mini|Blumenniederlegung vor der Wirtschaftsschule in Freising am Tag des Amoklaufs von Eching und Freising 2002 Als Amoklauf an einer Schule (auch School Shooting oder umgangssprachlich Schulmassaker) wird ein bewaffneter Angriff mit Tötungsabsicht auf Personen mit Bezug zu einer Schule oder sonstigen Bildungseinrichtung bezeichnet. Die genaue Definition des Phänomens ist in der sozialwissenschaftlichen und kriminologischen Forschung umstritten.
Trotz der großen medialen Aufmerksamkeit, die diesen Taten zukommt, handelt es sich insgesamt betrachtet und im Vergleich zur alltäglichen Gewalt an Schulen um ein sehr seltenes Phänomen, das jedoch gravierende und langwierige Auswirkungen auf die Betroffenen hat.
Bisherige Forschungen haben ergeben, dass die Täter ein sehr heterogenes psychologisches Profil aufweisen, was eine frühzeitige Identifizierung potenzieller Schulamokläufer erschwert. In den meisten Fällen enden Amokläufe an Schulen durch das Einschreiten von Lehr- bzw. Polizeikräften oder durch den Suizid des Täters.
Begriff und Definition Für das Phänomen werden unterschiedliche Begriffe verwendet, deren Definitionen in der sozialwissenschaftlichen und kriminologischen Forschung umstritten sind. Im deutschen Sprachraum wird in der sozialwissenschaftlichen Forschung überwiegend die Bezeichnung Amok verwendet.Jörn Ahrens: Die unfassbare Tat – Gesellschaft und Amok. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-593-42864-2 In den Vereinigten Staaten werden Schulamokläufe hingegen als School Massacre, School Shooting oder School Rampage bezeichnet. Der Begriff School Shooting wurde auch in der deutschen Fachsprache und in den Medien übernommen, hat den Leitbegriff Amok aber bislang nicht abgelöst. Weitere Begriffe, die zur Bezeichnung des Phänomens benutzt werden, sind „Schulmassaker“, „Schulanschlag“, „intendierte Mehrfachtötungen durch jugendliche Täter an Bildungsinstitutionen“ oder „Classroom Avenger“.
Bannenberg (2010) verwendet den Begriff „Amoklauf“ im schulischen Bereich für „lange geplante Gewalttaten mit übersteigerten Hass- und Rachefantasien, die meistens im ebenfalls geplanten Suizid enden.“Britta Bannenberg: Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, ISBN 978-3-641-04216-5. Bondü (2012) definiert den Begriff School Shooting als „[gezielten Angriff] eines (ehemaligen) Schülers an seiner bewusst als Tatort ausgewählten Schule mit potentiell tödlichen Waffen und Tötungsabsicht. Die Tat ist durch individuell konstruierte Motive im Zusammenhang mit dem Schulkontext bedingt und richtet sich gegen mit der Schule assoziierte, zumindest teilweise zuvor ausgewählte Personen oder Personengruppen.“Rebecca Bondü: School Shootings in Deutschland: Internationaler Vergleich, Warnsignale, Risikofaktoren, Entwicklungsverläufe. Dissertation, Freie Universität Berlin, Berlin 2012 (online, abgerufen am 13. Oktober 2019). Entgegen der Wortbedeutung müsse es sich bei der Tatwaffe nicht um eine Schusswaffe handeln. Beim School Shooting handele es sich um eine spezifische Form des Amoklaufs.
Im Gegensatz zu Bondü verlangen Leary et al. (2003) den Gebrauch von Schusswaffen, damit von einem School Shooting gesprochen werden könne. Uneinigkeit unter Forschern besteht auch über die Erforderlichkeit einer Mindestanzahl von Todesopfern. Einige verlangen mindestens drei Todesopfer, andere definieren die Tat unabhängig von der Zahl der Todesopfer. Ebenfalls umstritten ist, ob der Täter aus dem Kreis der aktuellen oder ehemaligen Schüler stammen muss.Mandy Salzig: Definition und Typologie. In: Matthias Böhmer (Hrsg.): Amok an Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge bei School Shootings. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-22707-4, S. 1–11, hier: S. 3.
Stand und methodische Probleme der Forschung Seit Ende der 1990er Jahre wird das Phänomen verstärkt erforscht. Die meisten empirischen Studien konzentrieren sich bislang auf die USA, wobei deren Ergebnisse aufgrund von landesspezifischen und kulturellen Unterschieden nicht ohne Weiteres auf die Situation in anderen Ländern übertragen werden können. Seit 2009 existieren erste Forschungsergebnisse zu Taten und Tätern in Deutschland.
