Unter dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate (Marx: Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate) versteht man ein zentrales marxistisches Theorem, das Karl Marx im 3. Band, 3. Abschnitt, seines Hauptwerks Das Kapital entwickelt hat. Es sagt aus, dass in der kapitalistischen Wirtschaft gesetzmäßig, also aufgrund von Eigenschaften der kapitalistischen Wirtschaft selbst, eine Tendenz zur Verringerung der Profitrate im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt bestehe.

Von diesem Gesetz zu unterscheiden sind Vorstellungen, dass aufgrund äußerer Umstände die Profitrate tendenziell sinkt, etwa weil Bodenschätze immer knapper werden oder weil die Kapitalproduktivität „natürlicherweise“ abnimmt, etwa gemäß einer neoklassischen Produktionsfunktion. Nach Marx ist es die Logik des Kapitals selbst, die zu dem Gesetz führt und das sich nicht trotz, sondern wegen des technischen Fortschritts ergibt.

Tendenz und Krisen Der Fall der Profitrate kann als Ursache für periodisch wiederkehrende Krisen,Lucas Zeise: Nicht säkularer Trend, sondern zyklische Erscheinung – Zur Interpretation des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate. In: Marxistische Blätter, Heft 6, 2009. als langfristige Tendenz und schließlich als Tendenz angesehen werden, die mit den Krisen in Wechselwirkung steht. In diesem Falle bedingen sich Tendenz der fallenden Profitrate und Krisenzyklus gegenseitig.Alfred Müller, S. 378ff.Stephan Krüger, S. 408ff., 414f.

Voraussetzungen Industrielle Produktion mit großem Gewicht von Maschineneinsatz Voraussetzung für den Fall der Profitrate (sowie der zyklischen Schwankungen) ist, dass Produktion industriell mit Hilfe von Maschinerie erfolgt.Stephan Krüger, S. 414f.

Steigerung der Arbeitsproduktivität durch verstärkten Einsatz von Maschinen je Arbeitskraft Ziel kapitalistischer Produktion ist die Steigerung von Mehrwert, die Produktion oder Steigerung des relativen Mehrwerts. Dies geschieht über die Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit, der Arbeitsproduktivität. Dazu werden Tätigkeiten der menschlichen Arbeiter auf Maschinen übertragen,Stephan Krüger S. 144, Verweis auf MEW 23, S. 412 so dass dem Umfang nach der Einsatz von Maschinen je Arbeitskraft zunimmt, die technische Zusammensetzung des Kapitals steigt. Marx unterstelltAlfred Müller, S. 178, hier Verweis auf Lohnarbeit und Kapital, MEW 6, S. 418, dass die neueren Verfahren mit mehr Maschineneinsatz kostspieliger als die ersetzten sind und deshalb eine höhere Produktion und deren Absatz erfordern, um den höheren Kapitalvorschuss wieder einzuspielen.

Keine gesamtwirtschaftliche Planung Die kapitalistischen Unternehmen suchen ihre Profite unabhängig voneinander eigenverantwortlich zu steigern, es gibt keine zentrale Planungsinstanz der Volkswirtschaft.Alfred Müller, S. 103f. Es kann also sein, dass der im Produktionsprozess entstandene MehrwertAlfred Müller S. 52 sich auf dem Markt, im Zirkulationsprozess, nicht realisiert.Vgl. Stephan Krüger S. 272 Die Waren, die produziert werden, können nicht alle oder nur mit Preisabschlägen verkauft werden.Vgl. Karl Marx, Das Kapital III, MEW 25, S. 196 „(Nur wo die Produktion unter wirklicher vorherbestimmender Kontrolle der Gesellschaft steht, schafft die Gesellschaft den Zusammenhang zwischen dem Umfang der gesellschaftlichen Arbeitszeit, verwandt auf die Produktion bestimmter Artikel, und dem Umfang des durch diese Artikel zu befriedigenden gesellschaftlichen Bedürfnisses.)“

