Gesangsregister bezeichnen körperliche Einstellungen beim menschlichen Gesang, die bestimmte Tonhöhen und Klangfarben hervorrufen. In verschiedenen Tonhöhenbereichen unterscheidet sich der Klangeindruck der unausgebildeten menschlichen Stimme deutlich und es können Brüche zwischen diesen Bereichen auftreten. Da es das Ideal des europäischen Kunstgesanges ist, diese Stimmqualitäten auszugleichen und die Übergänge unmerklich zu machen (Registerausgleich), spielt der Registerbegriff in der Gesangspädagogik und in der Erforschung der menschlichen Gesangsstimme eine besonders wichtige Rolle.

Definition mini|hochkant=1.5|Abbildung 1: Die Laryngoskopie. Aus: Garcia, 1884 Für die Registerdefinition und -einteilung existieren zwei verschiedene Herangehensweisen:

die allgemein verbreitete phänomenologische oder akustische Definition: „Eine allgemein verbreitete Definition besagt, dass ein Register ein Phonationsfrequenzbereich [das heißt Stimmlagenbereich] ist, in dem alle Töne so wahrgenommen werden, als seien sie auf ähnliche Weise entstanden und besäßen ein ähnliches Timbre“ (Sundberg, 1997).Johan Sundberg: Die Wissenschaft von der Singstimme 1997, S. 74 die funktionale oder laryngeale Definition, sie beruht auf den Erkenntnissen von Manuel Patricio Rodríguez García, dem Erfinder des Kehlkopfspiegels, seit etwa Mitte des 19. Jh. Demnach ist ein Register eine Serie homogener (gleichklingender) Töne, die durch einen Mechanismus des Stimmapparates gebildet werden, die man von einer anderen Serie homogener Töne unterscheiden kann, die auf einem anderen, unterschiedlichen Mechanismus beruhen.Manuel Garcia: Mémoire sur la voix humaine, présente´ à l’Académie des Sciences en 1840, Encyclographie des sciences médicales, Bruxelles, 1840, Vol 4 No 2, S. 391 (online hier bei Google-Books, siehe dazu Diskussion: "Link zur Originalarbeit Manuel Garcia").

Da sich die aus den beiden Definitionen ergebenden Registereinteilungen durchaus nicht decken müssen und die erste Definition einen nicht unerheblichen subjektiven Anteil besitzt, ist es verständlich, dass es viel Verwirrung und Streit um die Register und ihre Einteilung gibt. Daher soll im Folgenden getrennt nach den beiden Definitionen vorgegangen werden.

Registereinteilung Phänomenologische Register Die folgende Aufstellung versucht, die gebräuchlichsten Bezeichnungen und Beschreibungen für die phänomenologischen Register aufzuführen. Das Strohbassregister, Schnarrregister oder Pulsregister entspricht dem laryngealen Mechanismus M0 und bezeichnet das tiefste Register im menschlichen Stimmumfang. Es kann sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Stimmen auftreten; sein Frequenzbereich wird in der Literatur für Männer und Frauen als ähnlich beschrieben. Es erzeugt knarrende, tiefe Geräusche im Bereich unterhalb von ca. 70 Hz. In diesem Frequenzbereich werden die Schwingungen als einzelne „Pulse“ wahrgenommen. Der Einsatz des Strohbassregisters ist im europäischen Kunstgesang nicht üblich, wohl aber z. B. beim Gesang bestimmter asiatischer Völker („Untertongesang“). Das Bruststimmregister wird auch als Vollstimme oder als Modalstimme bezeichnet und ist beim Mann das Hauptregister der mittleren Tonlage, bei der Frau das tiefste Register. Bei der Frau wird die Bruststimme im modernen europäischen Kunstgesang zumeist vermieden oder als besonderes Ausdrucksmittel in der tiefsten Lage verwandt. Im Pop-, Rock- und Musicalgesang wird das Bruststimmregister dagegen häufig bewusst als stilistisches Mittel eingesetzt. Die Mittelstimme oder voix mixte stellt eine klangliche Mischung aus Brust- und Falsett- bzw. Kopfstimme dar. Die Mittelstimme hat bezüglich des Registerausgleiches als „Vermittlerin“ zwischen den Registern eine besondere Bedeutung. Die Mittelstimme ist bei der Frau das Hauptregister der mittleren Tonlage. Die Bezeichnung Kopfstimme wird entweder als Synonym für die Mittelstimme verwandt oder als Synonym für das Falsett, gelegentlich wird ihr eine darüber hinausgehende eigene Bedeutung zugemessen. Von der Kopfstimme wird oft auch bei den hohen, gestützten Tönen der Männer oberhalb des männlichen Passaggio gesprochen. Für die meisten Sänger ist das Passaggio, der Übergang zwischen Brust- und Kopfstimme, in höheren Lagen besonders wichtig und bei unausgebildeter Stimme oft deutlich hörbar. Bei Sängerinnen ist er im Allgemeinen weniger ausgeprägt. Das Falsett ist, abgesehen vom Pfeifregister, der höchste Bereich der Stimme. Beim Mann ergibt sich bei der ungeübten Stimme ein hauchiger, relativ schwacher um eine Oktave hochgestellter Klang, wie bei der Imitation der weiblichen Stimme. Die ausgebildete Falsettstimme ist die des Countertenors oder Altus und durch eine gute Tragfähigkeit und klangliche Beimischung in der Tiefe durch Brust- und Kopfstimme gekennzeichnet. Als Synonym für Falsett wird gelegentlich Fistelstimme verwandt. In der Regel wird aber als Fistelstimme nur die hauchige, schwache Falsettstimme des unausgebildeten Sängers angesprochen. Das Pfeifregister (auch Flageolettregister genannt) ist das höchste Register der menschlichen Stimme. Es wird normalerweise benutzt, um Töne ab etwa e’’’ (e3, internationale Bezeichnung E6) zu produzieren. Diese Töne erlauben keine Schwelltöne, Artikulation und Vokaldifferenzierung mehr. Sehr selten können auch Männer mit dieser Pfeifstimme singen.

