Die Grænlendingar ( für „Grönländer“; „Nordbewohner“; etwa „mittelgroße Dänen“) waren nordgermanische Siedler, die sich, von Island kommend, ab dem Jahr 986 auf der Insel Grönland niederließen und auf ihren Reisen auch als erste Europäer das nordamerikanische Festland entdeckten und kurzzeitig besiedelten.
Die Grænlendingar lebten von der Landwirtschaft und der Jagd in zwei bzw. drei Siedlungsgebieten: der (zweiteiligen) Eystribyggð an der grönländischen Südwestküste der Vestribyggð an der Westküste. Im Laufe der Geschichte begegneten sie auch verschiedenen eskimoischen Kulturen.
Ihre Siedlungen bestanden für rund 500 Jahre, bis sie im Laufe des 15. Jahrhunderts aus nicht restlos geklärten Gründen aufgegeben und die Siedlungsbereiche von den Inuit der Thule-Kultur übernommen wurden.
Die Existenz der Grænlendingar ist belegt durch schriftliche Quellen und archäologische Ausgrabungen.
Quellen Schriftliche Quellen mini|alt=Das Foto zeigt eine dicht beschriebene Pergamentseite.|Eine Seite aus der Eiríks saga rauða Die Grænlendingar treten in zahlreichen Werken der mittelalterlichen nordischen Sagaliteratur auf. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschien das dreibändige Werk Grønlands Historiske Mindesmærker (1838–1845) von Finnur Magnússon und Carl Christian Rafn, in dem die für die mittelalterliche Geschichte Grönlands relevanten Quellen gesammelt und ausgewertet wurden. Im 20. Jahrhundert wurden weitere Übersichten über die schriftlichen Quellen zu Grönland verfasst, unter anderem von Sigurður Nordal und Jón Helgason.
Ausschließlich von den Grænlendingar handeln die folgenden zwei Sagas: Die Grænlendinga saga („Saga der Grönländer“) ist in der Flateyjarbók aus dem späten 14. Jahrhundert überliefert und wird inhaltlich auf etwa 1200 datiert. Sie berichtet von der Besiedelung Grönlands und der Besiedelung Amerikas in Vinland durch die Grænlendingar. Da diese bereits Anfang des 11. Jahrhunderts stattfand, fand die Verschriftlichung erst rund 200 Jahre nach den Ereignissen statt. Die Eiríks saga rauða („Saga von Erik dem Roten“) ist in zwei Handschriften überliefert, einerseits in der Hauksbók aus dem 14. Jahrhundert sowie andererseits in der Skálholtsbók aus dem 15. Jahrhundert. Sie wurde früher als Þorfinns saga karlsefnis bezeichnet. Beide Textversionen scheinen auf eine Quelle aus dem späten 13. Jahrhundert zurückzugehen. Inhaltlich werden dieselben Themen wie in der Grænlendinga saga behandelt, womit hier rund 300 Jahre zwischen den Ereignissen und der Verschriftlichung lagen.
Die in den beiden vorgenannten Sagas beschriebenen Ereignisse über die Landnahme Grönlands lassen sich durch Ari Þorgilssons Íslendingabók bestätigen, die bereits um 1125 niedergeschrieben wurde und somit nur rund 100 Jahre später. Er schrieb, dass er seine Informationen von seinem Onkel hatte, der wiederum mit einem Kameraden Eriks des Roten gesprochen hatte. Dazu kommen einige Erwähnungen in der isländischen Landnámabók.
Daneben wird in mehreren Sagas beiläufig aus Grönland berichtet: In der Flóamanna saga („Saga der Leute aus Flói“) wird von einem Besuch von Þorgils Orrabeinsfóstri bei Erik dem Roten berichtet. Die Fóstbrœðra saga („Saga der Schwurbrüder“) handelt von einem blutigen Konflikt in Grönland. Die Skáldhelgarímur behandeln die Liebesgeschichte des isländischen Skalden Helgi in Grönland. Der Grænlendinga þáttr („Erzählung der Grönländer“), auch Einars þáttr Sokkasonar („Erzählung von Einarr Sokkason“), berichtet von der Gründung des Bistums Garðar.
