Das Drakos-Selinitsa-System ist ein Höhlensystem südlich des Ortes Agios Dimitrios auf der Mani-Halbinsel. Die Katafygi-Selinitsas-Höhle erstreckt sich über mehr als einen Kilometer vom Meer ins Landesinnere. Das Höhlensystem erhielt seinen Namen, nachdem 2004 der Zusammenhang der Selinitsa-Höhle mit der Unterwasserhöhle Drakos entdeckt wurde. Mit einer vermessenen Gesamtlänge von rund 3500 Metern ist es das viertlängste Griechenlands.
Beschreibung mini|hochkant=1.3|alt=Skizze des Systems|Schematischer Plan des SystemsBis 2004 war keine Verbindung zwischen den zwei Höhlen bekannt und wurde erst aufgrund intensiver Forschung gefunden.
Das Drakos-Selinitsa-System lässt sich anhand verschiedener speläologischer Merkmale exakt einordnen. Es wird aufgrund einer Ganglänge von bis zu 5000 Metern als Großhöhle eingestuft. Da die Entstehung der Hohlräume zeitlich nach der Bildung des umgebenden Kalksteins stattfand, handelt es sich um eine epigenetische Karsthöhle, die in ihrer räumlichen Anlage als Horizontalhöhle ausgeprägt ist. Bezüglich des Höhleninhalts präsentiert sich die Anlage sowohl als Tropfsteinhöhle als auch als aktive Wasserhöhle, wobei das zusammenhängende, verzweigte Netz an Hohlräumen ein komplexes Höhlensystem bildet.
Katafygi Selinitsas Der Eingang der Höhle befindet sich in einer Höhe von 18 m an einem Felsenstrand etwa einen Kilometer südlich von Agios Dimitrios. Die Temperatur in der Selinitsa entspricht mit etwa 18 °C der Jahresmitteltemperatur. Die Luftfeuchtigkeit beträgt etwa 80 %. Die Höhle hat mehrere Verzweigungen in drei Etagen:
Die mittlere (der Hauptgang) verläuft bald nach dem Eingang in etwa südöstlicher Richtung parallel zu einer 900 Meter nordöstlich von Platsa verlaufenden Störung und endet in einem lehmgefüllten Siphon. Sie ist inaktiv vados (trocken; die Höhlenbildung ist abgeschlossen).
Die kleinräumige obere Etage verläuft nahezu parallel zur Küste in südlicher Richtung und ist ebenfalls inaktiv vados.
Die untere Etage ist nahezu ausschließlich phreatisch (von Wasser ausgefüllt) und mit der 500 Meter südlich gelegenen Drakos-Quelle verbunden.
Drakos Die Drakos-Quelle verläuft von der Mündung in nordöstlicher Richtung und ist – abgesehen von der Mündungsgrotte – phreatisch. Sie hat eine erforschte Länge von 1232 m und ebenfalls drei Niveaus: das obere mit dem Ausgang zum Meer mit einer durchschnittlichen Wassertiefe von 10 m, das mittlere mit 18 m und das tiefste mit 28 m. Die Entstehungshöhen entsprechen aufeinanderfolgenden Niveaus der Karstwasseroberfläche. Das älteste davon liegt in einer Tiefe von 48 m. Dieser Prozess stand vermutlich mit den Schwankungen des Meeresspiegels während des Holozäns in Zusammenhang.
Geologie mini|hochkant=1.3|Geologisches Profil in Richtung Westsüdwest – Ostnordost durch das Karstsystem Die Höhle befindet sich in Plattenkalken aus dem Santon (der vierten Stufe der Oberkreide) bis zum Späten Eozän (85,7 Mya – 33,9 Mya) in einer gegenüber der Horizontalen um 10° gekippten Bankung. Die Ausdehnung und der Rückgang der globalen Eismassen im späten Quartär wirkten sich direkt auf den globalen Meeresspiegel aus. Dabei kam es zu Schwankungen von bis zu 125 Metern. Das System entstand im Oberen Pleistozän während des letzten Glazials (vor 115.000 bis 11.700 Jahren).
Der Eingangsbereich der Katafygi Selinitsas ist von Brekzie überdacht. In den massiven Kalkstein ist gelegentlich Hornstein eingelagert. In den obersten Bereichen der Versturzhalle (mit 252 m × 154 m der größten Griechenlands) findet sich Flysch. Diese ungewöhnliche stratigraphische Anordnung wird nicht nur in der näheren Umgebung, sondern in wechselnder Ausprägung auf der gesamten Mani-Halbinsel beobachtet.
