mini|Marquard Freher, porträtiert von Johann Jakob Haid
Marquard Friedrich Freher (* 26. Juli 1565 in Augsburg; † 13. Mai 1614 in Heidelberg) war ein deutscher Jurist, Historiker, Publizist, Diplomat und Staatsmann. Sein Berufsleben verbrachte er nach einem rechtswissenschaftlichen Studium hauptsächlich in Heidelberg im Dienst der Kurpfalz. Durch seine Veröffentlichungen zu unterschiedlichsten Themenbereichen war er ein produktiver Vertreter des deutschen Humanismus.
Leben Herkunft und Ausbildung mini|Marquard Frehers Ururgroßvater und Urgroßvater, Marquard Freher I. († 1473) und Marquard Freher II. (1464–1535): Kupferstich im Auftrag Paul Frehers II. (1611–1682), eines Nachfahren der beiden Dargestellten und Neffen des hier behandelten Juristen Marquard mini|Stammtafel Marquard Frehers, zusammengestellt von Dietrich Kornexl 1966 Die Familie Freher führte sich zurück auf ein altes Adelsgeschlecht von Weysach (Wyssach, Weissach), ihr Adel wurde 1588 in einem kurfürstlichen Wappenbrief anerkannt.Dietrich Kornexl: Studien zu Marquard Freher (1565–1614). Leben, Werke und gelehrtengeschichtliche Bedeutung. Dissertation, Freiburg im Breisgau 1966, S. 6. Gundula Caspary: Späthumanismus und Reichspatriotismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 25 Anm. 23. In der Reichsstadt Augsburg gehörte die Familie zur Honoratiorenschicht. Marquard Frehers gleichnamiger Vater (* 1542; † 1601) war ebenfalls Jurist, war in Italien in Rechtswissenschaften promoviert worden und stand während seiner Berufslaufbahn ebenfalls zum Teil in kurpfälzischen Diensten. Dennoch war die reichsstädtische Herkunft für Marquard Freher junior zeitlebens prägend und er bezeichnete sich als Augsburger und „Schwabe“ (lateinisch Suevus). Im Vorwort zu einem seiner Werke schrieb er später, dass er bereits als Kind eine starke Faszination für geschichtliche Themen empfunden habe.Wilhelm Kühlmann: Geschichte, Politik, Philologie und Nation. Zum Werkprofil des pfälzischen Gelehrten Marquard Freher. In: Jörg Kreutz, Hermann Wiegand (Hrsg.): Marquard Freher (1565–1614). Historiker, Jurist und Dichter der Kurpfalz. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-932102-33-2, S. 31–61, hier S. 31 (Familie, Vater, Herkunft) und S. 32–33 (Faszination für Geschichte).
Marquard Freher besuchte zunächst ab 1575/1576 das Akademische Gymnasium Altdorf und wechselte dann, da dort keine rechtswissenschaftlichen akademischen Grade verliehen wurden, 1581 an die Universität Basel. Schließlich ging er 1583 nach Frankreich an die Universität Bourges, wo er bei Jacques Cujas Rechtswissenschaften studierte und im April 1585 das Lizentiat erlangte. Ob er dort auch bereits im Mai 1585 das Doktorat in bürgerlichem Recht erwarbWinfried Dotzauer: Deutsche Studenten an der Universität Bourges. Meisenheim am Glan 1971, S. 81 und 90. oder die Doktorwürde erst 1596 in Heidelberg erhielt,Wilhelm Kühlmann: Geschichte, Politik, Philologie und Nation. Zum Werkprofil des pfälzischen Gelehrten Marquard Freher. In: Jörg Kreutz, Hermann Wiegand (Hrsg.): Marquard Freher (1565–1614). Historiker, Jurist und Dichter der Kurpfalz. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-932102-33-2, S. 31–61, hier S. 45. wird unterschiedlich angegeben. Bald nach seinem Studium trat er 1587 in die Dienste der kurpfälzischen Regierung ein und blieb dort bis zu seinem Tod.
