La folle journée ou Le mariage de Figaro (Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit) ist eine Komödie in fünf Akten von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799). Sie bildet den zweiten Teil seiner Figaro-TrilogieDie andern Teile sind Le barbier de Séville ou La précaution inutile (Der Barbier von Sevilla oder Die unnütze Vorsicht) und L’autre Tartuffe ou La mère coupable (Der neue T. oder Die schuldige Mutter). und diente als Vorlage zur Oper Le nozze di Figaro von Mozart und Da Ponte.
Das Stück entstand vor der Französischen Revolution, als die Gesellschaftsordnung des Ancien Régime am Wanken war. Es illustriert den Konflikt zwischen dem Adel, der sich kraft seiner ererbten Privilegien über die bürgerliche Moral hinwegsetzte, und seinen unter dem Einfluss der Aufklärung selbstbewusster gewordenen Untergebenen. Der dem Dritten Stand (Bürgertum) entstammende Autor versetzte damit dem Zweiten Stand einen ähnlichen Schlag wie ein Jahrhundert zuvor Molière mit seinem Tartuffe dem Ersten Stand (Klerus). Le mariage de Figaro war laut Anton Bettelheim .Anton Bettelheim: Beaumarchais. Eine Biographie. 2., neubearbeitete Auflage, C. H. Beck, München 1911, S. 395.
Übertölpelter König Beaumarchais hatte Figaros Familiengeschichte schon im Vorwort zum Barbier de Séville skizziert.Le barbier de Séville ou La précaution inutile, comédie en quatre actes par M. de Beaumarchais, représentée & tombée sur le Théâtre de la Comédie Françoise aux Tuileries le 23 de février 1775. Ruault, Paris 1775, S. 20–23 (gallica.bnf.fr). Die Anregung dazu, sie zu dramatisieren, erhielt er nach seinen eigenen Angaben vom 1776 verstorbenen Prinzen Conti. Er nahm die Arbeit daran aber erst Ende der 1770er Jahre wieder auf. 1781 wurde das Werk von der Comédie-Française angenommen und passierte auch die Zensur. Doch die Publizität, die ihm Beaumarchais verlieh, machte Ludwig XVI. misstrauisch. Nachdem er sich und der Königin Le mariage de Figaro durch Madame Campan hatte vorlesen lassen, rief er laut dieser Zeugin: Mme Campan: Mémoires sur la vie privée de Marie-Antoinette, reine de France et de Navarre […]. 1. Band, Baudoin frères, Paris 1822, S. 278 (). Der Kommentar des Königs bezog sich im Speziellen auf Figaros Monolog in Szene 3 des 5. Akts. Das erwähnte Staatsgefängnis wurde 1789 als Auftakt zur Französischen Revolution gestürmt und niedergerissen.
Eine auf den 13. Juni 1783 angekündigte Aufführung am Théâtre aux Menus-Plaisirs vermochte Ludwig zu verhindern, nicht aber eine geschlossene Vorstellung zu Ehren eines seiner Brüder, des künftigen Karls X., die vom Grafen von Vaudreuil am 27. September des erwähnten Jahres auf Schloss Gennevilliers veranstaltet wurde. Schließlich gelang es Beaumarchais, den Minister des königlichen Hauses, Breteuil, auf seine Seite zu ziehen, worauf dieser den König zur Aufhebung des Aufführungsverbots veranlasste.Vgl. Anton Bettelheim: Beaumarchais. Eine Biographie. 2., neubearbeitete Auflage, C. H. Beck, München 1911, S. 383–393.
Wie beliebt die Figur des Figaro selbst bei Mitgliedern der königlichen Familie war, zeigt, dass der erwähnte Karl X. am 19. August 1785 persönlich die Titelfigur des Barbier de Séville spielte, während Marie-Antoinette die Rolle der Rosine übernahm.Im Théâtre de la Reine beim Petit Trianon (Versailles).
Das französische Original und die von ihm genehmigte deutsche Übersetzung ließ Beaumarchais in der Festung Kehl herstellen, wo er seit 1780 eine Druckerei aufgebaut hatte.Cornelius Steckner: Straßburg und Kehl | Goethe und Beaumarchais. Kehl 1771–2021. 250 Jahre Baden. Köln 2021, ISBN 978-3-9818922-6-0.
