Die Bahnstrecke Appenzell–St. Gallen–Trogen, auch als Durchmesserlinie bezeichnet,Jürg Zbinden: St. Galler Durchmesserlinie der Appenzeller Bahnen fertiggestellt. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 1/2022. Minirex, , S. 45. ist eine meterspurige Schmalspurbahn in den Kantonen Appenzell Inner- und Ausserrhoden und in der Stadt St. Gallen, die 2018 aus zwei unterschiedlichen Streckenästen zusammengefügt wurde. Die Strecke gilt auf verschiedenen Abschnitten, insbesondere in St. Gallen und Teufen, als Strassenbahn. Die beiden Äste wurden 1894 bis 1904 von der Appenzeller-Strassenbahn-Gesellschaft (ASt) und der Trogenerbahn (TB) erbaut.
Die mit einer Steigung von bis zu 80 Promille steilste Adhäsionsbahn der Schweiz bildet einen Teil des Meterspurnetzes der Appenzeller Bahnen (AB), die auf ihr verkehrenden Linien gehören zur S-Bahn St. Gallen.
Entstehung Vorgängerbahnen St. Gallen-Gais-Appenzell-Bahn
Durch die ehemalige Appenzeller Strassenbahn-Gesellschaft (ASt) wurde am 1. Oktober 1889 die Strecke von St. Gallen nach Gais eröffnet, die im Volksmund Gaiserbahn genannt wird. Die Fortsetzung von Gais nach Appenzell folgte am 1. Juli 1904. Die Strecke wies sieben Zahnstangenabschnitte mit dem System Riggenbach-Klose mit einer Gesamtlänge von 4,9 Kilometern auf.
mini|links|Zug der Appenzeller Strassenbahn um 1910 in der Ruckhalde.
Am 23. Januar 1931 wurde der elektrische Betrieb mit 1500 Volt Gleichstrom aufgenommen und der Name in St. Gallen-Gais-Appenzell-Bahn (SGA) geändert. Das schwierige Trassee mit den engen Kurven verlangte beim Bau der elektrischen Triebwagen BCFeh 4/4 für gemischten Adhäsions- und Zahnradbetrieb nach neuen Lösungen. Zwischen 1978 und 1983 konnten fünf der sechs Zahnstangenabschnitte durch Neutrassierungen beseitigt werden. Es verblieb vorerst nur der knapp einen Kilometer lange Zahnstangenabschnitt in der Ruckhalde zwischen St. Gallen und Riethüsli.Josef Hardegger: 100 Jahre Gaiserbahn, 1889–1989. Verlag Schläpfer, Herisau 1989, ISBN 3-85882-063-6.
Trogenerbahn
Die Strecke der Trogenerbahn (TB) wurde am 10. Juli 1903 eröffnet. Ursprünglich war die Strecke mit 750 Volt Gleichstrom elektrifiziert. 1921 wurde die Spannung auf 900 Volt erhöht, mit dem Ersatz der Umformergruppe in Speicher durch eine vollautomatische Quecksilberdampf-Gleichrichteranlage im Jahre 1928 schliesslich auf 1000 Volt.Peter Willen: Lokomotiven der Schweiz. 2. Schmalspur Triebfahrzeuge. Orell Füssli Verlag, Zürich 1972, S. XLIV.Daniel Brugger: 75 Jahre Trogenerbahn 1903–1978. Die Geschichte der Trogenerbahn 1903–1978. Verlag Trogenerbahn, Speicher 1978, S. 23. In der Innenstadt St. Gallens fahren die Züge auf den Gleisen der 1957 eingestellten Strassenbahn St. Gallen. Wegen der Kreuzungen mit dem städtischen Trolleybus beträgt die Fahrdrahtspannung auch heute noch nur 600 Volt.Jürg Aeschlimann, Hans Waldburger: Strassenbahn St. Gallen–Speicher–Trogen. Die Trogenerbahn. Prellbock Druck & Verlag, Leissigen 2003, ISBN 3-907579-24-0.
mini|links|Zug der Trogenerbahn kurz nach der Eröffnung in Speicher
Trotz der bescheidenen Betriebslänge konnte sich die Trogenerbahn erhalten. Das ursprünglich vollständig in Strasse verlaufende Gleis konnte im Laufe der Jahre zu einem grossen Teil auf Eigentrassee verlegt werden. Mit einer Steigung von bis zu 76 Promille war die Trogenerbahn bis zur Eröffnung des Ruckhaldetunnels die steilste schmalspurige Adhäsionsbahn in der Schweiz.Hans G. Wägli: Schienennetz Schweiz und Bahnprofil Schweiz CH+ (in Schuber). AS Verlag Zürich, 2010, ISBN 978-3-909111-74-9.
