Dramentheorien (griechisch: δρãμα dráma „Handlung“, θεωρία theõría „Sehen, Betrachtung“) beschäftigen sich mit der Frage, was für ein Drama charakteristisch ist. Das Drama wird dabei als eine Kunstform begriffen, in der eine schriftlich fixierte Vorlage zum Ausgangspunkt einer Aufführung wird.Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 63.

Im Gegensatz zu den Gattungen der Lyrik und Epik, in denen es um von Texten eröffnete Vorstellungsräume in der Imagination des Lesers geht, beansprucht das Drama die sinnliche Wahrnehmung eines Publikums während der Aufführung.Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 63.Siehe auch Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. In: Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-8252-2485-6, S. 202–254, hier S. 202f.

Dramentheorien wurden seit der Antike von Autoren oder Dramaturgen aufgestellt. Manchmal versuchen sie, bestehende Dramen induktiv nach Gemeinsamkeiten zu ordnen oder gegenüber anderen Dramen zu rechtfertigen, manchmal sind sie auch als Programm für künftige Dramen mit ethischen oder politischen Zielen oder als Anleitung für die Konstruktion „guter“ Dramen gemeint.

Da die heutige Dramentheorie ihren Gegenstand als „plurimediale Darstellungsform“ begreift, die nur im Zusammenhang von Text und Aufführung ihre volle Wirkung entfaltet, geht sie über die reine Textanalyse des Dramentextes hinaus, die sich im Wesentlichen auf die Deutung und Auslegung des Textsubstrats beschränkt.Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 63f. Vgl. auch Siehe auch Uwe Spörl: Grundbegriffe der Dramatik. In: Uwe Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2004, ISBN 3-8252-2485-6, S. 202–254, hier S. 203f.

Begriff Das Drama war in der Antike, und wiederum seit der Renaissance bis etwa 1900, die angesehenste Gattung der Dichtung, wenn es auch der Roman in seiner öffentlichen Bedeutung zunehmend übertraf. Daher gab es beständig Diskussionen darüber, was dieses Angesehene ausmacht und vom weniger Angesehenen unterscheidet. So wurden in den Dramentheorien oft die schriftstellerische Qualität und der soziale Rang eines Dramas miteinander in Übereinstimmung zu bringen versucht oder gegeneinander ausgespielt. Dies betrifft vor allem die traditionelle Unterscheidung zwischen Tragödie und Komödie. Seit dem späteren 18. Jahrhundert ist auch der kommerzielle Erfolg ein Grund für positive oder negative Bewertung. In diesem Zusammenhang trennte sich das privatwirtschaftliche Volksstück vom höfischen Drama.

Weiterhin spielen Rivalitäten zwischen der Oper und dem Schauspiel für Dramentheorien vom 17. bis zum 19. Jahrhundert eine Rolle, indem sowohl die Oper als auch das Schauspiel gelegentlich als das eigentliche Drama bezeichnet wurden. Seit dem 20. Jahrhundert wurde zunehmend auch der (Fiction-)Film als das eigentliche oder gegenüber den Bühnendramen aktuellere Drama dargestellt (siehe Filmtheorie).

Die vorderhand sozialen Unterscheidungen zwischen den Formen dramatischer Darstellung versuchte Gustav Freytag im 19. Jahrhundert durch eine neutraler wirkende Abgrenzung zwischen „geschlossener und offener Form“ zu ersetzen. Dies kam einer Zeit der werkimmanenten Interpretation seit etwa 1950 wiederum entgegen, die sich um eine Fokussierung der Dramentheorien auf „Inhalte“ bemühte. Mittlerweile werden die historischen Dramentheorien wieder als soziale und politische Äußerungen – mit dem Ziel, sich abzugrenzen oder eigene Geltung zu behaupten – zu verstehen versucht.

