mini|hochkant|Johannes Reuchlin. Holzschnittdarstellung aus einem Einblattdruck von 1516 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Johannes Reuchlin Johannes Reuchlin, ab 1492 von ReuchlinOtto von Alberti: Württembergisches Adels- und Wappenbuch. Heft 9. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1899, S. 632. (auch Johann Reichlin, gräzisiert Kapnion und Capnion, Capnio (Räuchlein); * 29. JanuarGelegentlich wurde auch der 22. Januar 1455 als Geburtsdatum angegeben. 1455 in Pforzheim; † 30. Juni 1522 in Stuttgart), war ein deutscher Humanist, Philosoph, Jurist und Diplomat zur Zeit der Renaissance. Er gilt als der erste bedeutende deutsche Hebraist christlichen Bekenntnisses und verteidigte den Wert dieser Literatur vor der Inquisition. Für seine Verdienste wurde Reuchlin 1492 durch Kaiser Friedrich III. in den erblichen Adelsstand erhoben.

Leben Herkunft Reuchlin wurde am 29. Januar 1455, „zur 9. Stunde des Nachmittags“, in Pforzheim als Sohn des Georg Reuchlin und dessen Frau Elissa Erinna Eck geboren. Der Vater war vermutlich Stiftsverwalter des Dominikanerklosters PforzheimHans-Peter Willi: Reuchlin im Streit um die Bücher der Juden. Tübingen 2011, das Epitaph der Mutter befand sich bis zur Zerstörung in dessen Kreuzgang. Das genaue Geburtsdatum wurde von der Forschungsstelle Reuchlin der Akademie Heidelberg in einem der Bücher Reuchlins entdeckt, wo es Reuchlins Neffe Dionysius der Jüngere zusammen mit den genauen Sterbedaten dokumentiert hat.Dall'Asta/Dörner, S. 94/105 Johannes hatte eine Schwester Elisabeth Reuter. Durch ihren Mann war diese mit Melanchthons Familie mütterlicherseits verschwägert. Es gab noch einen prominenten Neffen, den Humanisten Jakob Spiegel.DI 57: Stadt Pforzheim (2003), auf inschriften.net

Studien Nach dem Besuch der Elementar- und Lateinschule des Pforzheimer Dominikanerklosters schrieb sich Reuchlin 1470 im Alter von 15 Jahren an der Universität zu Freiburg ein, um dort in der Artistenfakultät Grammatik, Philosophie und Rhetorik zu studieren. Nachdem er auch wegen seiner schönen Chorstimme am badischen Hof eingeführt worden war, begleitete er 1473 Friedrich IV. von Baden, 3. Sohn des Markgrafen Karl I. von Baden, als Erzieher zum Studium nach Paris. Hier wurde Reuchlin auch Schüler des Theologen Johannes Heynlin von Stein.Ludwig Geiger: Johann Reuchlin, sein Leben und seine Werke

1474 ließ er sich an der Universität Basel einschreiben, wo er 1477 die Würde eines Magister artium erwarb. In Basel entstand mit dem lateinischen Wörterbuch Vocabularius breviloquus Reuchlins erstes Werk.

1479 begann Reuchlin an der Universität Orléans ein Jurastudium. Im Widmungsschreiben zu De rudimentis Hebraicis berichtet Reuchlin, er habe sein Studium des römischen Rechts in Orléans durch Unterricht in den alten Sprachen finanziert. Im Wintersemester 1480/1481 wechselte er, als Baccalaureus der Rechte, an die Universität Poitiers, die hauptsächlich von Adligen und reichen Bürgersöhnen frequentiert wurde, die in den Verwaltungsdienst strebten. Am 14. Juni 1481 erhielt er dort ein Lizentiatendiplom in kaiserlichem (römischem) Recht.

Am 9. Dezember 1481 ließ er sich in die Matrikel der Universität Tübingen einschreiben und lehrte dort im Wintersemester Poetik und die Institutionen des römischen Rechts.

Im Dienst Eberhards von Württemberg mini|hochkant|Wappen Reuchlins auf der Titelseite von De arte cabalistica, Hagenau 1530 Von Februar bis April 1482 begleitete Reuchlin den württembergischen Grafen Eberhard im Bart als zweiter Orator auf dessen Reise nach Rom, bei der er mit Papst Sixtus IV. vor allem über die personelle und finanzielle Trennung der 1477 gegründeten Universität Tübingen vom Tübinger Sankt-Georg-Stift verhandelte. Entscheidende Impulse erhielt er auf dieser und weiteren Italienreisen 1490 und 1498 durch zahlreiche Begegnungen in Rom und Florenz, darunter mit den Humanisten Angelo Poliziano, Marsilio Ficino, Giovanni Pico della Mirandola und Aldus Manutius.Peter Wortsman: Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt! Am Anfang aller Zivilisation steht die multikulturelle Vielfalt: Vor 500 Jahren veröffentlichte der Humanist und Jurist Johannes Reuchlin seinen berühmten Aufruf zur religiösen Toleranz., Die Zeit, Hamburg 5. Januar 2011