Durchmesserlinie
mini|links|Ein von Appenzell nach Trogen fahrender Tango-Zug auf dem Marktplatz in St. Gallen
mini|links|hochkant|Der Ruckhaldetunnel ist das wichtigste Bauwerk zur Realisierung der Durchmesserlinie. Südportal des Ruckhaldetunnels und die neue Haltestelle Riethüsli.
Seit den 1970er Jahren wurden Tunnels zwischen St. Gallen und dem Quartier Riethüsli geplant, um den letzten Zahnstangenabschnitt zwischen St. Gallen und Appenzell zu beseitigen. Alle diese Projekte scheiterten aus Kostengründen. Nachdem die Appenzeller Bahnen (AB) im Jahr 2006 mit der Trogenerbahn (TB), der Rorschach-Heiden-Bergbahn (RHB) und der Bergbahn Rheineck–Walzenhausen (RhW) fusioniert hatten, entschieden sich die Appenzeller Bahnen zum Ausbau des Angebots zwischen St. Gallen und Teufen zu einem 15-Minuten-Takt. Dazu war eine Fahrzeitverkürzung zwischen St. Gallen und Riethüsli notwendig, die nur mit einer Aufhebung des Zahnstangenabschnitts in der Ruckhalde möglich war: Die «Weltrekordkurve» in der Ruckhalde, wo mit einem Radius von nur 30 Metern und einer Steigung von 90 Promille die engste Zahnradkurve der WeltErstmals verbindet eine Bahn Ausserrhoden mit Ausserrhoden. In: Neue Zürcher Zeitung. 5. Oktober 2018. bestanden hatte, machte bei der Zahnstangeneinfahrt eine Geschwindigkeitsreduktion erforderlich. Um die unwirtschaftlichen Standzeiten der Züge im St. Galler Nebenbahnhof zu beseitigen, werden die Züge der Strecke Appenzell–St. Gallen mit der Trogenerbahn durchgebunden, obwohl die beiden Streckenäste sehr unterschiedliche Charakteristiken aufweisen.Thomas Baumgartner, Lukas Regli: Die Bedeutung der Durchmesserlinie Appenzell – St. Gallen – Trogen für die Appenzeller Bahnen. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 11/2013. Minirex, , S. 604–606.
Die Durchmesserlinie Appenzell–St. Gallen–Trogen wurde zu einem strategischen Schlüsselprojekt der Appenzeller Bahnen. Die erforderlichen Arbeiten wurden in fünf Teilprojekte unterteilt, von denen die Teilstrecke St. Gallen Bahnhof–Riethüsli mit dem rund 700 Meter langen Ruckhaldetunnel das aufwendigste und grösste war. Ausser dem Streckenneubau waren weitere Arbeiten nötig. So wurde die Fahrleitungsspannung auf 1500 V angeglichen; bisher war sie bei der Trogenerbahn 1000 V und bei der Gaiserbahn 1500 V. Der Bahnhof Teufen erhielt ein drittes Gleis, damit nebst den regelmässigen Taktkreuzungen dort in den Hauptverkehrszeiten Züge wenden können. Im AB-Bahnhof St. Gallen wurde ein spitz befahrener Gleiswechsel mit Abstellgleis gebaut und die Doppelspur vom Rathaus her bis zur St. Leonhardsbrücke verlängert. Um den Betrieb zu vereinfachen, wurden die sieben Stellwerke zwischen Niederteufen und Trogen durch zwei neue Anlagen ersetzt, die Komponenten der von Siemens neu entwickelten Stellwerkarchitektur SiGrid enthält.Jürg D. Lüthard: Neue Infrastruktur und neue Züge für die Appenzeller Bahnen. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 11/2017. S. 583–585. SiGrid verbindet die Aussenanlagen mit dem Stellwerk und versorgt sie mit 750 Volt Gleichstrom.Jürg D. Lüthard, Mathias Rellstab: «SiGrid» und «SiNet». In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 11/2017. S. 585.
Die Durchmesserlinie bringt den Fahrgästen wesentliche Verbesserungen: Nebst dem 15-Minuten-Takt zwischen St. Gallen und Teufen werden die Anschlusse an die Intercity-Züge von und nach Zürich verbessert. Durch den Wegfall der technisch aufwendigen und im Betrieb teuren Zahnradstrecke in der Ruckhalde kann mit den neu beschafften Tango-Zügen ABe 8/12 komfortableres und leiseres, aber auch kostengünstigeres Niederflur-Rollmaterial eingesetzt werden. Die Tunnelstrecke der Durchmesserlinie macht sechs Bahnübergänge überflüssig, was die Verkehrssicherheit im Quartier Riethüsli wesentlich erhöht.
