300px|mini|Tehuelche (um 1832)

Argentinien war bis zum Eintreffen der Spanier im 16. Jahrhundert von einer großen Anzahl indigener Völker bewohnt. Ihre Nachkommen haben heute wegen der Dominanz der europäischen Kultur in diesem Land nur noch zu einem relativ kleinen Teil ihre Bräuche und Sprachen bewahren können. Hierin unterscheiden sich die indigenen Völker Argentiniens von denen vieler Nachbarländer.

Anzahl, Definition und Bezeichnungen Die Schätzungen, wie viele Argentinier als Indigene bezeichnet werden können, variieren stark. Die offizielle Zahl, erhoben bei der Volkszählung 2010, liegt bei 955.032 Personen (MS Excel; 38 kB), Website des INDEC, mehr als das Doppelte des Werts von 403.125, der 2004 bei einem Sonderzensus ermittelt wurde. Einige Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen gehen von bis zu zwei Millionen aus. Grund für diese Diskrepanzen ist vor allem das Problem, die Gruppe „Indianer“ zu definieren. Bei der durch die Volkszählung erhobenen Zahl handelt es sich um die Personen, die sich selbst als Indigene oder direkte Nachkommen von Indigenen bezeichnen, während bei anderen Schätzungen auch die Abstammung oder kulturelle Eigenschaften eine Rolle spielen. Laut der Volkszählung 2001 gaben 2,8 % aller Haushalte Argentiniens an, mindestens einer seiner Bewohner sei Mitglied einer indigenen Kultur.

Eine weitere Definition orientiert sich an genetischen Untersuchungen. Dabei werden als mestizos (Mestizen) im offiziellen argentinischen Sprachgebrauch diejenigen Personen bezeichnet, die sowohl indigene als auch europäische Vorfahren haben. Genaue Daten zum Anteil dieser Personen an der Gesamtbevölkerung gibt es keine, da „Mestizen“ unter Diskriminierungen leiden, und sich als „Weiß“ zu deklarieren mit einem höheren Prestige einhergeht. Während man früher von einem Bevölkerungsanteil der Mestizen von maximal 10 % ausging, lassen neuere genetische Untersuchungen vermuten, dass dieser Anteil höher liegt: Diese ergaben in der argentinischen Bevölkerung zwischen 53 % und 65 % europäisches, 31–40 % indianisches und 4 % afrikanisches Erbgut. Nach einer Studie der Universität Buenos Aires aus dem Jahr 1992 hat mehr als die Hälfte aller Argentinier (56 %) mindestens einen indianischen Vorfahren, bei 10 % sind beide Eltern indianischer Abstammung.

Eine andere in der Bevölkerung verbreitete Definition nimmt als Maßstab für den Terminus Mestize das Vorhandensein von körperlichen Eigenschaften, die diesen Personen als Unterscheidungsmerkmal zu europäischstämmigen Argentiniern zugeschrieben werden. Da sich dieses Unterscheidungsmerkmal zumeist auf eine dunklere Hautfarbe bezieht, werden diese Personen von Teilen der Bevölkerung in der Umgangssprache – meist abwertend – mit dem rassistischen Begriff negro (span. für „Neger“ oder „Schwarzer“) bezeichnet.

Ethnien Man teilte die indigenen Völker Südamerikas und damit auch Argentiniens früher nach den heute überholten Rassentheorien in drei Gruppen ein: die „Andiden“, die „Amazoniden“ (aus dem Nordosten des Subkontinents) und die „Pampiden“ (auch „Patagonide“), zu denen auch die Pampavölker gerechnet wurden. Heute wird die Einteilung in der Regel nach sprachlichen oder ethnischen Verwandtschaften vorgenommen.

Historische Verbreitung mini|Erke aus Nordostargentinien Die geographische Ausbreitung der Völker auf dem Territorium Argentiniens variierte stark, mehrere Gruppen machten im Laufe ihrer Existenz als Ethnie teilweise lange Wanderungen durch. In der hier vorgestellten Einordnung wird die Verbreitung zur Zeit des Eintreffens der Spanier (16. Jahrhundert) betrachtet, da darüber die verlässlichsten Quellen existieren.

In den Anden und der Puna des Nordwestens Argentiniens wohnten die lange Zeit von den Inkas abhängigen Kollas, Atacamas und Omahuacas, die zum Teil zur Quechua-, zum Teil zur Aymara-Sprachfamilie gehörten. Sie waren die kulturell und architektonisch fortgeschrittenste Zivilisation der Region und betrieben Landwirtschaft und Viehzucht (vor allem Lamas). Die Diaguita-Calchaquíes im zentralen Nordwesten hatten eine den Inkas ähnliche Technologie und Lebensweise, sie widerstanden ihnen aber lange Zeit und wurden erst von den Spaniern unterworfen. Zeugnis ist die Befestigungsanlage von Quilmes.

