklopädie des Martianus Capella
Seinem Unterricht in den Freien Künsten legte Eriugena ein spätantikes Handbuch zugrunde, die Enzyklopädie De nuptiis Philologiae et Mercurii („Die Hochzeit der Philologie mit Merkur“) des römischen Gelehrten Martianus Capella. Dieses Kompendium hatte schon im 6. Jahrhundert der prominente Gelehrte Cassiodor für den Anfängerunterricht empfohlen. Im Frankenreich hatte jedoch die lateinische Bildung in der Zeit der Merowingerkönige einen Tiefstand erreicht, dessen Folgen auch noch unter den frühen Karolingern spürbar waren. Dies war ein Hindernis für die Verwendung von Martianus’ sprachlich und inhaltlich anspruchsvollem Werk im Schulunterricht. De nuptiis war bereits zur Zeit Karls des Großen im Frankenreich bekannt, aber erst Eriugena und Martin von Laon schufen die Voraussetzungen dafür, dass das Werk sich im Unterricht durchsetzen konnte und zum maßgeblichen Lehrbuch der Freien Künste in der Grundausbildung wurde.Gangolf Schrimpf: Das Werk des Johannes Scottus Eriugena im Rahmen des Wissenschaftsverständnisses seiner Zeit, Münster 1982, S. 37–39, 42, 46 f. Zunächst bemühte sich Eriugena um die Herstellung eines zuverlässigen Textes anhand der ihm vorliegenden handschriftlichen Überlieferung. Dann schrieb er einen Kommentar dazu, die Annotationes in Martianum.
mini|Seite einer Martianus-Handschrift, 10. Jahrhundert, Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 7900 A Unter Philologie versteht Martianus die gesamte Gelehrsamkeit, gemeint ist nicht wie heute speziell Sprach- und Literaturwissenschaft. Die personifizierte Philologie ist bei ihm eine sterbliche Jungfrau, die durch ihre Heirat mit dem Gott Merkur unter die Götter aufgenommen und damit unsterblich wird. In seinem Kommentar interpretiert Eriugena die mythische Rahmenhandlung von De nuptiis, die Hochzeit Philologias mit Merkur, im Sinne einer möglichen Vergöttlichung des Menschen durch Beseitigung seiner Unwissenheit. Er deutet die Hochzeit als Symbol für eine menschliche Erfahrung, deren philosophischen Gehalt er christlich formuliert. Seiner Ansicht zufolge kann der Mensch, der seinem Wissensstreben folgend die Freien Künste studiert, damit Zugang zu einer zuverlässigen Erkenntnis der Wirklichkeit gewinnen und sich Wissen um den Sinn von allem aneignen. Dazu gehört Kenntnis der Natur und ihrer Phänomene, insbesondere der vier Elemente, sowie Einsicht in die dem Kosmos zugrunde liegende Weltharmonie, die sich in den Gestirnbewegungen zeigt. Durch das Verständnis der Ordnung des Kosmos gelangt der Wissensdurstige zur Einsicht, dass Gott sein Ursprung und daher die Rückkehr zu Gott sein Ziel ist und sein Glück bedeutet. Indem er diese Richtung einschlägt, wird der Philosoph weise und insofern gottähnlich; somit kann er auf dem Weg der Weisheitssuche schließlich im Sinne der christlichen Erlösungsvorstellung sein Heil erlangen. Dieser Gewinn einer göttlichen Qualität entspricht der mythischen Erhebung Philologias unter die Unsterblichen bei Martianus, denn Philologia hat sich durch ihre Weisheitsliebe als würdig erwiesen, die Braut des Gottes zu werden.
Das von einem starken Optimismus getragene Konzept Eriugenas von Sinn und Zweck der Bildung und Wissenschaft ist aber nicht mit einer Fortschrittsidee verbunden. Vielmehr meint er, die gelehrten Weisen des Altertums hätten den Kosmos bereits vollständig erforscht, und aus der Gesamtheit ihrer Einzelerkenntnisse lasse sich dessen Beschaffenheit erschließen. Unter anderem sei auch die Ausdehnung des Universums erkennbar. Eigene Naturbeobachtungen stellt er daher nicht an, sondern vergleicht nur kritisch die ihm zugänglichen einschlägigen Schriften der Antike.Zu Eriugenas Umgang mit seinen Quellen siehe Hans Liebeschütz: Textdeutung und Welterklärung bei Johannes Eriugena. In: Archiv für Kulturgeschichte 40, 1958, S. 66–96.
Unter den einzelnen Disziplinen der Sieben Freien Künste nimmt die Logik als formale Grundlage der übrigen sechs Fächer bei Eriugena eine hervorgehobene Stellung ein. Sie ist für ihn die „Mutter der Künste“. Er demonstriert die wissenschaftliche Leistungskraft dieses bisher nur zum überlieferten Bildungsgut zählenden und weitgehend unverstandenen Instruments. Damit steht er am Anfang der mittelalterlichen Logiktradition.Gangolf Schrimpf: Das Werk des Johannes Scottus Eriugena im Rahmen des Wissenschaftsverständnisses seiner Zeit, Münster 1982, S. 48–70.
Gutachten zur Prädestination Am Streit um die Prädestination war Eriugena anfänglich nicht beteiligt. Der Theologe Gottschalk von Orbais hatte die These vertreten, es gebe eine „doppelte Prädestination“. Er meinte, Gott habe die einzelnen Menschen von Anfang an entweder für den Himmel oder für die Hölle vorherbestimmt, somit könne man dem bereits festgelegten Schicksal nicht entgehen. Diese deterministische Auffassung kollidierte mit der kirchlichen Lehre vom freien Willen. Diese besagte, das künftige Schicksal der Individuen im Jenseits sei zwar Gott wegen dessen Vorauswissens schon jetzt bekannt, doch sei es nicht Ergebnis einer Vorentscheidung Gottes, sondern der Entscheidungen, die der betreffende Mensch selbst aufgrund seines freien Willens zu Lebzeiten getroffen und umgesetzt habe. Gottschalks Prädestinationslehre, die er predigend verbreitete, führte zu seiner Verurteilung als Häretiker; er wurde verhaftet. Der zuständige Metropolit (Erzbischof) Hinkmar von Reims legte Wert auf eine theologische Untermauerung dieser Maßnahmen. Im Einvernehmen mit dem König beauftragte er daher den Hofgelehrten Eriugena, ein Gutachten zu erstellen, das der Rechtfertigung des Vorgehens gegen den als eigenwillig bekannten Gottschalk dienen sollte. Für diese Aufgabe schien der Ire als Fachmann für Logik und als Kenner der richtungweisenden Theologie des spätantiken Kirchenvaters Augustinus geeignet.