Gespräche mit Del Medigo, einem gelehrten griechischen Juden, und Debatten über jüdische Texte weckten 1490 in Italien Reuchlins Interesse an der hebräischen Sprache und an den Schriften des Talmud sowie der Kabbalah, den Texten der jüdischen Mystik.Joseph Dan: Die Kabbala: Eine kleine Einführung. (= Reclams Universal-Bibliothek 18946), Reclam, Stuttgart 2. Auflage 2012, ISBN 978-3-15-018946-7, S. 96–97 All diese Themen begleiteten ihn von nun an. Del Medigo empfahl ihn weiter an den Rabbi Obadja Ben Jacob Sforno in Rom, den Leibarzt von Papst Alexander VI.Stephen G. Burnett: Jüdische Vermittler des Hebräischen und ihre christlichen Schüler im Spätmittelalter, auf digitalcommons.unl.edu

Ab Frühjahr 1483 gehörte Reuchlin zu den besoldeten Räten des Grafen und wurde Bürger in Stuttgart. Auf Grund seiner um 1484 geschlossenen Ehe mit einer vermögenden Tochter des in Ditzingen bei Leonberg lebenden Hänslin Müller fiel ihm reicher Landbesitz zu. Dadurch verfügte er über die finanziellen Mittel, um im Wintersemester 1484/1485 die hohen Promotionsgebühren zum Doktor im kaiserlichen Recht (legum doctor) an der Universität Tübingen tragen zu können. Der Graf entsandte Reuchlin nicht nur auf diplomatische Missionen, sondern rief ihn seit 1483 auch mehrfach als Beisitzer an das württembergische Hofgericht. Auf dem Reichstag zu Frankfurt 1486 traf er den Aristoteles-Interpreten Ermolao Barbaro.

Während eines Aufenthalts in Linz 1492 erhob Kaiser Friedrich III. Reuchlin in den erblichen Adelsstand und verlieh ihm das Ehrenamt eines Hofpfalzgrafen. In Linz lernte Reuchlin auch den kaiserlichen Leibarzt und wissenschaftlich gebildeten Juden Jacob ben Jechiel Loans kennen, der ihn in der hebräischen Sprache unterrichtete. Möglicherweise hat Reuchlin in seinem Werk über die Kunst der Kabbalistik, De arte cabalistica, seinem Lehrer ein literarisches Denkmal gesetzt: Zwei Schüler des gelehrten Juden Simon, ein spanischer Moslem und ein griechischer Pythagoräer, bedauern, dass dieser wegen des Sabbats ihr erstmaliges Zusammentreffen beenden muss. Nachdem er gegangen ist, preisen sie wortreich seine Weisheit und der Moslem ruft schließlich aus:

Dies gilt als Beispiel für Reuchlins ungewöhnliches Verständnis für andere Religionen in einer von Antijudaismus geprägten Zeit.

Flucht nach Heidelberg Nach dem Tod Eberhards im Februar 1496 verließ Reuchlin Württemberg, weil er die Rache Konrad Holzingers, eines engen Beraters des nachfolgenden Herzogs Eberhard II., fürchten musste, den er im November 1488 durch Berthold von Henneberg, den Erzbischof von Mainz, hatte verhaften lassen. Reuchlin überließ seiner Frau († um 1500) die Bewirtschaftung seines Landsitzes bei Ditzingen. Die Ehe blieb kinderlos. mini|Handschriftenprobe vom 21. November 1514. Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 239 In Heidelberg fand er Aufnahme beim Kanzler des Kurfürsten Philipp, dem Wormser Bischof Johann von Dalberg, und am Pfälzer Hof. Hier schloss er sich einem Gelehrtenkreis um Jakob Wimpfeling, Heinrich von Bunau, Dietrich von Plieningen, Conrad Leontorius, Adam Werner von Themar, Jakob Dracontius und Johann Vigilius an. Hier entstand die Komödie Sergius sive Capitis caput, eine satirische Verhöhnung des Reliquienkultes und ein Angriff gegen die, welche ihn ins Exil getrieben hatten. Auch seine zweite Komödie Henno entstand in dieser Zeit und wurde im Hause Dalberg 1497 uraufgeführt.

