Die Christengemeinschaft, Bewegung für religiöse Erneuerung, ist eine christliche Kirche, die sich als der Anthroposophie nahestehende, aber selbständige Kultusgemeinschaft versteht. Sie wurde nach Anregungen Rudolf Steiners, der den Kultus entwarf, am 16. September 1922 in Dornach (Schweiz) von einer Gruppe von 45 Theologen, Pfarrern und Studierenden überwiegend evangelischer Herkunft unter der Leitung von Friedrich Rittelmeyer gegründet.

Geschichte und Herkunft Der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner entwarf auch die Grundlagen der neuen Religionsgemeinschaft. Die Christengemeinschaft stützt sich in ihrem Verständnis des Christentums einerseits auf die gesamte christliche Überlieferung, andererseits wesentlich auf die Anthroposophie, die in Übereinstimmung mit dem Neuen Testament in dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi das entscheidende Mittelpunktsereignis der Menschheitsgeschichte sieht. Der Theosoph Michael Bauer stand in den 1900er Jahren mit dem evangelischen Pfarrer Friedrich Rittelmeyer von der Neuen Kirche in Berlin in Kontakt. Rittelmeyer wollte mehr über die damals populäre Theosophie erfahren. Im Jahr 1911 stellte Bauer den Kontakt zwischen Rittelmeyer und Steiner her.

Nach dem Ersten Weltkrieg sammelte sich eine Gruppe von 18 jungen Deutschen um Rudolf Steiner. Eine von Gottfried Husemann am 22. Mai 1921 formulierte schriftliche Anfrage, ob und wie eine religiöse Erneuerung im Sinne der Anthroposophie möglich sei, beantwortete Steiner mit einem ersten Kurs für Interessierte vom 12. bis 16. Juni 1921 in Stuttgart.Rudolf F. Gädeke: Die Gründer der Christengemeinschaft, Dornach 1992, S. 388. Der Kreis bestand, wie Friedrich Heyer schreibt, aus „evangelischen Theologen und suchenden Künstlern und Akademikern […] erneuerungswillig wie keine andere Gruppe“.Friedrich Heyer: Christengemeinschaft. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 8. De Gruyter, Berlin / New York 1981, ISBN 978-3-11-008562-4, S. 11–13 (online, 2010, nur mit Zugriffsberechtigung, abgerufen am 15. August 2021). Vor dem Eindruck der Katastrophe des Ersten Weltkrieges suchten viele junge Menschen nach Orientierung durch die Hinwendung zum Religiösen. So bestand auch die Kerngruppe aus Kriegsrückkehrern und Generationsgenossen der Wandervogelbewegung.

Emil Bock, späterer „Erzoberlenker“, schrieb 1947: mini|Gründungstag (16. September 1922) der Christengemeinschaft Steiner bot im September 1921 in 29 Vorträgen im Dachsaal des Goetheanums in Dornach „Beratung und Unterweisung“ für die Gründung eines neuen Kultus. Für Steiner war das Gelingen einer religiösen Erneuerung an drei Bedingungen geknüpft: die Verkündung der Heilwahrheiten ohne Nutzung der überkommenen Begriffe der Kirche; die Gründung freier Gemeinden, außerhalb der bestehenden Kirchengemeinden, und schließlich eine aktive Gemeinschaftsbildung durch Kultushandlungen als Gegensatz zur Gemeinschaft durch die rechte Lehre.

Nach einer dreiwöchigen Vorbereitung in Breitbrunn am Ammersee reisten die 45 Gründer nach Dornach, wo im Goetheanum vom 6. bis zum 22. September 1922 die Gründungsschritte vollzogen wurden. In Dornach feierte Rittelmeyer am 16. September 1922 die erste „Menschenweihehandlung“ – wie das Abendmahl fortan genannt wurde – nach einer von Steiner entworfenen Liturgie, die dieser der römischen Messe in Abwandlungen entnommen hatte. Hierbei wurden auch die ersten zwölf Priester geweiht.

Nach der Gründung und zur Zeit des Nationalsozialismus Die Christengemeinschaft verbreitete sich schnell in zahlreichen deutschen Städten, bald auch in Prag, in der Schweiz, in Österreich, Norwegen, Holland, Schweden und England. Einige Gruppen nutzten zunächst vorhandene Kirchengebäude wie die Christengemeinschaft Bremen, die ihren Gottesdienst Anfang der 1920er Jahre in der evangelischen Martinikirche abhielt.

