miniatur|500px|Die 4 Hauptgruppen norwegischer Dialekte:
Die norwegische Sprache umfasst neben den Schriftsprachen Bokmål und Nynorsk eine Vielzahl von norwegischen Dialekten.
Dialektgrenzen miniatur|300px|Untergliederung in Dialektgruppen
Die Dialektgrenzen in Norwegen sind auf unterschiedliche Arten zustande gekommen:Helge Sandøy: Talemål. Novus Forlag, Oslo 1993, ISBN 82-7099-206-2. Eine wichtige Dialektgrenze ist das Hochgebirge in Zentralnorwegen, die Langfjella. Dieses Hochgebirge war ein bedeutendes Hindernis im Verkehr zwischen dem Westen und dem Osten des Landes (Vestland und Austland/Østland). Sprachänderungen konnten kaum über diesen Weg verbreitet werden. In einigen Fällen bestimmten alte Verwaltungsgrenzen die Dialektgrenzen von heute. In anderen Fällen gibt es Siedlungsbewegungen, die neue Dialektgrenzen erzeugen. So entstand Ende des 18. Jahrhunderts bei Bardu und Målselv (Troms fylke) eine Sprachinsel, weil sich dort Leute aus dem Østerdalen (Hedmark fylke) niederließen. Ein anderes Beispiel: Man nimmt an, dass Nordnorwegen in vorhistorischer Zeit von Menschen aus dem Westen des Landes (Vestland) besiedelt wurde. Dies führt dazu, dass diese beiden Gebiete sprachlich eng zusammenhängen, obwohl das Gebiet Trøndelag dazwischenliegt, wo man andersartige Dialekte sprach und spricht.
Verwendung In Norwegen werden Dialekte und Regiolekte häufig in der Öffentlichkeit verwendet. Es gibt in Norwegen zwar zwei offizielle Schreibsprachen (Nynorsk und Bokmål), aber keine landesweit normierte Aussprache. Die norwegischen Dialekte haben traditionell eine starke Stellung; so verwenden durchaus auch Politiker und Professoren ihren heimischen Dialekt in der Öffentlichkeit. Allerdings stehen die traditionellen Mundarten heute unter dem Druck großräumiger geltender Regiolekte. Besonders in Ostnorwegen werden sie von einer bokmålnahen Umgangssprache verdrängt.Når språket treng livredning. In: Norsk Tidend. 1. Juni 2019.Dialektane i ferd med å døy frå oss. In: Avisa Valdres. Ohne Datum.Eli Strand: Fleire dialektar er i ferd med å døy ut – sjå kven som er flinke til å halde på dialekten. In: LNK Nytt. 31. Januar 2022.Vil redde hallingdialekten. In: NRK. 22. Juli 2016.
Sogenannte Stadtdialekte, denen oft ein geringes Ansehen zugeschrieben wird, breiten sich aufs Land aus. Dies hat sich unter anderem in Untersuchungen in den Städten Stavanger, Bergen und Ålesund gezeigt, wo neue allgemeine Stadtdialekte auf der Basis von alten Unterschichtdialekten (gatespråk „Straßensprache“) entstehen. Diese neuen Stadtsprachen (bymål) werden von größeren Teilen der Bevölkerung und von anderen sozialen Schichten gesprochen als die alten Unterschichtdialekte, und sie verbreiten sich zunehmend in die ländlichen Umgebungen der untersuchten Städte. Auch in Oslo verbreitet sich nicht so sehr der „vornehme“ Dialekt aus dem Westen der Stadt, sondern der weniger hoch angesehene Dialekt aus dem Osten der Stadt (vikamålet). Die Sprache in den neuen Vorstädten von Oslo ist im Wesentlichen eine Weiterentwicklung des alten Dialektes aus dem Osten der Stadt.
Eine ähnliche Entwicklung gibt es auch in Dänemark, wo sich die „Straßensprache“ von Kopenhagen unter den jungen Leuten auf der Insel Seeland, auf der Kopenhagen liegt, ausbreitet.
Sprachliche Eigenarten Die norwegischen Dialekte lassen sich anhand von folgenden Eigenarten einteilen:
Ostnordisch Monophthongierung Die Monophthongierung ist eine Lautentwicklung, bei der Diphthonge zu Monophthongen werden. In den nordgermanischen Sprachen betrifft dies die drei altnordischen Diphthonge ei, au und ey. Das altnordische ey ist das Resultat des i-Umlauts vom altnordischen au. Beispiele für altnordische Diphthonge: steinn („Stein“), kaupa („kaufen“), reykr („Rauch“). Beispiele für dänische Monophthonge: sten („Stein“), købe („kaufen“), røg („Rauch“).