Die Erforschung des Phänomens ist mit mehreren methodischen Problemen behaftet:
Da es an einem einheitlich verwendeten und definierten Begriff für das Phänomen fehlt, lassen sich die Vorfälle und vorhandenen Studienergebnisse nur eingeschränkt miteinander vergleichen. Die geringe Täterpopulation trägt dazu bei, dass Untersuchungen meist nur an kleinen Stichproben durchgeführt werden und die Studienergebnisse daher nicht ohne Weiteres generalisiert werden können. Es fehlt an Kontrollgruppen, die zur verlässlichen Identifizierung von Einflussfaktoren nötig wären. Übereinstimmende Studienergebnisse könnten darauf zurückzuführen sein, dass wiederholt dieselben Fälle untersucht werden. Die Taten können nur retrospektiv untersucht werden, prospektive Langzeituntersuchungen verbieten sich aus ethischen Gründen. In vielen Studien werden Einflussfaktoren aufgelistet, ohne sie zu gewichten oder zu erklären.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Zugang zu Datenquellen eingeschränkt ist. So sind die Ermittlungsakten für die Forscher meist nicht zugänglich und eine Befragung der Täter ist oft nicht (mehr) möglich, weil sie sich das Leben genommen haben oder nicht zu Aussagen bereit sind. Von ihnen hinterlassene Aufzeichnungen lassen häufig Fragen offen. Auch Angehörige und Freunde der Täter zeigen nur selten Bereitschaft, an Studien mitzuwirken.
Mangels anderer Datenquellen greifen Forscher daher auf die Analyse von Medienberichten zurück. Problematisch ist dabei, dass die Medienberichterstattung nicht verlässlich ist, da häufig Falschinformationen oder Stereotype über die Tat und den Täter verbreitet werden. Mangelnde Sprachkenntnisse der Forscher erschweren die Recherche von Schul-Amokläufen in afrikanischen oder asiatischen Ländern im Vergleich zu Taten in Ländern in Europa, Nord- und Südamerika.
Inzidenz und historische Entwicklung Trotz der großen medialen Aufmerksamkeit, die diesen Taten zukommt, handelt es sich insgesamt betrachtet und im Vergleich zur alltäglichen Gewalt an Schulen um ein sehr seltenes Phänomen. Bondü (2012) beziffert die Wahrscheinlichkeit, Todesopfer bei einem Schul-Amoklauf zu werden, für die USA und das Jahr 1999 auf 1:1.000.000 bis 1:2.000.000. Genaue Angaben zur Inzidenz sind aufgrund der beschriebenen methodischen Probleme bei der Erforschung von School Shootings nicht möglich. Bannenberg (2010) und Bondü (2012) gehen von einer Tat pro Jahr in Deutschland aus, Tendenz jedoch steigend. Hinzu kommen rechtzeitig verhinderte oder lediglich angekündigte Taten. Robertz und Wickenhäuser (2007) ermittelten für den Zeitraum von 1974 bis 2006 weltweit 99 School Shootings. mini|Chronologie der Amokläufe an Schulen in der Bundesrepublik Deutschland Bis Ende der 1980er Jahre traten schulbezogene Amokläufe weltweit nur vereinzelt auf. Zu den am weitesten zurückliegenden, dokumentierten Taten gehören der Amoklauf von Julius Becker an einem Saarbrücker Gymnasium im Jahr 1871, der Amoklauf in Bremen 1913, das Schulmassaker von Bath 1927, das Attentat von Volkhoven im Jahr 1964 und der Amoklauf von Brenda Ann Spencer im Jahr 1979. Ab den 1990er Jahren stieg die Zahl der Taten vor allem in den Vereinigten Staaten deutlich an. Während sich dort zwischen 1992 und 1994 durchschnittlich nur ein School Shooting pro Jahr ereignet hatte, kam es von 1995 bis 1999 jährlich zu fünf Vorfällen dieser Art. Nach dem Amoklauf an der Columbine High School im April 1999, der aufgrund der enormen Medienberichterstattung international für Aufsehen sorgte, kam es auch weltweit zu einem signifikanten Anstieg an School Shootings. Zwischen 2000 und 2002 ereigneten sich 30 % der Amokläufe an Schulen außerhalb der USA. Trotz einer Reihe von Nachahmungstaten, die der Columbine-Amoklauf nach sich zog, war die Zahl der School Shootings in den USA hingegen laut Fox und Levin (2005) ab dem Schuljahr 2001/2002 wieder rückläufig, was auf die erhöhte Sensibilisierung und Prävention zurückgeführt wird. Auch an Schulen in der Bundesrepublik Deutschland sind Amokläufe sehr seltene Ereignisse. Bis zum Jahr 1998 sind in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nur zwei Amokläufe an Schulen mit Toten zu verzeichnen. Danach nahm die Zahl deutlich zu. Im Zeitfenster zwischen 2013 und 2022 ist dann eine tatfreie Zeit festzustellen. Danach stieg die Zahl der Amokläufe deutlich an.
