mini|250px|Jugendlicher mit Steinschleuder in Dili

In dem südostasiatischen Inselstaat Osttimor hat sich in den letzten Jahrzehnten ein vielfältiges und weit ausgedehntes Bandenwesen entwickelt, bei dem sich arbeitslose Jugendliche, enttäuschte Bauern, ehemalige Freiheitskämpfer und Mitglieder der früheren pro-indonesischen Milizen zu teils aggressiven Verbänden zusammengeschlossen haben. Auch aktive und ehemalige Mitglieder der Polizei (PNTL) und der Streitkräfte (F-FDTL) finden sich hier. Einige dieser Gruppierungen bezeichnen sich als Martial-Arts-Vereine, andere haben quasi-religiöse Züge. Im Juli 2013 wurden die drei größten Martial-Art-Gruppen verboten, im März 2014 folgten zwei weitere Gruppen.

Hintergründe Historische Hintergründe

mini|Osttimor

Osttimor hat eine gewalttätige Vergangenheit hinter sich. Ursprünglich war die Insel Timor in eine Vielzahl kleiner und kleinster Reiche zersplittert, die von Liurais (Kleinkönigen) regiert wurden. Trotz eines komplexen Bündnissystems war der Konflikt zwischen den Reichen ein fester Bestandteil der Kultur, auch wenn die Kämpfe stark ritualisiert waren.Monika Schlicher: Portugal in Osttimor. Eine kritische Untersuchung zur portugiesischen Kolonialgeschichte in Osttimor 1850 bis 1912. Abera, Hamburg 1996, ISBN 3-931567-08-7, (Abera Network Asia-Pacific 4), (zugleich: Heidelberg, Univ., Diss., 1994). Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert dehnten die Kolonialmächte Portugal und Niederlande ihren Machtbereich über die gesamte Insel aus. Aufstände (vor allem im 19. Jahrhundert) wurden von den Kolonialmächten gewaltsam niedergeschlagen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel von den Japanern besetzt. Es kam zu einem Guerillakrieg zwischen Alliierten und Japanern, der sogenannten Schlacht um Timor, bei der Timoresen auf beiden Seiten gegeneinander kämpften. Nach Ausrufung der Unabhängigkeit durch die linksgerichtete FRETILIN am 28. November 1974 begann Indonesien nur wenige Tage später das Land zu besetzen. Durch den daraus entstehenden Guerillakrieg und andere Folgen der Besatzung fanden 183.000 Menschen den Tod. 1999 bewegte die internationale Staatengemeinschaft Indonesien zur Durchführung eines Referendums, in dem die Einwohner Osttimors zwischen einer inneren Autonomie und einer völligen Unabhängigkeit von Indonesien wählen konnten. Die deutliche Mehrheit sprach sich am 30. August für die Unabhängigkeit aus, trotz Einschüchterungsversuchen pro-indonesischer Milizen, der sogenannten Wanra. Nach dem Referendum kam es, durch die Operation Donner der indonesischen Armee und den Wanra zu einer letzten Gewaltwelle, die nochmals 3000 Todesopfer forderte. Von den Vereinten Nationen wurde daraufhin eine internationale Eingreiftruppe (INTERFET) entsandt, die wieder für Ruhe und Ordnung sorgte. Osttimor kam unter UN-Verwaltung und erhielt 2002 endgültig seine Unabhängigkeit. 2006 kam es zu gewaltsamen Unruhen, worauf erneut eine internationale Stabilisierungstruppe (ISF) und eine UN-Polizeimission (UNMIT) entsandt wurden. 155.000 Menschen wurden vertrieben, 6000 Häuser zerstört, 37 Menschen starben. Ein Element der Unruhen waren die verschiedenen Banden. Es kam zu Straßenschlachten zwischen ihnen.