In der Theatertheorie der letzten Jahrzehnte hat die Auffassung an Einfluss gewonnen, Theater nicht in erster Linie als Drama zu sehen (siehe Performativität, Postdramatisches Theater). Die politisch-soziale Bedeutung der Dramentheorien ist seit dem Ende des 20. Jahrhunderts durch Medientheorien und Medienkritik abgelöst worden.

In der Fortführung des regelpoetischen Ansatzes von Horaz, der bis zu Gottsched (Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen, 1730) und Freytag (Die Technik des Dramas, 1863, siehe unten) dazu diente, normative Gesetze für den Dramentext zu formulieren und die Fünfteilung zum Gestaltungsprinzip des Dramas erhob,Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 64f. hat sich die klassische Einteilung des Dramas in fünf Akte eingebürgert, von der zunächst in der Dramentheorie bei Aristoteles noch nicht die Rede war. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass eine normative Regelpoetik, wie sie in der Tradition von Horaz entwickelt wurde, den vielfältigen Dramenformen nicht gerecht wird und an ihre Stelle eine deskriptive Dramentheorie treten muss, die die Gesetzmäßigkeiten des einzelnen Dramas analytisch bestimmt.Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 64f.

Antike Aristoteles Weil der antike Philosoph Platon die Dichtung allgemein als staatsgefährdend dargestellt hatte (Politeia), versuchte sein Schüler Aristoteles (384–322 v. Chr.) diese Verurteilung abzuschwächen und das Drama, das in der Kultur Athens einen großen (politischen und religiösen) Stellenwert hatte, zu rechtfertigen. Die erhaltenen Teile seiner Poetik (335 v. Chr.) befassen sich mit der Tragödie, die seiner Meinung nach die besseren Menschen auf die Bühne brachte als die Komödie. Seine Ausführungen zur Komödie sind nicht erhalten.

Im Gegensatz zum Epos soll in der Tragödie die Nachahmung einer Handlung („Mimesis“) in Form von (direkter) Rede dargebracht und dabei gehandelt werden. Es beschränkt sich nicht auf die Schilderung von Charakteren. Es soll nicht etwas Statisches wiedergeben, sondern etwas Bewegtes, und dies wird gespielt und nicht erzählt. Die szenische Darstellung einer tragischen Handlung, in der Großes gestürzt und Niedriges erhöht wird, soll Jammern („Eleos“) und Schaudern („Phobos“) beim Zuschauer auslösen. Dies ist für Aristoteles nicht verwerflich, weil die Entladung angestauter Spannung im Zuschauer durch die Freisetzung starker Gefühle eine Reinigung („Katharsis“) von starken Affekten bewirke und so zur inneren Zufriedenheit, der Eudamonia beitrage.Ralf Hertel: Dramentheorie. In: Gerhard Lauer, Christine Ruhrberg (Hrsg.): Lexikon Literaturwissenschaft · Hundert Grundbegriffe. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010810-9, S. 63–66, hier S. 64. Theater könne derart zu den guten Sitten beitragen statt sie zu zerstören, wie Platon behauptete.

Des Weiteren fordert Aristoteles für das Drama die Einheiten der Zeit (Handlungsablauf innerhalb eines Sonnenumlaufs, also 24 Stunden) und der Handlung (nicht viele Nebenhandlungen wie im Epos). Laut Aristoteles soll ein Theaterstück eine abgeschlossene Haupthandlung aufweisen, die einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende hat. Aufgrund der Bühnenverhältnisse in der französischen Klassik wurde diesen Einheiten im 17. Jahrhundert noch eine Einheit des Ortes hinzugefügt (siehe „Drei Aristotelische Einheiten“), die nicht auf Aristoteles zurückgeht.

Weitere Begriffe, die von Aristoteles’ Poetik ausgehen, sind das Wiedererkennen auf dem Höhepunkt der Handlung (Anagnorisis) und die darauf folgende Peripetie als radikaler Umschwung zwischen Glück und Unglück.