Die nordgermanische Monophthongierung entstand im Altniederdeutschen. Sie erreichte vor dem Jahr 1000 das Altdänische. Sie verbreitete sich weiter über das damals noch dänische Schonen in andere schwedische und ostnorwegische Dialekte. In Nord-Østerdalen und in der Gegend um Røros fand die Monophthongierung erst im 17. Jahrhundert statt. Auf der Insel Gotland und im Finnlandschwedischen und in der großen Mehrheit der norwegischen Dialekte hat die Monophthongierung bis heute nicht stattgefunden.
Altnordisches hv, kv und v Das Altnordische unterschied zwischen hv, kv und v am Anfang des Wortes. Im Standard-Schwedischen, Standard-Dänischen und in fast allen schwedischen Dialekten ist hv zu v geworden. In fast allen norwegischen Dialekten, im Färöischen und im Isländischen ist hv zu kv geworden.
Beispiele: dänisch hvad („was“) , nynorsk kva, beides entstanden aus altnordisch hvat.
Präsensformen von starken Verben Fast alle norwegischen Dialekte haben einige starke Verben mit Vokalwechsel. Viele norwegischen Stadtdialekte und die Dialekte im Großraum Oslo haben diesen Vokalwechsel nicht, Schwedisch und Dänisch (und all ihre Dialekte) ebenfalls nicht.
Beispiel mit Vokalwechsel: Infinitiv kome „kommen“ gegenüber kjem (1./2./3. Person Singular und Plural) Beispiel ohne Vokalwechsel: Infinitiv komme „kommen“ gegenüber „kommer“
Südskandinavisch Rachen-R Das Rachen-R (norwegisch skarre-r) ist ein Dialektkennzeichen von Sørland, südlichem Vestland, Dänemark und Südschweden (südlich der Linie Göteborg – Kalmar). Die übrigen Gegenden haben Zungenspitzen-R.
Dieser Laut kommt möglicherweise aus Paris und hat sich von dort aus verbreitet. Um 1780 war er bis nach Kopenhagen gekommen und um 1800 bis nach Bergen und Kristiansand. Von diesen Städten aus hat sich der Laut in die ländlichen Gegenden verbreitet. Um 1900 hatten große Teile der Küste vom Sørland bereits das Rachen-R. Dabei verbreitete er sich von größeren Orten zu kleineren und übersprang dabei die noch kleineren Orte, die dazwischen lagen.
Reduktion Reduktion von Vollvokalen im Auslaut zu Schwa () oder zu kommt in unterschiedlichem Ausmaß vor. So kennt Südwestnorwegen durchgehend die Infinitiv-Endung auf -a, z. B. å vera („sein“), å kasta („werfen“), Ostnorwegen hingegen kennt sie nur noch bei Verben mit sog. leichtem Stamm, z. B. å vera („sein“), aber å kaste („werfen“).
Weiche Konsonanten Weiche, also stimmhafte Konsonanten, wo die Schriftsprache stimmlose hat. Hierbei geht es um b, d und g nach Vokalen in Wörtern wie skip , bløt und bok („Schiff“, „weich“, „Buch“). Diese Wörter würden dann in etwa skib , blød und bog ausgesprochen.
Dies ist das Kennzeichen eines südnorwegischen Küstenstreifens zwischen Stavanger und Arendal. Siehe auch Sørlandet.
Zentralskandinavisch Gleichgewicht Gleichgewicht (auf Norwegisch jamvekt) bedeutet, dass in bestimmten Wörtern die Betonung gleichmäßig auf die ersten beiden Silben verteilt und damit ein Betonungsgleichgewicht hergestellt wird.
Wörter mit Gleichgewicht gab es früher in den zentralen norwegischen und schwedischen Dialekten. Heute ist die Erscheinung nur noch im Gudbrandsdalen (Oppland fylke) lebendig, doch Spuren einstigen Vorkommens sind auch andernorts anzutreffen, besonders in Ostnorwegen (Østland) und im Trøndelag.
Eine deutliche Folge des Gleichgewichtes ist das Auftreten von zwei unterschiedlichen Infinitiv-Endungen: eine bei Infinitiven, die früher ein Gleichgewicht hatten, und eine andere bei Infinitiven, die nie Gleichgewichts hatten. Siehe unten „Infinitiv-Endung“.
Vokalharmonie In bestimmten Gegenden gibt es bei bestimmten Wortarten einen lautlichen Ausgleich zwischen den Vokalen, auf Norwegisch jamning oder jevning genannt. Der Endungsvokal beeinflusst dann in größerem oder geringerem Umfang den Vokal vorher. Dieser lautliche Ausgleich tritt nur bei Wörtern auf, die früher Gleichgewicht hatten. Einen vollständigen Ausgleich zwischen den Vokalen gibt es in zwei Gebieten: das eine umfasst den Osten von Telemark, das andere Indre Trøndelag, Namdalen und Nord-Østerdalen. Einen unvollständigen Ausgleich gibt es in großen Teilen von Østland und Trøndelag. Beispiele: Das Dialektwort veta („wissen“) wird zu vætta, vatta oder våttå; das Dialektwort viku („die Woche“) wird zu vukku.