Funktionale Register mini|hochkant|Abb. 2: Schematische Darstellung einer Stimmlippe im Querschnitt mini|hochkant|Abb. 3: Bewegung der Stimmlippen in der Modalfunktion, nach Hirano, 1968Minoru Hirano: The vocal cord during phonation. Igaku no Ayumi 80 (1968), no. 10. S. 622–627 Grundlage der funktionalen Registereinteilung sind einerseits physiologische messende Untersuchungen mit Hilfe moderner Untersuchungstechniken wie z. B. Elektroglottogrammen (EGG), bei denen die Öffnungs- und Schließphasen der Stimmritze gemessen werden, oder die direkte stroboskopische Beobachtung der Bewegungen der Stimmlippen. Andererseits wurden die Schallspektren der verschiedenen Registerbereiche und dabei insbesondere die dabei zu messenden Formantenausprägungen untersucht.

Grundsätzlich lassen sich folgende funktionale Register anhand der Tätigkeit der Stimmlippen unterscheiden:

In der Strohbassfunktion sind die Vocalis-Muskeln, und damit die gesamten Stimmlippen, kurz und dick, entspannt und geschmeidig. Die Stimmlippen schwingen mit nur sehr kurzen Öffnungszeiten und langen Schließphasen, sie erzeugen dabei tiefe, knarrende Geräusche. In der Modalfunktion schwingen ebenfalls die gesamten Stimmlippen, wobei eine vertikale Phasendifferenz auftritt. Die Stimmlippen sind dick und besitzen eine vergleichsweise große vibrierende Masse und Vibrationsamplitude. Die Öffnungs- und Schließphasen sind im Vergleich zur Strohbassfunktion gleichmäßiger bis hin zum Überwiegen der Öffnungsphasen. Die erzeugten Töne entsprechen der Bruststimme. mini|hochkant|Abb. 4: Bewegung der Stimmlippen in der Falsettfunktion In der Falsettfunktion sind die Stimmlippen dünn und die Vibrationsamplitude ist im Vergleich zur Modalstimme (Bruststimme) deutlich geringer. Es schwingen nur noch die Schleimhaut-Ränder (Randkanten) der Stimmlippen (in Abbildung 2 die Mucosa), weswegen hier auch von Randstimme gesprochen wird. Eine vertikale Phasendifferenz tritt nicht mehr auf. Die Öffnungsphase ist immer länger als die Schließphase, der Stimmlippenschluss ist dabei oft nur unvollständig, insbesondere bei behauchter Phonation. In der Literatur wird gelegentlich auch ein weiterer Mechanismus bei der Falsettstimme beschrieben: beim Übergang in die Falsettfunktion sollen die Stimmlippen durch die Stellung der Stellknorpel an dem den Stellknorpeln zugewandten Teil derart verschlossen werden, dass nur noch ca. 2/3 der Stimmlippen bzw. deren Randkanten schwingen können. Das Pfeifregister ist bezüglich der Physiologie das bis ins 21. Jahrhundert am wenigsten erforschte Register der Stimme. Man nahm früher an, dass diese Töne entstehen, wenn die Stimmlippen maximal angespannt und bis auf eine kleine Restöffnung geschlossen sind. Sie würden demnach nicht oder kaum schwingen, und der Ton werde ähnlich wie beim Pfeifen mit dem Mund durch die Luftverwirbelung hinter der Restöffnung hervorgerufen.So noch 2017, offenbar in Unkenntnis der jüngeren Forschungen, Tomasz Kurianowicz: Der Wettkampf um die höchsten Töne, Zeit online, Blog Teilchen, 9. November 2017; abgerufen am 6. Mai 2020. Erst 2012 konnte der Phoniater Matthias Echternach mit modernen endoskopischen Methoden zeigen, dass diese Annahme falsch war; er erbrachte mithilfe eines Laryngoskops den Nachweis, dass die Stimmlippen sehr wohl auch in diesen Tonhöhen noch schwingen, mindestens bis in eine Tonhöhe von 1568 Hertz (3-gestrichenes g). Echternach wurde für diese Forschungsarbeit mit dem European Phoniatrics Voice Award 2014 ausgezeichnet.Helga Rietz: Arien für die Wissenschaft, in: NZZ, 24. Dezember 2014; abgerufen am 6. Mai 2020., Webpräsenz XION, Archiv 2014; abgerufen am 6. Mai 2020.