Im Frühjahr 2016 erfolgte der Baubeginn. An den Gesamtkosten von rund 90 Millionen Franken trugen die Kantone St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden sowie deren Gemeinden insgesamt 49 Millionen bei, den Rest finanzierte der Bund.Durchmesserlinie bringt Appenzellerland eine S-Bahn. In: FM1 Today (online). 18. Februar 2016. Unabhängig von der Durchmesserlinie wird im Rahmen des Umbaus des St. Galler Bahnhofplatzes, der seit 2015 erfolgt, der Platz durchgehend mit einer Doppelspur versehen.. Appenzeller Bahnen, 30. November 2015 (Medienmitteilung). Die Neubaustrecke wurde am 6. Oktober 2018 mit einem Volksfest eröffnet und am 7. Oktober dem fahrplanmässigen Betrieb übergeben.Dossier Modernisierung Appenzeller Bahnen. Durchmesserlinie. In: Tüüfner Post. Die Dorfzeitung von Teufen (online). 8. August 2018, abgerufen am 15. September 2018.
Siemens nutzte den Betriebsunterbruch, um im September 2018 weltweit erstmals ein digitales Stellwerk zu betreiben. Dabei wurde das Stellwerk vom Siemens-Standort Wallisellen aus versuchsweise über ein öffentliches Datennetz betrieben.Appenzeller Bahnen mit digitaler Weltneuheit. In: Tele Top (online). 4. September 2018.→ Hauptartikel Digitales Stellwerk
Die neue Station St. Gallen Güterbahnhof wurde mit dem Fahrplanwechsel 2022 in Betrieb genommen. Die zweigleisige Haltestelle verbessert zwar die Fahrplanstabilität, ist aber für die Fussgänger ungenügend erschlossen. Die Streckenbegradigung beim Güterbahnhof St. Gallen sowie eine Kreuzungsstelle Eggli zwischen Zweibrücken und Strahlholz erlaubten zwischen St. Gallen und AppenzellMathias Rellstab: Die neue Flotte der Appenzeller Bahnen rollt an. In: Schweizer Eisenbahn-Revue. Nr. 5/2018. S. 275–278. ab Fahrplanwechsel 2022 weitere vier Minuten FahrzeitverkürzungGeschäftsbericht 2020. Appenzeller Bahnen, 2020. und eine Verbesserung der Anschlüsse. Eine endgültige Lösung kann jedoch frühestens 2035 die neue Ortsdurchfahrt in Teufen bringen.
Streckenbeschreibung
mini|Die Trennung von Bahn und Strasse ist in Teufen noch nicht abgeschlossen
Nachdem die Durchmesserlinie den Innerrhoder Hauptort Appenzell – der auch von den Zügen der Linie Gossau–Wasserauen der früheren Appenzeller Bahn bedient wird – verlassen hat, führt sie über den 296 Meter langen imposanten Sitterviadukt zur Hirschbergschleife, die einen prächtigen Ausblick auf Appenzell und den Alpstein bietet. Entlang der Strasse erreicht die Bahn nach einer Steigung die Kreuzungsstation Sammelplatz und nach etwa drei Kilometer Gefälle den Eingang des Ausserrhoder Dorfs Gais. Das nun eigene Trassee führt in einer engen 180°-Kurve in den Bahnhof Gais, wo die über den Stoss nach Altstätten fahrenden Züge warten und die Depot- und Werkstattgebäude der früheren SGA stehen.
Beim Dorfausgang trifft die Durchmesserlinie wieder auf die Kantonsstrasse. Im nun folgenden Gefälle befinden sich die Haltestellen Zweibrücken und Strahlholz. Vor dem Dorf Bühler wechselt die Bahn auf die linke Strassenseite. Bei der Haltestelle Steigbach überqueren die Züge wiederum die Kantonsstrasse. Nach der Goldibachbrücke und einer kurzen Steigung erreicht die Durchmesserlinie beim Hotel «Linde» die Ortschaft Teufen. Obwohl in Teufen die Bahn zu einem grossen Teil auf einem eigenen Trassee verläuft, verlangen die unzähligen Einmündungen und die Zufahrten zu den einzelnen Häusern von den Verkehrsteilnehmern grösste Aufmerksamkeit. Im grosszügigen Bahnhofsgebäude von 1909 sind neben Verkaufslokalen auch andere Mieter wie etwa die Kantonspolizei zu finden.
mini|ABe 8/12 «Tango» auf dem Bahnhofplatz in St. Gallen. Rechts das Rathaus
mini|BDe 4/8 23 im Jahr 2008 im Innenstadtbereich St. Gallens beim Marktplatz