Neben diesen eher belletristischen Erzählungen gibt es einige mittelalterliche historische Quellen, die von den Grænlendingar berichten: Die isländischen Annalen (annálar) berichten von zahlreichen, vor allem kirchlichen, Ereignissen in Grönland. Die aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammende Konungs skuggsjá („Königsspiegel“) enthält eine Beschreibung Grönlands. Der Isländer Ívarr Bárðarson hinterließ im 14. Jahrhundert eine weitere ausführliche Beschreibung Grönlands. Der Isländer Björn Jónsson fasste Anfang des 17. Jahrhunderts einige später verlorengegangene geografische Aufzeichnungen über Grönland zusammen. Einige weitere Quellen bilden Diplome und Urkunden mit vor allem kirchlichem Bezug.
Neben den altnordischen Quellen gibt es mehrere grönländische Mythen, die von Treffen zwischen Inuit und Grænlendingar berichten und erstmals um 1870 von Hinrich Johannes Rink in Eskimoiske Eventyr og Sagn niedergeschrieben wurden.
Archäologische Quellen mini|alt=Das Foto zeigt eine Gebäuderuine aus aufgeschichteten Steinwänden mit rechteckigem Grundriss, deren Dach komplett fehlt.|Kirchenruine von Hvalsey Die archäologische Erforschung Grönlands begann bereits mit Hans Egede im Zuge der Kolonialisierung Grönlands 1721. Schon 1723 stieß er zufällig auf Siedlungsreste der Eystribyggð, ohne dass ihm die Bedeutung seiner Entdeckung klar war. Im 18. und 19. Jahrhundert fanden zahlreiche Expeditionen nach Grönland statt, die teilweise archäologischen Zwecken dienten. Nach der Gründung der Kommission für Wissenschaftliche Untersuchungen in Grönland in den 1870er Jahren wurde die systematische Untersuchung der grönländischen archäologischen Zeugnisse aus der Zeit der Grænlendingar begonnen. Zu den ersten gehörten Gustav Frederik Holm, der in den 1880er Jahren die Eystribyggð untersuchte, und Daniel Bruun, der 1894 die Eystribyggð und 1903 die Vestribyggð erforschte. Ab 1921 nahm Poul Nørlund Ausgrabungen in Grönland in Herjólfsnes, Garðar und Brattahlíð vor. In den 1930er Jahren war Aage Roussell der führende Archäologe in Grönland; er erforschte sowohl die Eystribyggð als auch die Vestribyggð. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Christen Leif Vebæk diese Tätigkeit. Er wurde in den 1960er Jahren von Jørgen Meldgaard abgelöst.Jette Arneborg: Det norrøne Grønland. Danmarks Nationalleksikon (dänisch).
Zahlreiche Siedlungen und Höfe in Grönland sind im Laufe der Zeit ausgegraben und erforscht worden. Neben den Ruinen an sich dienen auch die darin gefundenen Alltagsgegenstände sowie Knochen von Menschen und Tieren als Quellen für die Rekonstruktion des Lebens der Grænlendingar.
Geschichte Entdeckung und Besiedelung Grönlands mini|500px|alt=Die englisch beschriftete Karte zeigt Gebiete skandinavischer Besiedlung in unterschiedlichen Farben je nach Jahrhundert, beginnend mit dem südlichen Teil der skandinavischen Halbinsel im achten Jahrhundert; Grönland kommt im zehnten Jahrhundert hinzu.|Expansion der Wikinger Die Entdeckung und Besiedelung Grönlands fand in der Wikingerzeit statt, als die Bewohner Skandinaviens meist seefahrend in verschiedene Teile Europas expandierten oder Raubzüge vornahmen. Hierbei besiedelten die Schweden die Rus (vgl. Normannentheorie) und reisten bis zum Schwarzen Meer und Vorderasien, die Dänen besiedelten England sowie die Normandie und befuhren das Mittelmeer und die Norweger ließen sich in Irland, Schottland, Island und den Färöern nieder.
