mini|Wolfgang Dietrich (2006) Wolfgang Dietrich (* 13. September 1956 in InnsbruckWolfgang Dietrich Personal and Professional, Universität Innsbruck, abgerufen am 14. März 2022) ist ein österreichischer Friedensforscher und Politikwissenschaftler.

Leben Er verbrachte seine Kinder- und Jugendjahre in Silz (Tirol) und wurde in Österreich und England ausgebildet. 1980 promovierte er an der Universität Innsbruck zum Doktor der Geschichte und Germanistik und 1984 zum Doktor der Rechtswissenschaft an derselben Universität. 1990 wurde er zum Universitätsdozenten in Politikwissenschaft nach dem österreichischen UOG ernannt. Er habilitierte an der Fakultät für Soziologie und Politikwissenschaft der Universität Innsbruck.

Von 1989 bis 1991 war Wolfgang Dietrich Vorstandssprecher der österreichischen Sektion von Amnesty International. Er war von 1995 bis 1998 Direktor der European Peace University und von 1995 bis 2007 akademischer Direktor des Österreichischen Lateinamerika-Instituts. Im Zuge seiner wissenschaftlichen Laufbahn als Friedensforscher und Praktiker lehrte und arbeitete er in Zentral- und Südamerika, Ostafrika, Indien, Südost-Asien und zuletzt verstärkt im Mittleren Osten.

Im Jahr 2001 gründete er das „Masterprogramm für Frieden, Entwicklung, Sicherheit und Internationale Konflikttransformation“ an der Universität Innsbruck und leitete dieses bis 2021. 2017 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2021 war er auch Leiter des Arbeitsbereichs Frieden und Konflikt, 2018 bis 2021 Co-Leiter des Forschungszentrums für Frieden und Konflikt an der Universität Innsbruck. Im Oktober 2021 wurde von der Universitätsleitung klargestellt, dass es sich trotz der ursprünglichen Bezeichnung Masterprogramm nicht um ein Masterstudium, sondern um einen außerordentlichen „Lehrgang für Frieden, Entwicklung, Sicherheit und internationale Konflikttransformation“ handelte, der nach öffentlicher Kritik „in ein Regelstudium überführt“ wurde.

Ab 2008 war Wolfgang Dietrich UNESCO Chairholder for Peace Studies an der Universität Innsbruck und Mitglied der Österreichischen UNESCO-Kommission. 2015 ernannte ihn seine Heimatuniversität Innsbruck zum Honorarprofessor und die Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer ARGE ALP zum Friedensbotschafter des Alpenraums.

Nach seiner Pensionierung war er als freiberuflicher Berater für internationale Friedensprojekte tätig, mit einem Schwerpunkt in den Bereichen angewandte Konflikttransformation, Friedenskulturen und Friedenserziehung.

Forschungsschwerpunkte Wolfgang Dietrichs Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Friedenstheorie, der praktischen Konfliktarbeit und der Entwicklung von Curricula und Didaktik für Friedensforschung, wobei er neben der Politikwissenschaft auch Ansätze aus der Anthropologie, der Humanistischen Psychologie, der Systemtheorien und der Linguistik beachtet, was ihn seit den 1990er Jahren zum Ansatz der vielen Frieden geführt hat.

Ein häufig rezipierter Beitrag zur Friedensforschung aus seinem Frühwerk ist das 1998 veröffentlichte Plädoyer für die vielen Frieden. Darin löste Wolfgang Dietrich den Gedanken des einen, homogenen und universellen (liberalen) Friedens in einer Pluralität der vielen Frieden auf und begründet damit einen Ansatz, der im Respekt vor der Andersartigkeit fußt, auch wenn diese Andersartigkeit nicht in all ihren Nuancen verstanden oder gar geteilt werden kann. Frieden wird daher im Sinne der vielen Frieden als Substantiv im Plural gedacht. Was Frieden bedeutet, variiert von Kultur zu Kultur. Die Konnotationen und etymologischen Bedeutungen des Wortes „Frieden“ in unterschiedlichen Sprachen sind nicht identisch. Sie zeugen vielmehr von der Vielfalt der Vorstellungswelten und Wahrnehmungen der Gesellschaften, die diese Sprachen sprechen.

In seinem Buch Der die das Frieden aus dem Jahr 2021 entwickelte Wolfgang Dietrich den Plural des Substantivs die Frieden weiter in die Verbform zu frieden.

Transrationaler Frieden und elicitive Konflikttransformation In seiner in viele Sprachen übersetzten Hauptarbeit, der Trilogie Variationen über die vielen Frieden, bestehend aus Band 1: Deutungen, Band 2: Elicitive Konflikttransformation und die transrationale Wende der Friedenspolitik, und Band 3: Elicitive Conflict Mapping unterscheidet Wolfgang Dietrich zwischen fünf unterschiedlichen Interpretationsfamilien von Frieden: der energetischen, der moralischen, der modernen, der postmodernen und der transrationalen. Unter Transrationalität versteht er die Verbindung zwischen dem rationalen Friedensverständnis der mechanistischen Moderne und all jener Bereiche menschlicher Beziehungen, die nicht dem Verstand folgen und doch relevant für die Gestaltung von Beziehungen und Konflikten sind. Als solche „Schichtungen“ bezeichnet er die physische Episode, die sexuell-familiäre Schichtung, die emotional-gemeinschaftliche, die mental-gesellschaftliche, die transpersonale, die transhumane und das Epizentrum.

Kritik Die Tiroler Tageszeitung und der ORF berichteten im Oktober 2021 von gegen Dietrich gerichteten Vorwürfen, die insbesondere die Unterrichtsmethodik Dietrichs kritisierten. Diese waren von ehemaligen Studierenden bereits im September 2020 dem Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Innsbruck zur Kenntnis gegeben worden. Die Universität konnte nach einer Untersuchung Vorwürfe sexueller und struktureller Gewalt gegen Studierende nicht erhärten, Vizerektorin Anna Buchheim räumte in einer Pressekonferenz im Oktober 2021 jedoch ein, Hinweise auf „private Naheverhältnisse“ und „verbale Unsensibilität des Kursleiters“ erhalten zu haben.

Publikationen Variationen über die vielen Frieden. Band 1: Deutungen (= Schriften des UNESCO Chair for Peace Studies der Universität Innsbruck). Springer VS, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-16253-9. Variationen über die vielen Frieden. Band 2: Elicitive Konflikttransformation und die transrationale Wende der Friedenspolitik (= Schriften des UNESCO Chair for Peace Studies der Universität Innsbruck). Springer VS, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-18123-3. Variationen über die vielen Frieden. Band 3: Elicitive Conflict Mapping (= Schriften des UNESCO Chair for Peace Studies der Universität Innsbruck). Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-08025-9. Der die das Frieden: Nachbemerkung zur Trilogie über die vielen Frieden. Springer VS, Wiesbaden 2021, ISBN 978-3-658-34693-5.

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Einzelnachweise

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