mini|PSHT-Mitglieder in Laclo

Im November 2006 brachen Kämpfe zwischen den Gruppen Colimau 2000 und Persaudaraan Setia Hati Terate (PSHT) aus. Vom Distrikt Ermera aus breiteten sie sich bis Dili aus. Sieben Menschen starben. Die Hintergründe sind unklar, sollen aber in einem jahrhundertealten Konflikt zwischen einigen Dörfern liegen. Außerdem könnte es um die Kontrolle des Schmuggels über die Grenze nach Indonesien gegangen sein, speziell nah der Stadt Maliana. Gegen die PSHT bildete sich schnell eine breitere Allianz mehrerer Gruppen, zu denen auch Korka (KORK) und 7-7 gehörten. Als Grund wurde vorgeschoben, dass der PSHT von Indonesien aus finanziert wird, eher wahrscheinlich ist der Vorwurf, der PSHT habe in der Zeit davor zu aggressiv versucht, die Kontrolle über verschiedene Gebiete und dortige illegale Tätigkeiten zu erlangen. Die Kämpfe zwischen PSHT und 7-7 dauerten über das gesamte Jahr 2007 hinweg an. Zentren waren die östlichen Distrikte Baucau und Viqueque. Teil des Konflikts hier waren auch Landstreitigkeiten zwischen Einheimischen und Einwohnern, die durch die Indonesier während der Besatzungszeit hierher zwangsumgesiedelt wurden. Erst nach dem Attentat vom 11. Februar 2008 in Dili, bei dem Premierminister Ramos-Horta schwer verletzt und der Rebellenführer Alfredo Reinado umkam, schlossen PSHT und 7-7 im August 2008 einen offiziellen Friedensvertrag. (PDF-Datei; 341 kB)

Am 15. August 2011 kam es zu Zusammenstößen zwischen den Kampfsportgruppen PSHT und Korka aus Tashilin und Galitaz (Distrikt Cova Lima), bei denen mehrere Häuser niedergebrannt wurden. Ein Polizist wurde dabei erstochen. Ende August 2011 starben in Baricafa (Distrikt Lautém) vier Menschen bei einem Zusammenstoß zwischen zwei Kampfsportgruppen. Infolgedessen ordnete Premierminister Xanana Gusmão die Schließung der Kampfsportvereine an.Diario Nacional, 23. August 2011, Gusmão calls for closing down GAM in Lautém Nachdem es in Moris Foun (Dili) wieder über Monate hinweg zu Zusammenstößen zwischen den beiden Gruppen gekommen war, erfolgte am 1. Dezember 2011 ein erneuter Friedensschluss zwischen PSHT und 7-7.Radio Timor-Leste, Martial arts clubs make peace through dialog, 1. Dezember 2011

Die Einwohner Osttimors haben nach 24 Jahren Krieg noch Probleme, sich im Frieden zurechtzufinden und Konflikte auf eine friedliche Weise zu lösen. Zudem war auch die traditionelle timoresische Gesellschaft von ständigen Kämpfen zwischen den vielen kleinen Königreichen geprägt und auch gegen die portugiesischen Kolonialherren kam es mehrfach zu Aufständen. (PDF-Datei; 805 kB) – Technische Universität Lissabon Einige Banden führen ihre Wurzeln bis in die portugiesische Kolonialzeit zurück, andere auf die indonesische Besatzungszeit, viele scheinen aber erst danach entstanden zu sein. Der Einfluss der Landesgeschichte zeigt sich auf unterschiedliche Weise in den unterschiedlichen Gruppierungen. Berufen sich einige auf die alten Traditionen Timors, sind andere ein Sammelbecken für die Veteranen des Widerstands gegen die Indonesier und verklären die gefallenen Volkshelden. In anderen Gruppen gibt es auch ehemalige Mitglieder der Wanras, die erst ihre eigene Rolle in dem neuen Staat finden müssen.Henri Myrttinen: Timor Leste – A Kaleidoscope of Conflicts (2007)

Soziale Hintergründe mini|Zerstörungen in Dili durch die Unruhen 2006

Dili ist ein Schmelztiegel der verschiedenen Volksgruppen Osttimors. Aus dem ganzen Land kommen vor allem junge Männer nach Dili auf der Suche nach Arbeit. Daher ist der Männeranteil deutlich höher als der Frauenanteil. Im gesamten Distrikt Dili nahm die Bevölkerung zwischen 2001 und 2004 um 12,58 % zu. Fast 80.000 der Einwohner sind außerhalb Dilis geboren worden. Nur 54 % der Einwohner sind hier geboren worden. 7 % wurden in Baucau geboren, je 5 % in Viqueque und Bobonaro, 4 % in Ermera, der Rest in den anderen Distrikten oder im Ausland.Census of Population and Housing Atlas 2004

Durch die Vertreibungen der letzten Jahre sind ungeklärte Besitzansprüche auf Land, Häuser und Grundstücke Quelle ständiger Streitereien. Die kulturelle Vielfalt tut ein Übriges, wenn sich Paare bilden, bei denen der Mann aus einer Kultur entstammt, die patrilinear das Erbe weiterreicht, und die Frau aus einer matrilinearen Kultur. Der Streit ums Erbe ist dann vorprogrammiert. Auch ist Sozialneid ein weit verbreitetes Übel, in Indonesien bekannt als kecemburuan. Eigentum von jenen, die wirtschaftlich erfolgreich sind, wird zerstört, um sie wieder auf eine gleiche Ebene mit den anderen „zurückzuschneiden“. Dazu gibt es viel zivile Gewalt, wie Racheakte, Schlägereien wegen Frauen und auch Gewalt in den Familien. Gerade die geschlechtsspezifische Gewalt (gender-based violence) ist ein weit verbreitetes Problem, gegen die nationale und internationale Organisationen mit einer Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen intensiv arbeiten.

