The Mismeasure of Man () ist ein 1981 veröffentlichtes Buch des Paläontologen und Harvard-Professors Stephen Jay Gould. Das Werk ist eine Kritik am allgemeinen Intelligenzbegriff und seiner Anwendung auf verschiedene Ethnien, Geschlechter und Bevölkerungsgruppen. Mit The Mismeasure of Man lieferte Gould einen kontroversen und in breiter Öffentlichkeit diskutierten Beitrag zur Diskussion des Intelligenzbegriffs. 1996 wurde das Buch in einer veränderten und erweiterten Ausgabe herausgegeben, diese Fassung enthält eine ausführliche Kritik an Charles Murrays und Richard Herrnsteins Buch The Bell Curve (1994).Richard J. Herrnstein, Charles Murray: The Bell Curve. Free Pres, New York 1994, ISBN 0-02-914673-9. Bis 1996 wurde The Mismeasure of Man bereits in zehn Sprachen übersetzt und 250.000-mal verkauft.
Überblick
The Mismeasure of Man ist gegen eine These gerichtet, die Gould „biologischen Determinismus“ nennt. Der biologische Determinismus „behauptet, dass sich die geteilten Verhaltensnormen und die sozialen und ökonomischen Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen – insbesondere zwischen Ethnien, Klassen und Geschlechtern – aus vererbten und angeborenen Merkmalen ergeben und dass die gesellschaftlichen Verhältnisse eine akkurate Wiedergabe der Biologie sind.“Gould, 1996, S. 52.
In Bezug auf den Intelligenzbegriff zeigt sich der biologische Determinismus in der Annahme einer einheitlichen und angeborenen kognitiven Kapazität. Gould beschreibt diese Konzeption in einer wissenschaftshistorischen Untersuchung, wobei er sich auf die Kraniometrie (Schädelmessung) des 19. Jahrhunderts und die Geschichte des Intelligenzquotienten konzentriert. Dabei versucht er zu zeigen, dass die Messung einer einheitlichen Kapazität „Intelligenz“ grundsätzlich verfehlt ist. Der Begriff „Intelligenz“ umfasst nach Gould vielmehr eine in Teilen willkürliche Zusammenstellung kognitiver Fähigkeiten, die sich zudem aus einer komplexen Interaktion von sozialen und biologischen Faktoren ergeben.
Gould nimmt mit The Mismeasure of Man Stellung zu den weiterhin sehr umstrittenen Debatten um genetische und umweltbedingte Einflüsse auf kognitive Fähigkeiten und die richtige Konzeption des Intelligenzbegriffs. Das Buch wurde in Öffentlichkeit und Fachwelt in Teilen sehr positiv aufgenommen, führte jedoch auch zu scharfer Kritik. Auch in der gegenwärtigen Psychologie gibt es insbesondere im Anschluss an Arthur Jensen Theorien, die von einer angeborenen allgemeinen Intelligenz ausgehen. Von Vertretern dieser Theorien wurde Gould vorgeworfen, seriöse empirische Theorien mit fehlerhaften und rassistischen Theorien der Biologiegeschichte zu vermengen. Gould behauptet demgegenüber eine Kontinuität der theoretischen Ansätze und erklärt, dass aktuelle Theorien einer angeborenen, allgemeinen Intelligenz die gleichen strukturellen Fehler machten wie die Ansätze des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Debatte um The Mismeasure of Man kann durchaus in einen Zusammenhang mit den Kontroversen um Goulds Gesamtwerk gesetzt werden. Gould gilt als einer der zentralen Evolutionstheoretiker des 20. Jahrhunderts, wandte sich jedoch gegen einen seiner Meinung nach verfehlten Biologismus, der auch die Soziologie oder die Psychologie durch biologische Erklärungsansätze ersetzen oder zumindest verändern will. In diesem Sinne ist Gould etwa als einflussreichster Kritiker der Soziobiologie bekannt.