Sowohl die Katafygi Selinitsas als auch Drakos bildeten sich voneinander getrennt an Schichtfugen. Die beiden Höhlen schlossen sich erst in jüngerer geologischer Zeit zusammen, da ihre Kontaktzone lediglich aus einem nahezu senkrechten, engen Schacht auf dem jeweiligen Karstbildungsniveau besteht. Die Mündungsgrotte mit zwei Eingängen misst 100 m × 50 m. Speläotheme kommen in Drakos eher spärlich vor, obwohl gelegentliche Excentriques auf Tropfsteinen in den phreatischen Teilen die vadose Entstehung belegen.
Die größte Höhe des Systems wird in der Versturzhalle der Katafygi Selinitsas mit 86 m erreicht. Ihr durchschnittliches Niveau liegt bei 18 m. Die Höhle verläuft im Wesentlichen horizontal. Die größte Wassertiefe im Drakos beträgt 56 m. Die Länge des Siphons Selinitsa–Drakos beträgt etwa 850 m. Die Verbindung der beiden Höhlen befindet sich etwa einen Kilometer vom Eingang der Selinitsa in einer Tiefe von 28 m. Zwei Drakos-Schächte dienen dabei als Heber, die Wasser der Katafygi Selinitsas auf das oberste Niveau von Drakos auf 10 m fördern. Abgesehen von Meeresspiegelschwankungen war das System einer ständigen tektonischen Hebung der Mani-Halbinsel ausgesetzt.
mini|hochkant=1.7|alt=3D-Laserscan der Katafygi Selinitsas|3D-Laserscan der Katafygi Selinitsas – die dicke rote Linie stellt das größte Raumvolumen dar Als biologischer Meeresspiegelindikator dienen zahlreiche Lithophaga-Bohrlöcher im Kalkstein, die heute zwischen dem aktuellen Meeresspiegel und 45 m darüber liegen. Da diese Muscheln vor allem in den obersten Metern unterhalb des Meeresspiegels leben, kennzeichnet die scharf begrenzte Oberkante ihrer Bohrlöcher den ehemaligen mittleren Meeresspiegel. Besonders in Verbindung mit geomorphologischen Merkmalen wie Brandungskehlen eignen sie sich zur Rekonstruktion relativer Meeresspiegeländerungen. In etwa 41 m Höhe finden sich zudem zwei kleine Höhlen und Reste einer ehemaligen Küstenlinie mit horizontal angeordneten Lithophaga-Bohrlöchern. Solche Bohrlöcher finden sich auch beim Eingang der Katafygi Selinitsas 15,3 m und 16,4 m über dem mittleren Wasserstand (→ Foto).
In der Spätphase der Eem-Warmzeit lag der Meeresspiegel 18 m über dem heutigen, was mit der maximalen Höhe (18,9 m) des feinkörnigen Sediments im inneren Teil der Höhle übereinstimmt und daher auf eine Überflutung durch das Meer hindeutet. Das Vorkommen von biogenem magnesiumreichem Calcit in diesem Sediment (→ Foto) belegt ebenso warme klimatische Bedingungen wie marine Herkunft. Geochemische Analysen der feinkörnigen Höhlensedimente belegen einen Dolomitanteil von über 98 %. Dessen Entstehung wird als frühdiagenetisch (direkt in den Schlammablagerungen neugebildet) erklärt. Dies ist ein wichtiger paläoökologischer Indikator: Er zeigt, dass diese massiven Höhlenhochwasser während des letzten Interglazials in einer spezifischen Vermischungszone stattfanden, in der versickerndes Süßwasser auf einen stabilen, höheren Meeresspiegel traf.
Fauna In der Katafygi Selinitsas kommen die Fledermaus-Arten Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros) und die Blasius-Hufeisennase (Rhinolophus blasii) vor.
mini|hochkant|alt=Bild Höhlenschrecke|Die Höhlenschrecke Dolichopoda unicolorDen Eingangsbereich besiedelt die flügellose Höhlenschrecke Dolichopoda unicolor. Diese Art ist auf der Mani-Halbinsel endemisch und wurde hier erstmals beschrieben. Daher ist ihr englischer Trivialname .
Neben der Braunen Violinspinne beherbergt das System zwei Arten der Cyphophthalmi. Die Wissenschaft beschrieb Cyphophthalmus paragamiani im Jahr 2009 als neue Art. Bisher dokumentierten Experten diese Spinnentiere in keiner anderen griechischen Höhle. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft die Art deshalb seit 2023 als vom Aussterben bedroht (Critically Endangered) ein. Fachleute halten einen Schutzplan für die Höhle sowie weitere Forschungen zur Ökologie und vertikalen Verbreitung der Art für unbedingt erforderlich.
In den dauerhaft unter Wasser stehenden (phreatischen) Teilen existieren zudem sieben Arten von Ruderfußkrebsen (Copepoda). Dazu zählen auch drei Gattungen der Hüpferlinge (Cyclops).