Familie Marquard Freher heiratete 1593 Katharina († 16. April 1598), Tochter des kurtrierischen Leibarztes Heinrich Weyer und Enkelin von Johann Weyer. Mit ihr hatte er zwei früh verstorbene SöhneJohannes Posthius: Ad tumulum Marqvardi Theodori Freheri, M. F. infantis suauiß. In: Marquard Freher: De Lvctv Minvendo, Et Desiderio Praemissae Conivgis Solando, Epistola Ad Iohannem Mvnstervm, Praefectum VViedanum. Epitaphium Catharinae Wierae. Heidelberg 1599 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München).Jan Gruter: De filio suo Philippo M. F. In: Marquard Freher: De Lvctv Minvendo, Et Desiderio Praemissae Conivgis Solando, Epistola Ad Iohannem Mvnstervm, Praefectum VViedanum. Epitaphium Catharinae Wierae. Heidelberg 1599 (Digitalisat). und eine Tochter namens Loysa Christina, die den Juristen Justinus Herdesianus heiratete.Hermann Wiegand: Marquard Freher und Lupodunum – Ein Humanist als Anwalt des antiken Ladenburg. In: Marquard Freher: De Lupoduno. Die erste Beschreibung des alten Ladenburg von 1618. Lateinisch–Deutsch. Übertragen und erläutert von Hermann Wiegand. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 1998, ISBN 3-932102-02-9, S. 93–121, hier S. 107. Frehers Frau Katharina wurde in der Peterskirche Heidelberg begraben.Marquard Freher: De Lvctv Minvendo, Et Desiderio Praemissae Conivgis Solando, Epistola Ad Iohannem Mvnstervm, Praefectum VViedanum. Epitaphium Catharinae Wierae. Heidelberg 1599 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München).Vgl. Renate Neumüllers-Klauser: Die Inschriften der Stadt und des Landkreises Heidelberg (= Die Deutschen Inschriften. Band 12. Heidelberger Reihe. Band 4). Alfred Druckenmüller, Stuttgart 1970, DOI:10.11588/diglit.52965, S. 296. Berufliche, wissenschaftliche und soziale Stellung Für seine Tätigkeit in der Kurpfalz erhielt er bereits 1588 vom dortigen Regenten Johann Kasimir einen Wappen- und Adelsbrief; später verlieh ihm Kurfürst Friedrich IV. den Ort Oberlustadt bei Germersheim als Lehen. Im Jahr 1596 erhielt er eine Professur der Rechte für den Fachbereich Codex an der Universität Heidelberg, die er jedoch zwei Jahre später wegen der Belastung durch seine politische Tätigkeit wieder aufgab. In den Folgejahren stand er als Rat im Dienst des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz, für den er verschiedene diplomatische Missionen, beispielsweise 1602/1603 an den polnischen Königshof und nach Böhmen, durchführte. 1606 wurde Freher Vizepräsident des kurpfälzischen Hofgerichts.Für die Jahre ab 1587 Wilhelm Kühlmann: Geschichte, Politik, Philologie und Nation. Zum Werkprofil des pfälzischen Gelehrten Marquard Freher. In: Jörg Kreutz, Hermann Wiegand (Hrsg.): Marquard Freher (1565–1614). Historiker, Jurist und Dichter der Kurpfalz. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-932102-33-2, S. 31–61, hier S. 45–46.
Freher unterhielt Briefwechsel mit diversen Persönlichkeiten des politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens, so zum Beispiel dem Diplomaten Jacques Bongars, dem Dichter Paul Melissus, dem Philologen Jan Gruter, dem Dramatiker Theodor Rhodius, dem Beamten Georg Michael Lingelsheim und dem Verleger und kurpfälzischen Hofbuchdrucker Gotthard Vögelin.Wilhelm Kühlmann: Geschichte, Politik, Philologie und Nation. Zum Werkprofil des pfälzischen Gelehrten Marquard Freher. In: Jörg Kreutz, Hermann Wiegand (Hrsg.): Marquard Freher (1565–1614). Historiker, Jurist und Dichter der Kurpfalz. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-932102-33-2, S. 31–61, hier S. 46–47. Auch zum Pfarrer und Chronisten Johann Jakob Rüeger unterhielt er brieflichen Kontakt. Im Jahr 1607 gelang ihm die (Wieder?)-erwerbung des Codex Manesse für die Bibliotheca Palatina.