Schädelmessungen mini|Typische kraniometrische Darstellung des 19. Jahrhunderts, in der eine angebliche Ähnlichkeit von Affen und Schwarzen dargestellt werden soll.Nott und Gliddon: Types of Mankind, 1854
Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit der Kraniometrie, also der Theorie und Praxis der Schädelmessungen. Da im 19. Jahrhundert Intelligenz an Gehirnvolumen geknüpft wurde und man aus Schädelmessungen auf das Gehirnvolumen schließen kann, versuchten zahlreiche Biologen mit Hilfe der Kraniometrie zu Erkenntnissen über die Intelligenz von Menschen zu kommen. Eine besondere Rolle spielte dabei das Anliegen, die intellektuelle Überlegenheit von Weißen gegenüber Schwarzen und von Männern gegenüber Frauen zu beweisen. Laut Gould zeigen sich in der wissenschaftshistorischen Untersuchung dieser Ansätze mindestens drei Fehler, die bis in die gegenwärtige Intelligenzforschung wirken. Nach Gould wurde fehlerhaft gemessen, es wurden bei der Datenanalyse willkürliche Methoden angewandt und das gesamte Forschungsprogramm basierte auf einer falschen Theorie über den Zusammenhang von Gehirnvolumen und Intelligenz.
Morton und fehlerhafte Daten
Samuel George Morton war einer der einflussreichsten nordamerikanischen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts und bekannt für seine anatomische Sammlung, die über 600 Schädel umfasste. Tatsächlich verfolgte Morton mit der Sammlung ein bestimmtes Ziel, das er in seiner Crana Americana explizit beschreibt: Die „eingeborenen Rassen“ Nordamerikas hätten es zu keiner Zivilisation gebracht und seien auch unfähig, die angelsächsische Kultur anzunehmen. Weiter: „Diese Phänomene müssen eine Ursache haben. Könnte es eine interessantere und philosophischere Untersuchung geben als die Verknüpfung der Ursache mit den Unterschieden in den Gehirnen der eingeborenen, amerikanischen Rasse und der erobernden Invasoren.“Samuel George Morton: Crania Americana, 1839, S. 352. Morton nutzte seine Schädelsammlung, um diese Hypothese zu überprüfen: Indem er die Schädel mit Materialien wie Senfkörnern füllte, maß er das Volumen des Hohlraumes und schloss so auf die Größe des Gehirns. Dabei hatte er eine klare Vorstellung, wie die Ergebnisse auszufallen hatten: Weiße sollten die größten Gehirne und Schwarze die kleinsten Gehirne haben. Eine eingeborene amerikanische Rasse sollte sich dazwischen befinden. Tatsächlich schienen Mortons Daten diese Thesen zu belegen (siehe Tabelle).
+Angeblicher Zusammenhang von Rasse und Schädelkapazität (in Kubikzoll) nach Morton, zitiert nach Gould 1996Gould, 1996, S. 86.RasseAnzahl der SchädelDurchschnittskapazitätHöchste KapazitätNiedrigste Kapazität Kaukasisch (Europa) 52 87 109 75 Mongolisch (Asien) 10 83 93 69 Malaien (Ozeanien) 18 81 89 64 Amerikaner (Amerika, indigene Bevölkerung) 144 82 100 60 Äthiopier (Afrika) 29 78 94 65
Gould wiederholte die Messungen Mortons an den alten Schädeln mit Mortons eigenen Methoden und berichtete 1978 zunächst in der Fachzeitschrift Science, dass Mortons Zahlen falsch seien.Stephen Jay Gould: Morton’s ranking of races by cranial capacity. Unconscious manipulation of data may be a scientific norm. In: Science, Band 200, Nr. 4341, 1978, S. 503–509, doi:10.1126/science.347573 Später fasste Gould seine Ergebnisse wie folgt zusammen: „Meine Korrektur von Mortons Rangliste zeigt keine signifikante Differenz zwischen den Ethnien. Alle Gruppen bewegen sich zwischen 83 und 87 Kubikzoll und die Kaukasier teilen sich die Spitze.“Gould, 1996, S. 99. Gould zufolge hatte Morton also so gemessen, dass die Ergebnisse seinen Vorurteilen entsprachen. Dennoch erklärt Gould, dass nicht von einer bewussten Fälschung auszugehen sei. Vielmehr müsse man annehmen, dass sich Morton unbewusst von seinen Vorurteilen habe leiten lassen. So habe er bei Europäern wohl einfach besser darauf geachtet, dass die Schädel tatsächlich mit dem Material vollständig gefüllt wurden. Damit zeigt sich nach Gould das grundsätzliche Problem, dass auch bei scheinbar objektiven empirischen Messungen Vorurteile das Ergebnis beeinflussen können.