Die Huarpes oder Huárpidos, die im Westen und Zentrum Argentiniens siedelten, waren ebenfalls sesshaft und betrieben Landwirtschaft und Viehzucht. Zu ihnen gehörten wahrscheinlich auch die Comechingones in den heutigen Provinzen Córdoba und San Luis, auch wenn dies umstritten ist. Beide Volksgruppen wurden von den Inkas nicht unterworfen, sondern erst von den Spaniern. Sie kamen häufig in Konflikt mit den ebenfalls sesshaften Sanavirones, die aus der Amazonasregion stammend im Laufe der Zeit in den südlichen Chaco und damit ins Grenzgebiet zu den Comechingones vorstießen.

Im gesamten Norden Argentiniens siedelten Ethnien der aus der Amazonasregion stammenden Guaraní-Volksgruppe. Diese waren sesshafte Jäger und Sammler und betrieben daneben eine einfache tropische Landwirtschaft. Einige Guaraní-Gruppen, die heute als Chiriguanos (eine eigentlich abwertende Bezeichnung der Spanier) bekannt sind, stießen in die Andenregion (Provinzen Jujuy und Salta) vor und übernahmen dort die Technologie der dort ansässigen Völker.

Die Guaycurú, die von ihrer ursprünglichen Heimat Südpatagonien zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert nach Nordostargentinien wanderten, waren die Hauptkonkurrenten der Guaraní in diesem Gebiet, ihre Lebensweise war der von diesen ähnlich. Ihre bedeutendsten Unterethnien sind Toba und Mocovíes. In derselben Region siedelte auch die Mataco-Mataguayo-Familie, deren bedeutendste Vertreter die Wichí (auch Matacos genannt) sind. Sie waren ähnlich wie die Guaraní Jäger und Sammler, die auch tropische Landwirtschaft betrieben.

In der Pampa-Region und dem südlichen Mesopotamia siedelten nomadische Jägervölker, die die Landwirtschaft nicht kannten. Die Charrúas siedelten östlich des Río Paraná (Entre Ríos und Corrientes), ihr Gebiet erstreckte sich bis ins heutige Uruguay. Die Het (auch Pampas oder Querandíes) bewohnten die Pampa-Ebene westlich des Río Paraná, sie waren die ersten, die in der Region um Buenos Aires und Rosario, in dessen Umgebung die erste spanische Festung in Argentinien, Sancti Spiritu, errichtet wurde, in Konflikt mit den Spaniern gerieten. Über die Kultur der Pampavölker ist wenig bekannt, da sie noch vor der Eroberung durch die offiziellen argentinischen Truppen von den Tehuelche und später den Mapuche akkulturalisiert wurden.

In Patagonien siedelten zwei sehr unterschiedliche Völker, die Tehuelche und die Mapuche. Die Tehuelche, verwandt mit den Pampavölkern, bewohnten den gesamten Osten Patagoniens. Sie waren Jäger und Sammler und wurden zum Teil im 18. Jahrhundert von der Kultur der Mapuche verdrängt. Zu ihnen gehörten auch die Selk’nam (auch Ona) in Feuerland. Die Yámanas oder Yaganes im Süden Feuerlands waren dagegen ein Fischervolk, das zwischen den Inseln des Südatlantik (Feuerland, Isla de los Estados, Kap Hoorn) hin- und herpendelte.

Einen Sonderfall unter den indigenen Völkern Argentiniens bilden die Mapuche (auch Araukaner), deren Ursprung unklar ist; sie könnten sowohl aus der Pampa, aus dem zentralen Andenraum oder dem Amazonasgebiet stammen. Sie wanderten im Laufe des 15., 16. und 17. Jahrhunderts, als die Spanier schon weite Teile Südamerikas beherrschten, von Zentralchile in die Region der Südanden und betrieben dort südlich des Bío-Bío-Flusses für lange Zeit parallel zu den Spaniern und später der neuen Nation Chile das einzige Gebilde in Südamerika, das als indianischer Staat bezeichnet werden kann, auch wenn dieser nie von den Kolonialmächten anerkannt wurde. Die Mapuche – mittlerweile die mächtigste der indigenen Reiterkulturen Südamerikas – überquerten die Anden im 17. und 18. Jahrhundert Richtung Osten etwa bis zur Grenze des Andenraumes (etwa in die heutige Provinz Neuquén und den Südwesten von Río Negro). Ihr Kulturraum breitete sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch auf den gesamten noch nicht von den Spaniern bzw. dem neuen Staat Argentinien eroberten Territorium aus, dem Gebiet südlich einer Linie zwischen Mendoza und Buenos Aires, mit Ausnahme des südlichen Santa Cruz und Feuerland. Dieses Phänomen, die sogenannte Araukanisierung, ist der Grund dafür, dass die Mapuche heute – zumindest kulturell – die größte indianische Volksgruppe in Argentinien stellen. Grund für die Araukanisierung war vermutlich das hohe Prestige ihrer Sprache, dem Mapudungun, das als sehr variantenreich beschrieben wird. Weiterhin brachen im 18. Jahrhundert unter den Pampavölkern zahlreiche von den Spaniern importierte Seuchen aus, die den Widerstand dieser Gruppen gegenüber der Araukanisierung schwächte.Guia YPF, Band 6 Patagonia y Antártida Argentina, 1998