Tod und Nachlass Marquard Freher verstarb am 13. Mai 1614 nach starken Kopfschmerzen und kurzer Krankheit; bei seiner Bestattung am 15. Mai in der Heidelberger Peterskirche hielt der Pfarrer Johann Philipp Mylaeus die Leichenpredigt.Johann Philipp Mylaeus: Ein Christliche Leichpredigt / so bey der begrabnuss des […] Marquard Frehers / Churfürstl. Pfaltz Rahts und Vice-Hofrichters allhie zu Heydelberg / […] ist gehalten worden den 15. May / Anno 1614. Vögelin, Heidelberg 1614, besonders S. 1 und S. 27 (Digitalisat). Sein handschriftlicher Nachlass ging in den Besitz des Verlegers Gotthard Vögelin über, der drei darin enthaltene Schriften posthum herausgab.Dazu und zu Vögelins Biographie siehe Hermann Wiegand: Marquard Freher und Lupodunum – Ein Humanist als Anwalt des antiken Ladenburg. In: Marquard Freher: De Lupoduno. Die erste Beschreibung des alten Ladenburg von 1618. Lateinisch–Deutsch. Übertragen und erläutert von Hermann Wiegand. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 1998, ISBN 3-932102-02-9, S. 93–121, hier S. 116–118. Frehers Privatbibliothek überstand den Dreißigjährigen Krieg im Gegensatz zur Bibliotheca Palatina, die teils zerstört und teils nach Rom beschlagnahmt wurde. Daher konnten Frehers Bücher, als sie nach dem Krieg doch noch in den Besitz der Universität gelangten, einen wichtigen Grundstein für den Wiederaufbau der Heidelberger Universitätsbibliothek bilden, wurden dann jedoch wenige Jahrzehnte später sämtlich bei der französischen Brandschatzung Heidelbergs im Orléansschen Krieg 1693 zerstört.Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg. 1386–1986. Springer, Berlin u. a. 1986, ISBN 3-540-16829-X, S. 59 und S. 65; Armin Schlechter: Gelehrten- und Klosterbibliotheken in der Universitätsbibliothek Heidelberg. Ein Überblick (= Heidelberger Bibliotheksschriften. Band 43). Universitätsbibliothek, Heidelberg 1990, ISBN 3-927705-13-6, S. 13. Über den Verbleib von Frehers Antiquitätensammlung, zu der unter anderem ein spätantikes Grabsteinfragment aus dem römischen Köln gehörte, sind dagegen keine sicheren Angaben möglich. Vereinzelte Vermutungen in der Literatur des 19. Jahrhunderts besagen, dass die Stücke in den Besitz der Herzöge von Pommern gelangten beziehungsweise nach Berlin überführt wurden, ohne dass sich diese Hypothesen bisher verifizieren ließen.Winfried Schmitz: Die spätantiken und frühmittelalterlichen Grabinschriften in Köln (4.–7. Jahrhundert n. Chr.). In: Kölner Jahrbuch. Band 28, 1995, S. 643–776, hier S. 742 mit Anmerkung 3.
Werk Spektrum und Bedeutung Marquard Freher war in vielen unterschiedlichen Bereichen wissenschaftlich und schriftstellerisch tätig. Er galt und gilt daher als Universalgelehrter und war eine zentrale Person des Späthumanismus in der Kurpfalz. Schon früh wurde er als „Vater der pfälzischen Geschichtsschreibung“ tituliert. Dieser Ruhm basierte in erster Linie auf seinem 1599 publizierten Werk Origines Palatinae („Ursprünge der Pfalz“).Jörg Kreutz, Hermann Wiegand: Vorwort der Herausgeber. In: Jörg Kreutz, Hermann Wiegand (Hrsg.): Marquard Freher (1565–1614). Historiker, Jurist und Dichter der Kurpfalz. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-932102-33-2, S. 9–10, hier S. 9. Über Jahrhunderte hinweg einflussreich waren auch seine Editionen unterschiedlichster Quellen, wodurch er diese historischen Texte für die Erforschung in verschiedenen Wissenschaften erschloss.Wilhelm Kühlmann: Geschichte, Politik, Philologie und Nation. Zum Werkprofil des pfälzischen Gelehrten Marquard Freher. In: Jörg Kreutz, Hermann Wiegand (Hrsg.): Marquard Freher (1565–1614). Historiker, Jurist und Dichter der Kurpfalz. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-932102-33-2, S. 31–61, hier S. 48. Die aus diesen zahlreichen Quelleneditionen gespeiste Materialkenntnis Frehers prägte auch seine Arbeitsweise in seinen anderen Schriften, in denen er unterschiedlichste materielle, schriftliche oder bildliche Materialien mit Bezug zu seiner Fragestellung zusammentrug und daraus seine Argumentation oder Darstellung entwickelte. Viele der so entstandenen fakten- und zitatgesättigten Studien verband er mit dem Bemühen um die Erforschung und Förderung der deutschen und pfälzischen Geschichte, Politik, Sprache und Kultur. Diese Kombination aus enzyklopädisch-antiquarischem Ansatz und patriotisch beeinflusster Themenwahl veranlasste den Theologen Quirinus Reuter, Freher als den „Varro des deutschen Volkes“ (lateinisch Germanae Gentis Varro) zu bezeichnen.Wilhelm Kühlmann: Geschichte, Politik, Philologie und Nation. Zum Werkprofil des pfälzischen Gelehrten Marquard Freher. In: Jörg Kreutz, Hermann Wiegand (Hrsg.): Marquard Freher (1565–1614). Historiker, Jurist und Dichter der Kurpfalz. Rhein-Neckar-Kreis, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-932102-33-2, S. 31–61, passim, etwa S. 33–35, S. 47–49 und S. 53, das Zitat von S. 41.
Schriften zwischen interdisziplinärer Forschung und politischem Engagement