Handlung 1. Akt (Schlafzimmer des Brautpaars) mini|hochkant|Malapeau nach Saint-Quentin: 1. Akt, Szene 9 (1785).Von links: Chérubin, Graf, Suzanne, Bazile. Szenen 1–6: Figaro bereitet das Aufstellen des Ehebetts vor. Suzanne aber, die ihren Jungfernkranz anprobiert, will nicht hier zwischen den Appartements der Gräfin und des Grafen wohnen, weil Letzterer ihr nachstellt. Er hat ihr sogar angeboten, das zurückzukaufen, welches er bei seiner Heirat abgeschafft hat. Figaro wird klar, warum der Graf sie beide auf seinen Botschafterposten in London mitnehmen will: Suzanne soll seine Mätresse werden, er als störender Ehemann möglichst oft mit Kurierpost nach Spanien reisen. – Marceline, der Figaro einst die Ehe versprochen hat, falls er ihr 2000 Piaster schuldig bleiben sollte, spannt Bartholo ein, um die geplante Heirat zu verhindern. Sie ruft ihrem früheren Arbeitgeber in Erinnerung, dass er sie einst mit einem unehelichen Kind namens Emmanuel sitzen ließ.
Szenen 7–9: Chérubin berichtet Suzanne, dass er vom Grafen in Fanchettes Zimmer überrascht wurde und nun fürchtet, weggejagt zu werden. Seine große Liebe aber ist die Gräfin, für die er eine Romanze verfasst hat und deren Haarband er Suzanne entreißt. Als der Graf eintritt, versteckt sich Chérubin hinter einem Fauteuil. Almaviva verspricht Suzanne eine Mitgift, wenn sie sich am Abend im Park von ihm entjungfern lässt. Von Bazile überrascht, sucht auch der Graf hinter dem Fauteuil Zuflucht. Suzanne verhindert, dass er Chérubin sieht, indem sie diesen auf der Sitzfläche des Möbels mit einem Kleid bedeckt. – Bazile erzählt, jedermann wisse, dass Chérubin die Gräfin liebe. Als der Graf dies hört, tritt er hervor und befiehlt, den Pagen zu den Eltern zurückzusenden. Schließlich entdeckt er Chérubin, der unfreiwillig Zeuge seines unsittlichen Verhaltens wurde.
Szenen 10 f.: Figaro bittet darum, zusammen mit seiner Hochzeit die Aufhebung des feiern zu dürfen. Der Graf möge Suzanne eigenhändig die Jungfernkrone aufsetzen. Almaviva verspricht dies, besteht aber darauf, dass man mit der Zeremonie bis zum Eintreffen Marcelines warte. Statt Chérubin wegzujagen, macht er ihn zum Inhaber einer Kompanie seines Regiments – unter der Bedingung, dass er sofort nach Katalonien abreist. Figaro aber stiftet den Pagen dazu an, am Abend noch einmal zurückzukommen.
2. Akt (Schlafzimmer der Gräfin) mini|hochkant|Malapeau nach Saint-Quentin: 2. Akt, Szene 17 (1785).Von links: Gräfin, Graf, Suzanne. Szenen 1–3: Suzanne hinterbringt der Gräfin, dass der Graf ihre Gunst erkaufen will und sie auch mit der Drohung erpresst, Marcelines Einspruch gegen Figaros Heirat zu unterstützen. Die Gräfin sucht die Schuld an der Untreue des Gatten bei sich selbst: Sie langweile ihn mit ihrer Liebe. – Um den Grafen eifersüchtig zu machen, will ihm Figaro weismachen, die Gräfin treffe sich mit einem Liebhaber. Und um Almaviva der Untreue zu überführen, soll ihm Suzanne das verlangte Schäferstündchen gewähren, aber dazu nicht selbst erscheinen, sondern sich durch den verkleideten Chérubin vertreten lassen. Die Frauen sind damit einverstanden und übernehmen es, den Pagen herzurichten.
Szenen 4–20: Nachdem der Graf zur Jagd aufgebrochen ist, trägt Chérubin der Gräfin die erwähnte Romanze vor. Als Grund für seine Rückkehr soll er angeben, das Offizierspatent sei noch nicht gesiegelt. Suzanne setzt ihm eine Haube der Gräfin auf und geht ihr Kleid holen. Die Gräfin nimmt ihm ihr Haarband ab, mit dem er sich nach einer Verletzung den Arm verbunden hat. Da klopft der Graf, durch einen anonymen Brief zurückgerufen, an die verschlossene Tür. Chérubin flüchtet in die Garderobe, stößt aber gegen einen Stuhl, worauf der Graf Zutritt zu dem Raum verlangt. Die Gräfin verweigert ihm diesen, weil sich dort Suzanne umziehe. Als der Graf eine Zange holen geht, um die Tür zu öffnen, schlüpft Chérubin aus der Garderobe und springt aus dem Fenster. Suzanne geht an seiner Stelle in die Garderobe. Nun händigt die Gräfin dem Gatten den Schlüssel aus. Zum Vorschein kommt Suzanne. Der Graf entschuldigt sich. Die Gräfin erzählt ihm, dass Figaro den anonymen Brief verfasst hat.