Herausbildung der allgemeinen Profitrate Georg Lukács sieht als Voraussetzung die Möglichkeit, dass Kapital hin zu höherem Profit wandern kann, und verweist dabei auf den Teil des Bandes III des Kapitals, wo Marx die Herausbildung der allgemeinen Profitrate beschreibt – siehe Marx’ Ausgleich der Profitraten zur allgemeinen Durchschnittsprofitrate.Georg Lukács (1972): Prolegomena. Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, 1.Halbband, herausgegeben von Frank Benseler, Darmstadt und Neuwied; Georg Lukács, Prolegomena. Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, 2.Halbband, in Verbindung mit dem Lukács-Archiv Budapest herausgegeben von Frank Benseler, Darmstadt und Neuwied 1986. S. 153 (kann aus Internet heruntergeladen werden) Außerdem führt Marx aus, dass die einzelnen Kapitalisten unmittelbar das Ausmaß der bezahlten Arbeit zu vermindern trachten, um so die Kosten zu senken, dabei aber nicht sehen können, dass so gleichzeitig auch die unbezahlte Mehrarbeit, die den Mehrwert schafft, vermindert wird. Letzteres trifft nicht unmittelbar den einzelnen Verursacher, der die bezahlte Arbeit vermindert, sondern wirkt sich wegen des tendenziellen Ausgleichs der Profitraten bei den Kapitalisten ganz allgemein aus und wird daher in der Kalkulation der einzelnen Kapitalisten nicht berücksichtigt.Vgl. Karl Marx, Das Kapital III, MEW 25, S. 181 „Was der Kapitalist und daher auch der politische Ökonom sieht, ist, daß der Teil der bezahlten Arbeit, der auf die Ware per Stück fällt, sich mit der Produktivität der Arbeit ändert und damit auch der Wert jedes einzelnen Stücks; er sieht nicht, daß dies ebenfalls der Fall ist mit der in jedem Stück enthaltnen unbezahlten Arbeit, um so weniger, da der Durchschnittsprofit in der Tat durch die in seiner Sphäre absorbierte unbezahlte Arbeit nur zufällig bestimmt ist.“

Erklärung Nach Marx’ Überzeugung ist die kapitalistische Wirtschaft durch innere Widersprüche geprägt. Sie äußern sich u. a. darin, dass durch das Zusammenwirken aller Kapitalisten tendenziell die Profitrate im Durchschnitt sinkt, obwohl jedes Einzelkapital seine Profitrate zu steigern bemüht ist. Der ausschlaggebende Grund für den „tendenziellen Fall“ besteht darin, dass die Versuche, die Mehrwertproduktion zu erhöhen, mit einer tendenziellen Abnahme des variablen Kapitals (d. h. des Kapitalanteils, der in Arbeitskraft investiert wird) gegenüber dem konstanten Kapital einhergehen (der marxsche Ausdruck dafür ist „Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals“). Da die „freie“ Lohnarbeit nach Marx die einzige Quelle des Mehrwerts darstellt – die Lohnarbeiter verkaufen ihre Arbeitskraft zu ihrem Wert, werden aber gezwungen, im Arbeitsprozess länger oder mehr als diesem Wert entsprechend, zu arbeiten –, wird sich dadurch die Profitrate auf Dauer verringern.

„Tendenz“ kann dabei heißen, dass die gesamtwirtschaftliche Profitrate tatsächlich mit einigem Auf und Ab immer niedriger wird, Tendenz kann aber auch heißen, dass die Profitrate stabil bleibt, es aber dafür anderweitig zu bestimmten Auswirkungen kommt. Der US-amerikanische Marxist Duncan Foley prägt das Bild vom Auto mit Rechtsdrall. Bemüht sich der Fahrer gegenzusteuern, fährt das Auto von außen gesehen geradeaus, aber der Fahrer ermüdet rascher, hat einen verkrampften Nacken usw. So kann äußerlich betrachtet die Profitrate stabil erscheinen, aber die Anzahl der Unternehmen nimmt laufend ab, die Arbeitslosigkeit steigt usw. Marx nennt Faktoren, die den Fall der Profitrate aufhalten, so dass ihr Sinken nur als Tendenz auftritt. Die wichtigsten, dem Fall der Profitrate entgegenwirkenden Faktoren sind: die Erhöhung der Mehrwertrate, das Herabdrücken des Arbeitslohns unter den Wert der Ware Arbeitskraft, die Verwohlfeilerung der Elemente des konstanten Kapitals, die relative Übervölkerung (Arbeitslosigkeit) und der Außenhandel. Diese Faktoren "heben das Gesetz nicht auf, schwächen aber seine Wirkung ab … So wirkt das Gesetz nur als Tendenz, dessen Wirkung nur unter bestimmten Umständen und im Verlauf langer Perioden schlagend hervortritt."

Hintergrund Nach der Kritik der Politischen Ökonomie von Karl Marx kann von den Faktoren des Produktionsprozesses nur die Arbeitskraft der Lohnarbeiter als so genanntes „variables Kapital“ Mehrwert schaffen und damit den Zweck kapitalistischer Warenproduktion erfüllen (vgl. Arbeitswertlehre). Die von anderen Kapitalisten zugekauften Faktoren, die materiellen Faktoren (Sklaven als unfreie Arbeit und volles Eigentum der Kapitalisten gehören hier auch dazuVgl. John R. Bell: Capitalism and the Dialectic - The Uno-Sekine Approach to Marxian Political Economy. London, Pluto Press 2009, S. 45.), sog. „konstantes Kapital“, übertragen bloß ihren Wert auf das Produkt (ebenfalls mit Hilfe menschlicher Lohnarbeit, ein sog. Gratisdienst der Lohnarbeit).