Priester begannen caritative Tätigkeiten wie z. B. Carl Stegmann, der eine Arbeiterbildungsschule gründete, und Hilmar von Hinüber der sich für Strafgefangene einsetzte. Diese Initiativen hatten im aufkommenden "Dritten Reich" aber keine Überlebensmöglichkeiten. Diese Initiativen erlebten 1933 Hausdurchsuchungen und die Essener Arbeiterbildungsschule wurde geschlossen und das Vermögen beschlagnahmt.

mini|Kirche der Christengemeinschaft in Dresden 1933 wurde in Stuttgart das erste Priesterseminar gegründet, mit Gottfried Husemann als erstem Leiter, ab 1936 entstanden in Dresden und Den Haag die ersten eigenen Kirchengebäude der Christengemeinschaft. Nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland durch die Gestapo im November 1935 unterblieb das Verbot der Christengemeinschaft aufgrund ihres Charakters als christlicher Vereinigung zunächst. Doch gab es erste Aktionen 1939, als die Synode der norddeutschen Mitarbeiter zum ersten Mal in Bremen tagte, durch die Gestapo.

Im Januar 1941 unternahm der dem Okkultismus zugeneigte Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß den sogenannten „Englandflug“. Heß wurde u. a. durch Horoskope zu dieser geheimen Aktion, die zu Friedensverhandlungen mit England führen sollte, animiert. Hitler war außer sich, als er davon erfuhr. Er ordnete daraufhin die Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften an. Umgesetzt wurde die Aktion vor allem durch Joseph Goebbels und Martin Bormann, die den Okkultismus strikt ablehnten. Im Rahmen dieser Aktion wurde die Christengemeinschaft verboten, und einige Priester kamen zeitweilig in Haft.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 251. Das Vermögen wurde beschlagnahmt, einige Gebäude fielen den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Historisches Zentrum der Christengemeinschaft ist Stuttgart, der Ort der größten Gemeinde im deutschsprachigen Raum. Hier hatte das höchste Leitungsamt, der „Erzoberlenker“, seinen Sitz. In der DDR hatte die Christengemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg rund 30 Gemeinden, in der Bundesrepublik 70.

Nach dem Verbot bis 1953 wurden 226 neue Priester geweiht, unter ihnen 39 Frauen. Unter ihnen kamen auch zwei Nationalsozialisten zur Gemeinschaft: Friedrich Benesch und Werner Georg Haverbeck. Benesch, der 1947 zum Priester geweiht wurde und von 1957 an über Jahrzehnte als Seminarleiter der Christengemeinschaft in Stuttgart tätig war, wirkte in Siebenbürgen als Mitglied der Deutschen Volkspartei Rumäniens (DVR) und Kreisleiter; seine „braune“ Vergangenheit verschwieg er zeitlebens; sie wurde erst 2004 publik. Haverbeck, einst Leiter der Reichsmittelstelle für Volkstumsarbeit der NSDAP, wurde 1950 zum Priester geweiht. 1959 wurde er von seiner Priestertätigkeit wegen „linker Tendenzen“ beurlaubt. 1983 wurde er wieder in den Priesterkreis aufgenommen, aber gleichzeitig pensioniert.Arfst Wagner: Anthroposophen und Nationalsozialismus. Probleme der Vergangenheit und der Gegenwart. In: Flensburger Hefte, 3/91, Heft 32, Flensburg 1991, S. 45. Er konnte 1978 und 1983 noch zwei Bücher im Urachhaus Verlag publizieren, distanzierte sich jedoch bis zu seinem Tod 1999 nie von seiner völkischen Vergangenheit und lieferte mit seinem 1989 erschienenen Buch Rudolf Steiner – Anwalt für Deutschland seinen Beitrag zur noch heute geführten Debatte über die politische Einschätzung Steiners.

Neue Gemeinden entstanden allmählich auch außerhalb Europas. Als neue Kirchengebäude wurden ab 1960 die Kirche der Christengemeinschaft (Berlin), 1966 die Johannes-Kirche (Bochum) und ein neues Seminargebäude 1953 in Stuttgart errichtet. 1990 wurde eine Gemeinde in Prag möglich. Eine im Krieg zerstörte Kirche in Dresden wurde erst 1999 wieder aufgebaut.

Verbreitung mini|hochkant=0.7|Innenraum der Andrieskerk der Christengemeinschaft in Amsterdam Heute existieren aktive Gruppen oder Gemeinden in Nord- und Südamerika, Asien, Europa, Afrika und Australien. Die Christengemeinschaft ist in 32 Ländern aktiv und hat weltweit nach eigenen Angaben etwa 35.000 Mitglieder. Es existieren Gemeinden auf allen Kontinenten. Da viele Besucher der Sakramente formal nicht Mitglied der Glaubensgemeinschaft sind, dürfte die Zahl der sogenannten „Freunde“ höher sein.