Szenen 21–26: Der angetrunkene Antonio bringt einen Topf mit zerschmetterten Levkojen. Ein Mann sei aus dem Zimmer der Gräfin gefallen. Es gelingt, dem Grafen weiszumachen, dass Figaro aus Angst vor den Folgen des anonymen Briefs hinuntergesprungen sei. – Marceline erhebt Einspruch gegen Figaros Hochzeit. Bazile seinerseits behauptet, Rechte auf Marcelines Hand zu besitzen. Der Graf befiehlt, das Gericht zusammenzurufen. – Die Gräfin will Chérubin keinem weiteren Risiko aussetzen und deshalb selber als Suzanne verkleidet (und maskiert) zum Rendezvous mit ihrem Gatten erscheinen. Auch Figaro soll davon nichts wissen. Die Gräfin steckt sich das mit Chérubins Blut befleckte Haarband ins Décolleté.
3. Akt (Gerichtssaal) mini|hochkant|Malapeau nach Saint-Quentin: 3. Akt, Szene 15 (1785).Vorne links: Bartholo, Doublemain; hinten Mitte: Graf; vorne rechts: Brid’oison, Figaro. Szenen 1–11: Figaro lehnt es ab, nach London mitzukommen, weil ihn das Ränkespiel der Diplomaten anwidere. Suzanne hingegen sagt dem Grafen das verlangte Schäferstündchen zu, um die versprochene Mitgift zu erhalten und Figaros Schuld bei Marceline bezahlen zu können. Almaviva hofft weiterhin, jemand werde die geplante Heirat verhindern – wenn nicht Marceline, so Suzannes Onkel Antonio, der Figaro nicht leiden kann.
Szenen 12–16: Vor dem korrupten und lächerlichen Gericht wird Marceline von Bartholo vertreten. Richter Gusman versteht Figaros kaum verhüllte Andeutung nicht, dass er ihm Hörner aufgesetzt und ein Kuckucksei ins Nest gelegt habe. Schließlich erweist der Abdruck eines Spatels an Figaros Arm, dass er Emmanuel ist, der von Zigeunern entführte uneheliche Sohn von Bartholo und Marceline. Sein Eheversprechen ist damit Makulatur. Weil Bartholo darüber wenig erbaut ist und Marceline immer noch nicht heiraten will, hält Letztere eine Brandrede gegen das Patriarchat (die von den Comédiens-Français weggelassen wurde). Zitiert nach: La folle journée ou Le mariage de Figaro, comédie en cinq actes, en prose, par M. de Beaumarchais. Ruault, Paris 1785, S. 148 (gallica.bnf.fr).
Szenen 17–20: Suzanne eilt mit 4000 Piastern herbei, die ihr die Gräfin als Mitgift geschenkt hat, und will Figaro loskaufen. Da sieht sie, dass er Marceline umarmt, und ohrfeigt ihn. Nachdem sie aber begriffen hat, welch überraschende Wendung die Dinge genommen haben, umarmen sich alle drei. Als Nächstes muss der Widerstand Antonios gegen Suzannes Heirat überwunden werden, den er damit begründet, dass Figaro keinen legitimen Vater habe. Die Frauen versuchen, Bartholo von den Vorteilen einer Ehe mit Marceline zu überzeugen.
4. Akt (Dekorierte Galerie) mini|hochkant|Malapeau nach Saint-Quentin: 4. Akt, Szene 9 (1785).Vorne, von links: Figaro, Marceline, Gräfin, Suzanne, Graf. Szenen 1–8: Bartholo hat eingewilligt, Marceline zur Frau zu nehmen. Doch noch fehlt Figaro und Suzanne die Heiratserlaubnis des Grafen. Suzanne verspricht diesem auf Geheiß ihrer Herrin für den Abend ein Rendezvous unter den Kastanienbäumen. Den Brief verschließt sie mit einer Schmucknadel, die der Graf zur Bestätigung der Abmachung zurücksenden soll. Als die weibliche Jugend des Ortes der Gräfin Blumen bringt, küsst sie den als Mädchen verkleideten Chérubin auf die Stirn. Da zieht Antonio dem Pagen die Haube aus, wodurch dessen Soldatenfrisur zum Vorschein kommt. Die Gräfin gesteht dem Gatten, dass es Chérubin war, der sich in ihrer Garderobe einschloss und aus dem Fenster sprang. Fanchette erzählt, der Graf habe ihr versprochen, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, wenn sie ihn liebe. Ihr Wunsch aber sei, dass er sie mit Chérubin verheirateIm vorrevolutionären Frankreich konnten Mädchen mit zwölf und Knaben mit vierzehn verheiratet werden. und ihn nicht bestrafe.