Übertrüge eine Maschine mehr Wert auf das Endprodukt, als sie selbst Wert hat, dann hätte der diese Maschine verkaufende Kapitalist einen Verlust gemacht zugunsten des kaufenden Kapitalisten. Übertrüge sie weniger Wert, dann hätte der diese Maschine kaufende Kapitalist einen Verlust gemacht zu Gunsten des verkaufenden Kapitalisten. Im Durchschnitt aller solcher Vorgänge werden die Maschinen also genau ihren Wert übertragen.

Durch die technische Entwicklung gewinnen einerseits diese gegenständlichen Faktoren, andererseits jene Arbeit wie Planung, Überwachung, Steuerung, die sich nicht eindeutig den Endprodukten zuordnen lässt, an Gewicht und verdrängen die Lohnarbeit, die Mehrwert schafft, aus dem Produktionsprozess.Nach Marx "Grundrisse", MEW 42, S. 601, kann nur Arbeit, die unmittelbar den Endprodukten zurechenbar ist, Maß des Werts sein. Planung, Überwachung usw. schafft also keinen Wert. In der Betriebswirtschaftslehre ist dies als Problem der Gemeinkosten bekannt. Das heißt: Modernisierung, um noch mehr Mehrwert zu erzielen, tendiert dazu, eben die Quelle desselben auszutrocknen.

In diesem Zusammenhang besteht für Marx das ökonomische Wesen des Kapitals darin, zu akkumulieren und dabei die Produktivkräfte zu entwickeln, um die Arbeitsproduktivität stets weiter zu steigern. In fortgeschrittenen Stadien wird die Entwicklung des Kapitals immer wieder durch Krisen und Perioden der Stagnation bestimmt. Innerhalb des Marxismus ist aber umstritten, inwieweit sich aus diesem Gesetz ein zwangsläufiger Untergang des Kapitalismus ableiten lässt.Paul Mattick, Maurice Dobb, Joan Robinson, Antonio Pesenti, Ronald L. Meek sowie Jacob Morris kritisieren in: Claus Rolshausen (Hrsg.): Kapitalismus und Krise: Eine Kontroverse um das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Europäische Verlagsanstalt, 1970. ISBN 3-434-30113-5. den ersten Versuch einer empirischen Überprüfung durch Joseph M. Gillman: Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Europäische Verlagsanstalt : 1969. Im Unterschied zu rein mechanischen Spielarten einer „Zusammenbruchstheorie“ setzen andere Marxisten auf den „subjektiven“ Faktor, wobei objektive und subjektive Faktoren im Klassenkampf zusammenwirken. Zu nennen sind revolutionäre Konsequenzen der "wachsenden Verelendung der Massen" oder LernprozesseMichael Vester: Die Entstehung des Proletariats als Lernprozess. Europäische Verlagsanstalt : Frankfurt am Main 1970 der Arbeiter, insbesondere im Zusammenhang mit den immer wiederkehrenden Krisen.

Vor- und Nachläufer Maurice DobbDer tendenzielle Fall der Profitrate. In: Claus Rolshausen (Hrsg.): Kapitalismus und Krise: Eine Kontroverse um das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate. Europäische Verlagsanstalt, 1970. ISBN 3-434-30113-5. stellt heraus, dass zusammen mit der Vorstellung eines stationären Zustands der Volkswirtschaft die Tendenz zum Fallen der Profitrate eine geläufige Vorstellung innerhalb der klassischen Nationalökonomie gewesen war. Adam Smith, David Ricardo und John Stewart Mill entwickelten schon vor Marx die Vorstellung, dass zumindest unter bestimmten Gegebenheiten die Profitrate allmählich sinken müsste. Doch Marx wies ihre theoretische Ableitungen als falsch, nicht allgemeingültig, zu oberflächlich oder unzureichend zurück. Bei Smith kritisierte er etwa, dass dieser den Profitratenfall unmittelbar auf die Konkurrenz unter den Unternehmen zurückführt. Immer mehr Unternehmen würden immer stärker miteinander in Konkurrenz geraten, was die Profitrate drücke. Nach Marx ist aber die Konkurrenz nur der äußere Zwang, der das „innere Gesetz exequiert“ (durchsetzt).