Heutige Verbreitung In Argentinien sind heute 22 Gruppierungen als indianische Ethnien anerkannt; von den Guaraní werden (nach dem Statistikamt INDEC) dabei vier Untergruppierungen als eigenständige Völker betrachtet, so dass sich die Gesamtzahl der indianischen Völker auf 25 erhöht. Sie verteilen sich auf das Territorium in folgender WeiseAufgearbeitete Daten der Volkszählung 2001 des INDEC ():

EthnieVerbreitung (Provinzen)AnzahlVolksgruppeAtacamaJujuy2.802QuechuaAva Guaraní (Chiriguanos)Jujuy, Salta, Corrientes, Misiones, Entre Ríos, Santa Fe, Buenos Aires19.828GuaraníChanéSalta2.097ArawakCharrúaEntre Ríos676Pampeano-PatagónicoChoroteSalta2.147Mataco-MataguayoChulupíFormosa, Salta440Mataco-MataguayoComechingónCórdoba5.119Huarpes oder eigenständigDiaguita / Diaguita-CalchaquíJujuy, Salta, Tucumán, Catamarca, Córdoba, La Rioja, Santiago del Estero, Santa Fe, Buenos Aires25.682eigenständigGuaraníJujuy, Salta, Corrientes, Misiones, Santa Fe, Entre Ríos, Buenos Aires18.172GuaraníHuarpeMendoza, San Juan, San Luis, Buenos Aires13.838eigenständigKollaJujuy, Salta, Buenos Aires63.848Quechua / Aymara (Andenvölker)MapucheChubut, Neuquén, Río Negro, Santa Cruz, Tierra del Fuego, La Pampa, Buenos Aires104.988Pampeano-Patagónico (in den meisten Publikationen, Ursprung jedoch unklar)Mbyá-GuaraníMisiones4.083GuaraníMocovíChaco, Santa Fe12.145GuaycurúOmahuacaJujuy1.370QuechuaOna (Selk'Nam)Tierra del Fuego, Buenos Aires505Pampeano-PatagónicoPilagáFormosa3.948GuaycurúQuechuaJujuy343QuechuaRankulcheLa Pampa, Buenos Aires5.899Pampeano-PatagónicoSanavirónCórdoba528eigenständigTapieteSalta484Guaycurú oder eigenständigTehuelcheChubut, Santa Cruz, Buenos Aires5.937Pampeano-PatagónicoTobaChaco, Formosa, Santa Fe, Buenos Aires62.047GuaycurúTupi GuaraníJujuy, Salta, Corrientes, Misiones, Entre Ríos, Buenos Aires15.117GuaraníWichi (Mataco)Chaco, Formosa, Salta36.135Mataco-MataguayoInsgesamt403.125

Besiedlung und Kulturen bis zum Eintreffen der Spanier Es ist bis heute umstritten, wann der Kontinent Amerika zum ersten Mal von Menschen besiedelt wurde. Lange Zeit vorherrschend war die sogenannte Theorie der späten Besiedlung, auch Clovis-Konsens genannt, nach der um 14.000 v. Chr. erstmals Menschen von Asien aus über die Beringstraße nach Amerika wanderten. Im Gegensatz dazu steht die Theorie der frühen Besiedlung, die davon ausgeht, das schon zwischen 50.000 und 30.000 v. Chr. eine Wanderung nach Amerika stattfand, wobei die Vertreter dieser Theorie nicht nur eine Besiedlung über die Beringstraße für möglich halten, sondern auch von Seefahrer-Völkern aus Australien oder Polynesien sowie von Grönland aus. Dies würde auch die Theorie in Frage stellen, dass Südamerika von Nordamerika aus besiedelt wurde – es könnte sich auch um unabhängige Wanderungen mehrerer Völker handeln.Charles C. Mann, 1491, Taurus, Madrid 2006, S. 207–228