In der Landnámabók und der Eiríks saga rauða wird beiläufig erwähnt, wie Gunnbjǫrn Úlfsson auf einer Fahrt von Norwegen nach Island im Sturm vom Kurs abgekommen und mit seinem Schiff westlich von Island auf Land gestoßen war. Da Gunnbjǫrns Bruder Grímkell an der Landnahme in Island beteiligt war, kann dieses Ereignis auf die Jahrzehnte um 900 herum datiert werden. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wollte der Isländer Snæbjǫrn galti Hólmsteinsson gemäß den Sagas mit einigen Kameraden das von Gunnbjǫrn entdeckte Land besiedeln, allerdings kam es zum Streit und die Siedler töteten sich gegenseitig.
In der Eiríks saga rauða und der Landnámabók wird schließlich auch von der erfolgreichen Besiedelung Grönlands durch Erik den Roten (altnordisch Eiríkr inn rauði) berichtet. Er war in Norwegen geboren worden und kam mit seinem Vater nach Island, weil dieser wegen Mordes aus seiner Heimat verbannt worden war. Erik geriet jedoch auch in tödliche Konflikte und wurde deswegen 982 für drei Jahre aus Island verbannt. Daraufhin segelte er für drei Jahre nach Westen, um das von Gunnbjǫrn entdeckte Land zu finden. Er erreichte vermutlich die grönländische Ostküste und segelte dann südwärts nach Südgrönland. Erik reiste drei Jahre lang durch Südgrönland und kehrte anschließend nach Island zurück. In Island berichtete er von dem neu entdeckten Land, das er Grœnland („Grünland“) nannte, um mögliche Siedler dorthin zu locken. Der gewählte Name ist beschönigend, aber wegen der durch die mittelalterliche Klimaanomalie bedingte Erwärmung vermutlich nicht völlig unrealistisch. Die Gruppe segelte 985 mit 25 Schiffen ab, von denen nach der Schilderung in der Landnámabók nur 14 die grönländische Küste erreichten. Die von den ersten Siedlern am Eriksfjord errichteten Höfe bildeten den Kern der Ostsiedlung.
Konsolidierung der Gesellschaft mini|alt=Das Foto zeigt ein Grassodenhaus mit Holzfassade und einer umgebenden niedrigen Mauer, in der ein Durchgang ist, den ein hölzernes Dächlein auf vier Pfosten überspannt.|Rekonstruktion der Kirche von Brattahlíð, der angeblich ersten Kirche Grönlands Die in den Sagas überlieferte Chronologie der Besiedelung Grönlands durch die Grænlendingar lässt sich anhand von archäologischen Ausgrabungen bestätigen. In der Eystribyggð lassen sich die ältesten Funde im Fjord Tunulliarfik auf das späte 10. Jahrhundert datieren. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts breiteten sich die Siedler nach Südosten aus. Zur selben Zeit wurde auch die Vestribyggð besiedelt. Die Sagas berichten davon, dass die Siedler aus Island stammten und anthropologische und genetische Untersuchungen haben bestätigt, dass die Grænlendingar genauso wie die Bevölkerung Islands ursprünglich norwegischer und keltischer Abstammung waren.
Bereits in den ersten Jahren der Besiedelung kam es zu zwei weiteren einschneidenden Ereignissen. Die Eiríks saga rauða berichtet, direkt nachdem die Siedler um Erik den Roten nach Grönland gezogen waren, dass der Norweger Bjarni Herjólfsson seinen Vater in Island besuchen wollte, dort aber erfuhr, dass dieser mit Erik nach Grönland gesegelt war. Bjarni fuhr deswegen ebenfalls gen Westen, kam jedoch vom Kurs ab und sichtete so das nordamerikanische Festland, erreichte schließlich aber doch Grönland und seinen Vater Herjólfr Bárðarson in Herjólfsnes. Daraufhin fuhr Eriks Sohn Leif Eriksson (altnordisch Leifr Eiríksson) nach Westen und benannte die entdeckten Landstriche Helluland, Markland und Vinland. Es ist teilweise umstritten, welche Bereiche der Küste damit gemeint sind, allerdings zeugen archäologische Spuren in L’Anse aux Meadows an der Nordspitze Neufundlands von einer kurzzeitigen Besiedelung durch die Grænlendingar um das Jahr 1000 herum.
mini|alt=Das Foto zeigt einen rechteckigen Stein mit einem eingravierten Kreuz und einer Grabinschrift|Christlicher Grabstein aus Herjólfsnes