Tatmerkmale Tatplanung und -vorbereitung Bei Amokläufen an Schulen handelt es sich nur selten um impulsive Taten. Die meisten School Shootings werden von den Tätern genauestens geplant und vorbereitet.Jennifer Hausen: Merkmale der Tat (Motive, Ablauf). In: Matthias Böhmer (Hrsg.): Amok an Schulen. Prävention, Intervention und Nachsorge bei School Shootings. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-22707-4. In den von Vossekuil et al. (S. 23 f.) untersuchten Fällen betrug die Zeitspanne von der Tatidee bis zu ihrer Ausführung bei 95 % der Fälle zwischen einem Tag und einem Jahr, wobei über 51 % der Täter die Idee zur Tat mindestens einen Monat im Voraus entwickelten. In 93 % der Fälle wurde die Tat geplant und vorbereitet, 63 % der School Shooter taten dies mindestens zwei Tage vor dem Amoklauf. Bei einigen Tätern dauerte die Entwicklung des Tatplans zwischen sechs und acht Monaten.Bryan Vossekuil et al.: The Final Report and Findings of the Safe School Initiative: Implications for the Prevention of School Attacks in the United States. (PDF, 556 kB) U. S. Department of Education, Office of Elementary and Secondary Education, Safe and Drug-Free Schools Program and U. S. Secret Service, National Threat Assessment Center, Washington, D.C., 2002.
Neuere Veröffentlichungen gehen davon aus, dass mögliche Täter mittlerweile voneinander lernen, sozusagen trainieren („Schule des Tötens“) mit dem Ziel eines möglichst hohen Wirkungsgrades und maximaler Aufmerksamkeit für die geplante Tat; hierbei verschiebe sich der Schwerpunkt von einem „Gewaltausbruch“ zu einem gut organisierten Vorgehen.
Tatankündigung (Leaking) In vielen Fällen kündigen die Täter den Amoklauf im Vorfeld direkt oder indirekt, absichtlich oder unabsichtlich an. Dieses sogenannte Leaking (von englisch to leak, hier im Sinne von ‚etwas durchsickern lassen‘) äußert sich beispielsweise in Form von verbalen Androhungen, durch das Erstellen von Opferlisten oder Andeutungen in Tagebucheinträgen, Schulaufsätzen, Gedichten, Briefen, Chats, Interneteinträgen, Videos oder Zeichnungen. Indirektes Leaking kann sich durch einen exzessiven Konsum gewalthaltiger Medien, ein gesteigertes Interesse an Gewalt oder Waffen, das Sammeln von Informationen zu früheren Taten und Tätern, eine Änderung des Verhaltens und äußeren Erscheinungsbilds (z. B. neuerliches Tragen von Armeekleidung oder schwarzer Bekleidung) oder suizidale Tendenzen zeigen.
Vossekuil et al. (S. 25) kamen bei ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass es in 81 % der Fälle mindestens eine Person gab, die von den Tatgedanken oder dem Tatplan des Amokläufers wusste. Bei dieser Person handelte es sich in 93 % der Fälle um einen Freund, Klassenkameraden oder Geschwister des Täters.
Welche Motive die Täter mit dem Leaking verfolgen, gilt als nicht abschließend geklärt. Teilweise wird vermutet, dass der spätere Täter durch das Leaking die Umsetzung seiner Gewaltfantasie erprobe. Auch wird angenommen, dass es sich um einen Hilferuf, eine letzte Warnung oder ein Mittel zur Erzeugung von Angst, zur Ausübung von Kontrolle oder zur Demonstration von Macht und Überlegenheit handele.
Tatauslöser und -motive