Dickes L Das so genannte „dicke L“ (IPA , auf Norwegisch tykk l oder tjukk l) ist eine Art retroflexes L. Siehe Stimmhafter retroflexer Flap. Statt retroflex wird auch kakuminal oder zerebral gesagt.
Dieses „dicke L“ ist aus dem altnorwegischen rð und dem altnorwegischen l entstanden. Beispiele: altnorwegisch orð („Wort“) und sól („Sonne“), modernes Norwegisch ord und sol. In Østland, Trøndelag und großen Teilen von Schweden können diese Wörter ein „dickes L“ haben. In Vestland und Nordnorwegen würden sie mit r und l ausgesprochen, z. B. und .
Retroflexe Konsonanten Dort, wo es das „dicke L“ gibt, treten auch retroflexe Konsonanten auf. Das „dicke L“ verschmilzt dann mit einem folgenden l, d, t, r oder n zu einem retroflexen Konsonanten , , , bzw. . Beispiel: måltid („Mahlzeit“) mit retroflexem Konsonant , ohne retroflexen Konsonant .
Det als formales Subjekt Im modernen Norwegisch, Schwedisch und Dänisch muss ein Satz ein Subjekt haben. In bestimmten Arten von Sätzen gibt es darum ein formales Subjekt. In den folgenden Beispielen sind det und der das formale Subjekt. Die deutschen Übersetzungen haben ebenfalls formale Subjekte an dieser Stelle, nämlich es.
Beispiele: Det regnar (Nynorsk) oder Det regner (Bokmål) „Es regnet“ Der er komne tre nye båtar inn i hamna i dag „Es sind heute drei neue Boote in den Hafen eingelaufen“
Schwedisch, Ostnorwegisch und Trøndersk haben in solchen Sätzen det („es“, „das“) als formales Subjekt. Im Vestland, Sørland, im Westen von Telemark und im größten Teil von Nordnorwegen haben solche Sätze der („da“), manchmal her („hier“).
Partikel und direktes Objekt Ein syntaktischer Unterschied zwischen Dialekten ist die Reihenfolge von direktem Objekt (dO) und Verbpartikel (Part) bei Verbalgruppen (unechten zusammengesetzten Verben). Trøndelag und die östlichen Teile vom Østlandet haben hier erst den Verbalpartikel und dann das direkte Objekt. In diesen Dialekten werden Verb und Partikel oft zur Tonemgruppe. Das heißt, dass sie wie ein einziges mehrsilbiges Wort ausgesprochen werden, der Partikel wird also angehängt (enklitisch). Die Betonung liegt dann auf der ersten Silbe, und zwar mit Akzent 2.
SVdOPartdODänisch:Detogdenind DetogcykelenindSchwedisch:Detoginden DetogincykelnOstnorwegisch:Demtokinnden DemtokinnsykkelenStandardnorwegisch (nynorsk):Deitokhaninn DeitokinnsykkelenStandardnorwegisch (bokmål):Detokdeninn Detokinnsykkelen
S = Subjekt; V = Verb; dO = direktes Objekt; Part = Partikel
Die Sätze in der Übersicht bedeuten: „Sie holten es hinein“ „Sie holten das Fahrrad hinein“
Nordskandinavisch Weiches ll und nn Weich oder mouilliert bedeutet hier, dass ll oder nn (wie in fjell bzw. mann) eine palatale Aussprache haben, also in etwa wie lj und nj ausgesprochen werden. Siehe auch Stimmhafter palataler Nasal und Stimmhafter lateraler palataler Approximant.
Diese beiden weichen Konsonanten sind Kennzeichen von nördlichen Gebieten (Opplandsk, nördliches Midtlandsk, Nordvestlandsk und die Gebiete weiter nördlich).
Apokope Die Apokope ist eine sprachliche Veränderung, bei der der Endungsvokal am Ende des Wortes wegfällt. Beispiel: han statt hane („Hahn“). Dies kann auch die Infinitiv-Endungen eines Dialektes betreffen. Die Apokope kommt in Nordnorwegen vor: in Nordmøre (Møre og Romsdal fylke), Trøndelag und Teilen von Nordland. Siehe „Infinitiv-Endung“.
Westnordisch und Westnorwegisch dl und dn Auf Island, auf den Färöern und im Westen Norwegens gibt es die Erscheinung der Differenziation. Dies bedeutet, dass altnordisches rl zu dl wird und rn zu dn. Altnordisches fn () wird zu bn. Der lautliche Unterschied (die Differenz) wird also größer. Die norwegischen Gebiete, in denen diese Erscheinung vorkommen kann, sind Rogaland, Hordaland, Midtre Sogn, Indre Sogn, Hallingdal und Valdres.