Die Gründe, einer der Banden beizutreten, sind unterschiedlich. Vor allem die einfachen Bandenmitglieder treten aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit (60 % der männlichen Teenager und 50 % der 20- bis 24-Jährigen) aus ökonomischen Gründen und dem erhofften sozialen Prestige und Kontakten bei. Gangführer gewinnen teilweise ein ähnliches Ansehen wie sonst Dorfchefs. Zudem bieten die Banden eine gewisse Sicherheit vor Gewalt anderer Banden und auch politische Gründe können eine Rolle spielen. Gerade für junge Männer ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit einer eigenen Identität attraktiv – ein großes Problem für das Land, da der Anteil der Bevölkerung mit einem Alter unter 15 Jahren 41,6 % beträgt.Fischer Weltalmanach 2009 Die timoresische Gesellschaft muss erst noch ihren Weg zwischen Tradition und Moderne finden. Ähnliches kennt man von Banden aus Papua-Neuguinea. Zudem kam es seit Ende der 1970er Jahre dreimal zur Vertreibung großer Teile der Bevölkerung, zuletzt ein Zehntel der Bevölkerung im Jahre 2006, was gewachsene Gemeindestrukturen zerstörte und auch für viele ungeklärte Besitzansprüche auf Grundstücke zur Folge hatte. In den Flüchtlingscamps herrschte oft eine gewalttätige Atmosphäre. Den verschiedenen bestehenden Parteien gelang es nicht, diese Flüchtlinge einzubinden. Stattdessen bildeten sich hier eigene Gruppen.

Die Mitglieder der Banden sind meistens junge Männer, es gibt aber selbst in den Führungspositionen Frauen. Meistens sind sie aber eher Mitläufer oder dienen als willkommene Zuschauer, die die Männer bei den Kämpfen anfeuern. Einige Gruppen haben sogar Ableger im Ausland, so im indonesischen Westtimor oder in Übersee. Beispielsweise kam es im Oktober 2007 zu einer Auseinandersetzung zwischen timoresischen Studenten in Yogyakarta, die zu den verfeindeten Gruppen Kera Sakti (KS) und PSHT gehörten.

Verschiedene Gruppierungen lagen und liegen in Konflikt untereinander, aber auch mit den verschiedenen politischen Kräften im Lande. Neben politischen, wirtschaftlichen und territorialen Gründen lässt sich auch eine Front entlang der regionalen Trennung in Bewohner des Ost- (Loro Sae) und des Westteils (Loro Munu) Osttimors ausmachen, auch wenn das viele Banden bestreiten, weil sie sich oft als nationale, nicht regionale Organisationen ansehen. Letztlich ist es aber inzwischen schwer abzuschätzen, was eine grundsätzliche Ursache ist und was nur Auslöser der aktuellen Rivalität zwischen den Gruppen ist. So spielen auch persönliche Antipathien eine Rolle oder man ist mit der anderen Gruppe verfeindet, einfach weil es die „anderen“ sind. Die Konflikte zwischen den Banden eskalieren immer wieder in Straßenkämpfen, hauptsächlich im Westen der Landeshauptstadt Dili. Die Stadt ist ein Schmelzkessel, in dem Einwohner aus den verschiedenen Landesteilen in direkter Nachbarschaft zueinander leben. Nach dem Höhepunkt der Gewalt 2006 hat sich die Lage beruhigt, bleibt aber angespannt. Noch 2007 kam es regelmäßig zu Steinwürfen und Zusammenstößen, Verletzte und Tote waren immer wieder die Folge. Seit 2008 gibt es ein brüchiges Friedensabkommen zwischen zwei der größten Gruppen, das mit Hilfe der neuen Regierungskoalition AMP zustande kam. Aber auch in allen anderen Teilen des Landes kam und kommt es immer wieder zu Fällen von Bandengewalt, so wurden im August 2004 in Ainaro 50 Häuser niedergebrannt.

Strukturen Auch wenn einige Gruppen straff organisiert sind, so halten die Gruppierungen doch oft Familienbande, Beziehungen und Protektion zusammen. Im Zentrum steht zumeist nur eine einzelne Person, die sich die Loyalität ihrer Anhänger durch kleine Leistungen sichert. Immer wieder bestehen landesweit operierende Bewegungen aus Netzwerken von lokalen Gruppen.