2011 berichtete jedoch ein Forscherteam um Jason E. Lewis (Stanford University), eine Nachmessung von rund der Hälfte der Schädel aus Mortons Sammlung habe ergeben, dass seine Messungen und die in seinen Publikationen berichteten Daten im Wesentlichen korrekt seien.Jason E. Lewis u. a.: The Mismeasure of Science: Stephen Jay Gould versus Samuel George Morton on Skulls and Bias. In: PLoS Biol 9(6), S. e1001071, doi:10.1371/journal.pbio.1001071David DeGusta, Jason E. Lewis: Taking the measure of Gould’s skulls. In: New Scientist, Band 211, Nr. 2822, 2011. S. 24–25, online publiziert unter dem Titel Gould’s skulls: Is bias inevitable in science? Zugleich wurde nunmehr Gould vorgeworfen, nur ausgewählte Schädel nachvermessen und Mortons Arbeiten seinerseits vorurteilsbelastet interpretiert zu haben.
Broca und fehlerhafte Methoden mini|Paul Broca
Doch falsche Messungen waren nach Gould nicht der einzige Fehler der Kraniometrie des 19. Jahrhunderts. Am Beispiel des berühmten französischen Anthropologen und Neuropsychologen Paul Broca zeige sich zudem, dass die Schädelmessungen durch eine einseitige und verfehlte Methode geleitet wurden. Auch Broca ging davon aus, dass es verschiedene menschliche Rassen gibt, die verschieden große Gehirne haben und daher verschieden intelligent sind. Nach Broca sollten die Weißen ebenfalls an der Spitze und die Schwarzen am Ende dieser Gehirn-Intelligenz-Skala stehen: „Generell ist das Gehirn bei Erwachsenen größer als bei Alten, bei Männern größer als bei Frauen und bei höheren Rassen größer als bei unterlegenen Rassen.“Paul Broca: Sur le volume et la forme du cerveau suivant les individus et suivant les races. In: Bulletin Societé d’Anthropologie Paris, 1861, S. 304. „Sind alle anderen Bedingungen gleich, so gibt es eine bemerkenswerte Verbindung zwischen der Entwicklung der Intelligenz und dem Volumen des Gehirns.“Paul Broca: Sur le volume et la forme du cerveau suivant les individus et suivant les races. In: Bulletin Societé d’Anthropologie Paris, 1861, S. 188.
Als unumstrittener Spezialist für neurowissenschaftliche Fragen machte sich Broca sogleich daran, diese Behauptungen auf empirischem Wege nachzuweisen. Doch bald zeigten sich an zahlreichen Stellen Probleme, die Broca fast zur Aufgabe seiner Theorie brachten.Gould 1996, S. 119. So hatten nach Louis Pierre Gratiolet die Deutschen durchschnittlich ein größeres Gehirn als die Franzosen. Für den national gesinnten französischen Naturwissenschaftler Broca war dies ein vollkommen inakzeptables Ergebnis. Auch zeigte sich, dass die Gehirne von großen Wissenschaftlern keineswegs immer besonders groß waren, während die Gehirne von Verbrechern sich als nicht besonders klein herausstellten. Broca suchte nach Wegen, all diese unpassenden Daten wegzuerklären. In Bezug auf die Deutschen erklärte er etwa, dass Franzosen durchschnittlich älter seien als Deutsche und mit dem Alter das Gehirn schrumpfe. Zudem seien die Deutschen ein wenig größer und das Gehirnvolumen variiere mit der Körpergröße. Schließlich seien die Gehirne von unnatürlich gestorbenen Menschen nicht repräsentativ, weswegen er alle Deutschen aus den Daten entfernte, die durch Exekution oder Unfall gestorben waren. Nachdem Broca all diese Effekte herausgerechnet hatte, hatten die Franzosen wieder ein größeres Gehirn als die Deutschen. Auch bei den kleinen Gehirnen von großen Wissenschaftlern konnten durch derartige Umrechnungen die Ergebnisse angepasst werden: So seien die Wissenschaftler oft sehr alt oder klein gewesen oder die Gehirne waren schlecht erhalten. Bei dem Mathematiker Carl Friedrich Gauß, der ebenfalls nur ein mittelgroßes Gehirn hatte, wurde argumentiert, dass das Gehirn dafür besonders viele Windungen habe. Wenn all dies nichts half, so konnte man noch immer argumentieren, dass nicht alle Teile des Gehirns gleich wichtig seien. „Broca verwendete oft die Unterscheidung zwischen vorderem und hinterem Gehirn, insbesondere um sich aus unangenehmen Situationen zu bringen, in die ihn seine Daten brachten.“Gould, 1996, S. 129.