In Deutschland gibt es etwa 140 Gemeinden, in der Schweiz 14, in Österreich 6. In Deutschland hatte die Christengemeinschaft im Jahr 2002 etwa 10.000 Mitglieder sowie 50.000 Freunde. Nach anderer Quelle sind es 20.000 Mitglieder. Bei der Einordnung ist wichtig, dass für die Christengemeinschaft die getauften Kinder nicht als Mitglieder zählen, sondern nur Erwachsene, die selbstständig beigetreten sind.Nach Schroeder 2001: Die Christengemeinschaft, S. 136, 190 f.

In der Schweiz ist die Christengemeinschaft im Aargau, in Basel, Bern, Biel, Luzern, Graubünden, Genf, Kreuzlingen, Lausanne, Schaffhausen, St. Gallen, Losone, Lugano und Zürich vertreten.

Seit 1933 besteht in Stuttgart ein Priesterseminar, seit 2001 eines in Hamburg, seit 2019 ein weiteres in Vaughan bei Toronto in KanadaThe Seminary of the Christian Community in North America (zuvor seit 2003 in Spring Valley, Rockland County, New York, Vereinigte Staaten).

Lehre Eine offizielle, verbindliche Lehre gibt es nicht. Es gibt weder eine „Lehrgewalt“, noch haben die Träger der Lenkerämter eine Weisungsbefugnis gegenüber den (mit der gleichen Weihevollmacht versehenen) Pfarrern, sondern jeder Priester besitzt Lehrfreiheit, soweit er nicht dem von ihm ausgeübten Kultus widerspricht.Helmut Obst: Reinkarnation – Weltgeschichte einer Idee. C.H. Beck, München 2009, S. 193 Deshalb ist eine Festlegung auf die Lehrinhalte der Christengemeinschaft schwierig.

Nach Michael Debus entstammt der Kultus der Christengemeinschaft der Offenbarung Christi. Er wurde im Wortlaut durch Rudolf Steiner vermittelt und hat für die Lehre der Christengemeinschaft den gleichen Rang wie das Neue Testament, das ebenfalls – zu einer früheren Zeit – der Offenbarung Christi entstammt. Die Inhalte der Anthroposophie sind für die Lehre nicht verbindlich. Nach Hans-Werner Schroeder ist die Christengemeinschaft aber bisher die einzige christliche Kirche, die in ihre Auseinandersetzung mit religiösen Fragen offen anthroposophisches Gedankengut einbezieht.

Besonderheiten gegenüber der christlichen Tradition

Bekenntnisfreiheit und freies Geistesleben Das verbindende Element ist nicht eine Lehre (Katechismus), sondern die gemeinsame gottesdienstliche Feier, der Kultus, insbesondere die Menschenweihehandlung. Die Mitglieder haben Glaubens- und Bekenntnisfreiheit. Das Credo und der Liturgietext der Christengemeinschaft sind nur für die Priester verbindlich. Es gibt keine verbindliche Auslegung. Die Priester haben darüber hinaus Lehrfreiheit. Die Christengemeinschaft tritt damit für ein freies Geistesleben im Bereich der Religion ein.

Trichotomisches Menschenbild Zu den theologischen Fundamenten der Christengemeinschaft gehört gemäß Michael Debus die anthropologische Trichotomie (Leib, Seele und Geist). Deshalb geht sie auch von einer „Nähe des Menschen zu Gott“ aus. Damit knüpft die Christengemeinschaft laut Michael Debus an theologische Positionen vor dem achten ökumenischen Konzil zu Konstantinopel 869–870 an, die sich kirchengeschichtlich nicht durchgesetzt haben.

Prä- und Postexistenz der Seele und Reinkarnation Die Liturgie ermöglicht die Vorstellung einer Prä- und enthält die Vorstellung einer Postexistenz der Seele. Durch Christus wurde im Tod der Seelentod überwunden. Der Geist ist ewig. Damit ist sie kompatibel zum anthroposophischen Reinkarnationsgedanken. Dieser wird von namhaften Priestern theologisch vertreten. Er ist auch in den theologischen Lehrkursen Rudolf Steiners für die Priester enthalten, stellt aber keine verbindliche Lehre dar.

Taufverständnis und Mitgliedschaft