Bei einer weiteren Italienreise im Auftrag Philipps 1498 erwarb er hebräische und griechische Werke, nahm Kontakt mit dem Drucker und Verleger Aldus Manutius in Venedig auf und besuchte erneut den Humanisten Marsilio Ficino in Florenz.Hans-Peter Willi: Reuchlin im Streit um die Bücher der Juden. Tübingen 2011

Richter des Schwäbischen Bundes Nach der Entmachtung Herzog Eberhards II. 1498 kehrte Reuchlin mit Unterstützung seines Mentors Johannes Vergenhans nach Württemberg zurück. In Stuttgart heiratete der inzwischen verwitwete Reuchlin die aus einer wohlhabenden Familie stammende Anna Decker. Dieser Ehe entspross ein Kind, das jedoch in jungen Jahren verstarb.

Im Januar 1502 wurde Reuchlin als Vergenshans’ Nachfolger zu einem der drei Richter des Schwäbischen Bundes gewählt. In diesem Jahr fand er durch die Bekanntschaft mit dem dortigen großherzigen Probst Pater Petrus Aufnahme im Kloster Denkendorf mit seinem gesamten Hausstand während einer Pestquarantäne. Ohne eigene Bibliothek verfasste er dort sein Predigthandbuch „De arte praedicandi“.Karl Boyé: Vorwort des Projektleiters; in: Johannes Reuchlin: Liber congestorum de arte praedicandi. Zusammenstellung über die Kunst des Predigens. Erstmalig aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen durch eine Schüler-Projektgruppe; Hg. Reuchlin-Gymnasium Pforzheim, Mai 2025, S. 15. Als Reuchlin später auf seine Amtszeit zurückblickte, schrieb er: „Zivilprozesse häuften sich über mir auf. Ich war ständig am Gericht und nahm auch an den Beratungen der mächtigsten deutschen Fürsten teil. Als ich dann zur höchsten Würde des schwäbischen Dreierkollegiums erwählt worden war, die ich elf Jahre ohne Unterbrechung bekleidete, hatte ich mehrere Male dem Vaterland drohende Kriege durch gerechtes Judizieren abgewandt, und nicht einmal in dieser Zeit meine auswärtigen Studien zu kurz kommen lassen.“Reuchlin, De accentibus et orthographia linguae hebraicae libri tres, Hagenau 1518, Widmung an Kardinal Adriano de Castello, fol. 3a.

Ausdruck humanistischer Gesprächskultur waren die gelehrten Gastmähler mit philosophisch-politischen Diskussionen, die sich nach einem Bericht von Michael Köchlin alias Coccinius jeweils den Sitzungen des 1502 bis 1513 regelmäßig in Tübingen tagenden Bundesgerichts anschlossen. Auch unter Mitwirkung des 1510 von Reuchlin aus Pforzheim nach Tübingen vermittelten Georg Simler und des Druckers Thomas Anshelm wurde die Universität Tübingen in dieser Zeit wieder eines der Zentren des Humanismus im deutschen Südwesten.

Als Herzog Ulrich von Württemberg 1512 den Schwäbischen Bund verlassen hatte und das Bundesgericht nach Augsburg verlegt werden sollte, legten alle drei Bundesrichter wegen ihrer engen Verbindung mit dem württembergischen Hof im Januar 1513 ihre Ämter nieder.

Privatgelehrter und Professor mini|De accentibus et orthographia linguae Hebraicae. 1518: Notendarstellung einzelner Teamim (Tropen bzw. Kantillationen), rechts das Druckerwappen Reuchlin verbrachte seine letzten Lebensjahre als Privatgelehrter und Rat, dabei überschattet vom Konflikt mit den Dominikanern (siehe Abschnitt unten). Aus den dynastischen Auseinandersetzungen in Württemberg nach der Ermordung Hans von Huttens 1515 durch Herzog Ulrich und der Flucht seiner Frau Sabina von Bayern hielt sich Reuchlin heraus, um nicht Ulrichs Unterstützung im Prozess mit den Dominikanern vor dem Apostolischen Stuhl aufs Spiel zu setzen.

Die Eroberung Württembergs 1519 durch den Schwäbischen Bund veranlasste Reuchlin nach dem Tod seiner zweiten Frau nochmals zur Flucht, weil er Räubereien fürchtete. Im November fand Reuchlin Unterkunft in Ingolstadt und erhielt im Februar 1520 auf Betreiben des bayerischen Herzogs Wilhelm IV. an der Universität Ingolstadt eine hochbezahlte Professur für Hebräisch. Johannes Gussubelius († 1529) hielt auf Reuchlins Bitte vor dessen erster Vorlesung eine ausführliche Lobrede auf ihn.Ludwig Geiger: Johann Reuchlin, sein Leben und seine Werke, 468