Viele Autoren waren bis ins 19. Jahrhundert bestrebt, ihre Dramen durch die Übereinstimmung mit den aristotelischen Kriterien zu legitimieren. Bis in die heutige Zeit beruhen die meisten Dramentheorien auf der Auseinandersetzung mit der aristotelischen Theorie.Peter Szondi: Theorie des modernen Dramas, edition suhrkamp, Frankfurt 1963. Allerdings gab und gibt es zahlreiche Typen des Dramas, die weder der Aristotelischen Dramenform entsprechen noch auf irgendwelche anderen Theorien Bezug nehmen. So häufen sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts Formexperimente mit der klassischen Form des Dramas.

Horaz Der römische Dichter Horaz (65–8 v. Chr.) kommt in seiner Ars poetica (in den Epistolae ad Pisones, ab 13 v. Chr.) auf das Drama zu sprechen. Zu seiner Zeit hatte es den religiösen Stellenwert verloren, den es für die griechischen Stadtstaaten besessen hatte. Horaz hielt daher eine Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen für den Sinn des Dramas. Die römische Komödie war eine allgemein beliebte Art der Unterhaltung, während die Tragödie noch am ehesten in den (geschlossenen) Veranstaltungen einer Oberschicht gegenwärtig war. Daher deutet Horaz die Unterscheidung zwischen Komödie und Tragödie als eine soziale (zwischen einer niederen und einer höheren Gattung), während Aristoteles nur von guten und schlechten Charakteren und Handlungen spricht. Dies ergab in der Neuzeit erhebliches Konfliktpotenzial.

Mittelalter und Humanismus Die Schrift De spectaculis des Kirchenvaters Tertullian (ca. 150–220) propagiert die Abschaffung des Theaters als Verfallserscheinung der antiken Kultur, und während der Bücherverluste in der Spätantike ereignet sich die Vernichtung vieler antiker Dramen und Schriften über das Theater. Bis zu Liutprand von Cremona (10. Jahrhundert) zeigt sich eine äußerst ablehnende Haltung vor allem der Westkirche gegenüber dem Theater. Nach dieser längeren theater- oder zumindest überlieferungsfreien Zeit entwickelt sich im Hochmittelalter aus geistlichen Spielen ein städtisches Volkstheater ohne parallele Theoriebildung.

Die Disziplinierung und Eingrenzung dieser Tradition in der Zeit der Reformation und Gegenreformation läuft parallel zu einer humanistischen Theoriebildung, die im Unterschied zum „regellosen“ Volkstheater Idealbilder eines höfischen und sittlichen Theaters entwirft, das sich an der Antike orientiert. Julius Caesar Scaliger versucht in seinen 1561 erschienenen Poetices libri septem eine renaissancetypische Versöhnung von platonischer und aristotelischer Poetik, die neben Einflüssen auf das Elisabethanische Theater oder das JesuitentheaterGünter Berger: Die Nachwirkung der Poetik J. C. Scaligers auf die Dramentheorie der Doctrine classique, Bielefeld, Diss. masch. 1975. in die französische Klassik mündet. Am Pariser Hof entsteht das Bedürfnis, aus den klassischen Schriften abgeleitete Regeln und ihre Verletzungen auf der Theaterbühne zu diskutieren.

„Klassik“ Boileau Der wichtigste Dramentheoretiker der französischen Klassik war Nicolas Boileau (1636–1711) mit seiner in Versen gehaltenen Schrift L’art poétique (1669–1674). Er formulierte die Forderungen der Hofgesellschaft während des Absolutismus an das Drama, das in diesem Rahmen zum barocken Regeldrama gemacht wurde. Das höfische Drama diente den Adligen als Verhaltensschule und als Diskussionsstoff über politische Ereignisse. Obwohl sich Boileau auf Aristoteles und Horaz beruft, wandelt er ihre Lehren stark ab. Weil sich das neue französische Drama mit Jean Racine oder Pierre Corneille gegenüber dem überaus populären englischen und spanischen Drama von Shakespeare oder Calderón behaupten musste, werden jene Autoren von Boileau als regellos und unvernünftig verurteilt.