Befahrungsgeschichte Die erste dokumentierte Erkundung der Katafygi Selinitsas fand 1928 unter der Leitung von Ioannis Sarris statt. Schon in dieser Beschreibung wurde auf eine mögliche Verbindung mit der Drakos-Quelle hingewiesen.
Der Begründer der griechischen Speläologie, Ioannis Petrocheilos, dokumentierte 1953 eine Gesamtlänge der Hauptachse und der unmittelbar zugänglichen Seitenarme von 834 Metern. Darüber hinaus berichtet er, dass das System weitläufig, jedoch im hinteren Bereich durch massive Verbruchzonen, Deckenstürze und tonige Sedimente blockiert sei. Es wurde kein archäologischer Beleg (wie etwa in der Alepotrypa-Höhle in Pyrgos Dirou) festgestellt; die Nutzung war ausschließlich neuerer Art und diente der lokalen Bevölkerung in den Zeiten der osmanischen Herrschaft als Zufluchtsort. Weiters berichtet er, dass die „Speleolithe“ im vorderen, zugänglichen Bereich durch die Jahrhunderte lange menschliche Begehung und Zweckentfremdung als Schafsunterstand weitgehend zerstört sind.
Auch 1972 wurden beobachtet.
Eine weitere Kartierung erfolgte 1974 mit finanzieller Unterstützung der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr (EOT) entlang des Hauptganges auf einer Länge von 1250 m. Auf dieser gesamten Strecke zweigen rechts und links vom Hauptgang 16 Quergänge ab. Über weite Teile des Höhlenbodens waren Keramikfragmente verstreut, deren genaue wissenschaftliche Untersuchung und zeitliche Einordnung durch Fachleute jedoch noch ausstanden. Die Versturzhalle wurde zwar erwähnt, aber nicht vermessen. Obwohl die Höhle noch nicht vollständig erforscht war, rechtfertigte der bereits bekannte Teil ihr großes touristisches Potenzial, weshalb eine Erschließung – insbesondere für den Wintertourismus – angestrebt wurde. Die Skizze deckt nur die ersten 400 Meter des Hauptganges ab und lässt den geplanten Schauhöhlenbereich vermuten. mini|alt=zerstörtes Eingangstor|Eingangstor (errichtet 26 Jahre nach der Empfehlung, zerstört im Folgejahr) Es wurde dringend empfohlen, den Eingang mit einer Eisentür zu sichern. Nur so ließe sich der zerstörerische Drang der Besucher aufhalten, die den Höhlenschmuck abbrechen, um ihn als Souvenir mitzunehmen.
Die Katafygi Selinitsas wurde 1978 durch Mitglieder der Griechischen Speläologischen Gesellschaft vollständig kartiert, und auf dieser Karte ist erstmals auch die Versturzhalle zu sehen.
Die in der Literatur genannte Gesamtlänge von etwa 4 Kilometern resultiert aus einer unpublizierten Kataster-Addition, bei der den exakt vermessenen 1232 Metern des Drakos-Teils die Ergebnisse einer terrestrischen Kartierung der Katafygi Selinitsas aus dem Jahr 1978 zugeschlagen wurden, deren detaillierte Datenbasis jedoch nicht öffentlich zugänglich ist. Mit Stand 2005 ist eine Gesamtlänge von 3500 m dokumentiert.
mini|links|alt=Vandalismus|„Markierungen“ 20 m vom bereits sichtbaren Ausgang Franzjörg Krieg beobachtete 1980: (→ Foto) 1984 bemerkte er:
Der ersten Höhlentauchgänge im Siphon der Katafygi Selinitsas wurden 1980 durch Franzjörg Krieg durchgeführt (40 m upstream und 80 m downstream). Die ersten organisierten Tauchgänge erfolgten 1981 durch Mitglieder der britischen Cave Diving Group (Julian Griffith, Rob Shackleton) mit einer Strecke von 225 m (vermutlich upstream). Des Weiteren wurde ein Versuch im Drakos mit einer Strecke von 60 m unternommen. 1982 gelang es den Briten, mit einer größeren Gruppe und Unterstützung durch SP.EL.E.O zwei Strecken upstream von jeweils 300 m und eine downstream von 200 m zu bewältigen. Darüber hinaus wurde im Drakos eine Strecke von 200 m und eine Tiefe von 27 m erreicht. Weitere Tauchgänge bis 1985 erfolgen durch tschechische und besonders britische Höhlentaucher (Katafygi Selinitsas 850 m, Drakos 650 m). 1986 erfolgte die Erkundung einer Strecke von etwa 550 m im Drakos. 2000 gab es weitere Erkundungstauchgänge, sowohl am Siphon der Katafygi Selinitsas als auch im Drakos. In der Folge wurden die bereits bekannten Strecken erweitert, wodurch neue Teile im Drakos entdeckt wurden.