Lässt man Strohbass und Pfeiffunktion außer Betracht, ergeben sich zwei funktionale Register, die Modalfunktion und die Falsettfunktion. Gelegentlich finden sich auch 3-Register-Hypothesen. Der amerikanische Forscher und Gesangspädagoge Lloyd W. Hanson findet zwischen Modalfunktion und Kopfstimme einen Bereich, den er als middle voice oder mixed voice bezeichnet.

Als wesentliches Charakteristikum schwingt nach Hanson bei der middle voice oder mixed voice der Vocalismuskel nicht mehr mit, aber das Ligament (Stimmband) ist noch an der Vibration beteiligt. Erst bei der Kopfstimme schwingen nur noch die Stimmbandränder ohne Beteiligung von Muskel und Ligament. Nach seiner Meinung ist dies das Register des Countertenors. Kopfstimme und Falsett unterscheidet er darin, dass bei Letzterem der Stimmbandschluss unvollständiger ist und dadurch die Stimme hauchiger ist.

Da die Terminologie insbesondere bei Falsett, Fistelstimme, Pfeifstimme bei einzelnen Autoren sehr uneinheitlich ist, ziehen es moderne Stimmforscher vor, mit objektiveren nummerierenden Bezeichnungen zu arbeiten. Ein Beispiel ist eine Arbeit von Henrich et al.N. Henrich, B. Roubeau, M. Castellengo: On the use of electroglottography for characterisation of the laryngeal mechanisms. Proc. Stockholm Music Acoustics Conf., 2003, Stockholm, Sweden, S. 455–458 (online hier verfügbar). Die Autoren führten Elektroglottogramm-Messungen an professionellen Sängern durch und konnten folgende vier Funktionen eindeutig unterscheiden:

m 0 entspricht Strohbassfunktion m I entspricht Modalfunktion bei der Frau, Modalstimme und Kopfstimme beim Mann m II Falsettfunktion m III Pfeifstimme bei der Frau.

Diese Einteilung entspricht einer 2-Register-Hypothese und ist die zurzeit in der Forschung über die Gesangsstimme gebräuchlichste Bezeichnungsweise.

Nach Cornelius L. Reid kommen die beiden Grundregister, Brust- und Falsettregister, durch die unterschiedliche Zusammenarbeit der Muskeln des Kehlkopfs zustande: Das Brustregister und/oder Modalregister beruht auf der Dominanz der inneren Kehlkopfmuskeln bei geschlossener Stimmritze, das Falsett hingegen auf der Dominanz der außerhalb des Kehlkopfs gelegenen Stimmlippendehner (musculi cricothyroidei), und zwar bei vollständig geöffneter Stimmritze. Die inneren Kehlkopfmuskeln gehören funktional zum Atmungssystem, ihre Beteiligung an der Tonerzeugung ist offensichtlich, denn sie öffnen und schließen die Stimmritze. Die außen gelegenen Stimmlippenspanner hingegen, welche den Schildknorpel des Kehlkopfs kippen, sind an den peristaltischen Bewegungen während des Schluckens beteiligt. Der Einfluss der Stimmlippenspanner auf die Stimme ist die Tonhöhenregulierung, da sie die Stimmlippen verlängern und verdünnen.